Freak

Michael Collins
Freak
(Dan-Fortune-Serie, Bd. 11)

Originaltitel: Freak (New York : Dodd Mead 1983/London : Robert Hale Ltd. 1983)
Übersetzung: Sigrid Gent
Deutsche Erstveröffentlichung: 1984 (Ullstein Verlag/Kriminalroman 10259)
208 S.
ISBN-10: 3-548-10259-X
Neuausgabe: Mai 1993 (Ullstein Verlag/Kriminalroman 10738)
208 S.
ISBN-13: 978-3-548-10738-7

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Das geschieht:

Sein aktueller Fall führt den einarmigen Privatdetektiv Dan Fortune aus New York in die Stadt Chatham im US-Staat New Jersey. Ian Campbell, Inhaber einer erfolgreichen Software-Firma, beauftragt ihn mit der Suche nach seinem Sohn. Der 26-jährige Alan, der für die Firma arbeitete, hat eine größere Bargeldsumme veruntreut und ein Haus verkauft, das ihm der Vater zur Verfügung gestellt hatte. Kurz zuvor hatte der Sohn geheiratet. Die lebenslustige Helen Kay ist einige Jahre jünger als ihr Gatte und charakterlich das absolute Gegenteil des verschlossenen Alan. Der Verdacht liegt nahe, dass sie ihn dazu überredet hat mit ihr zu verschwinden. Im leeren Haus fand der Vater nur einen Zettel, auf dem merhfach das Wort „Freak“ geschrieben stand.

Fortune beginnt zu recherchieren. Nicht nur er hat die Spur aufgenommen. Gleich zwei Personen, die er befragen möchte, findet er ermordet vor. Einmal ist Fortune sogar Zeuge der Bluttat, wird jedoch vom Täter niedergeschlagen und in eine Abstellkammer gesperrt.

Angeschlagen setzt der Detektiv die Fahndung fort. Er findet eine Freundin von Helen Kay, die ihn bereitwillig über den Aufenthaltsort der Campbells informiert, und macht das Paar ausfindig. Alan und seine Frau geben zunächst vor, aus einem langweilig gewordenen Leben ausgebrochen zu sein. Dann täuschen sie Fortune und flüchten, was dem Detektiv bestätigt, dass sie ihm nicht die ganze Wahrheit erzählt haben. Bevor er sie ein zweites Mal stellen kann, nehmen ihn die anderen Verfolger in die Zange – vier Berufskriminelle, die Fortune darüber informieren, dass sie Alan und Helen Kay entführt haben und nur gegen ein hohes Lösegeld freilassen werden.

Fortune hat guten Grund zu glauben, dass dies nicht wahr ist. Alle haben sie ihn betrogen – der Vater, der Sohn, die Schwiegertochter, die Gangster. Allein macht sich der Detektiv an die Verfolgung. In einem uralten Bordell in der Wildnis kommt es zum Showdown aller Beteiligten …

Spannung klassisch & gelungen

Der Detektiv als einsamer Wolf, der bei seinen Ermittlungen in Schwierigkeiten gerät: Selten wurde ein Klischee so auf die Spitze getrieben wie in diesem Roman. Ein grotesk aufgetakelter, sich in tarantinoesken Tiraden ergehender Gangsterboss, dem wichtige Körperteile von einem Bären abgebissen wurden, eine Geisterstadt, dessen Zentrum ein tadellos erhaltene Bordell darstellt, sind nur die Spitzen einer Absurdität, die der Leser nie einzuschätzen weiß: Meint Michael Collins das alles ernst oder will er uns an der Nase herumführen?

Die Unsicherheit weiß er jedenfalls gut zu erhalten, denn „Freak“ wirkt zwischen diversen Seltsamkeiten immer wieder wie ein Lehrbuch zur Illustration des klassischen Detektivromans. Der Fall ist Routine, und Dan Fortune trifft als Schnüffler auf die übliche Schar potenzieller Verdächtiger. Wir beobachten ihn bei seiner Arbeit, die mühsam und reich an Sackgassen aber arm an Erfolgen ist. Zäh und unter Einsatz seiner Erfahrungen nähert sich Fortune seinem Ziel, doch immer ist die Gefahr von Rückschlägen akut. Dieses mühsame Drei Schritte vor – zwei zurück macht seit jeher den Reiz des Genres aus. Collins ist Profi genug, den Prozess der Wahrheitsfindung spannend zu gestalten, obwohl Fortune viele Seiten nichts tut außer das Gummi von Schuhen und Autoreifen abzunutzen.

