Die Partie steht unentschieden

Ben Benson
Die Partie steht unentschieden

Originaltitel: Stamped for Murder (New York : M. S. Mill Co./William Morrow & Co. 1952)
Übersetzung: Paul Baudisch
Deutsche Erstausgabe: 1959 (Wilhelm Goldmann Verlag/Goldmanns Große Kriminalromane 187)
179 S.
[keine ISBN]
Neuausgabe: 1961 (Wilhelm Goldmann Verlag/Goldmanns Taschen-Krimi 1019)
179 S.
[keine ISBN]

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Das geschieht:

In Eastern City, einem kleinen Ferienort im US-Staat Massachusetts, hat in seinem Haus am Indian Lake der Briefmarkenhändler Arnold Gregg ein hässliches Ende genommen: Sein Mörder hat ihn in den Kopf geschossen und anschließend das Haus angesteckt.

Polizeiinspektor William Parr von der Staatspolizei leitet die Untersuchung. Am Ort des Verbrechens finden sich keine Indizien. Doch Zeugen beschreiben einen üblen Streit, den Gregg am Morgen seines Todestages mit einem Geschäftspartner hatte, der seitdem verschwunden ist. Dieser Mann hatte ihn mit einem auf eine hohe Summe ausgestellten aber ungedeckten Scheck geleimt. Gregg drohte mit der Polizei.

Für Gerede sorgt außerdem Greggs hübsche, deutlich jüngere ‚Sekretärin‘, mit der ihn mehr als ein Dienstverhältnis verband. Dodie Saratoga muss zugeben, von ihrem Chef ausgehalten worden zu sein. Gleichzeitig hat sie freilich mit einem Jüngeren angebandelt, was Gregg möglicherweise herausgefunden und mit Missfallen sowie dem Zudrehen des Geldhahns quittiert hat, was wiederum die Geliebte gegen ihn aufbrachte.

Inspektor Parr nimmt mit der ihm üblichen Gründlichkeit die Ermittlungen auf. Er lernt viel über den Briefmarkenhandel – und sticht dabei in ein Wespennest, was ihm u. a. eine Messerwunde im Rücken einträgt, denn der Mörder (oder die Mörderin?) wird sichtlich nervös, und nervöse Kriminelle begehen Fehler. Das lässt sie allerdings auch sehr gefährlich werden; eine Erkenntnis, die sich auch in diesem Fall bestätigen wird …

Die Polizei wird hauptrollentauglich

Ein Kriminalfall in Briefmarkenhändler-Kreisen? Kann das denn spannend sein? Durchaus, wenn sich ein Autor des Themas annimmt, der sein Handwerk versteht. Wobei in diesem Fall die Betonung auf „Handwerk“ liegt: „Die Partie ist unentschieden“ gehört nicht zu den Klassikern des Kriminalromans.

Andererseits ist dieses Buch mit einer lesenswerten Handlung gesegnet, und es nimmt in der Geschichte der Kriminalliteratur immerhin so etwas wie eine Fußnote ein: „Die Partie ist unentschieden“ zählt zu den frühen Vertretern des „police procedural“. Den auf die Polizeiarbeit zentrierten Krimi gab es zwar schon früher, aber er entwickelte sich erst nach dem II. Weltkrieg zu einem eigenen Genre. Dies geschah parallel zu einer (in den USA) grundlegenden Neuorganisation des Polizeiapparats. Mit moderner Technik ausgestattet, schickten effizient organisierte Behörden gut ausgebildete Mitarbeiter auf  Verbrecherjagd. Das machte den ‚neuen‘ Polizisten – der bisher eher ein Dasein im Schatten des genialen Privatdetektivs gefristet hatte – als Roman- und Filmhelden interessant. 1949 brachte Jack Webbs „Dragnet“-Radio- und TV-Serie den Durchbruch.

