Die Bestie mit den fünf Fingern

W. F. Harvey
Die Bestie mit den fünf Fingern

Originaltitel: Midnight-Tales (London : J. M. Dent & Sons 1946)
Übersetzung: Günter Eichel u. Peter Naujack
Deutsche Erstausgabe (geb.): 1964
399 S.
[keine ISBN]
Neuausgabe: 1979 (Diogenes Verlag/Detebe 20599)
399 Seiten
ISBN-13: 978-3-257-20599-2

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Inhalt:

20 englische Gruselgeschichten der Jahre 1910 bis 1933 erzählen von heimgesuchten Häusern u. a. klassischen Spuk, stellen aber auch das menschlichen Hirn als Stätte sehr irdischer Bosheit oder Verwirrung ins Zentrum:

Einleitung (von Maurice Richardson), S. 7-22

Das Werkzeug (The Tool, 1928), S. 23-48: An einsamer Stätte findet der Wanderer eine Leiche und verliert das Gedächtnis, wobei sich ihm nach und nach ein tragischer Zusammenhang enthüllt.

Midnight House (Midnight House, 1910), S. 40-64: Das Haus beschert dem müden Reisenden eine schaurig unruhige Nacht. doch eigentlich war alles ganz anders.

Die Dabblers (The Dabblers, 1928), S. 65-82: Schulkinder halten in einer kleinen englischen Landschule auf besondere Weise die Erinnerung an einen wenig frommen Kirchenmann wach.

Das Gesellschaftsspiel (Unwinding, 1910), S. 83-96: Was eigentlich der Unterhaltung dienen soll, bringt einen Mörder tüchtig ins Schwitzen.

Mrs. Ormerod (Mrs. Ormerod, 1933), S. 97-118: Sie ist weniger eine Angestellte als die wahre Herrin des Hauses, und sie sorgt auf perfide Weise dafür, dass dies so bleibt.

Patience (Double Demon, 1933), S. 119-136: Für einen ebenso unzufriedenen wie irrsinnigen Ehemann geht dieses Spiel nicht wie gewünscht auf.

Das Herdfeuer (The Heart of the Fire, 1928), S. 137-158: Der alte Herd steht lebenslang im Aufmerksamkeitszentrum des reichen Wirts, denn darunter hält er den grässlichen Ursprung seines Wohlstandes verborgen.

Der Wecker (The Clock, 1928), S. 159-168: Kurz nachdem sie es betreten hat, weiß die Besucherin definitiv, dass sie in ein Spukhaus geraten ist.

Peter Levisham (Peter Levisham, 1928), S. 169-182: Das Schicksal lässt dem Mörder drei Mal eine Warnung zukommen.

Miss Cornelius (Miss Cornelius, 1928), S. 183-222: Hinter der Fassade einer reizenden alten Dame lauert eine rachsüchtige Hexe.

Der Mann, der Aspidistras hasste (The Man Who Hated Aspidistras, 1933), S. 223-230: Ein Pflanzenhasser muss feststellen, dass selbst ein Kraut sich wehren kann.

Sambo (Sambo, 1910), S. 231-244: Ein tumber britischer Kolonialherr schickt seiner Nichte ahnungslos eine besessene Götzenfigur nach England.

Der Stern (The Star, 1910), S. 245-252: Der Astronom zerpflückt genüsslich die theologische Rührseligkeit seiner Gattin.

Nacht über dem Moor (Across the Moors, 1910), S. 253-264: Die einsame Wanderin findet einen willkommenen Begleiter, der indes eine beunruhigende Geschichte zu erzählen weiß.

Der Begleiter (The Follower, 1933), S. 265-278: Dem Schriftsteller unheimlicher Geschichten wird signalisiert, dass er seine neue Geschichte lieber nicht schreiben sollte.

Augusthitze (August Heat, 1910), S. 279-288: Die Angst führt auf seltsamen Wegen zur Erfüllung einer bizarren Prophezeiung.

