Die schlafende Sphinx

John Dickson Carr
Die schlafende Sphinx

(Dr.-Gideon-Fell-Serie, Bd. 17)

Originaltitel: The Sleeping Sphinx (New York : Harper & Brothers 1947/London : Hamish Hamilton 1947)
Deutschsprachige Erstausgabe: 1948 (Scherz Verlag/Die Schwarzen Kriminalromane 11)
Übersetzung: Renate Hertenstein
230 S.
[keine ISBN]

ACHTUNG: Es gibt noch eine weitere, rüde zusammengekürzte Ausgabe, vor der hier ausdrücklich gewarnt wird: 1972 (Verlag Buch & Welt/Kaiser-Krimi 6)
126 S.
[keine ISBN]

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Das geschieht:

Im Sommer des Jahres 1946 kehrt Donald Holden, Angehöriger des britischen Geheimdienstes und als Nazi-Jäger sehr erfolgreich, nach England zurück. Dort hatte man seinen Kriegstod gemeldet, um seine Identität zu verschleiern. Entsprechend überrascht reagieren Holdens Freunde auf sein Wiedererscheinen.

Vor allem die schöne Celia Devereux will Holden wiedersehen. Vor Jahren hatte er sich im Streit von ihr getrennt, was er längst bereut. Die Zusammenkunft steht allerdings unter keinem guten Stern: Celia gilt als geistesgestört. Am Vorabend des Heiligen Abends 1945 kam ihre Schwester Margot ums Leben. Auf Schloss Caswall in der Grafschaft Wiltshire starb sie angeblich nach einem Hirnschlag. Doch Celia geht von Selbstmord aus. Angeblich hat Thorley Marsh seine Gattin Margot geschlagen und gequält, bis sie in den Tod flüchtete. Mit diesem Verdacht – den sie sogar für Scotland Yard schriftlich fixierte – steht Celia freilich allein da, denn niemand sonst will Thorleys Brutalität bezeugen.

Nun stellt sich Holden auf Celias Seite. Er geht sogar einen Schritt weiter und fragt sich, ob Thorley die ihm lästig gewordene Margot getötet hat. Sein Argwohn steigt, als er herausfindet, dass Thorley Margot schon vor deren Tod mit der halb so alten Doris Locke betrog, die ihn nunmehr so rasch wie möglich heiraten will.

Auf Schloss Caswall treffen sich jene wieder, die dort in der Nacht von Margots Tod anwesend waren. Neu hinzu stößt Donald Holden, aber es meldet sich ein weiterer Überraschungsgast: Scotland Yard schickt diskret keinen offiziellen Ermittler, sondern Dr. Gideon Fell, den berühmten Amateur-Detektiv. Mit der ihm üblichen Wucht bricht Fell über die Gesellschaft herein. Wie Holden geht er von einem Giftmord aus und nimmt die Anwesenden in die Zange. Wann werden dem Mörder die Nerven durchgehen – oder mischt er bereits die nächste tödliche Dosis …?

Rätsel-Krimi im Umbruch

Altmodisch ist er in gewisser Weise sicherlich, der klassische Rätsel-Krimi, der die Verbrecherjagd zum Handwerk genialer Kriminalisten stilisiert und den grauen Alltag der öden Polizeiarbeit tunlichst ausblendet. Die Realisten unter den Krimi-Freunden spotten deshalb über den „Whodunit“, den sie als spielerische Realitätsflucht abtun. Damit mögen sie richtig liegen, was dem Genre jedoch nie den Garaus machte, sondern höchstens ein Nischendasein bescherte, in dem es seit dem Ende des II. Weltkriegs prächtig weiterblüht.

1947 war die ganz große Zeit des „Whodunit“ vorüber. Die Kriminalliteratur wurde ‚realistischer‘. Nicht nur der graue Alltag hielt Einzug in das Genre. Der psychologische Faktor gewann an Bedeutung. Das Verbrechen war kein Steckenpferd genialer Schurken mehr. Das Menschenhirn wurde als Brutstätte wesentlich heimtückischerer Gräuel identifiziert.

Unterdrückte Triebe waren auch den Rätsel-Krimi-Autoren keineswegs unbekannt. Bisher hatten Geldgier und Rache dieses Feld abgedeckt. Geisteskrankheit war ebenfalls beliebt, trat aber als lange unterdrückter Wahnsinn auf, der sich im Finale spektakulär Bahn brach und den Täter theatralisch als schäumenden Irren präsentierte, der sich in der Regel umbrachte und der Welt damit einen großen Gefallen tat.

