Die Tote in der Bibliothek

Agatha Christie
Die Tote in der Bibliothek
(Miss-Marple-Serie, Bd. 2)

Originaltitel: The Body in the Library (London : William Collin’s Sons 1942/New York : Dodd, Mead & Co. 1942)
Deutschsprachige Erstausgabe (geb.): 1943 (Scherz Verlag)
Übersetzung: Anna Katharina Rehmann
208 S.
[keine ISBN]
Deutsche Erstausgabe: 1951 (Scherz Verlag/Die schwarzen Kriminalromane 41)
Übersetzung: Anna Katharina Rehmann
184 S.
[keine ISBN]
Neuausgabe (geb.): 2000 (Scherz Verlag)
Übersetzung: Barbara Heller
191 S.
ISBN-10: 3-502-11123-5
Neuausgabe: 2001 (Scherz Verlag/Scherz-Krimi 1802)
Übersetzung: Barbara Heller
191 S.
ISBN-10: 3-502-51802-5
Neuausgabe: 2004 (Fischer Verlag/Fischer TB 16538)
Übersetzung: Barbara Heller
191 S.
ISBN-13: 978-3-596-16538-4
Neuausgabe: September 2015 (Atlantik Verlag/TB Nr. 65005)
Übersetzung: Barbara Heller
204 S.
ISBN-13: 978-3-455-65005-1
eBook: September 2015 (Atlantik Verlag)
955 KB
ISBN-13: 978-3-455-17061-0

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Das geschieht:

Auf Gossington Hall, ihrem Landsitz unweit des Dorfes St. Mary Mead in der englischen Grafschaft Radfordshire, leben Colonel Arthur Bantry und Gattin Dolly vornehm und hoch angesehen in der örtlichen Gesellschaft. Deshalb ist der Schock groß, als in der Bibliothek des Hauses eine Leiche auftaucht: Ruby Keene alias Rosy Legge bestritt ihren Lebensunterhalt als Eintänzerin und war erst 18 Jahre alt, als man sie brutal erwürgte.

Colonel Bantry streitet jegliche Kenntnis dieser ‚Dame‘ ab. Um seinen Ruf zu retten, ist eine rasche Aufklärung des Falls erforderlich. Deshalb übernimmt Colonel Melchett, Polizeichef der Grafschaft sowie ein alter Freund der Familie, persönlich die Ermittlungen. Weil die Tote zuletzt im Hotel „Majestic“ in der Nachbargrafschaft Glenshire beschäftigt war, ist dort Superintendent Harper mit im Polizei-Boot. Zu ihnen stößt noch Sir Henry Clithering, ehemaliger Chief Superintendent von Scotland Yard.

Die Schar der Verdächtigen rekrutiert sich primär aus den Angehörigen der Familie Jefferson. Der alte Conway ist seit einem Flugzeugabsturz, der seine Gattin und beider Kinder das Leben kostete, ein Invalide. Schwiegersohn und Schwiegertochter sind bei ihm geblieben; dies nicht nur aus Mitleid, sondern auch, weil sie finanziell ruiniert sind und auf ein hübsches Erbe hoffen.

Conway hatte sich so vernarrt in die junge Rosy, dass er sie sogar adoptieren und ihr sein Vermögen vermachen wollte, was innerfamiliär auf wenig Zustimmung stieß. In der Tat wollten Rosy und ihre gierige Cousine Josephine Turner den Alten ausnehmen. Hat sich Conway trotz seiner Behinderung gerächt? Steckt ein enttäuschter Liebhaber hinter dem Mord? Wieso wird kurz darauf eine junge Pfadfinderin grausam umgebracht? Sir Henry erkennt, dass jemand dort hinter die Kulissen blicken muss, wohin die Polizei nicht vordringt, und schlägt eine alte Freundin vor: Jane Marple …

Unpassende Leiche an unpassendem Ort

1942 war der klassische englische Kriminalroman bereits in seinen Konventionen erstarrt. Agatha Christie, die ihn zwar nicht aus der Taufe gehoben aber entscheidend an seiner Entwicklung mitgewirkt hatte, wusste das als hochprofessionelle Unterhaltungsschriftstellerin genau, was sie in ihrem Vorwort zum hier vorgestellten Roman selbst zur Sprache bringt. Die Leiche in der Bibliothek erwähnt sie explizit als Plot-Klischee, was sie jedoch nicht gereizt habe, es zu meiden. Stattdessen wollte Christie ihren 31. Kriminalroman genauso beginnen lassen.

Eine schöne Geschichte, doch man muss bedenken, dass Christie wusste, was ihr Publikum hören wollte. Entweder fanden die Zeitgenossen die Umsetzung erheblich aufregender als ihre lesenden Nachfahren, oder Christie suchte und fand einfach einen Köder: Faktisch spielt es jedenfalls kaum eine Rolle, dass die unglückliche Rosy an genannter Stätte gefunden wird, zumal die Bibliothek von Gossington Hall alles andere als ein Ort stiller und hochgeistiger Lektüre ist: Herr und Herrin des Hauses sind keine Intellektuellen.

