Die siamesischen Zwillinge

Ellery Queen
Die siamesischen Zwillinge

(Ellery-Queen-Serie, Bd. 7)

Originaltitel: The Siamese Twin Mystery (New York : Frederick A. Stokes Company 1933)
Deutsche Erstausgabe: 1935 (Wilhelm Goldmann Verlag/Goldmanns Detektiv-Romane)
Übersetzung: Hans Herdegen
216 S.
[keine ISBN]
Neuausgabe (geb.): 1952 (Wilhelm Goldmann Verlag/Goldmanns Kriminal-Romane 49)
204 S.
[keine ISBN]
Neuausgabe: 1958 (Wilhelm Goldmann Verlag/Goldmanns Taschen-Krimi 131)
Übersetzung: Hans Herdegen
184 Seiten
[keine ISBN]
Neuausgabe (unter dem Titel „Das Rätsel der siamesischen Zwillinge“) 1981 (Ullstein Verlag/Ullstein Krimi 10104)
Übersetzung: Hans Herdegen
158 Seiten
ISBN-13: 978-3-548-10104-0

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Das geschieht:

Die Rückfahrt von einer gemeinsamen Reise endet für den Kriminalschriftsteller und Amateurdetektiv Ellery Queen und seinen Vater Richard, Inspektor bei der Kriminalpolizei von New York, beinahe tödlich. In den Bergen unweit des Städtchens Osquewa verirren sie sich und geraten in einen Waldbrand. In letzter Sekunde können sie den Arrow Mountain hinauf flüchten. Auf dem Gipfel finden sie ein großes, einsames Haus: Arrow Head, Sitz der Familie Xavier.

John, der Hausherr, ist ein berühmter Chirurg, der in der Einsamkeit geheimnisvollen medizinischen Experimenten nachgeht. Sein Bruder Mark, ein Rechtsanwalt, gehört neben der Schwägerin Sarah zur Familie. Darüber hinaus halten sich momentan Dr. Percifal Holmes, Johns Assistent, und die berühmte Lebedame Marie Carreau mit ihrer Sekretärin im Haus auf. Butler Bones und Mr. Wheatley, die Haushälterin, vervollständigen die Anwesenheitsliste.

Das Feuer schließt den gesamten Berg ein; die Bewohner von Arrow Head sind abgeschnitten. Die Stimmung ist eigentümlich, seltsame Dinge gehen vor. Inspektor Queen wird des Nachts von einem siamesischen Zwillingspaar erschreckt: Dies sind Marie Carreaus vor der Welt geheim gehaltenen Söhne Francis und Julian.

Am Morgen liegt John Xavier erschossen in seinem Arbeitszimmer. In seiner verkrampften Hand hält er eine zerrissene Spielkarte: ein Hinweis auf den Mörder? Der muss sich unter den Hausgästen befinden. Inzwischen hat das Feuer den Arrow Mountain vollständig eingeschlossen und frisst sich die Hänge hinauf. Niemand kann flüchten. Den Feuertod vor Augen, führen Ellery und Richard Queen ihre Ermittlungen. und auch der Mörder lässt sich nicht davon abhalten, sein Werk fortzusetzen …

Unmöglicher Mord im Gruselkabinett

Als Kammerspiel mit begrenzter Darstellerzahl lassen sich die meisten klassischen Kriminalromane bezeichnen. Ist der Rahmen abgesteckt, arbeitet der Verfasser mit den vorgestellten Instrumenten. Der Leser kennt sie und kann quasi an der Seite des Detektivs ermitteln: So die Theorie, aber natürlich ist es der Ehrgeiz wohl jeden Schriftstellers, sein Publikum dennoch auf den letzten Seiten zu verblüffen. In der Regel erfährt man deshalb den Namen des Täters und die Erklärung seines Vorgehens gemeinsam mit den zum großen Finale in der Bibliothek oder einem anderen großen Raum zusammengerufenen Zeugen des stattgefundenen Dramas.

Ganz sicher trifft dies auf „Die siamesischen Zwillinge“ zu. Beim besten Willen ist es (fast) unmöglich zu erraten was in „Arrow Head“ vor sich geht. Gar zu verzwickt konstruieren die Vettern Dannay & Lee (die sich hinter dem Pseudonym „Ellery Queen“ verstecken) dieses Mal den Plot. Man nimmt es ihnen nicht übel, denn die Geschichte ist wirklich spannend: ein Krimi mit Zügen des zeitgenössischen Horrorfilms à la „Frankenstein“ (1931), „Die Insel des Dr. Moreau“ (1933) und natürlich „Freaks“ (1932), wo ebenfalls ein Paar siamesischer Zwillinge auftritt.

Dazu kommt mehr als ein Schuss Abenteuer-Dramatik. Die Spannung wird buchstäblich geschürt durch das große Feuer, das sich unaufhaltsam auf den Ort des Geschehens zufrisst. Als es das Haus erreicht, ist auch der Moment gekommen, in dem Ellery Queen das Mordrätsel löst. Nervenaufreibender kann es sicherlich nicht zugehen – und das Geschehen wirft ein bezeichnendes Licht auf unseren Detektiv, der selbst im Angesicht des eigenen Todes vom Ermitteln nicht lassen kann.