Das Beste zweier Welten

In der Endphase seiner klassischen Ära zeigte der Rätselkrimi, dass er sich durchaus an modernere Zeiten anpassen konnte. „Die schlafende Sphinx“ weist eine Handlung auf, die trotz eines fabelhaften Krimi-Plots ohne psychologisches Unterfutter nicht funktionieren könnte. Der seltsame Titel dieses Romans ist einerseits Versuch, neugierig gewordene Leser zu locken. Profi John Dickson Carr fand jedoch eine Möglichkeit, ihn darüber hinaus als vielsagenden Hinweis in das Geschehen zu integrieren. Das Sphinx-Motiv ist einer Bronzeplatte eingraviert, die sich an einem der Tatorte findet. Sie trägt außerdem eine Inschrift, die u. a. lautet: „Die schlafende Sphinx ist das Symbol des doppelten Ichs: der äußeren Schale, die der Welt sichtbar, und des inneren Kerns, zu dem nur wenige vordringen.“ (S. 205).

Carr spielt mit dem Motiv der Identität: Scheinbar eindeutig, weil bereits ins Geburtsregister eingetragen, kann sie krankhaft aus dem Lot geraten. Schloß Caswall wird zu einer regelrechten Hochburg verwirrter Geister: Ist Celia Devereux verwirrt, weil sie ihren Schwager als bösartigen Teufel beschuldigt, der die Schwester in den Tod trieb? Hat Thorley Marsh ein Janusgesicht, dessen dunkle Hälfte er vor der Welt – einzige Ausnahme: Celia – erfolgreich verbergen konnte? Selbst Kriegsheld Donald Holden hat seine Identität verloren; das Kriegsministerium hat ihn hochoffiziell sogar seines Lebens beraubt.

Unter diesen Umständen erstaunt es zumindest den Leser nicht, dass auch die verstorbene Margot Devereux bestimmte Seiten ihres Wesens der Welt lieber vorenthielt. Familienangehörige und Freunde stehen sowohl ihr als auch einander zu nahe, um das Geflecht aus Lügen und Täuschungen entwirren zu können. Hinzu kommen zeitgenössische Einschränkungen: Die Wahrheit gilt dort, wo sie in ‚unmoralische‘ Gefilde abzugleiten droht, als sekundäre Tugend. Lieber ‚schützt‘ man eine schwache Frau vor entsprechenden Erkenntnissen, indem man ihr weismacht, unter geistiger Verwirrung zu leiden.

Ein Licht in der Dunkelheit

In diesem Umfeld falscher Rücksichten wird Dr. Gideon Fell zum Retter in der Not. Er steht außerhalb der strikten gesellschaftlichen Konventionen – ein Status, den er sorgfältig konserviert bzw. sogar zelebriert. Schon sein Auftritt ist ein kalkulierter Verstoß gegen die Regeln. Fell kleidet sich schlampig, er hantiert mit zwei Gehstöcken, die ihm vor allem als Requisiten dienen. Seine Stimme ist stets laut, seine Rede polternd. Fell ignoriert Autoritäten und Vorschriften. Damit bringt er seine Umgebung aus dem Gleichgewicht. Wer sich wundert oder ärgert, achtet indes nicht mehr auf seine Rede. Hier findet Fell die Lücken in den Alibis oder den Täuschungsmanövern seiner Verdächtigen.

In „Die schlafende Sphinx“ ist Fells Grobheit sehr genau als Stilmittel und Instrument erkennbar. Später konnte Carr die Balance nicht mehr so gut halten. Fell wurde mehr und mehr zum Poltergeist mit genialischen, nur bedingt logisch der Handlung entlehnten Anwandlungen. Hier hat Carr das Heft fest in der Hand. Er weiß genau, dass zu viel Fell dem Geschehen schadet. Zu rasch kommt der Detektiv in der Regel dem Schurken auf die Spur. Deshalb tritt zunächst und bis weit in die zweite Romanhälfte Donald Holden aus Hauptfigur auf. Er wird zum Alter Ego des Lesers, der von Carr behutsam mit den Figuren dieses Morddramas vertraut gemacht wird.

Nicht zum ersten Mal weist dieser wunderbare Roman seine Hauptschwäche in der weiblichen Hauptfigur auf. Carr war entweder nicht in der Lage oder unwillig, die zeitgenössischen Klischees zu meiden. Celia bleibt deshalb blass als typische „Frau in Gefahr“, die wegen ihres offensichtlich wenig strapazierfähigen Nervenkostüms – ständig droht sie in Ohnmacht zu fallen – quasi kollektiv belogen werden muss. Heute möchte der Leser sie regelmäßig schütteln oder in den lethargischen Hintern treten. Damals war solche Schicksalsergebung als weiblicher Wesenszug üblich.