Fahndungsalltag schürt die Spannung

Der Hang des Menschen zum Voyeurismus erledigte den Rest. Seit jeher schaut der Bürger seinen Ordnungshütern gern über die Schultern; die gegenwärtige Flut der „Aufpasser am Werk“-Reality-Shows im deutschen Privatfernsehen legt davon Kunde ab. Im Vordergrund stehen wiederum (angeblich) ‚die Fakten‘. Die Arbeitsmethoden der Kriminalisten sind Teil der Handlung, ergänzt werden sie durch Seelenbilder der „Jungs in Blau“. (Später kamen selbstverständlich auch Mädchen hinzu.)

Ben Benson war ein Autor, der sich auf „police procedural“-Romane spezialisiert hatte. Wenn es um die Darstellung der Ermittlungsarbeit im Mordfall Gregg geht, leistet er zeitlos gute Arbeit. Natürlich sind viele Methoden der Polizei nach mehr als einem halben Jahrhundert veraltet. Dies macht heute einen zusätzlichen Reiz aus: 1952 kann das Wohl oder Wehe eines Falls noch daran hängen, dass im entscheidenden Moment ein Telefon greifbar ist, denn selbstverständlich sind Handys (oder Computer sowie die ganzen Zaubermittel aus der „CSI“-Wundertüte) völlig unbekannt.

Kampf gegen allzu moderne Bürger!

Gut verzichten könnte man hingegen auf Bensons moralinsaure Charakterbilder. Besonders den Leserinnen sträuben sich heute die Haare, wenn sie lesen müssen, wie selbstverständlich die Polizei Dodo Saratoga in die Zange nimmt. Ihr ‚Verbrechen‘: Sie steht auf eigenen Beinen, ist unverheiratet und die Geliebte eines älteren Mannes. Das gilt in Bensons Amerika als moralisches Vergehen, das eigentlich vom Gesetz bestraft gehört.

Weil dies leider nicht möglich ist, springt Inspektor Parr in die Bresche. Der ist ein interessanter Charakter, weil Benson hier – möglicherweise unfreiwillig – eine zwiespältige Figur geschaffen hat. Parr ist einerseits der Modellpolizist, wie ihn die reaktionären Vertreter des zeitgenössischen Establishments liebten: immer im Dienst, unbestechlich, hochmoralisch.

Andererseits trägt Parr leicht manische Züge. Das will Benson gar nicht leugnen. Parr kann nicht abschalten, selbst wenn er es möchte. Er vagabundiert dem Verbrechen hinterher und nutzt dies als Ausrede für sein marodes Privatleben. Angeblich würde er, der mit seinen 35 Jahren allein in der Welt steht, gern (Ehe-) Mann und Vater sein, aber überall ist das Böse zugange und lässt ihm keine Zeit dafür. Das ist im besten Fall eine Ausrede, ansonsten ist es dummes Geschwätz.

Frauen, Halbstarke u. a. Gefahren für das Abendland

Parr wirkt manchmal wie ein Roboter; Linda Gregg, durchaus an ihm interessiert, wirft es ihm vor. Für Parr ist sie indessen zunächst einmal eine Verdächtige, so dass er erleichtert seinen Frauen-Abwehrschirm aktiviert lassen kann. Allerdings ist auch Linda eines von den ‚bösen‘ Mädchen. Sie lässt sich zwar nicht aushalten, aber auch sie beißt sich solo durch die Welt, und das habe sie „hart“ werden lassen, was „einer Frau nicht immer steht“, so Parrs Analyse. Nun, er kriegt sie schon weich! Als das gelungen ist, lässt er sich sogar zu einem Drink überreden.

Schlimm fällt auch das Urteil über den Verdächtigen Walter Antra aus. Im Krieg hat er tapfer gekämpft, später im Schweiße seines Angesichts gearbeitet. Aber der Keim des moralischen Verfalls wohnte ihm wohl schon immer inne. Jetzt greift Antra plötzlich nicht mehr nur nach dem Zipfel, sondern nach der ganzen Wurst, zieht in eine große Wohnung, legt sich flotte Kleidung und das dazu passende Auto zu – alles Dinge, die ihm nicht zustehen und auf die ein braver junger Mann gefälligst bescheiden zu verzichten hat!

