Die Treppe des Königs

Carter Dickson (= John Dickson Carr)
Die Treppe des Königs

(Sir-Henri-Merrivale-Serie, Bd. 2)

Originaltitel: The White Priory Murders (New York : William Morrow 1934/London : Heinemann 1935)
Deutschsprachige Erstausgabe: 1940 (Albert Müller Verlag/A. M. Auswahl – Die besten Kriminalromane 1)
Übersetzung: Heinz Zürcher
238 Seiten
[keine ISBN]

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Das geschieht:

James Bennett lernt auf einer Reise nach Europa die Filmschauspielerin Marcia Tate und ihren treu ergebenen Hofstaat kennen. In London will Marcia auch auf der Theaterbühne endlich triumphieren. Maurice Bohun, eigentlich Dozent in Oxford, hat ihr ein Stück auf den Leib geschrieben, Lord Canifest, der reiche Verleger, will es finanzieren, Maurices Bruder John Regie führen. An Marcias Seite wird der Theater-Star Jervis Willard auftreten. Ebenfalls an Bord sind Carl Rainger, ein Hollywood-Regisseur, und Tim Emery, der Pressechef des Studios, das Marcia vertragswidrig verlassen hat, um nach England zu gehen. Sie wollen ‚ihren‘ Star unbedingt in die USA zurücklocken, um die eigenen Karrieren zu retten.

Für das anstehende Weihnachtsfest laden die Bohun-Brüder auf den Landsitz White Priory in der englischen Grafschaft Surrey ein. Dort zieht Marcia in den „Pavillon des Königs“, ein separates Bauwerk, das König Karl II. in der zweiten Hälfte des 17. Jh. an gut versteckter Stelle für eine seine Mätressen einrichten ließ. Schon in der ersten Nacht wird Marcia dort mit eingeschlagenem Schädel von John Bohun und dem just eingetroffenen Bennett gefunden. Zum Pavillon und wieder zurück führen nur ihre Fußspuren durch den Schnee, was John zunächst zum Hauptverdächtigen macht.

Doch White Priory ist – s. o. – derzeit bevölkert von Menschen, die Marcia Tate ausgiebig hassten. Zu ihnen gesellen sich noch Katherine, Johns und Maurices unterdrückte Nichte, und Louise Carewe, Lord Canifests Tochter, die von gewissen Absichten ihres Vaters wusste. Aber Marcia ist bereits verheiratet, woraufhin Canifest als Mäzen aussteigt und in London bleibt. Ansonsten sind alle ohne überzeugende Alibis in White Priory. Oberinspektor Masters und Inspektor Potter verfangen sich in einem Netz widersprüchlicher Aussagen und obskurer Indizien, bis sie in ihrer Not einen ebenso exzentrischen wie genialen Beamten des Kriegsministeriums rufen: Sir Stanley Merrivale ist Bennetts Neffe und ein begeisterter Privatdetektiv, der sich gern nach Surrey locken lässt …

Klassisch bis hart an die Grenze zur Parodie

Der „Whodunit“ ist im Laufe der Literaturgeschichte (mindestens) ebenso geliebt wie verdammt worden. Unter denen, die ihrem Ärger Luft machten, gehörten immerhin einschlägige Koryphäen wie Raymond Chandler, für den in der „Hall of Fame“ der Krimi-Autoren nicht nur ein eigener Raum, sondern ein ganzer Saal eingerichtet wurde. Worüber er zürnte, ist kurioserweise exakt das, wonach der eifrige Leser des Rätselkrimis süchtig ist: Er (und natürlich auch oder gerade sie) lieben die höchstens sanft variierte Mischung ständig gleicher Orte, Figuren und Tathergänge, die – das ist wichtig – am besten ein gutes Stück jenseits der rauen Realität platziert werden.

Raymond Chandler und John Dickson Carr waren Zeitgenossen und 1940 beide gut im Geschäft. Noch konnte sich der „Whodunit“ problemlos gegen den „Hartboiled“-Krimi behaupten. Womöglich waren die Zeitumstände sogar auf Carrs Seite. Im zweiten Jahr des II. Weltkriegs herrschte ein Bedürfnis nach ‚friedlicher‘ Mord-&-Totschlag-Lektüre.