Wesentlich bedeutungsvoller ist aus zeitgenössischer Sicht die Tatsache, dass eine junge Frau aus dem ‚Gauklermilieu‘ = keine Dame ihr Ende unter dem Dach eines Mannes fand, der als Stütze der lokalen Gesellschaft betrachtet wird. Nicht der – ohnehin rasch zerstreute – Verdacht, ein Mörder zu sein, bringt den Colonel in Verruf, sondern sein scheinbar offensichtliches moralisches Fehlverhalten. Mehrfach bringt Christie zur Sprache, dass die Gesellschaft dies durch Ausgrenzung ahnden wird – ein Schicksal, das der Colonel mehr als den Henkersstrick fürchtet.

Kleine, traute, unbarmherzige Welt

St. Mary Mead: Hier spielte Christie durch, was die ländliche Idylle an Gemeinheiten bereithielt. Sie schrieb auch andere Kriminalromane, in denen gerade dort, wo man einander kennt und betont höflich zueinander ist, das Böse besonders prächtig wuchert. Christie hatte einen klaren Blick für Bigotterie und verkappte Grausamkeit, auch wenn sie natürlich selbst ein Kind ihrer Zeit war und entsprechende Vorurteile hegte. (Auf S. 31 beschwert sich eine junge Dame über die Zudringlichkeiten eines „widerlichen Mitteleuropäers“, der den Namen „Rosenberg“ trägt.)

In diesen mehrfach von Verbrechen heimgesuchten Mikrokosmos platziert Christie mit Jane Marple eine einerseits eindruckskongruente und andererseits über die Eindimensionalität ihrer Umgebung erhabene Ermittlerfigur. Marple ist eine „alte Jungfer“, was zu ihrer Zeit durchaus eine ehrenhafte Bezeichnung ist, weshalb das „Miss“ vor ihrem Namen quasi einen Titel darstellt. Gerade weil sie selbst niemals Ehefrau oder Mutter war, verfügt Miss Marple über die Muße, die Menschen um sie herum sehr genau zu beobachten. Da sie mit einem scharfen Verstand gesegnet ist, hat sie gelernt, ihre Schlüsse zu ziehen; „wissenschaftlich“ nennt Sir Henry Clithering – immerhin ein hoher Beamter von Scotland Yard! – offen bewundernd ihr Vorgehen.

Ihre Altjüngferlichkeit ist eine perfekte Tarnung. Man beachtet Miss Marple nicht, bis es zu spät ist – vor allem für den oder die Täter, deren Treiben im genretypischen Finale mit bemerkenswerter, an Unerbittlichkeit grenzender Präzision seziert und vorgeführt wird. Dabei verfügt sie über ein weit gespanntes Netzwerk, dessen sie sich mit dem Geschick einer freundlichen aber allzeit bereiten Spinne zu bedienen weiß.

Familie, Freunde, Feinde

„Die Tote in der Bibliothek“ ist nach „The Murder at the Vicarage“ (dt. „Mord im Pfarrhaus“) erst der zweite Roman mit Miss Marple in der Hauptrolle und zwölf Jahre später erschienen. Vor allem die handwerklichen Fortschritte sind erstaunlich; Christie war 1942 auf der Höhe ihrer Fähigkeiten. Dies erkennt man nicht nur an einem Roman, der sich praktisch von selbst liest, sondern – bei näherem Hinsehen – an einem ganz und gar nicht brillanten, sondern eher künstlich komplizierten Plot und einem Pool von Verdächtigen, die manchmal mechanisch im Spiel gehalten werden.

Dass dies kaum stört, liegt an der Meisterschaft, mit der sich die Autorin ihren Figuren widmet. Wie das Dorf gilt auch die Familie als sakrosankte Keimzelle einer ‚gesunden‘, funktionstüchtigen Gesellschaft. Einmal mehr ist dies eine Sehnsucht, ein Irrtum oder eine Wunschvorstellung, die unzählige Kriminalromane ihre Existenz verdanken. Man sollte vorsichtig damit sein, Leben und Werk miteinander zu verquicken, doch Christie hatte ihre persönlichen Erfahrungen machen und in ihren jungen Jahren viel privates Unglück überstehen müssen.

Die Jeffersons sind vorzüglich getroffen als liebevolle, geachtete Familie, deren Mitglieder Geheimnisse hüten, die diesem Bild ganz und gar nicht entsprechen. Christies Geschick besteht daran, nicht schlichte Bosheit oder Gier dafür verantwortlich zu machen. Tatsächlich sind die Jeffersons normale Menschen, die ihren Rollen nicht gerecht werden können, weshalb mit dem Finale zwar der Gerechtigkeit Genüge geschieht aber kein Happy-end für alle Beteiligten folgt. Stattdessen schließt Christie einen Epilog an, der weiterhin existierende Lesererwartungen in dieser Richtung ironisch konterkariert.