Sand in des Lesers Augen

Carr liebte es, seine rational auflösbaren Mordrätsel mythisch zu verbrämen. Immer wieder spielen seine Krimis an historisch förmlich aufgeladenen Orten, wobei diese Vergangenheit reich an blutigen, gruseligen oder wenigstens obskuren Anekdoten ist. Selbstverständlich ist Schloss Caswall uralt, winkelig verbaut und arm an durchdringender Beleuchtung. Darüber hinaus gibt es eine „Lange Galerie“, in der es angeblich umgeht; so schildet Celia ausdrucksvoll, wie sie eines Nachts unter die Gespenster ihrer Vorfahren geriet.

Caswall verfügt über eine eigene Familiengruft. Sie ist für eine Episode gut, die für die Handlung nur von marginaler Bedeutung ist. Stattdessen gibt Carr hier seinem Vergnügen am geschmacklos Faszinierenden ungehemmt nach: Die Särge der Devereux-Sippe ‚tanzen‘ in der Gruft und bilden ein unanständig ungeordnetes Bild, als Dr. Fell das Portal öffnen lässt. Carr greift hier auf eines jener ‚Rätsel‘ zurück, die von den Anhängern des Paranormalen als klassisches Beispiel für geisterliches Wirken zitiert wird: Auf der westindischen, damals britisch regierten Insel Barbados fand man in der Gruft der Familie Chase die sauber gestapelten Särge ab 1812 immer wieder in beunruhigender Unordnung. Bis 1820 ging das so, dann wurde die Gruft geräumt.

Die Vorstellung, dass Geister sich ausgerechnet durch das Verrücken von Särgen bemerkbar machen, fand vor Carrs Augen keine Gnade. Er beschäftigte sich mit dem Mysterium, baute seine Lösung stolz in die Geschichte der „Schlafenden Sphinx“ ein und rundete damit einen ausgezeichneten Roman ab, der wie so viele andere Carr-Krimis auf seine längst überfällige Neuausgabe wartet.

Autor

John Dickson Carr (1906-1977), der so wunderbare englische Kriminalromane schrieb, wurde im US-Staat Pennsylvania geboren. Europa hatte es ihm sofort angetan, als er 1927 als Student nach Paris kam. Carrs lebenslange Faszination richtete sich auf alte Städte, verfallene Schlösser, verwunschene Plätze. Die fand er nicht nur in Frankreich, sondern auch in Deutschland und Großbritannien, die von ihm eifrig bereist wurden.

1933 siedelte sich Carr in England an, wo er bis 1965 blieb. Volker Neuhaus weist in seinem Nachwort zur „Die schottische Selbstmordserie“ (DuMont’s Kriminal-Bibliothek Bd. 1018) darauf hin, dass seine Kriminalromane so lebendig und scharf konturiert wirken, weil hier ein Fremder seine neue Heimat erst entdecken musste und ihm dabei Dinge auffielen, die den Einheimischen längst zur Selbstverständlichkeit geworden waren.

Carr fand schnell die Resonanz, die sich ein Schriftsteller wünscht. Ihm kam dabei zugute, dass er nicht nur gut, sondern auch schnell arbeitete. Obwohl ihm kein ausgesprochen langes Leben vergönnt war, verfasste Carr ungefähr 90 Romane – übrigens nicht nur Thriller. Seine Biografie des Sherlock-Holmes-Vaters Arthur Conan Doyle wurde 1950 sogar mit einem Preis ausgezeichnet. Da hatte man ihn bereits in den erlesenen „Detection Club“ zu London aufgenommen, wo er an der Seite von Agatha Christie, G. K. Chesterton (der übrigens das Vorbild für Gideon Fell wurde) oder Dorothy L. Sayers thronte. 1970 zeichneten die „Mystery Writers of America“ Carr mit einem „Grand Master“ aus; die höchste Auszeichnung, die in der angelsächsischen Krimiwelt vergeben wird.

Zu John Dickson Carrs Leben und Werk gibt es eine Unzahl oft sehr schöner und informativer Websites; an dieser Stelle sei daher nur auf diese verwiesen, die diesem Rezensenten ganz besonders gut gefallen hat.

Copyright © 2013/2017 by Michael Drewniok (md)

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