Eiskalte Weihnachten

Richard Dalby (Hg.)
Eiskalte Weihnachten
Kleine Morde zum Fest der Liebe

Originaltitel: Chillers for Christmas (London : Michael O’Mara Books Ltd. 1989)
Übersetzung: Stefan Troßbach
Deutsche Erstausgabe: November 1993 (Knaur Verlag/TB Nr. 67025)
Titelbild: Nikolai Lutohin
496 Seiten
ISBN-13: 978-3-426-67025-5
Neuausgabe: 2008 (Knaur Verlag/TB Nr. 50240)
496 Seiten
ISBN-13: 978-3-426-50240-2

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Inhalt:

– Richard Dalby: Vorwort, S. 9/10

– Rudyard Kipling: Morrowbie Jukes‘ Ritt zu den Toten (The Strange Ride of Morrowbie Jukes, 1885), S. 11-44: Ein britischer Offizier gerät in ein Lager indischer Verbannter, das er nie wieder verlassen soll.

– Frank Cowper: Heiligabend auf einem Geisterschiff (Christmas Eve on a Haunted Hulk, 1889), S. 45-75: Ein Jäger muss im Wrack eines gestrandeten Schiffes übernachten, doch dort ist er ab Mitternacht nicht mehr allein.

– Ernest R. Suffling: Die Phantomreiter (The Phantom Riders, 1896), S. 76-90: Ein Verbrechen aus Wut und Eifersucht muss von den längst toten Kontrahenten auf ewig wiederholt werden.

– Amelia B. Edwards: Das Wachschiff in der Aire (The Guard-Ship at the Aire, 1865), S. 91-111: In einer französischen Winternacht wird dem Reisenden eine perfide Todesfalle gestellt.

– [Anonym]*: Das Grauen: Eine wahre Geschichte (Horror: A True Tale, 1861), S. 112-141: Realer Horror ist stärker als jeder Spuk; hier zeichnet er eine junge Frau für den Rest ihres Lebens.

– G. A. Henty: Die geheimnisvolle Pfeife (A Pipe of Mystery, 1890), S. 142-163: Ein dankbarer Fakir ermöglicht zwei Briten den später lebensrettenden Blick in die Zukunft.

– George Manville Fenn: Nachtexpress (On the Down Line, 1867), S. 164-177: Das Erscheinen eines gespenstischen Doppelgängers signalisiert dem Lokomotivführer das nahe Lebensende.

– Arthur Conan Doyle: Ein aufregender Heiliger Abend oder Mein Vortrag über Dynamit (An Exciting Christmas Eve, 1883), S. 178-201: Ein weltfremder Wissenschaftler wird entführt und demonstriert seinen Kidnappern, wieso er als Experte für Sprengstoffe gilt.

– Guy Boothby: Gnadenlose Rache (Remorseless Vengeance, 1902), S. 202-213: Für sein grausames Ende möchte sich ein Gespenst höchstpersönlich rächen.

– Bernard Capes: Das Haus im Schnee (The Vanishing House, 1899), S. 214-221: In einer Winternacht spielen Straßenmusiker vor einem echten Höllenhaus auf.

– Dick Donovan: Der weiße Rabe (The White Raven, 1899), S. 222-238: Den geliebten Bräutigam sollte man keinesfalls im Spukzimmer eines alten Landsitzes unterbringen.

– F. Frankfort Moore: Die merkwürdige Geschichte des Klosters von Northavon (The Strange Story of Northavon Priory, 1904), S. 239-255: Zwar sind die bösen Mönche lange tot, aber was sie einst aus der Hölle lockten, liegt immer noch auf der Lauer.

– W. J. Wintle: Die schwarze Katze (The Black Cat, 1921), S. 256-268: Der Geist einer Katze geht um und wird immer größer, dreister & zudringlicher.

– John Collier: Weihnachten wieder hier (Back for Christmas, 1939), S. 269-277: Der perfekte Mord wird durch ein unverhofftes Weihnachtsgeschenk des Opfers offenbart.

– „Sarban“: Eine Weihnachtsgeschichte (A Christmas Story, 1951), S. 278-301: In der sibirischen Taiga verirrt sich ein Reisender auf einen Mammut-Friedhof.

– L. P. Hartley: Die Sternsinger (The Waits, 1961), S. 302-311: Sie kommen nicht an seine Tür, um für sein Heil zu singen, sondern um ihn wegen seiner Sünden zu holen.