Einen isolierteren Ort als White Priory im Monat Dezember kann man sich jedenfalls kaum vorstellen. Nicht nur die räumliche Entfernung zur Zivilisation ist beträchtlich. Grundstück und Haus wirken darüber hinaus wie aus der Gegenwart gefallen. Hier herrscht noch der Geist von König Karl II., der von 1660 bis 1685 England regierte. Autor Carr liebte solche mit Geschichte/n aufgeladenen Stätten. Er schuf sie notfalls aber gern selbst und schwelgte dabei in düsteren, pittoresken, angeblich und trügerisch ‚wahren‘, in die echte Vergangenheit eingeknüpften Anekdoten.

Streng aber unterhaltsam nach Vorschrift

In einem Punkt machte der Meister jedoch keine Kompromisse: Zwar scheint es in White Priory umzugehen, doch ‚echte‘ Gespenster duldete Carr nicht. Hier hielt er sich streng an jene Regeln, die Kollegen wie S. S. van Dine (1888-1939) oder Ronald A. Knox (1888-1957) fixiert hatten. Der Spieltrieb kannte Grenzen. Verachtung häufte jeder Autor auf sein Haupt, der das entworfene Krimi-Rätsel nur mit übernatürlicher Hilfe oder wundertütig präsentierten Last-Minute-‚Überraschungen‘ lösen konnte. Der Leser verlangte, in die Ermittlungen eingebunden zu werden. Die Bewohner von White Priory sind daher identisch mit dem Kreis der Verdächtigen, aus denen der Detektiv den Täter destillieren wird.

„Die Treppe des Königs“ ist als „Whodunit“ so vorbildlich geraten, dass es den eher nach ‚Action‘ dürstenden Leser irritieren dürfte: Die Lage noch jedes abgebrannten Streichholzes wird eingehend beschrieben und ausführlich diskutiert. Zwar ergeben die Indizien eine Spur, die zum Täter führt, doch sie lassen sich in differierenden Reihenfolgen ordnen, was die Rekonstruktion mehrerer Tathergänge ermöglicht. Folgerichtig geraten gleich mehrere Figuren nacheinander in Mordverdacht, weil die aktuelle Deutung auf ihre Täterschaft hindeutet.

Der erfahrene Leser lässt sich dadurch nicht täuschen. Er weiß, dass erst im „Großen Finale“ alle Masken fallen werden und der Detektiv Klartext sprechen wird. Dennoch ist es eine Ehrensache, dass der Autor schon im frühen Stadium der Handlung die oben skizzierte Einheit von Indizien und Deutungslogik wahrt.

Das Böse wird zum Spiel

Auf halber Strecke fasst Detektiv Merrivale in Vertretung des Verfassers die Lage für den Leser hilfreich zusammen: „Mit Nummer eins – vorgetäuschter Selbstmord – ist es diesmal nichts. Niemand würde es einfallen, einen Selbstmord vorzutäuschen, indem er einer Frau den Kopf einschlägt … Bei Nummer zwei handelt es sich um das ‚angebliche Gespenst‘, das heißt, jemand will den Anschein erwecken, als seien bei einem Mord übernatürliche Kräfte im Spiel. Kommt selten vor und ist unter allen Umständen mit großem Risiko verbunden …“ (S. 134)

Nummer drei ist die von Merrivale so genannte „unmögliche Situation“. Sie wird zum Dreh- und Angelpunkt der Deutung. Fest steht als Tatsache, dass nur zwei Spuren durch den Schnee zum Tatort führen. Carr macht es sich hier absichtlich und zur Freude seiner Leser schwer, indem er jede Erklärung – unterirdische Geheimgänge, Stelzen etc. selbst zur Sprache bringt und ausdrücklich ausklammert. Die „unmögliche Situation“ bestimmt die Handlung. Selbst wenn sie zeitweilig in den Hintergrund gerät, beschäftigt sie den Leser, der den Ermittlungen folgt und immer ungeduldiger darauf wartet, wie Carr das Mysterium löst.

