Die Reise zum Mars

John Wyndham
Die Reise zum Mars

Originaltitel: Planet Plane (London : Newnes Limited 1936)/Stowaway to Mars (London : Nova Publications 1953)
Übersetzung: Angelika Deutsch
Deutsche Erstausgabe: 1973 (Heyne Verlag/Heyne Science Fiction Classics 06/3359)
Cover: Karl Stephan
124 S.
ISBN-13: 978-3-453-30236-5
eBook: November 2016 (Heyne Verlag)
617 KB
ISBN-13: 978-3-641-19168-9

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Das geschieht:

Im Jahre 1981 steckt die interplanetare Raumfahrt noch in den Kinderschuhen. Bisher sind sämtliche Versuche, die erdnahen Planeten oder nur den Mond zu erreichen, spektakulär und tödlich gescheitert. Meist waren es Abenteurer, die den mit 5 Mio. Dollar dotierten Keuntz-Preis gewinnen wollten: Er erwartet jenen, der als Erster den Fuß auf einen der genannten Fremdorte setzt und heil zur Erde zurückkehrt.

Aktuell greift Dale Curtance, Erbe der auf Fluggeräte aller Art spezialisierten Curtance-Werke und wie sein Vater ein genialer Ingenieur, nach den Sternen. Der beeindruckten Öffentlichkeit stellt er das Raumschiff „Gloria Mundi“ vor, mit dem er und vier Begleiter zum Mars reisen wollen.

Mit an Bord sind offiziell Geoffrey Dugan, der Journalist Froud, der Chemiker/Arzt Dr. Grayson und der Ingenieur Burns. Kurz nach dem Start (aber so fern der Erde, dass eine Rückkehr nicht mehr Frage kommt) gibt sich ein blinder Passagier zu erkennen: Joan Shirning ist die Tochter eines Physikers, der behauptete, mitten in England auf eine von Marsianern gebaute Maschine gestoßen zu sein. Beweise blieb er schuldig; Shirning verlor Job und Reputation. Deshalb hat sich seine Tochter an Bord der „Gloria Mundi“ geschlichen: Sie will den Vater rehabilitieren, denn seine Geschichte ist wahr. Außerdem hat Joan mit Hilfe der Maschine die Sprache der Marsianer gelernt, was nach der Landung von Vorteil sein dürfte.

Die Reise zum Mars verstreicht ereignislos, obwohl sich Joan tüchtig gegen die die Übergriffe der sexuell frustrierten Männer wehren muss. Nachdem die „Gloria Mundi“ hart aber heil auf dem roten Planeten aufgesetzt hat, stellt sich rasch heraus: Der Mars verfügt über atembare Luft, gewaltige Kanäle, eine üppige Vegetation – und tatsächlich über eine Bevölkerung. Die beweist ihre Intelligenz, indem sie aufgrund der gewalttätigen Eskapaden der irdischen Besucher Abstand hält …

Genies & Abenteurer

Spätestens nach dem Zweiten Weltkrieg war klar: Den Weg in den Weltraum würden nicht geniale Einzelkämpfer in solo konstruierten und gefertigten Raumschiffen antreten. Letztlich dauerte es viele Jahre und bedurfte die kollektiven Anstrengungen einer irdischen Supermacht, um zunächst zwei Atombomben zu zünden und später zwei Männer auf den Mond zu bringen.

In diesem Umfeld gab es keinen Platz mehr für den klassischen Entdecker, der immer auch Abenteurer war. Männer wie Columbus, Magellan, Cook oder Livingston hatten einst nicht nur die weißen Flecken vom Globus getilgt, sondern ihren Expeditionen auch Gesichter gegeben. Selbst gescheiterte Entdecker wie Robert Scott, der 1912 den Südpol nur als Zweiter erreichte und starb, oder George Mallory und Andrew Irvine, die 1924 vom Mount Everest fielen, galten als Helden: Sie hatten es zumindest versucht!

Der Schlussgong für den Entdecker alten Schlages wurde schon vor 1945 zumindest angeschlagen und dürfte deutlich hörbar gewesen sein. Eine Nische blieb ihm aber: Die Populärkultur blieb dem Entdecker treu. Hier spielten Naturgesetze oder technische Realitäten nur Nebenrollen. Weiterhin stand das Individuum im Vordergrund, wurden zumindest in der Unterhaltungsliteratur, in Film und Fernsehen Expeditionen von überlebensgroßen Männern geleitet, die sich von einer Schar tatkräftiger aber nicht ganz so intelligenter Gefährten begleiten ließen.

Mit dabei war mindestens eine Frau, die zwar aus zeitgenössischer Sicht nichts in gefährlichen Fremden verloren hatte, aber die Gruppendynamik in Gang brachte, denn selbstverständlich waren diese weiblichen Eindringlinge jung, hübsch und unbemannt. Sie tappten in Fallen, mussten gerettet werden und fanden schließlich Mr. Right, womit dem Willen der konservativen Publikumsmehrheit Genüge geschehen war.