– Shamus Frazer: Florinda (Florinda, 1956), S. 312-324: Geistermädchen können schrecklich nachtragend sein, wenn sie abgewiesen werden.

– Ronald Chetwynd-Hayes: Der Galgenbaum (The Hanging Tree, 1979), S. 325-347: Der Geist des Selbstmörders sucht nach einer Seele, auf die er seine Verdammungsstrafe abwälzen kann.

– Alexander Welch: Die Grotte (The Grotto, 1988), S. 348-355: Ausgerechnet ein Kaufhaus-Weihnachtsmann wird von einem Geist um Erlösung gebeten.

– Eugene Johnson: Kurz vor Morgengrauen (Just Before Dawn, 1988), S. 356-364: Der Selbstmord eines verzweifelten Mannes führt dessen hinterlistigen Freund einfallsreich der gerechten Strafe zu.

– Peter Tremayne: Buggane (The Buggane, 1989), S. 365-385: Dass der eigentlich für ihren Tod Verantwortliche nicht mehr lebt und dessen Nachfahre unschuldig ist, hält diese Gespenster nicht von ihrer Rache ab.

– John Glasby: Ungebetene Gäste (The Uninvited), S. 386-407: Der Weihnachtsabend gehört der Familie – auch wenn diese lange tot und wütend darüber ist.

– A. J. Merak: Das schönste Geschenk (A Present for Christmas), S. 408-429: Unter gewissen grausigen Umständen wird ein Kopfschuss zur idealen Weihnachtsgabe.

– Simon MacCulloch: Der schwarze Plünderer (The Deliverer), S. 430-445: Was der abtrünnige Priester aus der Hölle heraufbeschwor, geht ausgerechnet am Heiligen Abend auf Beutefang.

– Roger Johnson: Unheilige Nacht (The Night Before Christmas), S. 446-474: Der Vorfahr war ein Wüstling, der von seinen perversen Vorlieben auch im Grab nicht ablässt.

– David G. Rowlands: Auf den Flügeln des Gesangs (On Wings of Song), S. 475-489: Aus einer Mücke wird hier kein Elefant, sondern ein Weihnachts-Grauen der besonders heimtückischen Art.

– Jessica Amanda Salmonson: Der Weihnachtsmann (The Santa), S. 490-494: Er kommt zwar pünktlich, bringt aber keine Geschenke, sondern Zerstörung und Tod.

– Copyrightvermerke: S. 495/96

*1989 war dem Herausgeber der Verfasser dieser Geschichte unbekannt. Inzwischen ist die Herkunft geklärt: Sie stammt vom viktorianischen Erzähler John Berwick Harwood.

„You better watch out, you better not cry / You better not pout / I’m telling you why: Santa Claus is coming to town.“

In seinem Vorwort erinnert Herausgeber Richard Dalby an die große Tradition der winterlichen oder besser: weihnachtlichen Geistergeschichte. Als die Zahl ablenkender Medien noch begrenzt war und die zum Fest zusammenkommenden Familienmitglieder sich mit sich selbst beschäftigen mussten, erzählten sie sich spannende und gruselige Geschichten, um auf diese Weise Langeweile, Streit & Schlimmeres zu verhindern.

Obwohl sie einen Zeitraum von etwa 150 Jahren abdecken, folgen die meisten dieser Erzählungen bestimmten Mustern. Weihnachten gilt seit jeher als „Fest der Liebe“, sodass schreckliche Strafen denen drohen, die es wagen, sich dieser Harmonie in die Quere zu stellen. Dabei wird Weihnachten zum perfekten Tag der gespenstischen Abrechnung, weil dies das fröhliche Treiben, das sonst mit dem Fest gleichgesetzt wird, konterkariert: Wieso sollten Leslie Poles Hartley (1896-1972) untote Sternsinger sonst mit ihrer Rache ausgerechnet auf die heilige Nacht warten? Den ungeschickten Jäger in Frank Cowpers (1840-1930) Erzählung hätte es nicht am Heiligen Abend auf das Geisterschiff verschlagen müssen, denn dort spukt es wahrscheinlich in jeder Nacht. Ähnlich ergeht es heimgesuchten Pechvögeln bei Dick Donovan (= Joyce Emmerson Preston Muddock, 1843-1934) oder William J. Wintle (1861-1934).

