Die Geier von Wahpeton

Robert E. Howard
Die Geier von Wahpeton

Originaltitel: The Vultures of Whapeton (Novelle, zuerst erschienen in „Smashing Novels Magazine“, Ausgabe Dezember 1936; als Buch 1973/74 gemeinsam veröffentlicht mit den Kurz-Western „Showdown at Hell’s Canyon“, „Drums of the Sunset“ u. „Wild Water“ 1973/74 von Glenn Lord)
Deutsche Erstausgabe [als „Im Schatten der Geier“]: 1982 (Heyne Verlag/Heyne Western 05/2634)
Übersetzung: Rainer M. Schröder
125 S.
ISBN-10: 978-3-453-20500-0
Neuausgabe: Oktober 2017 (Blitz Verlag/KULT-Romane, Bd. 4)
Übersetzung: Markus Müller
Cover: Rudolf Sieber-Lonati
150 S.
[keine ISBN]
eBook: Oktober 2017 (Blitz Verlag)
1986 KB
ISBN-13: 978-3-95719-773-3

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Das geschieht:

In Wahpeton Gulch, einer kleinen Goldgräberstadt irgendwo im Nordwesten der Vereinigten Staaten, stöhnen die braven Schürfer unter der Knute der „Geier“. Diese Räuberbande hat sich unter sie gemischt, ihre Mitglieder verkleiden sich als Goldgräber und spionieren sie aus. Versucht ein Digger, Wahpeton zu verlassen, wird er überfallen, beraubt und umgebracht. Mehr als vierzig Opfer gab es im vergangenen Jahr zu beklagen. Das Gesetz ist machtlos. Sheriff John Middleton müht sich wacker, es zu vertreten. Als einer seiner Deputys hinterrücks erschossen wird, ist das Maß aber voll. Middleton heuert einen Revolverhelden an, der mit eiserner Faust bzw. Waffe die Ordnung im Ort wiederherstellen soll.

Es meldet sich Steve Corcoran aus Texas, ein brandgefährlicher aber ehrlicher Profi. Der Job ist hart, wird jedoch gut bezahlt. Die Aufmerksamkeit der schönen Glory Bland ist auch nicht zu verachten. Aber Corcoran muss sich den Lohn sauer verdienen. Welcher unter den Bürgern ist ihm wohlgesonnen, wer ein „Geier“, der ihn umbringen will? Vielen Todesfallen entkommt der Mann aus Texas dank Köpfchen und Reaktionsschnelle, während durchs Hirn geschossene Gauner purzeln wie Kegel.

Corcoran ahnt nicht, dass er nur ein Marionette ist, deren Fäden der unbekannte Anführer der „Geier“ hält, bis dieser sich ihm zu erkennen gibt: Es ist ausgerechnet John Middleton, der unter der perfekten Tarnung des redlichen Sheriffs Schindluder mit dem Gesetz treibt! Damit hat er unwissentlich gegen den Corcoran-Ehrenkodex verstoßen, denn dieser hasst es, manipuliert zu werden. So beginnt der Revolvermann ein brandgefährliches Doppelspiel und lässt sich zur rechten Hand Middletons machen, während er gleichzeitig gegen die „Geier“ intrigiert; ein Seiltanz, der nicht lange gut gehen kann und in einem apokalyptischen Finalkampf mündet …

Harte Welt für noch härtere Männer

Conan goes West: drei Worte, die dieses seltsame Werk gebührend charakterisieren. Die Handlung mag irgendwann nach 1850 im Westen der Vereinigten Staaten spielen, aber sie wirkt gelinde gesagt archaisch und passt besser in eine Landschaft, in der Schwerter schwingende Barbaren mit faustkeilbewehrten Tiermenschen raufen.

Alle Elemente der Fantasy sind grundsätzlich vertreten. Wahpeton Gulch ist eine „verlorene Welt“, die völlig isoliert vom Rest ihres Planeten zu existieren scheint. Die Außenwelt kommt praktisch nicht vor; wird sie erwähnt – so in Corcorans Erinnerungen -, wirkt sie ebenfalls recht fremdartig. Middleton herrscht als böser Usurpator oder Magier über Whapeton, wo er mit seinen Schergen das wie immer hilflose Volk tyrannisiert. Er hütet einen gewaltigen Schatz in einer geheimen Kammer. Corcoran mimt den aufrechten Mann aus der Fremde, der den Bann des Bösen bricht und die Freiheit bringt, bevor er auf seiner selbst gewählten Mission weiterzieht. Und so lassen sich noch viele Parallelen finden.

Das wäre auch sonst nicht schwierig, denn selbstverständlich weisen die meisten Genres der Unterhaltungsliteratur Gemeinsamkeiten auf bzw. wurzeln in denselben Fundamenten. Selten werden aber gerade im Western die Regeln so rigoros gebrochen oder gedehnt wie Howard es hier tut. Das Ergebnis ist gelinde gesagt seltsam, aber reizvoll. Mit der Realität, die von den Western schreibenden Zunft so gern beschworen wird, hat die Geschichte der „Geier“ überhaupt nichts am Hut, was durchaus Vorteile hat. So fühlt sich Howard nicht an verkrustete Klischees gebunden. „Im Schatten der Geier“ erzählt eine simple aber nicht überraschungsarme, vor allem rasante und grimmige Geschichte ohne den obligatorischen Sieg des ‚Guten‘ oder ein Happy-end. Als sich der Pulverdampf verzieht, steht nur mehr Corcoran auf den Beinen, und der darf sich ganz sicher nicht als Sieger betrachten.