Sarah Bennets Vergangenheit (Sarah Bennet‘s Possession, 1910), S. 289-306: Ihre Glaubensstrenge ist so unerschütterlich, dass ein verzweifelter Geist keine Chance erhält, einstiges Unrecht wiedergutzumachen.

Das Kirchengestühl der Ankardynes (The Ankardyne Pew, 1928), S. 307-328: Ein Möbelstück konserviert die Präsenz eines nur vorgeblich frommen Vorfahren.

Miss Avenal (Miss Avenal, 1928), S. 329-346: Ein Pechvogel gerät in die Fänge eines Psycho-Vampirs.

Die Bestie mit den fünf Fingern (The Beast with Five Fingers, 1919), S. 347-399: Das unerfreuliche Erbstück eines fingerfertigen Erbonkels terrorisiert den Haushalt seiner Familie.

Konfrontationen zwischen Alltag und Schrecken

Gepflegter Grusel bestimmt die Szene. Die Atmosphäre ist mindestens ebenso wichtig wie die eigentliche Handlung. Blut und Eingeweide bleiben dort, wo die Natur sie platziert hat. Das Erzähltempo ist gemächlich, jedes Wort wurde sorgfältig gesetzt. Der Schrecken leidet darunter nicht, doch auch er kommt manchmal geradezu beiläufig daher; hier öffnen sich keine Särge, springen keine Vampire durch das Fenster oder hinter einem Baum hervor: Die hier präsentierten Storys entstanden im England der Jahre 1910 bis 1933 und damit in der großen Zeit der klassischen Gespenstergeschichte. Subtile Spannung stand hier vor dem Bedürfnis, dem Leser einen Herzinfarkt (oder ein Brechanfall) zu bescheren.

Noch war die Erinnerung an die Zeit vor der Industriellen Revolution präsent, die auch den Startschuss für die Entwicklung von Wissenschaft und Technik markierte. „Sambo“, „Nacht über dem Moor“ oder „Das Kirchengestühl der Ankardynes“ erinnern an eine Ära, die von Religion und Aberglaube gleichermaßen bestimmt war. Das Wirken von „Geistern“ erklärte vieles, das man nicht deuten oder in dunkler Nacht erkennen konnte. Zudem war die Ansicht weit verbreitet, dass Unrecht, das vor dem Tod nicht gesühnt wurde, eine Seele zum Nachtspuk verdammte. Dabei galt es zwischen Phantomen zu differenzieren, die eine Wiedergutmachung versuchen, um endlich und endgültig ins Jenseits hinüberwechseln zu können („Sarah Bennets Vergangenheit“), und jenen Strolchen, die es im Tod sogar noch ärger als im Leben trieben und ihre oft gänzlich unschuldigen Opfer ins Verderben locken wollten („Der Wecker“).

William Fryer Harvey war bereits das Kind einer moderneren, aufgeschlossenen Gegenwart. Schon früh beschäftigte ihn die psychologische Seite der Furcht. Mehr und mehr lokalisierte er sie im Menschenhirn – und nur dort. Angst und Schrecken mussten nicht mehr auf den Tod warten. Sie suchten bereits und vor allem den lebendigen Menschen heim, der von einer begangenen Übeltat förmlich besessen wurde und darüber zerbrach („Das Herdfeuer“).

Mit dem Grauen im eigenen Kopf eingesperrt

Noch erschreckender war die Erkenntnis, dass auch ein unschuldiger Mensch vom eigenen Hirn ‚verraten‘ werden konnte. Jahrhundertelang hatte man „verrückte“,  womöglich von Dämonen besessene Mitmenschen isoliert und in „Irrenhäusern“ ein- und weggesperrt. Im späten 19. Jahrhundert kündigte sich endlich ein Wandel an: Psychische Störungen wurden als Krankheit erkannt. Die Forschung bemühte sich um Behandlungsmethoden und Heilung. Zur klassischen Medizin gesellte sich die Psychoanalyse. In einer Zeit, als Séancen abgehalten wurden, um die Geister zu beschwören, faszinierte die Ansicht, nicht nur den Tod, sondern auch irrationales Verhalten quasi zu dechiffrieren, auf einen konkreten Anlass zurückzuführen und so das psychische Problem buchstäblich an der Wurzel zu packen.