Witz mit Widerhaken

Überhaupt verbergen harmlose Formulierungen einen durchaus scharfen Witz, der über die übliche Darstellung geistesarmer Dienstmädchen, würdig-steifer Butler oder zerstreuter Landpfarrer deutlich hinausgeht:

[Miss Hartnell] war eine Frau, die sich unermüdlich um die Armen kümmerte, sosehr diese sich ihrer Fürsorge auch zu entziehen suchten.“ (S. 46)
[Colonell Bantry] ist aufs Gut hinausgefahren. Nach den Schweinen zu sehen und dergleichen beruhigt ihn immer, wenn er sich aufgeregt hat.“ (S. 52)
„Ein paar von den Jungen sind ständig um [Rosy] herumgestrichen, aber alles ganz harmlos. Nichts in Richtung Erwürgen, würde ich sagen.“ (S. 59)

Solche Einsprengsel sind das Salz in einer Suppe, die nicht grundlos viele Jahrzehnte nach ihrem Aufsetzen und ungeachtet des unzähligen Wiederaufwärmens weiterhin ausgezeichnet mundet!

Übrigens kehrt Miss Marple noch einmal nach Gossington Hall zurück, als sich dort viele Jahre später ein weiterer Mord ereignet. Diesen Fall erzählt Christie in „The Mirror Crack‘d“ (1962; dt. „Mord im Spiegel“).

„Die Tote in der Bibliothek“ im Fernsehen

1984 war Joan Hickson bereits 78 Jahre alt. Seit 1927 stand sie auf der Bühne, später folgten Filme und TV-Auftritte. Nun übernahm sie die Rolle der Miss Marple, die vor ihr fünfmal Margaret Rutherford gespielt und – zum Unwillen Agatha Christies, der ein gänzlich anderes Marple-Bild vorgeschwebt hatte – geprägt hatte. Hickson entsprach Christies Vorgaben eher, und auch sie konnte ihr Publikum gewinnen. „Die Tote in der Bibliothek“, einer TV-Mini-Serie in drei Teilen, folgten deshalb bis 1992 neun TV-Spielfilme.

2004 strahlte der englische Sender ITV die Serie „Agatha Christie’s Marple“ aus. Sie begann ebenfalls mit „Die Tote in der Bibliothek“. Geraldine McEwan spielte zwölfmal Miss Marple. 2009 übernahm Julia McKenzie die Rolle in weiteren elf Folgen.

Autorin

Agatha Miller wurde am 15. September 1890 in Torquay, England, geboren. Einer für die Zeit vor und nach 1900 typischen Kindheit und Jugend folgte 1914 die Hochzeit mit Colonel Archibald Christie, einem schneidigen Piloten der Königlichen Luftwaffe. Diese Ehe brachte eine Tochter, Rosalind, aber sonst wenig Gutes hervor, da der Colonel seinen Hang zur Untreue nie unter Kontrolle bekam. 1928 folgte die Scheidung.

Da hatte Agatha (die den Nachnamen des Ex-Gatten nie ablegte, da sie inzwischen als „Agatha Christie“ berühmt geworden war) ihre beispiellose Schriftstellerkarriere bereits gestartet. 1920 veröffentlichte sie mit „The Mysterious Affair at Styles“ (dt. „Das fehlende Glied in der Kette“) ihren ersten Roman, dem sie in den nächsten fünfeinhalb Jahrzehnten 79 weitere Bücher folgen ließ, von denen die Krimis mit Hercule Poirot und Miss Marple weltweite Bestseller wurden.

Ein eigenes Kapitel, das an dieser Stelle nicht vertieft werden kann, bilden die zahlreichen Kino und TV Filme, die auf Agatha Christie Vorlagen basieren. Sie belegen das außerordentliche handwerkliche Geschick einer Autorin, die den Geschmack eines breiten Publikums über Jahrzehnte zielgerade treffen konnte (und sich auch nicht zu schade war, unter dem Pseudonym Mary Westmacott sechs romantische Schnulzen zu schreiben).

Mit ihrem zweiten Gatten, dem Archäologen Sir Max Mallowan, unternahm Christie zahlreiche Reisen durch den Orient, nahm an Ausgrabungen teil und schrieb auch darüber. 1971 wurde sie geadelt. Dame Agatha Christie starb am 12. Januar 1976 als bekannteste Krimi Schriftstellerin der Welt. (Wer mehr über Leben und Werk der A. C. erfahren möchte, wende sich hierher.)

Copyright © 2017 by Michael Drewniok (md)

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