Rudyard Kipling (1865-1936), George Alfred Henty (1832-1902) oder Arthur Conan Doyle (1859-1930) verzichten auf das Element des weihnachtlichen Spukes bzw. ersetzen es durch ein absurdes und vor allem spannendes Garn, das Doyle zusätzlich humoristisch einfärbt.

Düstere Wurzeln mit entsprechenden Trieben

Von einem anderen Ansatz gehen Bernard Capes (1854-1918), Simon MacCulloch oder Jessica Amanda Salmonson (*1950) aus. Sie erinnern daran, dass Weihnachten zu jenen Kirchenfesten gehört, die im Zuge der Christianisierung älteren und ‚heidnischen‘ Feiertagen quasi übergestülpt wurden, um deren gesellschaftlich und religiös verankerte Bedeutung gleichzeitig zu übernehmen und zu verwischen. Die genannten Autoren machen deutlich, dass dieser Trick nicht zwangsläufig mit dem Erlöschen der übertünchten Riten einhergeht. Gleich mehrfach wird die noch recht moderne Gestalt des Weihnachtsmanns auf uralte und bitterböse Schreckensgestalten projiziert, weil diese in der Heiligen Nacht auftauchen. Das Erwachen ist beim Erkennen der Wahrheit doppelt furchtbar.

Capes geht literarisch noch einen Schritt weiter zurück. Er entfesselt keine diffusen Kreaturen mit ungeklärten Motiven, die über reine Zerstörungs- und Mordlust hinausgehen könnten. Im Geist der romantischen Spukgeschichte stützt er sich auf regionale Folklore und kollektive Ängste einer nicht ‚aufgeklärten‘ Vergangenheit. Seine Musikanten geraten an den Teufel, der noch höchstpersönlich auf weihnachtlich beschwingte und dadurch unvorsichtig gewordene Zeitgenossen lauert. George Manville Fenn (1831-1909) greift jenen alten Aberglauben auf, nach dem sich der Tod durch das Erscheinen eines geisterhaften Doppelgängers ankündigt. Ernest Richard Suffling (1855-1911) thematisiert einen weiteren Mythos, dem zufolge ein begangenes Verbrechen im Tod durch ewige Wiederholung gesühnt werden muss.

„Frohe Weihnachten und euch allen ein Wohlgefallen“

Gibt es eine schlimmere Drohung, die in diesem frommen Wunsch mitschwingt, der zu einer Verpflichtung geronnen ist? Niemals wurden mehr Morde oder Selbstmorde geschehen als zu Weihnachten, liest oder hört man oft. Der Zwang zu Harmonie & Seelenfrieden, die Muße zur Reflexion des eigenen Lebens artet in eine ganz eigene Form des Stresses aus, die sich gern und besonders gewalttätig entlädt. John Stephen Glasby (1928-2011) spielt dies zweimal durch. Unter seinem Geburtsnamen treibt er Weihnachten als Familien-Horror beinahe parodistisch auf die Spitze; dies jedoch eher unfreiwillig, da seine Story die subtile und elegante Bosheit seiner älteren Schriftsteller-Kollegen vermissen last. Dies gilt auch für Glasbys andere Erzählung, die hier unter seinem Pseudonym „A. J. Merak“ erscheint.

Gemeinsam ist in den hier gesammelten Geschichten der beinahe durchweg grimmige Unterton: Altes Unrecht wird gerächt, wobei die ursprüngliche Tat oft in keinem Verhältnis zur Strafe steht. Die so aktiven Geister legen eine sture Bosheit an den Tag (bzw. die Nacht): Peter Tremayne (= Peter Berresford Ellis, *1943) lässt seine in die Enge getriebene Figur sehr richtig anmerken, an dem in der Vergangenheit begangenen Unrecht unbeteiligt gewesen zu sein. Es nützt ihm überhaupt nichts, wie überhaupt die hier versammelten Phantome auf Blut aus sind. Dick Donovan, Frank Frankfort Moore (1855-1931) oder William J. Wintle zeigen uns weitere Spuk-Opfer, die keine Chance haben, weil sie mit einem Fluch, der auf sie wartet, nie rechneten bzw. ihn im festen Glauben an eine moderne, geisterfreie Gegenwart ignorierten.