Wüste Garne und krause Orte

John Harris veröffentlichte „Die Reise zum Mars“ erstmals 1936 unter seinem Pseudonym „John Beynon“. Das „Goldene Zeitalter“ der Science Fiction hatte gerade begonnen. In den Jahren vor dem Zweiten Weltkrieg entstanden auf beiden Seiten des Atlantiks in rascher Folge Storys und Romane, die heute zu den Klassikern des Genres zählen.

Nichtsdestotrotz war die Realität nüchterner: Die Science Fiction hatte sich zwar etabliert und ihr Publikum gefunden. Das Genre galt als trivial, seine Leser als Nerds, was aber kein Hindernis darstellte, ihnen das Geld aus den Taschen zu ziehen. Bis 1945 dominierten die „Pulps“ die Phantastik: auf billiges Papier gedruckte Geschichten, die in Fortsetzungen veröffentlicht wurden, wenn sie zu ausführlich gerieten.

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Zwar erschien „Die Reise zum Mars“ zunächst als Buch, wurde aber 1937 im kurzlebigen englischen Magazin „Modern Wonder“ neu veröffentlicht. Beynon repräsentierte perfekt das Gros der zeitgenössischen Autoren: SF wurde geschrieben, um zu unterhalten und Geld zu verdienen. Die Pulp-Verleger zahlten notorisch schlecht (oder gar nicht), weshalb Autoren, die ihren Schnitt machen wollten, vor allem schnell arbeiten mussten. Nebensächlich bis unwichtig waren dagegen raffinierte Plots und profilierte Figurenzeichnungen. Es gab sie durchaus, aber die Beynons waren eindeutig in der Überzahl. (Nur dem Schutz gegen Tugendwächter und Spaßverderber galt übrigens die Behauptung, SF gründe in den etablierten Naturwissenschaften, bilde mögliche Zukünfte ab und sei deshalb ‚literarisch wertvoll‘.)

Reisen bildet … nicht immer

Aus John Beynon wurde nach 1945 John Wyndham und ein deutlich besserer Schriftsteller. Seiner kruden Frühwerke hat er sich zu recht nicht geschämt und ihre Wiederveröffentlichung zugelassen. Es gibt wahrlich schlechtere Romane als „Die Reise zum Mars“, wobei wir deutschen Leser im Nachteil sind, wenn es um die objektive Beurteilung geht: Als 1973 hierzulande die Übersetzung erschien, bedienten sich noch beinahe alle Verlage der Unsitte der Seitennormierung: Was nicht in das vorgegebene Raster – 124, 144, 160, 192 Seiten – passte, wurde passend gemacht, d. h. gekürzt und dabei nicht selten sinnentstellt. „Die Reise zum Mars“ umfasste im Buchoriginal (als „Planet Plane“) 247 Seiten; geblieben sind in der deutschen Ausgabe 124. Dies verbietet Aussagen über die stilistische Qualität des Buches, das eine deutlich gefledderte bzw. eingedampfte, holprige Rumpffassung darstellt, die sich wie ein zusammengeklopfter Heftroman liest.

Unklar bleibt, wer für die merkwürdigen Handlungssprünge verantwortlich ist. Wyndham (wie wir den Autor nun nennen wollen) vertut erstaunlich viel Zeit, bevor der Mars und damit titelgebende Ort des Geschehens erreicht ist. Allerdings gehörten für den zeitgenössischen Leser auch die Vorbereitungen zur Geschichte: Die Vorstellung einer privaten Raketenabschussbasis inmitten der südenglischen Grafschaft Wiltshire erstaunt in der Tat noch heute. Doch ein patriotischer Bürger des britischen Weltreiches musste 1936 quasi davon überzeugt sein, dass Engländer den Mond oder Mars erreichen würden.

Die Diskrepanz zwischen Science und Fiction ist umso größer, als Wyndham – später ein prominenter Vertreter der „Gemütlichen Apokalypse“ – seinen Roman im England der frühen 1930er Jahre ansiedelt. Im Schatten der „Gloria Mundi“ bestellen Bauern ihre Felder mit Pferd und Wagen, brave aber geistig schlichte Arbeiter dengeln das Raumschiff wie eine Lokomotive oder ein Dampfschiff zusammen. Seit Jules Verne 1865 Menschen erst „Von der Erde zum Mond“ geschickt hatte, um sie fünf Jahre später auf eine „Reise um den Mond“ zu schicken, hatte sich nicht viel geändert. Das zeitgenössische Wissen um den (theoretischen) Raumflug oder über den Planeten Mars verkniff Wyndham sich mit dem Recht des Schriftstellers, der hauptsächlich eine spannende Geschichte erzählen will.