Die Queens im Einsatz

Ellery Queen ist außerhalb von New York an der frischen Luft des amerikanischen Nordostens wie ausgewechselt; ein handfester junger Mann, der zwar immer noch kopfstark und manchmal affektiert seinen kriminalistischen Ermittlungen nachgeht – die beiläufige Erwähnung entscheidender Fakten, die zum Unmut der Anwesenden im Moment der Wahrheit abgebrochen und auf einen späteren Zeitpunkt verschoben wird, scheint eine Berufskrankheit berühmter Meisterdetektive zu sein –, sich aber mutig zwischendurch in einen dichten Wald stürzt, um dort ein Feuer zu bekämpfen. Ansonsten lernen wir, dass Ellery recht gut betucht sein muss. Er fährt einen Luxuswagen und reiste kürzlich nach Florenz, wo er u. a. einen teuren Ring erwarb, der in dieser Geschichte eine entscheidende Rolle spielt.

Inspektor Richard Queen ist in dieser Geschichte nicht der knurrige Cop im Hintergrund, sondern eine echte Hauptperson. Vater und Sohn als Team ergänzen sich gut. Richard ist der hart arbeitende Polizist, Ellery hat die Geistesblitze. Verhaftet oder geschossen wird von Richard, sein Sohn erhält sich auf diese Weise den Nimbus des kriminalistischen Meisterhirns, das über schnöde polizeiliche Alltagsarbeit erhaben ist.

Die Bewohner von Arrow Head passen gut in die düstere und abweisende Gegend. Sie haben alle etwas zu verbergen. Sehr verdächtig wirkt noch nach seinem Tod Dr. Xavier, in dessen Labor die Queens wahrlich Schauerliches entdecken. Sehr gelungen ist ein ironischer Zug in der Geschichte: Ausgerechnet die siamesischen Zwillinge, die den Dreh- und Angelpunkt der Geheimnistuerei bilden, stellen sich ihrer bizarren Gestalt zum Trotz als freundliche und liebenswürdige Zeitgenossen heraus. Die „Freaks“ sind hier die ‚normalen‘ Menschen: ein nettes Detail am Rande eines ausgezeichneten Kriminalromans.

Autoren

Mehr als vier Jahrzehnte umspannt die Karriere der Vettern Frederic Dannay (alias Daniel Nathan, 1905-1982) und Manfred Bennington Lee (alias Manford Lepofsky, 1905-1971), die 1928 im Rahmen eines Wettbewerbs mit „The Roman Hat Mystery“ als Kriminalroman-Autoren debütierten. Dieses war auch das erste Abenteuer des Gentleman-Ermittlers Ellery Queen, dem noch 25 weitere folgen sollten.

Dabei half die Fähigkeit, die Leserschaft mit den damals beliebten, möglichst vertrackten Kriminalplots angenehm zu verwirren. Ein Schlüssel zum Erfolg war aber auch das Pseudonym. Ursprünglich hatten es Dannay und Lee erfunden, weil dies eine Bedingung des besagten Wettbewerbs war. Ohne Absicht hatten sie damit den Stein der Weisen gefunden: Das Publikum verinnerlichte sogleich die scheinbare Identität des ‚realen‘ Schriftstellers Ellery Queen mit dem Amateur-Detektiv Ellery Queen, der sich wiederum seinen Lebensunterhalt als Autor von Kriminalromanen verdient!

In den späteren Jahren verbarg das Markenzeichen Queen zudem, dass hinter den Kulissen zunehmend andere Verfasser tätig wurden. Lee wurde Anfang der 1960er Jahre schwer krank und litt an einer Schreibblockade, Dannay gingen allmählich die Ideen aus, während die Leser nach neuen Abenteuern verlangten. Daher wurden viele der neuen Romane unter der mehr oder weniger straffen Aufsicht der Cousins von Ghostwritern geschrieben.

Wer sich über Ellery Queen – den (fiktiven) Detektiv wie das (reale) Autoren-Duo – informieren möchte, stößt im Internet auf eine wahre Flut einschlägiger Websites, die ihrerseits eindrucksvoll vom Status dieses Krimihelden künden. Vielleicht die schönste findet sich hier: eine Fundgrube für alle möglichen und unmöglichen Queenarien. (So erfahren wir hier, dass jenes Automobil, welches den Queens im Einleitungskapitel von “Die siamesischen Zwillinge” so zuverlässig vor den Flammen herträgt, ein Luxusmodell der Marke „Duesenberg2 ist.) Sie ist zugleich elegant gestaltet, wie es einem Gentleman zukommt!

Anmerkung

„Chinesische Mandarinen“ gehört zu den Ellery Queen-Romanen, die nie eine adäquate, d. h. neu übersetzte Neuauflage erfuhren. Bis dies (hoffentlich) geschieht, sollte der Krimifreund auf die Ausgabe/n des Goldmann-Verlags zurückgreifen. Diese ist – keine Selbstverständlich auf dem deutschen Krimi-Buchmarkt der Vergangenheit – ungekürzt und die Übersetzung, obwohl schon tüchtig angejahrt, immer noch erstaunlich lesbar. Auch die (jüngere) Ullstein-Ausgabe stützt sich darauf, aber eine deutliche Differenz in der Seitenzahl deutet darauf hin, dass hier wieder einmal die Stümper-Schere angesetzt wurde.

Copyright © 2011/2017 by Michael Drewniok (md)

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Blut im Schuh

Die Zange

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sfbentry

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