Dass die Strafe wie bei Eugene Johnson (*1930) einen wirklichen Strolch trifft, ist die Ausnahme. Die Regel ist die völlige Verkehrung des Weihnachtsgedankens, der bei Shamus Frazer (= James Ian Arbuthnot Frazer, 1912-1966), Simon MacCulloch, David G. Rowlands (*1941) oder Jessica Amanda Salmonson kleinen Kindern und bei Roger Johnson und Ronald Chetwynd-Hayes (1919-2001) (recht ätherisch wirkenden) Frauen das Leben kostet. Nicht einmal den eigenen Bruder schont der Geist, den Guy Nevell Boothby (1867-1905) über seinen Mörder kommen lässt. Dabei war er sogar gewarnt, was bei diesen Phantomen ebenfalls die Ausnahme ist!

Allein steht Alexander Welch mit seiner Geschichte vom Geist da, der um Erlösung bittet. Bei näherer Betrachtung wirkt dessen Vorgehen freilich wie Nötigung und kann sich in Sachen Grauen problemlos mit den anderen versammelten Heimsuchungen messen.

Variationen festlichen Grauens

Die klassische Bösartigkeit des Gespenstes steht in der Tradition des Grusel-Großmeisters Montague Rhodes James (1862-1936), der selbst keineswegs an das Übernatürliche glaubte, sondern den Spaß an der Furcht favorisierte. Es ist dieser Grundton (s. o.), der in den liebevoll und detailfroh entfesselten Gräueln der weihnachtlichen Spukgeschichten mitschwingt: Sie sollen unterhalten, ihre Schrecken dürfen übertrieben werden und müssen politisch nicht korrekt sein. Spuk ist dabei übrigens kein Muss: John Collier (1901-1980) ersetzt in seiner auf den Schlussgag orientierten Geschichte geisterhaftes Tücken durch die Tücke des Objekts.

Nur wenige der hier versammelten Verfasser experimentieren mit dem ‚psychologischen‘ Schrecken, der allein im Menschenhirn beheimatet ist und ‚echte‘ Gespenster nicht benötigt. Amelia Ann Blandford Edwards (1831-1892) lässt einen beleidigten Patrioten zum eiskalten Mörder mutieren. John Berwick Harwood (1828-1886) klammert sogar den bösen Willen aus. Sein ‚Geist‘ ist an dem verbreiteten Schrecken unschuldig, krankhafter Wahnsinn ist seine Ursache und seine Folge.

Höchstens „Sarban“ (= John William Wall, 1910-1989) verlässt den Pfad der ‚richtigen‘ Spuk-Story. Er verwebt kunstvoll zwei vermeintlich gegensätzliche Geschichten. Die eine erzählt von einer bizarren aber realen Feier, mit denen Diplomaten fern der Heimat und voller Heimweh ‚ihr‘ Weihnachten aufleben lassen, die andere dreht sich um ein absurdes, womöglich nur geträumtes Erlebnis. Sarban geht es dabei weniger um Ereignisse als um Stimmungen, die er mit Weihnachten in Verbindung bringt.

Selbstverständlich entfalten diese Geschichten auch außerhalb der Festzeit ihre Wirkung. Kälte und winterliche Düsternis draußen sowie ein warmer Lektüre-Platz innen reichen völlig aus, um noch heute das ebenso unheimliche wie heimelige Gefühl zu erzeugen, das diese literarischen Geister wecken sollten.

Herausgeber

Richard Dalby (geb. 1949) hat sich bereits in jungen Jahren einen Namen als Herausgeber selten oder lange nicht mehr neu aufgelegter phantastischer Kurzgeschichten aus britischen Zeitungen und Magazinen des 19. und frühen 20. Jahrhunderts gemacht. In den 1980er und 90er Jahren erschienen diverse Kollektionen, in denen Dalby seine Entdeckungen präsentierte. Besonderes Gewicht legte er dabei auf Storys, die einst traditionell zur Weihnachtszeit erzählt und von zeitgenössischen Autoren speziell für diesen Anlass geschrieben wurden.

Sein immenses Fachwissen auf diesem Gebiet stellte Dalby u. a. in mehr als 200 Artikeln unter Beweis, die er zwischen 1984 und 2010 für „The Book and Magazine Collector“ – ein inzwischen eingestelltes Magazin für Sammler – verfasste. 1993 gründete Dalby mit David Tibet den Verlag „Ghost Story Press“, der bis 2003 in Kleinauflagen Story- und Gedichtbände viktorianischer Schriftsteller herausgab, die inzwischen zu begehrten Sammlerstücken geworden sind.

Copyright © 20111/2016 by Michael Drewniok (md)

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