Dieses Vergnügen wird dadurch geschürt, dass der Verfasser dem Leser stets einen Schritt voraus ist, um diesem dann Zeit zu geben aufzuschließen. Orte und Alibis werden so exakt beschrieben bzw. zeitlich eingegrenzt, dass es möglich wäre, eine entsprechende Liste anzulegen. Dennoch gibt es Lücken – muss es Lücken geben, da Merrivale (und somit Carr) im Finale wieder einmal das letzte Wort behält.

Alle sind irgendwie verdächtig

White Priory wird genretypisch von einer bunten Schar unterschiedlichster Charaktere bevölkert, die sich höchstens als Mordverdächtige unter einen Hut bringen lassen. Sie alle hüten Geheimnisse, die nach und nach gelüftet werden, dabei der Verschiebung der Deutung dienen und die Handlung in Schwung halten. In der Regel handelt es sich um falsche Spuren und Sackgassen, wie sie zu jeder Ermittlung gehören. Hier helfen sie Carr zusätzlich, den Leser zu täuschen, denn irgendwo in dem Faktenwust verbergen sich die fallrelevanten Informationen.

Obwohl wir die mondäne Marcia Tate nie als Figur, sondern nur als Leiche und als Objekt von Erinnerungen kennenlernen, ist sie jederzeit präsent. Ihr Wesen wird zum Schlüssel, denn während der Tathergang unmittelbar mit dem Tatort White Priory verbunden ist, wurde das Motiv quasi importiert. Marcia hat in der Vergangenheit die Lebenswege aller Anwesenden gekreuzt. Als ‚typischer‘ Schauspiel-Star mit allen zeitgenössischen Klischees ausgestattet, weckte ihre unkontrollierte und damit gefährliche Lebenslust Gefühle, die solange unterdrückt wurden, bis sie sich endlich gewaltsam entluden.

Mann, Detektiv und Naturereignis

Die biedere englische Polizei und dieses Mal sogar Scotland Yard ist mit solcher Leidenschaft überfordert. Deshalb kehrt Merrivale in die Handlung zurück, welcher er zuvor nur auf den ersten Seiten einen Besuch abgestattet hatte. Wiederum folgt Carr der Rätselkrimi-Konvention: Der Detektiv ist allwissend und muss sich der Handlung deshalb lange fernhalten, da er ihr sonst die Spannung nehmen würde.

Als Merrivale dann die Szene betritt, reißt er die Handlung tatsächlich an sich. Glücklicherweise ist er wie die meisten Meisterhirne sehr von sich eingenommen und geizt mit Informationen. Stattdessen ergeht er sich in Andeutungen und wirft den polizeilich geschulten aber deshalb mit Scheuklappen arbeitenden Ermittlern Unfähigkeit vor.

Merrivale ist damit nicht nur im Geiste ein Bruder der beiden anderen Serien-Detektive, die John Dickson Carr schuf. Henri Bencolin ist freilich kälter, Gideon Fell (trügerisch) jovialer. Alle sind sie jedoch von imposanter Gestalt und scheren sich nicht um Konventionen, die einen großen Geist nur einschränken. In einer ansonsten stark auf Vorschriften und Regeln ausgerichteten Ära kommen sie damit durch, weil sie nicht nur dreist, sondern erfolgreich sind.

Ein in Deutschland vergessener Klassiker

Mit „Die Treppe des Königs“ erleben wir John Dickson Carr in Hochform. Die in früheren Romanen noch deutlichen formalen und inhaltlichen Schwächen hat er in den Griff bekommen. Deshalb muss man die durchweg übertriebene Schilderung der weiblichen Figuren, die ständig am Rande der Hysterie agieren und zur Ohnmacht neigen, als zeitgenössisches Übel akzeptieren.

