Ein Dolch für die Braut

Michael Collins
Ein Dolch für die Braut

(Dan-Fortune-Serie, Bd. 2)

Originaltitel: The Brass Rainbow (New York : Dodd, Mead & Company 1969)
Übersetzung: Edith Massmann
Deutsche Erstveröffentlichung: 1970 (Ullstein Verlag/Ullstein-Krimi 1317)
159 S.
[keine ISBN]
Neuausgabe als Dreifachband (unter dem Titel „Drei Fälle für Dan Fortune“): 1988 (Ullstein Verlag/Ullstein Krimi 10391)
ISBN-13: 978-3-548-10391-4

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Das geschieht:

Spieler Sammy Weiss ist ein Loser, der momentan so tief in den Klemme steckt, dass er einen alten Bekannten, den Privatdetektiv Dan Fortune, für ein Alibi bezahlen will: Weiss wollte den einflussreichen Finanzmogul Jonathan Ames Radford III. zwingen, 25000 Dollar herauszurücken, die sein spielsüchtiger Neffe Walter beim Pokern verloren hatte. Der Onkel weigerte sich, Weiss verlor die Nerven und schlug zu. Radford ging zu Boden. Weiss geriet in Panik; er fürchtet, dass der wütende Radford ihm die Polizei auf den Hals hetzen wird.

Die ist tatsächlich hinter Weiss her, der untertauchte, nachdem Fortune ihm die gekaufte Lüge verweigerte: Radford wurde mit einem Dolch im Herzen in seinem Arbeitszimmer entdeckt, 25000 Dollar Bargeld sind verschwunden. Weiss ist der Hauptverdächtige. Ausgerechnet das weckt Fortunes Misstrauen. Er kann sich Weiss nicht als Mörder, sehr gut aber als Sündenbock vorstellen.

Rasch muss Fortune feststellen, dass die Familie Radford Schnüffler nicht schätzt. Sie hat gute Verbindungen zur Führungsspitze der New Yorker Polizei. Glücklicherweise hat Fortune Captain Gazzo auf seiner Seite, der ihm ein wenig Handlungsspielraum lässt. Die Unterwelt ist weniger tolerant: Erst stößt man Fortune vor eine einlaufende U-Bahn, später entführt man ihn und wirft ihn – mit Drogen vollgepumpt – der Polizei als Fixer vor.

Fortune wird durch diese rüde Behandlung in seinem Eifer noch bestärkt. Er hat sich mit dem skrupellosen Gangsterboss Paul Baron angelegt, dessen Spezialität es ist, reiche aber auf Diskretion bedachte Herren in zweideutige Situationen zu bringen und zu erpressen. Womöglich geht es gar nicht um Spielschulden, was auch Agnes Moore, die heimliche Geliebte des verstorbenen Jonathan, vermutet. Fortune folgt dieser neuen Fährte, die für ihn bald in einer tödlichen Sackgasse zu enden droht …

„Mord ist wie ein Berg, er ist einfach da.“

Kurz und prägnant fasst Dan Fortune zusammen, was ihn antreibt. Autor Michael Collins spielt auf die berühmte Antwort an, die Bergsteiger George Mallory (1886-1924) auf die Frage gab, wieso er den Mount Everest besteigen wolle. Die Herausforderung sorgt für den notwendigen Antrieb. Für Dan Fortune liegt sie in der Bestimmung, einen Mord zu klären, den die Polizei bereits für geklärt hält. Fortune darf weder Begeisterung noch Unterstützung erwarten; selbst Sammy Weiss, für den er die einzige Hoffnung auf Rettung darstellt, muss er zur Hilfe zwingen.

Da die Hüter der Gerechtigkeit unterbezahlt und überarbeitet oder ausgebrannt und zynisch geworden sind, geben sie sich mit der einfachen Erklärung zufrieden. Weiss ist zudem kein sympathischer Zeitgenosse – ein hässlicher Verlierer und kleiner Gauner, der verachtet und ausgelacht wird. Niemand trauert Weiss hinterher, auch Fortune kann ihn nicht leiden. Genau daraus resultiert die eine Hälfte seines Entschlusses, in Sachen Weiss Nachforschungen anzustellen.

Die andere Hälfte wurzelt in Fortunes Weltsicht. Er hat erfahren, dass der amerikanische Traum meist eine Illusion bleibt, und Ursachenforschung betrieben. Hier erweist sich Michael Collins als gewissenhafter Jünger von Kenneth Millar, der als Ross MacDonald (1915-1983) psychoanalytische und sozialkritische Elemente in seine Serie um den Privatdetektiv Lew Archer (18 Bände zwischen 1949 und 1976) einfließen ließ. „Ein Dolch für die Braut“ ist ausdrücklich Millar gewidmet.

Ein Ritter für moderne Zeiten

„Ich habe keinen Status zu verteidigen und kein Geld zu verlieren. Ich habe eine Menge Annehmlichkeiten und Genüsse hergeben müssen, um diesen Trumpf zu besitzen. Aber in einer von Geld regierten Gesellschaft kann man nur mit oder vom Geld unabhängig sein. Dazwischen gibt’s nichts, dazwischen sitzt man ewig unter Druck.“ (S. 21)

Die Unabhängigkeit ist Fortunes wertvollster Besitz. Er zahlt einen hohen Preis dafür, bekommt aber seine persönliche Belohnung: „Weiss war frei, Agnes Moore schuldete mir ein bisschen Geld, und mein Mädchen, Marty, würde bald aus Philadelphia zurückkommen. Ich fühlte mich großartig.“ (S. 159). Mehr verlangt Fortune nicht vom Leben in dieser harten Welt.