Es kommt eben auf die Art der Darstellung an. „Freak“ gehört zu den Krimis ohne literarischen Anspruch. Collins will unterhalten und leistet gute Arbeit für Leser, die exakt das erwarten. Nur unter dieser Prämisse kann ein berufsmäßiger, nicht übermäßig gut bezahlter Autor zwei bis vier Romane pro Jahr auf den Markt bringen – Kurzgeschichten nicht eingerechnet -, wie es Collins (alias Dennis Lynds) viele Jahre praktiziert hat und praktizieren musste. Der Plot ist nüchtern kalkuliert, die Sprache einfach, das Tempo beachtlich.

Tellerwäscher/Millionär-Lügen

Die dabei entstandenen Werke wirken nicht simpel, sondern geradlinig. Kein Firlefanz, sondern der reine Krimi läuft auf knappen 200 Buchseiten ab. Dennoch vermag Collins seinem Roman eine individuelle Note zu geben. Dan Fortune ist ein Mann der unteren Mittelschicht. Seine Herkunft kann und mag er nicht verleugnen, und aufgrund harter Erfahrungen (s. u.) hat er sich einen wachen Blick für die unschönen Seiten des „american way of life“ bewahrt, den er – noch als „Daniel Fortunowski“ geboren – längst als Illusion entlarvt hat.

Wenn er beruflich unterwegs ist, führt es ihn hinter die glitzernden Fassaden dorthin, wo diejenigen leben (müssen), die von der Regierung, den großen Konzernen, vom Leben überhaupt abgekoppelt wurden. Dan Fortune und damit Michael Collins glauben durchaus an den „Amerikanischen Traum“. Sie sind jedoch zu der Überzeugung gelangt, dass er verraten wurde und in falsche Hände geriet. Die Bitternis dieser Erkenntnis schimmert auch in „Freak“ immer wieder durch und verschafft dem Roman letztlich eine gesellschaftskritische Ebene

Collins pfropft diese Passagen der Handlung niemals auf, sondern integriert sie. Fortunes Weltsicht wird dem Leser nicht aufgezwungen. Für solche Zurückhaltung ist man dankbar, denn man erkennt den Profi, der mit seinen Ansichten nicht hausieren geht. Im Vordergrund steht die Geschichte. So soll es sein. Dan Fortune gehört zu den klassischen Figuren des „private-eye“-Krimis. Schon der ‚normale‘ Privatdetektiv ist ein angeschlagener, vom unschönen Erlebnissen und Erfahrungen gezeichneter Mann, der mit großer Neugier, Pflichtbewusstsein und einem ausgeprägten Gewissen geschlagen ist, was ihm in der rauen, kalten Alltagswelt stets von Nachteil ist.

Köpfchen ersetzt mindestens einen Arm

Der Detektiv muss sich folgerichtig eine Nische schaffen, in der er vor sich und der Welt existieren kann. Für Fortune ist das besonders wichtig, denn das in seiner Branche gern an den Tag gelegte große Maul kann er sich nicht leisten. Seit er in jungen Jahren beim Versuch, ein Frachtschiff zu plündern, einen Arm verlor, fehlt ihm die Fähigkeit, sich gegen eventuelle Attacken körperlich zu wehren. Fortune kann schlecht Auto fahren, eine Waffe laden, sich mit Verdächtigen balgen. Wird es brenzlig, muss er sich jeden Schritt genau überlegen. So wirkt er bedächtig, wo er eigentlich vorsichtig ist. Seine Abseitsposition hat er verinnerlicht. Ian Campbell behandelt ihn wie einen Dienstboten, Murdoch und seinen Spießgesellen geht er jedes Mal in die Falle und wird von ihnen auch schon einmal in einen Abstellraum geschoben, wenn er bei einem Mord stört. Fortune begehrt nicht auf; er erwartet es nicht anders. Es macht ihm auch wenig aus, er verlangt nicht viel vom Leben und kommt zurecht. Seit einiger Zeit ist er nicht mehr allein – eine angenehme Abwechslung in seinem sonst frauenlosen und auch sonst einsamen Leben.

Was Fortune allerdings umtreibt, das ist sein Talent als Detektiv. Er schätzt sich mit der üblichen Nüchternheit zwar als durchschnittlichen Schnüffler ein, aber hier kokettiert er ein wenig mit seinem Ruf, und das weiß er auch. Sogar die Murdoch-Gang bestätigt ihm mehrfach seine Fähigkeiten. Hat Fortune einen Fall übernommen, bringt er ihn zu Ende. Widerstand wird vom ihm nicht gebrochen aber ausgetrickst. Als er dieses Mal seine Suche abschließt, sind sechs Menschen tot, und sein Auftraggeber liegt im Krankenhaus und sieht einer Anklage entgegen. Kein Wunder, dass er dem Detektiv wütend ankündigt, er könne auf seine Bezahlung lange warten … Das ist „Fortunes Welt“, wie Autor Michael Collins 2000 eine Sammlung von Storys um seinen einarmigen aber moralisch gesunden Anti-Helden betitelte.

