Gedanken-Vampire

Eric Frank Russell
Gedanken-Vampire


Originaltitel: Sinister Barrier (Kingswood/Surrey : World’s Work 1943)
Deutsche Erstausgabe: 1953 (Delta Verlag)
Übersetzung: Josef Tichy
323 S.
[keine ISBN]
Neuausgabe: Januar 1983 (Ullstein Verlag/Ullstein SF 31043)
Übersetzung: Otto Kühn
141 S.
ISBN-13: 978-3-548-31043-5

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Das geschieht:

Im Mai des Jahres 2015 fallen – zunächst unbemerkt – berühmte Wissenschaftler seltsamen ‚Unfällen‘ und ‚Selbstmorden‘ zum Opfer. Bill Graham, Agent der Finanz- und Kreditabteilung der US-Regierung, wird in New York zufällig Zeuge eines solchen Todesfalls und reagiert berufsbedingt neugierig.

Während Leutnant Wohl, der für die Kriminalpolizei im Fenstersturz des Dr. Irwin Webb ermittelt, Wahnsinn oder Drogen als Ursache vermutet, entdeckt Graham die Spuren einer bizarren Verschwörung: Die Todesserie begann mit dem schwedischen Physiker Peter Bjornsen, der als Koryphäe auf dem Gebiet der Optik galt. Er hatte versucht, das Sichtspektrum des menschlichen Auges zu erweitern und war dabei sehr erfolgreich gewesen.

Als weitere Wissenschaftler sterben, die nachweislich mit Bjornsen in Kontakt standen, wird Graham dem US-Geheimdienst überstellt: Die Regierung ist über den akademischen Aderlass besorgt und wünscht rasche Aufklärung. Graham findet einen Forscher des Bjornsen-Kreises, der lang genug lebt, um ihn über die Vitonen aufzuklären: Tief im sonst für den Menschen unsichtbaren Infrarot-Spektrum des Lichts entdeckte Bjornsen blaue Energiewesen, die nicht nur intelligent, sondern auch außerirdischen Ursprungs sind. Seit sie auf die Erde kamen, förderten die Vitonen Konflikte und Kriege, denn sie ernähren sich von den dabei freigesetzten Emotionen.

Auf die Tatsache ihrer Entdeckung reagieren die Vitonen erwartungsgemäß unfreundlich. Fatalerweise können sie das menschliche Hirn nicht nur manipulieren, sondern auf geringe Entfernung auch Gedanken lesen. Wer ihnen in die Quere kommt, kann deshalb rasch ausgeschaltet werden. Dessen ungeachtet bricht ein weltweiter, entbehrungsreicher Kampf um die Freiheit der Menschheit aus …

Böse Geister in harten Zeiten

Die Science Fiction galt einmal als Genre, das der Gegenwart ‚Informationen‘ über den Alltag der Zukunft liefern konnte. Diese Ansicht war vor allem in der „Goldenen Ära“ der SF vor dem II. Weltkrieg verbreitet; sie wurde durch aktuelle Fortschritte in Wissenschaft und Technik unterstützt, die sich scheinbar grenzenlos fortschreiben ließen, weshalb die Menschen in unserer Geschichte zwar ohne Handy oder Internet leben müssen, aber immerhin auf mehrstöckig übereinander montierten Hochstraßen zur Arbeit fahren können.

Neuausgabe 1972

Tatsächlich besitzt auch der SF-Autor keinen Draht in die Zukunft. Science Fiction ist eine ganz im Hier & Jetzt angesiedelte Literatur, die Gegebenheiten der Gegenwart in zukünftige Zeiten extrapoliert und damit höchstens zufällig ins Schwarze trifft. In „Gedanken-Vampire“ fällt dem Leser der Gegenwart beispielsweise der elektronische „Zeitungswiedergabeschirm“ auf; die dort angezeigten Blätter lassen sich bei Bedarf ausdrucken: Da ist es – irgendwie – doch, das Internet! Dennoch wirkt Russells 2015 jederzeit altmodisch.