„Das Gesellschaftsspiel“ nähert sich dem Thema spielerisch: Freies Assoziieren in fröhlicher Abendrunde lässt unabsichtlich die unterbewusste Ahnung eines Verbrechens zur Gewissheit werden. „Patience“ schildert einen Fall konkreten Wahnsinns, wobei für Harvey die Spannung vor allem darin liegt, dass die Krankheit weder dem Protagonisten noch dem Leser bewusst ist. Einen Schritt weiter geht der Autor in „Das Werkzeug“. Hier sitzt die handelnde Figur in einem Sanatorium – nicht mehr in einer „Irrenanstalt“! -, ist scheinbar auf dem Weg der Besserung und schreibt die erschreckende Geschichte einer ‚vergessenen‘ Tat selbst auf.

Eher humorvoll zeigt Harvey in „Midnight House“, dass Angst auch ein Produkt reiner Einbildung sein kann. Von der Fehlinterpretation harmloser Vorkommnisse erzählt er auch in „Die Dabblers“. Eher kafkaesk nähert Harvey sich dem Thema in „Der Mann, der Aspidistras hasste“: Die allzu intensive Beschäftigung mit der Furcht kann – ganz im Sinne Nietzsches – dazu führen, dass man zum Abgrund wird, in den man geblickt hat. Wahrlich erschreckend wird diese Erkenntnis für den Protagonisten in „Augusthitze“: Er löst sein in einer Vision erblicktes Ende durch das anschließende Verhalten selbst aus.

Die Macht des Schicksals

Gibt es darüber hinaus nicht nur Geister, sondern eine höhere überirdische Macht, die Einfluss auf die menschlichen Geschicke nimmt? In „Das Werkzeug“ ist der Ich-Erzähler davon überzeugt, im Auftrag eines göttlichen Schicksals gehandelt zu haben. In „Peter Levisham“ und „Der Begleiter“ geschieht Ähnliches. „Mrs. Ormerod“, „Miss Avenal“ und „Miss Cornelius“ missbrauchen ihr Wissen um die menschliche Psyche, um ihre Opfer zu manipulieren und auszunutzen; zumindest anmerkend sei darauf hingewiesen, dass Harvey gleich dreimal allzu selbstbewusste Frauen in die Rolle des Bösewichts drängt. In „Der Stern“ geht der Witz auf Kosten der weiblichen Hauptfigur.

Ein deutliches Moment der Unsicherheit aber bleibt – als Spannungselement und als kleiner Widerhaken, der leserliches Grübeln auslösen soll. Dies prägt auch die Titelgeschichte; sie hat Harvey ohnehin ewigen Ruhm beschert. „Die Bestie mit den fünf Fingern“ ist eine recht handfeste Schauermär, die das Genre nachhaltig beeindruckte. Die Vorstellung einer Hand, die losgelöst vom Körper agiert, hat in der Tat etwas Schauerliches; die Hand ist ein erstaunliches Instrument, der praktisch alle Verrichtungen gelingen. Nun denke man sich einen boshafter ‚Verstand‘ hinzu, und man erkennt sogleich, wieso die Geschichte so außerordentlich gut funktioniert (und bereits 1946 verfilmt wurde)! Wieder typisch Harvey ist der Verzicht auf eine Erklärung, die gleichzeitig Beruhigung böte.