Mit dem Kopf auf der Erde geblieben

Dazu gehören wackere Helden, düstere Schurken und wie schon erwähnt mindestens eine schöne Frau. Wyndham ist nie altmodischer als in der Figurenzeichnung. Fünf gestandene Männer auf einer lebensgefährlichen Mission mutieren zu notgeilen Kerls, sobald sich unter ihnen eine Frau zu erkennen gibt. Mit einschlägigen „Gni-hi-hi-‚Andeutungen‘ füllt Wyndham viele Seiten, die es auch in die deutsche Fassung geschafft haben.

Fast ist die Geschichte schon vorbei, als endlich der Mars ins Zentrum der Ereignisse rückt. Ausgerechnet Joan Shirning – und nur sie – gelingt es, die letzten Marsmenschen zu kontaktieren. Wyndham verblüfft mit dieser Volte, denn Supermann Curtance wird als Hauptfigur und Held vollständig gestrichen bzw. darf mit den anderen Jungs gegen übergeschnappte Roboter und plötzlich auftauchende Russen (!) kämpfen. (Wyndham gibt hier dem Terminus „roter Planet“ durchaus witzig eine neue Bedeutung.)

Zwar kehren die Marsreisenden irgendwann heil auf die Erde zurück, doch ein Happy End bleibt aus – auch dies eine Überraschung mit tragischen Untertönen, die in der Übersetzung durch die hastige Raffung leidet. Wyndham hatte Ambitionen, die jenseits der Einheitskost dieser frühen SF-Jahre lagen. Noch suchte er nach ‚seinem‘ Stil, um ihnen Ausdruck zu verleihen. Dass diese Geschichte kein ‚richtiges‘, zufriedenstellendes Ende fand, war dem Verfasser bewusst. Kein Wunder, dass Wyndham 1938 mit einer Kurzgeschichte („Sleepers of Mars“) an „Die Reise zum Mars“ anknüpfte. Auf dem Mars war das sowjetische Raumschiff „Towaritsch“ zurückgeblieben, dessen Besatzung nun ebenfalls Kontakt mit den Marsianern aufnimmt.

Autor

John Wyndham alias John Wyndham Parkes Lucas Beynon Harris (1903-1969): ein britischer SF-Veteran, der schon seit 1925 schrieb. Als Grafiker, Werbefachmann, Verwaltungsangestellter usw. war er hauptberuflich tätig. Seine phantastischen Geschichten erhoben sich nie über das Niveau der hauptsächlich dem Trivialen verhafteten Pulp-Magazine dieser Jahre. Erst die Erfahrungen des II. Weltkriegs, an dem Wyndham aktiv als Mitglied einer Nachrichten-Einheit u. a. an der mörderischen Invasion in der Normandie teilnahm, führte zum Wandel. Invasionen und Weltuntergänge sollten Wyndham ab 1945 beschäftigen.

Auf „Post-Doomsday“-Geschichten, in denen er besonders das von Hitler gezauste britische Inselreich immer wieder nun kosmischen Katastrophen aussetzte, besaß er schließlich eine Art Monopol. Schon der erste Nachkriegsroman „The Day of the Triffids“ (1951; dt. „Die Triffids“) zeigte den ‚neuen‘ John Wyndham, der inhaltliche Relevanz mit formaler Qualität zu verbinden wusste. In den nächsten Jahren entstand eine Reihe von Romanen, die den Schriftsteller als erklärten Gegner des Kalten Krieges und Warner vor der atomaren Apokalypse zeigten. Darüber hinaus zeigte sich Wyndham gewandt auch im Umgang mit dem klassischen Inventar der Science Fiction und schrieb Weltraumabenteuer oder Zeitreisegeschichten, die wiederum eine zutiefst humanistische Weltsicht verrieten.

Unterhaltung und Anspruch kommen wohl in keinem Wyndham-Werk so eindrucksvoll zum Tragen wie in „The Midwich Cuckoos“ (1957; dt. „Es geschah am Tag X“), das wiederum die Geschichte einer heimlichen Invasion schildert und durch eine ebenfalls fabelhafte Erstverfilmung (1958) seinen Klassiker-Status festigen konnte.

Wyndham war ein selbstkritischer Autor, der durchaus einen bereits fertiggestellten Roman („Plan for Chaos“, 2009 postum erschienen) in der Schublade lassen konnte, weil er nicht mit ihm zufrieden war. Einen weiteren Roman („Web“; dt. „Eiland der Spinnen“) schrieb er ausdrücklich mit der Intention, diesen erst nach seinem Tod zu veröffentlichen. John Wyndham starb am 11. März 1969 in Petersfield in der englischen Grafschaft Hampshire.

Copyright © 2016 by Michael Drewniok (md)

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