Die zwei Hörner des Rhinozeros

David Quammen
Die zwei Hörner des Rhinozeros
Kuriose und andere Geschichten vom Verhältnis des Menschen zur Natur

Originaltitel: The Boilerplate Rhino. Nature in the Eye of the Beholder (New York : Scribner/Simon & Schuster Inc. 2000)
Übersetzung: Ulrich Enderwitz
Deutsche Erstausgabe (geb.): 2001 (Claassen Verlag)
382 S.
ISBN-10: 3-546-00241-5
Neuausgabe: Januar 2004 (List Verlag/TB Nr. 60382)
382 S.
ISBN-13: 978-3-548-60382-7

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Dumme Fragen gibt es nicht

David Quammen ist – er stellt es mehr als einmal fest – kein Naturwissenschaftler, sondern ein Autodidakt, der zum Wissenschaftsjournalisten wurde. Weil er quasi beruflich gezwungen ist, sich rasch in immer wieder neue Themengebiete einzuarbeiten, blieb ihm der Tunnelblick des Spezialisten erspart. Quammen interessiert sich für viele Dinge und nähert sich ihnen unbefangen. Er recherchiert, er fragt Fachleute, er kleidet seine Erkenntnisse in allgemein verständliche Worte. Furcht vor Wissenslücken kennt er nicht, und er weiß, dass er stets an der Oberfläche bleibt und bleiben muss, weil die Leser der Kolumnen, die er fünfzehn Jahre für das Magazin „Outside“ verfasste, wissenschaftliche Laien waren, die informiert und unterhalten werden wollten.

Beides gelingt Quammen vorzüglich. Er ist Journalist und Schriftsteller, wobei die Reihenfolge permanent wechselt. Vor allem imponiert jedoch die untrügliche Sicherheit, mit der er die ‚richtigen‘, d. h. interessanten Fragen stellt: Fallen stürzende Katzen wirklich immer auf die Füße? (Ja.) Wieso ist das so? Bis zu welcher ‚Flughöhe‘ funktioniert das? Wie schmecken am Stück gekochte Riesenfledermäuse? (Fürchterlich!) Warum isst man sie auf Guam trotzdem? Wieso fürchten sich Menschen vor Spinnen? Wieso fürchten sie sich vor Schlangen? Wieso fürchten sich manche zwar vor Spinnen, aber nicht vor Schlangen? Oder umgekehrt? Oder weder noch?

Kleine Kinder stellen solche Fragen. Werden sie erwachsen, verlernen sie es leider meist. Die ‚wichtigen‘ Dinge des Lebens ersetzen die sich selbst genügende Neugier; der Alltag holt sie ein. Glücklicherweise ist dieses Interesse oft nur verschüttet. Wenn man wissbegierigen Normalsterblichen nicht gar zu wissenschaftlich, d. h. vergeistigt oder gar arrogant daherkommt, lassen sie sich gern mit Fakten konfrontieren; „Galileo“ u. a. Doku-Magazine fahren im Fernsehen nicht umsonst solide Quoten ein.

Das Spiel mit dem Wissen

Doch mit „Die zwei Hörner des Rhinozeros“ geht Quammen weiter als diese meist dem Spektakulären und Oberflächlichen verhafteten ‚Dokumentationen‘. Er stellt uns komplexe Fakten nicht nur verständlich vor, sondern interpretiert sie, spielt mit ihnen, verheddert sich vorsätzlich und geradezu lustvoll in ihren Schlingen. Eine Reise in das versunkene Muskatnuss-Imperium der Niederländer ist an sich schon faszinierend. Der Verfasser stellt sich (und uns) nun die Frage, ob die Tatsache, dass es den Niederländern trotz oft kriegerischer Bemühungen nie gelang, die Verbreitung der Muskatnuss zu verhindern, mitverantwortlich für den Untergang ihres asiatischen Kolonialreiches sein könnte. Das untermauert er mit Informationen, die diese These stützen können aber nicht müssen. Verblüffend ist es allemal, dass Muskatsamen fressende Inseltauben die Nuss unaufhaltsam auch dort verbreitet haben, wo die böse Konkurrenz aus England oder Portugal das Sagen hatte: Ein Kapitel Weltgeschichte wurde womöglich mit Vogelmist geschrieben …