Interessant und historisch relevant ist die Extrapolation an sich, die viel über die Entstehungszeit aussagen kann. Dabei darf man freilich nicht übers Ziel hinausschießen und SF nachträglich fehl- bzw. überinterpretieren. „Gedanken-Vampire“ wurde erstmals 1939 – in der März-Ausgabe des legendären Pulp-Magazins „Unknown“ – veröffentlicht und fällt in eine Ära, die ganz im Zeichen eines drohenden zweiten Weltkriegs stand, der bekanntlich noch im gleichen Jahr ausbrach.

Die Vitonen waren vor den Nazis da …

Sind die Vitonen also mit den Nazis gleichzusetzen, die in Mitteleuropa nach Belieben schalteten und walteten, während das Ausland ihrem Treiben scheinbar machtlos ausgeliefert war? Russell selbst gab in einem Vorwort zur überarbeiteten und erweiterten Buchausgabe von 1948 selbst (wenn auch indirekt) die verneinende Antwort: „Falls jemals eine (Science-Fiction-) Story auf Tatsachen beruhte, so ist es diese“. Es folgt eine Schimpfkanonade gegen die etablierte Wissenschaft, die ihr nicht genehme Fakten unterschlage und einsame Propheten lächerlich mache.

Cover der dt. Erstausgabe von 1953 (mit freundl. Genehmigung der SF-Leihbuch-Datenbank)

Gemeint ist Charles Fort (1874-1932), ein besessener Sammler unerklärter bzw. unerklärlicher Phänomene, die er in mehreren, zu seiner Zeit sehr populären Büchern nicht nur auflistete, sondern ‚erklärte‘. Forts Theorie einer dem Menschen unsichtbaren Welt oberhalb der Wolken, die der Erdball als buchstäblicher Luft-Ozean umgibt, schien Russell einleuchtend. Jenseits dieser „sinister barrier“ lebten nach Fort nicht nur seltsame Kreaturen, sondern lauerten womöglich auch Wesen, die dem Menschen keineswegs wohlgesonnen waren.

In John W. Campbell, Jr. (1906-1972), Herausgeber von „Unknown“ (und dem ungleich berühmteren Magazin „Astounding Science-Fiction“), fand Russell einen Mann, dem solche Spökenkiekerei nicht fremd war; u. a. unterstützte Campbell lange Jahre den „Dianetics“-Humbug des SF-Schreibers L. Ron Hubbard, dem die „Scientology“-Sekte entwucherte. Russells Irrglaube war deutlich harmloser; er hielt sich freilich ähnlich hartnäckig – die Vorstellung einer unsichtbaren Überwelt griff der Verfasser noch in den 1950er Jahren wieder auf.

Vom SF-Krimi zur Apokalypse

Dieser ‚ernsthafte‘ Hintergrund lässt sich viele Jahrzehnte später problemfrei ausblenden. „Gedanken-Vampire“ entpuppt sich (auch in der Version von 1948, die allen deutschen Übersetzungen zugrundeliegt) als typisches Garn der Pulp-Ära. Entschlossene Männer geben heimtückischen Aliens Saures; zwischendurch bleibt Zeit für wilde Verfolgungsjagden und Schießereien, aber auch für eine Liebesgeschichte, denn zumindest der Held begnügt sich nicht mit der Rettung der Welt, sondern freut sich über eine schöne Frau als finale Belohnung.

Diese wird hier weder von geilen „Bug-Eyed“-Monstern gekidnappt oder muss in Ohnmacht fallen, sondern darf sogar ein wenig zur Handlung beitragen. Überhaupt trägt Russell nicht gar so dick auf wie viele seiner Pulp-Kollegen. Ansonsten frönt Russell der in der britischen SF ausgeprägten Lust an der Apokalypse: Während Campbell und sein treuer Kumpel Wohl nach der Achillesferse der Vitonen fahnden, findet quasi im Hintergrund ein globaler Atomkrieg statt.