Vor allem macht er sich nicht verrückt, dass die eigentlichen Schuldigen straflos davonkommen werden. Er hat immerhin ihre Pläne vereiteln können, was diese furchtbar schmerzt: Ein Niemand aus dem Fußvolk, deren anonyme Mitglieder sie üblicherweise für ein paar Dollar für Dienst- und Drecksarbeiten zu kaufen pflegen, hat sie vorgeführt.

Die Radfords sind eine schrecklich vornehme Familie. Bald wird deutlich, dass sie vor allem schrecklich sind. Dass hinter ehrbaren Fassaden moralische Fäulnis wuchert, ist nicht nur im Krimi zum Gemeinplatz geworden. Fern der üblichen Klischees und als einer der ersten Autoren, die dem konsequent auf den Grund gehen, spricht Collins deutliche Worte über eine High Society, deren Angehörige problemlos über Leichen gehen.

Ein ganzer Mann mit einem Arm

Seinem Helden einen Arm zu nehmen, war Michael Collins‘ genialer Einfall. Aus einem gerechtigkeitsliebenden aber x-beliebigen Detektiv wurde eine Persönlichkeit. Fortune ist kein Ritter, der sich furchtlos in den Kampf mit der Ungerechtigkeit stürzt. Seine körperliche Schwäche verbietet es ihm. Collins verdeutlicht es in Szenen wie dieser: Fortune will die Polizei alarmieren, während er einen Verdächtigen in Schach hält. Doch wie soll er mit nur einer Hand Telefonhörer und Waffe gleichzeitig meistern?

Statt zu kämpfen muss Fortune taktieren. Gleichzeitig unterschätzen ihn seine Gegner. Fortune besitzt große Menschenkenntnis. Sein Hang zur Redlichkeit lässt ihn auch dort durchhalten, wo der Verstand zur Aufgabe rät. Diese innere Kraft resultiert aus jenem Vorfall, der ihm den Arm verlieren ließ. Aus Daniel Fortunowski, dem kleinen Gauner, wurde ein Mann, der den Preis des Verbrechens kennengelernt hatte.

Arm aber unbestechlich ist er das Spiegelbild und ein Stachel im Fleisch derer, die über solche Stärke nicht verfügen. Die Radfords wollen ihn schmieren, die Polizei will ihn einsperren, die Unterwelt umbringen. Unerschütterlich setzt er seine Ermittlung fort. Das dauert nur 160 eng bedruckte Seiten, auf denen sich der Verfasser niemals eine Pause gestattet. Die Geschwätzigkeit des modernen Seifenoper-Krimis ist Collins gänzlich fremd. Seine Geschichte ist schnell, der Ton lakonisch und melancholisch, ohne ins Larmoyante oder gar Zynische umzuschlagen. 1969 ist dieses Buch erschienen aber zeitlos spannend geblieben. Das ist selten und dem Leser ein Ansporn, nach weiteren Fällen von Dan Fortune Ausschau zu halten!

Autor

Michael Collins ist eines von zahlreichen Pseudonymen, unter denen Dennis Lynds mehr als 60 Romane und unzählige Kurzgeschichten schrieb. Geboren wurde Lynds am 15. Januar 1924 in St. Louis, Missouri, als Sohn von Schauspielern, die in ihre englische Heimat zurückkehrten. Bis 1930 wuchs er in Oxford und London auf, bevor seine Eltern erneut in die Vereinigten Staaten gingen, wo Lynds Chemie und Journalismus studierte. In beiden Fächern schloss er ab. Anschließend diente er in der US-Infanterie und kämpfte im II. Weltkrieg in Europa.

Mehrfach für Tapferkeit ausgezeichnet, arbeitete Lynds nach Kriegsende als Chemiker. Nebenbei schrieb er für diverse Magazine, wobei er sich erst 1962 auf das Genre Krimi spezialisierte. Um seinen enormen Ausstoß zu ‚tarnen‘, legte sich Lynds diverse Künstlernamen zu. Auch als Ghostwriter war er sehr aktiv und verfasste u. a. 88 „Mike-Shayne“-Kurzromane, die unter Verlags-Pseudonym erschienen. Als „William Arden“ übernahm er 1968 die noch heute (in Deutschland) erfolgreiche Jugendkrimi-Serie „Alfred Hitchcock and the Three Investigators” (dt. „Die drei ???“), für die er insgesamt 13 Bände lieferte.

Aus einer in seinen Magazin-Storys auftretenden Figur namens „Slot Machine Kelly“ entwickelte Lynds 1967 seine wichtigste Figur: den einarmigen Privatdetektiv Dan Fortune, der empfindlich und feinfühlig zugleich nicht nur ermittelte, sondern sein Augenmerk auf den politischen und soziologischen Zustand der USA richtete. Die Fortune-Romane und Storys schrieb Lynds als Michael Collins.

Obwohl Dennis Lynds nie zu den von den Verlagen umschwärmten und mit einer großen Leserschaft gesegneten Schriftstellern gehörte, wusste die kundige Kritik ihn sehr wohl zu würdigen. Im Laufe seiner langen Karriere wurde Lynds mit zahlreichen Auszeichnungen bedacht. Vor und nach der Jahrtausendwende kamen – nicht nur in den USA – diverse Preise für sein Lebenswerk hinzu. Lynds amtierte zudem als Präsident der „Private Eye Writers of America“. Mit seiner Ehefrau, der Thriller-Autorin Gayle Lynds, lebte er in Santa Barbara, Kalifornien. Am 19. August 2005 ist Dennis Lynds im Alter von 81 Jahren gestorben.

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