Wehe denen, die aus der Reihe tanzen!

Denn wer sich außerhalb der von Benson gesetzten moralischen Normen bewegt, gerät automatisch auf Parrs Radarschirm. Für ihn gilt: Nur die guten Jungs & Mädchen kommen überall hin – nämlich dorthin, wo Gott, die Regierung & das Gesetz sie sehen möchten!

Unter solchen Voraussetzungen ist es überraschend und erfreulich, dass Benson im letzten Viertel seiner Geschichte sein Schwarz-Weiß-Schema vergisst und sich der Auflösung des Kriminalfalls widmet. Dabei kann er wieder viel Boden wettmachen, und vor allem präsentiert er uns schließlich einen Täter, der nicht reumütig in Tränen versinkt, als sich das rächende Gesetz drohend über ihm aufbaut.

Autor

Benjamin Benson II. gehört zum Heer der Kriminalschriftsteller, die kompetent und vor allem schnell Unterhaltung produzierten. Wirklich berühmt ist er nie gewesen, war aber beliebt; so wurden beispielsweise in Deutschland seine sämtlichen Werke veröffentlicht und lange Zeit neu aufgelegt; diese Gunst erfuhr längst nicht jeder klassische Könner seines Genres.

Am 14. Juni 1913 wurde Benson in Boston, US-Staat Massachusetts, als Sohn erst im Vorjahr aus Russland emigrierter Eltern geboren. Er arbeitete nach dem College als Handelsvertreter, lebte während der Großen Depression auf der Straße, nahm am Zweiten Weltkrieg teil, wurde hoch dekoriert und schwer verwundet. Nach dreijährigem Krankenhausaufenthalt arbeitete Benson kurz als Teehändler, bevor er mit dem Schreiben begann. Der militärische Hintergrund beeinflusst deutlich sein Werk. Zwei Serienhelden schuf Benson: den jungen State Trooper Ralph Lindsey sowie den älteren, schon erfahrenen Detective Inspector Wade Paris, der ebenfalls für diese Behörde (aber an anderem Ort) arbeitet. (In Deutschland wurde Paris aus unerfindlich bleibenden Gründen in „William Parr“ umgetauft – es sollte wohl ‚amerikanischer‘ klingen …)

Benson schätzt klare Hierarchien und Disziplin. Seine Polizeibeamten sind Männer ohne Fehl oder Tadel. („Old Icewater“ nennt man Wade Paris hinter seinem Rücken.) Zweifel mögen sie manchmal beschleichen, hin und wieder begehen sie sogar Fehler, aber letztlich bekommen sie solche Anwandlungen in den Griff, reifen an derartigen Konflikten und stehen dem System umso bedingungsloser zur Verfügung. Das mag Bensons Beliebtheit in Deutschland erklären. Allerdings sind seine Romane durchaus unterhaltsam. Inhaltlich mögen sie veraltet sein. Ihr sachlicher, fast dokumentarischer Stil hat sie andererseits günstig altern lassen. Sie müssen als frühe Beispiele des „police procedural“ gelten, dessen vielleicht berühmtester Repräsentant Ed McBain (ein Zeitgenosse Bensons) mit seiner Serie um das 87. Polizeirevier ist.

Ben Bensons Schriftstellerkarriere währte gerade zehn Jahre, in denen er neben zahlreichen Kurzgeschichten 18 Romane veröffentlichte. Am 29. April 1959 ist Benson kurz vor seinem 46. Geburtstag während einer Versammlung der „Mystery Writers of America“ in New York City einem Herzschlag erlegen.

Copyright © 2011/2016 by Michael Drewniok (md)

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