Vor diesem turbulenten Hintergrund konzentriert sich Russell auf Bill Graham, einen „All American Hero“ aus dem Bilderbuch. Er steht stellvertretend für das gesichtslose Heer der Spezialisten, die sich im Falle einer realen Katastrophe einem Problem stellen. Solche Vereinfachung führt zu der irritierenden Erkenntnis, dass offenbar nur Graham den Vitonen Paroli bietet. Selbst der Präsident wartet ab, was Graham herausfindet und anordnet.

Kampf den blauen Kugeln!

Dabei startet Campbell nicht einmal als Geheimdienstmann ins Gefecht. Er ermittelt für eine Regierungsbehörde, die ein Auge auf verschwenderische Wissenschaftler im Staatsdienst hält. Allerdings sind in diesem Krieg weder Erfahrung noch Intelligenz, sondern Tatkraft, Entschlossenheit und Einfallsreichtum nötig. Es ist ein hübscher Einfall, die klügsten Köpfe der Welt gerade deshalb zum Bersten zu bringen, weil sie sich zu gedankenklar mit den Vitonen beschäftigen, die ihnen so leicht auf die Schliche kommen.

Heftausgabe von 1957

„Gedanken-Vampire“ startet als Kriminalroman. Auch später bedient sich Russell Elemente dieses Genres (weshalb eine deutsche Übersetzung in einer Reihe namens „Utopia Kriminal“ erscheinen konnte). Eine Spur von Indizien, die entschlüsselt und in die korrekte Reihenfolge gebracht werden müssen, führt zu den Vitonen.

SF kommt ins Spiel, wenn geklärt ist, wie man dem Gegner beikommen kann. Weil dem Leser keine Antwort auf zuvor gestellte Fragen vorenthalten bleiben soll, bemüht sich Russell sehr um ‚logische‘ Erklärungen. Diese sind natürlich Humbug, klingen aber immerhin wissenschaftlich und belegen außerdem, dass Technobabbel keine Erfindung des „Star-Trek“-Franchises ist.

Dagegen spart sich Russell eindeutige ‚Informationen‘ über die Vitonen. Über ihre Herkunft und mögliche Motive wird nur spekuliert. Sie bleiben auf diese Weise fremde und gefährliche „Gedanken-Vampire“. Ihre Geschichte ist weder anspruchsvoll noch raffiniert, aber sie besitzt Unterhaltungsqualitäten, mit denen sich noch heute Leser finden lassen – und sei es nur deshalb, weil Russell sich in der Darstellung einer erderschütternden Krise so kurz zu fassen vermag …

Autor

Geboren wurde Eric Frank Russell am 6. Januar 1905 quasi im Schatten der Royal Military Academy in Sandhurst, der Schmiede englischer Berufsoffiziere, zu denen auch der Vater gehörte. Dieser wurde dienstlich oft versetzt, was die Familie an ferne Orte des Empires führte; so lebte man lange in Ägypten und im Sudan.

Schon 1937 hatte Russell eine erste Science-Fiction-Geschichte, „The Saga of Pelican West“, in „Astounding Stories“, einem der besseren der zahllosen Pulp-Magazine dieser Ära, veröffentlicht, die als „Golden Age“ der SF gilt. Noch während des Krieges begann Russell eine Serie von Storys um den Roboter Jay Score, der nicht nur Menschengestalt besitzt, sondern sich bemüht, ein echter Mensch zu werden.

Nach dem II. Weltkrieg und einem kurzen beruflichen Zwischenspiel als Ingenieur wurde Russell Vollzeit-Schriftsteller. Vor allem in „Astounding“ erschienen seine Kurzgeschichten so oft, dass der Autor sich der Pseudonyme Duncan H. Munro und Webster Craig bediente. Was Russell in seiner Zeit bei der Royal Air Force in Sachen Militär-Logik und Bürokratie erlebt hatte, diente ihm als unerschöpflicher Fundus für bissige aber nie bösartige Satire. Zu Klassikern der Science Fiction wurden die Novelle „… And Then There Were None“ (dt. „… dann war‘n sie alle futsch“) oder die 1956 mit einem „Hugo Gernsback Award“ als beste Kurzgeschichte des Jahres ausgezeichnete Story „Allamagoosa“ (dt. „Technischer Bluff“).