Solche Querverweise sind durchaus nicht aus der Luft gegriffen. Das Rhinozeros mit den zwei Hörnern, das diesem Buch seinen Titel gab, wurde 1515 vom berühmten Künstler Albrecht Dürer porträtiert. Er hat das Tier selbst wohl nie gesehen, sondern es nach Schilderungen und Berichten gezeichnet. Trotzdem – oder gerade deshalb – wurde sein Werk im gesamten Abendland zum grafischen Synonym für „Nashorn“. Wie dies vonstattenging, ist eine spannende Lektion darüber, wie der Mensch die Natur sieht – ein Prozess, der völlig unabhängig von der Realität ablaufen kann und verrät, wie das Hirn funktioniert.

Immer kommt Quammen vom Hundertsten ins Tausendste. Unbekümmert mischt er Zitate aus uralten und aktuellen Reiseberichten, wissenschaftlichen Aufsätzen, Interviews, Zeitungsartikeln, TV-Sendungen. Jede Informationsquelle ist ihm Recht, obwohl er Fakten durchaus nachprüft. Immer wieder dienen ihm auch eigene Erlebnisse als Ausgangspunkte für Expeditionen in das nur scheinbar Offensichtliche. Glücklicherweise führt sein Job Quammen fast routinemäßig in die entlegenen Winkel dieser Erde, sodass ihm der Stoff nie ausgeht.

Fragmente oder Mosaiksteinchen?

„Die zwei Hörner des Rhinozeros“ mutet thematisch wie eine Collage an. Diesen Eindruck will der Autor tatsächlich erreichen. In seinem Vorwort stellt er klar, dass er zwar aus vielen vorliegenden Kolumnentexten ausgewählt hat, dabei jedoch keinen roten Faden knüpfen wollte. Zusammenhänge gibt es; Quammen sind sie selbst und manchmal zum ersten Mal aufgefallen, als er diesen Band zusammenstellte. Er ist auch darüber angemessen erstaunt.

Der Verfasser nimmt weiterhin durch seine erfrischend sachliche Sicht der Natur ein. Seine Schilderungen muten hier und da poetisch an, verlieren sich jedoch weder in rührseligen Lobliedern auf angebliche Paradiese noch in wehmütigen Klagen über den permanenten Störfaktor Mensch. Stets präsent bleibt Quammens trockener Humor, der wohl auch recht nützlich ist, wenn man mit den Augen die Eskapaden ätherischer Leuchtkäfer verfolgt, während einem mit Blutegeln und anderem Getier angereichertes Urwaldwasser in den Stiefeln schwappt.

Autor

David Quammen (geboren 1948) studierte Literatur in Yale und Oxford. Für seine zahlreichen naturwissenschaftsjournalistischen Essays wurde er vielfach ausgezeichnet. Gleich zweimal erhielt er u. a. den „National Magazine Award“ für seine „Outside“-Texte.

In der zweiten Hälfte der 1990er Jahre verlegte sich Quammen mit womöglich noch größerem Erfolg auf das Verfassen von Sachbüchern. „The Song of the Dodo“ (dt. „Der Gesang des Dodo“) wurde mit literarischen Preisen überhäuft und von der New York Times zum besten Sachbuch des Jahres 1997 gekürt. „Monster of God“ (dt. „Das Lächeln des Tigers“) beschäftigt sich mit dem Verhältnis des Menschen zu jenen Tieren, die ihn schon immer zum Fressen gern hatten. Aktuellere Werke sind „The Reluctant Mr. Darwin: An Intimate Portrait of Charles Darwin and the Making of His Theory of Evolution“ (2007; „Charles Darwin: Der große Naturforscher und seine Theorie der Evolution“) oder „Spillover: Animal Infections and the Next Human Pandemic“ (2012; „Spillover: Der tierische Ursprung weltweiter Seuchen“); sie unterstreichen die thematische Bandbreite ihres Verfassers.

David Quammen lebt in Bozeman, US-Staat Montana. Über seine Werke berichtet er ausführlich auf dieser Website.

Copyright © 2016 by Michael Drewniok (md)

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