In den 1930er Jahren sprühte Carr vor Ideen und Arbeitseifer. Eigentlich sollten Sir Henry (nicht Stanley; s. u.) Merrivales Abenteuer von seinem ‚Stammverleger‘ Harper & Brothers veröffentlicht werden. Dort publizierte Carr bereits zwei Romane jährlich. Harper fürchtete ein Überangebot und lehnte ab. Carr ging zur Konkurrenz und legte sich ein Pseudonym zu: Für „The Plague Court Murders“, Merrivales Debüt-Auftritt, zeichnete (ebenfalls 1934) ein gewisser „Carter Dickson“ verantwortlich. (Carr fand dies wenig originell, fand sich jedoch damit ab.)

In Deutschland ist nie eine Übersetzung von „The White Priory Murders“ erschienen. Im Kriegsjahr 1940 erschien „Die Treppe des Königs“ in der Schweiz und wurde dort 1946 neu aufgelegt. Dass nicht einmal diese angejahrte aber noch immer wunderbar lesbare Übersetzung nie mehr veröffentlicht wurde, ist rätselhaft und eine Schande. Außerdem stellt es den Leser, der diesen mit Recht von der (angelsächsischen) Kritik hoch gelobten Kriminalroman lesen möchte, vor echte Probleme, denn nicht einmal antiquarisch ist er einfach zu finden. „Die Treppe des Königs“ bleibt daher ein Unikum: spannend, gruselig & witzig aber beinahe spurlos verschwunden.

Anmerkung

In der ersten und bisher einzigen deutschsprachigen Ausgabe wurde Merrivale der Vorname „Stanley“ gegeben. Dies scheint nur deshalb geschehen zu sein, um ein Wortspiel des Originals zu retten: Autor Carr kreierte für den pompös auftretenden Merrivale den Spitznamen „H. M.“ (= „His Majesty“). Daraus konnte nun „S. M.“ (= „Seine Majestät“) werden.

Autor

John Dickson Carr (1906-1977), der so wunderbare englische Kriminalromane schrieb, wurde im US-Staat Pennsylvania geboren. Europa hatte es ihm sofort angetan, als er 1927 als Student nach Paris kam. Carrs lebenslange Faszination richtete sich auf alte Städte, verfallene Schlösser, verwunschene Plätze. Die fand er nicht nur in Frankreich, sondern auch in Deutschland und Großbritannien, die von ihm eifrig bereist wurden.

1933 siedelte sich Carr in England an, wo er bis 1965 blieb. Volker Neuhaus weist in seinem Nachwort zur „Die schottische Selbstmordserie“ (DuMont’s Kriminal-Bibliothek Bd. 1018) darauf hin, dass seine Kriminalromane so lebendig und scharf konturiert wirken, weil hier ein Fremder seine neue Heimat erst entdecken musste und ihm dabei Dinge auffielen, die den Einheimischen längst zur Selbstverständlichkeit geworden waren.

Carr fand schnell die Resonanz, die sich ein Schriftsteller wünscht. Ihm kam dabei zugute, dass er nicht nur gut, sondern auch schnell arbeitete. Obwohl ihm kein ausgesprochen langes Leben vergönnt war, verfasste Carr ungefähr 90 Romane – übrigens nicht nur Thriller. Seine Biografie des Sherlock-Holmes-Vaters Arthur Conan Doyle wurde 1950 sogar mit einem Preis ausgezeichnet. Da hatte man ihn bereits in den erlesenen „Detection Club“ zu London aufgenommen, wo er an der Seite von Agatha Christie, G. K. Chesterton (der übrigens das Vorbild für Gideon Fell wurde) oder Dorothy L. Sayers thronte. 1970 zeichneten die „Mystery Writers of America“ Carr mit einem „Grand Master“ aus; die höchste Auszeichnung, die in der angelsächsischen Krimiwelt vergeben wird.

Zu John Dickson Carrs Leben und Werk gibt es eine Unzahl oft sehr schöner und informativer Websites; an dieser Stelle sei daher nur auf diese verwiesen, die diesem Rezensenten ganz besonders gut gefallen hat.

Copyright © 2013/2017 by Michael Drewniok (md)

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