Wer sich hinter dem „Freak“ des Titels verbirgt, scheint klar, sobald Jasper Murdoch die Szene betritt. Er ist einer jener Kriminellen, wie sie Jahre später Quentin Tarantino so vorzüglich zu charakterisieren begann: völlig verrückt und gleichzeitig charismatisch, das Hirn verstopft mit angelesenem, nie verstandenen aber gern zu Gehör gebrachten Halbwissen – eine menschliche Zeitbombe, deren Reaktionen man nie vorhersagen kann, was Murdoch zu einem brandgefährlichen Gegner macht. Aber auch in diesem Punkt wartet Collins mit einer Überraschung auf, die wiederum perfekt ins Konzept von Fortunes Welt passt und diesen Roman elegant abrundet, ohne sein Finale durch einen überkandidelten Twist zu riskieren: Nicht nur in diesem Punkt könnten die aktuellen Thriller-Seller von Michael Collins lernen.

Autor

Michael Collins ist eines von zahlreichen Pseudonymen, unter denen Dennis Lynds mehr als 60 Romane und unzählige Kurzgeschichten unterschiedlicher Genres schrieb. Geboren wurde Lynds am 15. Januar 1924 in St. Louis, Missouri, als Sohn von Schauspielern, die in ihre englische Heimat zurückkehrten. Bis 1930 wuchs er in Oxford und London auf, bevor seine Eltern erneut in die Vereinigten Staaten gingen, wo Lynds verschiedene Highschools besuchte, bevor er Chemie und Journalismus studierte. In beiden Fächern schloss er ab.

Anschließend diente er in der US-Infanterie und kämpfte im II. Weltkrieg in Europa. Mehrfach wegen Tapferkeit ausgezeichnet, arbeitete Lynds nach Kriegsende als Chemiker. Nebenbei schrieb er für diverse Magazine, wobei er sich erst 1962 auf das Genre Krimi spezialisierte. Um seinen enormen Ausstoß zu ‚tarnen‘, legte sich Lynds diverse Künstlernamen zu. Auch als Ghostwriter war er sehr aktiv und verfasste u. a. 88 „Mike-Shayne“-Kurzromane, die unter Verlags-Pseudonym erschienen. Als „William Arden“ übernahm er 1968 die noch heute (allerdings primär in Deutschland) erfolgreiche Jugendkrimi-Serie „Alfred Hitchcock and the Three Investigators” (dt. „Die drei ???“), für die er insgesamt 13 Bände lieferte.

Aus einer in seinen Magazin-Storys auftretenden Figur namens „Slot Machine Kelly“ entwickelte Lynds 1967 seine für das Genre wohl bedeutendste Figur: den einarmigen Privatdetektiv Dan Fortune, der empfindlich und feinfühlig zugleich nicht nur ermittelte, sondern sein Augenmerk auf den politischen und soziologischen Zustand der USA richtete. Die Fortune-Romane und Storys schrieb Lynds als Michael Collins. Weitere, weniger erfolgreiche Detektive waren Paul Shaw (als Mark Sadler) und „Kane Jackson“ (als William Arden). Ein abweichendes Konzept versuchte Lynds mit der „Buena-Costa-County“-Serie: Hier bildete diese fiktive südkalifornische Landschaft den gemeinsamen Nenner. „John Crowe“ – so nannte sich Lynds für dieses Projekt – ließ hier von Buch zu Buch verschiedene Detektive auftreten.

Obwohl Dennis Lynds nie zu den von den Verlagen umschwärmten und mit einer großen Leserschaft gesegneten Schriftstellern gehörte, wusste die kundige Kritik ihn sehr wohl als Schwergewicht des Genres zu würdigen. Im Laufe seiner langen Karriere wurde Lynds mit zahlreichen Auszeichnungen bedacht. Vor und nach der Jahrtausendwende kamen – nicht nur in den USA – diverse Preise für sein Lebenswerk hinzu. Lynds amtierte zudem als Präsident der „Private Eye Writers of America“. Mit seiner Ehefrau, der Thriller-Autorin Gayle Lynds, lebte er in Santa Barbara, Kalifornien. Am 19. August 2005 ist Dennis Lynds dort im Alter von 81 Jahren gestorben.

Copyright © 2017 by Michael Drewniok (md)

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