Helden und Schurken: Treffen im Grau

Die Kritik hat Robert E. Howard oft und lange als grobschlächtigen und infantilen Autoren abqualifiziert. Hier gilt es zu differenzieren. „Im Schatten der Geier“ zeigt in der Figurenzeichnung das Howard-übliche Weltbild, und dies war eher düster. Es spiegelt zum einen die Geisteswelt eines jungen und unreifen Mannes wider, der noch nicht erwachsen geworden ist und sich an unausgegorenen ‚Thesen‘, vom „Überleben des Stärkeren“, vom „Einzug nach Walhalla“ nach glorreichem Todeskampf gegen überlegene Feinde oder von ‚überlegenen‘ und ‚unterlegenen Rassen‘ berauscht, doch es andererseits sicher auch das Produkt eines unglücklichen, von Isolation und Depressionen geprägten Lebens (s. u.).

Als Erzähler war Howard freilich ein Naturtalent; wer weiß was aus ihm geworden wäre, hätte er sich selbst die Zeit zur Entwicklung gegeben. „Im Schatten der Geier“ verblüfft mit für das Genre zu dieser Zeit recht komplexen Charakterbildern. Ambivalenz zeichnet die Figuren aus. Hier sind Helden nicht einfach Helden oder Bösewichte schon am schwarzen Hut zu erkennen. Stattdessen können Howards Protagonisten beides sein, und es wechselt je nach den Umständen. So ist Corcoran zwar ein Killer, aber einer mit Grundsätzen, der niemals einem Gegner in den Rücken schießt, aber nichts daran findet, die Bürger von Wahpeton um ihr Gold zu prellen. Völlig überraschend kommen die beiden letzten Sätze dieser Geschichte: „… in ihm [Corcoran] wuchs ein sonderbarer Schmerz. Vielleicht war es seine Seele, die schließlich erwachte …“ Da gibt es hinter dem Panzer des eisenharten Kämpfers offenbar doch ein Innenleben!

Nach 35 Jahren wird dieses Werk wieder einem deutschen Publikum vorgestellt. Es ist kein Meisterwerk, kann aber gut unterhalten. Die Neuausgabe ist neu übersetzt und bietet ein alternatives Ende. Rätselhaft bleibt der Titel: Wieso wurde aus dem US-originalen „Whapeton“ nunmehr ein „Wahpeton“?

Autor

Robert Ervin Howard wurde am 22. Januar 1906 in Peaster, einem staubigen Flecken irgendwo im US-Staat Texas, geboren. Sein Vater, ein Landarzt, zog mit seiner kleinen Familie oft um, bis er sich 1919 in Cross Plain und damit im Herzen von Texas fest niederließ. Robert erlebte nach eigener Auskunft keine glückliche Kindheit. Er war körperlich schmächtig, ein fantasiebegabter Bücherwurm und damit der ideale Prügelknabe für die rustikale Landjugend. Der Realität entzog er sich einerseits durch seine Lektüre, während er sich ihr andererseits stellte, indem er sich ein intensives Bodybuilding-Training verordnete, woraufhin ihn seine Peiniger lieber in Frieden ließen: Körperliche Kraft bedeutet Macht, der Willensstarke setzt sich durch – das war eine Lektion, die Howard verinnerlichte und die seine literarischen Helden auszeichnete, was ihm von der Kritik lange verübelt wurde; Howard wurden sogar faschistoide Züge unterstellt; er selbst lehnte den zeitgenössischen Faschismus ausdrücklich ab.

Nachdem er die High School verlassen hatte, arbeitete Howard in einer langen Reihe unterbezahlter Jobs. Er war fest entschlossen, sein Geld als hauptberuflicher Autor zu verdienen. Aber erst 1928 begann Howard auf dem Magazin-Markt Fuß zu fassen. Er schrieb eine Reihe von Geschichten um den Puritaner Solomon Kane, der mit dem Schwert gegen das Böse kämpfte. 1929 ließ er ihm Kull folgen, den König von Valusien, dem barbarischen Reich einer (fiktiven) Vorgeschichte, 1932 Bran Mak Morn, Herr der Pikten, der in Britannien die römischen Eindringlinge in Angst und Schrecken versetzte. Im Dezember 1932 betrat Conan die literarische Szene, ein ehemaliger Sklave, Dieb, Söldner und Freibeuter, der es im von Howard für die Zeit vor 12000 Jahren postulierten „Hyborischen Zeitalter“ bis zum König bringt.

Die Weltweltwirtschaftskrise verschonte auch die US-amerikanische Magazin-Szene nicht. 1935 und 1936 war Robert E. Howard dennoch in allen wichtigen US-Pulp-Magazinen vertreten. Er verdiente gut und sah einer vielversprechenden Zukunft entgegen, korrespondierte eifrig und selbstbewusst mit Kollegen und Verlegern und wurde umgekehrt als noch raues aber bemerkenswertes Erzähltalent gewürdigt.

Privat litt Howard an depressiven Schüben. Diese Krankheit war in den 1930er Jahren noch wenig erforscht und wurde selten als solche erkannt oder gar behandelt. In Howards Fall kam eine überaus enge Mutterbindung hinzu. Als Hester Ervin Howard 1935 an Krebs erkrankte und dieser sich als unheilbar erwies, geriet ihr Sohn psychisch in die Krise. Im Juni 1936 fiel Hester ins Koma, am 11. des Monats war klar, dass sie den Tag nicht überleben würde. Als Howard dies realisierte, setzte er sich in seinen Wagen und schoss sich eine Kugel in den Kopf. Er war erst 30 Jahre alt. Sein umfangreiches Gesamtwerk geriet in Vergessenheit, bis es in den 1950er und 60er Jahren wiederentdeckt wurde und nie gekannte Bekanntheitsgrade erreichte, was seinen frühen Tod als doppelten Verlust für die moderne Populärkultur deutlich macht.

Copyright © 2017 by Michael Drewniok (md)

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