Man lasse sich übrigens nicht durch das geschwätzige und von Herablassung keineswegs freie Vorwort des Herausgebers Maurice Richardson (1907-1978) abschrecken! Der Autor und Journalist stammt aus einer Zeit, als es galt, sich für den Wünsch, einfach nur unterhalten zu werden, ausgiebig zu entschuldigen. Leider beschränkt sich Richardsons Drang, das literarisch Wertvolle zu fördern, nicht auf das pseudointellektuelle, endlose Zitieren Sigmund Freuds und seiner Schriften über das Wesen der Angst. Ausgerechnet über den vorgestellten Verfasser und sein Werk fasst sich Richardson wesentlich kürzer. Zu schlechter Letzt meint er uns aus drei Bänden mit phantastischen Geschichten, die Harvey zu seinen Lebzeiten veröffentlichte, nur „die besten“ vorstellen zu dürfen.

Was vor Richardsons strengem Auge bestehen konnte, liest sich jedenfalls höchst unterhaltsam. Für den heutigen Leser gibt es darüber hinaus eine zusätzliche Ebene der Unterhaltung: Harveys Geisterjäger und -Gejagte reisen auf der Nostalgieschiene. Wallende Nebel über dem Moor, verwunschene Häuser, Fahrten mit der Kutsche, Zusammenkünfte im Club bei Portwein und Zigarren – was heute längst zum Klischee verkommen ist, kann durch die Unmittelbarkeit dieser ‚echten‘ Geschichten nachhaltig wirken.

Autor

William Fryer Harvey (1885-1937) gehört zu den eher unbekannten Meistern der klassischen britischen Gespenstergeschichte. Er führte ein eher auffälliges Leben, wuchs in der englischen Grafschaft Yorkshire in einer wohlhabenden Quäkerfamilie auf, studierte Medizin am Balliol College in Oxford und ging später in die Erwachsenenbildung, obwohl er unter einer schwachen Gesundheit litt.

Am I. Weltkrieg nahm Harvey trotzdem teil – erst als Sanitäter, später als Arzt. Er zeichnete sich durch große Tapferkeit aus, wurde schwer verwundet und durch eine schwere Lungenverletzung endgültig zum Invaliden. Nach dem Krieg wurde er Dozent am Working Men‘s College in Fircraft, Birmingham, musste diese Arbeit jedoch 1925 wegen seiner Krankheit aufgeben. Mit seiner Ehefrau lebte Harvey einige Jahre in der Schweiz, bevor ihn das Heimweh zurück nach England trieb.

Literarisch trat Harvey vor allem durch seine Kurzgeschichten hervor. Sie weisen ihn als veritablen Verfasser klassischer Gruselgeschichten aus, die oft durch moderne psychologische Elemente eine unerwartete Wende nehmen. Der Literaturkritik gilt Harvey weniger als anerkannte Meister des Phantastischen (Algernon Blackwood, Arthur Machen, M. R. James). In die Geschichte des Genres ging er zumindest durch seine Kurzgeschichte „The Beast with Five Fingers“ (1919, dt. „Die Bestie mit den fünf Fingern“) ein, die 1946 von Robert Florey (1900-1979) nach einem Drehbuch von Robert Siodmak (1902-2000) u. a. mit Peter Lorre verfilmt wurde.

Den Spätfolgen seiner Verletzungen ist Harvey am 4. Juni 1937 im Alter von nur 52 Jahren in Letchworth, Hertfordshire, erlegen. Außer phantastischen Geschichten gehören ein Roman, ein Kinderbuch, eine Autobiografie und Essays über das Quäkertum zu seinem Werk.

Copyright © 2015/2017 by Michael Drewniok (md)

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Comments

  1. Kurzkritik für Ungeduldige: 20 englische Gruselgeschichten der Jahre 1910 bis 1933 erzählen von heimgesuchten Häusern u. a. klassischen Spuk, stellen aber auch das menschlichen Hirn als Stätte sehr irdischer Bosheit oder Verwirrung ins Zentrum: vorzüglich übersetzt gesellt sich zu Spannung und Stimmung noch trockener Witz: eine ausgezeichnete Sammlung!

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