Obwohl Russell als Autor beliebt und erfolgreich war, gab er die Schriftstellerei 1964 auf. Er starb am 28. Februar 1978 im Alter von 73 Jahren. Posthum wurde Eric Frank Russell 2000 in die „Science Fiction and Fantasy Hall of Fame“ aufgenommen.

Copyright © 2011/2017 by Michael Drewniok (md)

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Comments

  1. Klasse! Sowas findet man wirklich nur auf Eurer Seite! Ich habe mir das Buch gleich über Euch bestellt!

    Respekt! Auch an den Rezensenten! Sehr, sehr gute Arbeit!

    Andere Seiten wüden niemals solch alte Titel vorstellen und dann auch noch zum Kauf anbieten. Ich bin echt beeindruckt!

  2. Das ist unser Drewniok, wie wir ihn lieben und schätzen. Ich ziehe meinen Hut vor soviel Backround-Wissen.

    mgg
    galaxykarl ;-))

  3. Ich habe übrigens den Nachnamen nicht distanzierend gewählt, sondern um Michael Drewniok von einem weiteren Michael (Bahner) zu unterscheiden, der seit einiger Zeit auch für uns schreibt.
    Wenn wir noch einen Michael bekommen, bin ich für eine Durchnummerierung wie bei den Maahks.

    Der Boss von denen hieß Grek-1 uw. Aus welcher Science-Fiction-Serie ist das wohl? Wäre doch ´ne gute Gewinnfrage, Detlef, oder meinst du nicht?

    In der 4. Grundschulklasse waren wir 3 Werner, aber mein Vorschlag mit der Nummerierung kam nicht gut an. Fort an hieß ich nur noch … wird nicht verraten.

    mgg
    galaxykarl 😉

  4. So hab‘ ich es auch nicht verstanden, sondern eher als Güte-Siegel … Ich freue mich, wenn ich sehe, dass die Arbeit gewürdigt wird, die ich in die alten Schätzchen investiere!

  5. Kleiner Tipp: Die Maahks stammen nicht aus der Milchstraße …
    Hähä, ´ne echt galaktische Frage.

    Mit galaktischen Grüßen
    galaxykarl 😉

  6. Wie ich schon mal an anderer Stelle geschrieben habe, finde ich diese Rezis auch echt klasse. Nur kann ich die nicht mal so schnell in der Mittagspause durch schmökern, dafür sind sie mir zu ausführlich – das mache ich zu Hause 😉

    Ich stelle mir ein schönes Buch mit Rezensionen von „50 erlesenen SF-Klassikern“ aus der Feder/Tastatur von Michael Drewniok vor. Wäre das nichts?

    @Galaxykarl
    Jetzt, im Zeitalter des Internets, hat es mich schlappe 15 Sekunden gekostet, das rauszufinden. Auch wenn ich noch nie mit den Maahks zu tun hatte 😉

  7. Juhuu, ihr habt beide Recht. Ihr habt gewonnen. Malt euch ein goldenes Sternchen auf die Stirn.

    mgg
    galaxykarl 😉

  8. Ich hatte mal einen großformatigen Band „Die Klassiker des Science-Fiction Films“ oder so ähnlich. Den fand ich echt super, und ich habe gerne darin geschmökert.

    Gut, wenn man ganz „gewöhnliche“ Rezis zusammenstellt, dann ist das sicherlich nicht das Gelbe vom Ei. Aber wenn sie viel Hintergrundinfos liefern, könnte das doch interessant sein.

  9. Ahhh, ich habe ihn ausgebuddelt ;-). Er heißt:

    „Science-Fiction
    50 Klassiker des SF-Kinos
    vorgestellt von Rolf Giesen“

    Und in „Westworld“ raucht’s bei Yul Brunner unter dem Hut vor :D. Das werde ich mir gleich mal zu Gemüte führen …

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