Geisterpiraten

William Hope Hodgson
Geisterpiraten
und andere schauerliche Seegeschichten

Originalausgabe
Übersetzung: Friedrich Polakovics
Deutsche Erstveröffentlichung 1987 (Suhrkamp Verlag/TB 1352 = Phantastische Bibliothek 188)
186 S.
ISBN-13: 978-3-518-37852-6

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Inhalt:

Geisterpiraten (The Ghost Pirates, 1909): Das Schicksal hat den Seemann Jessop hart gebeutelt. Notgedrungen heuerte er auf der „Mortzestus“ an. Die letzte Mannschaft ergriff komplett die Flucht, nachdem das Schiff in den Hafen von San Francisco eingelaufen war, denn es soll umgehen auf dem alten Segler, der auffällig oft von Gegenwinden, Flauten und Stürmen geplagt wird. Die neue Besatzung begreift rasch, dass der üble Ruf nicht dem Aberglauben der Seefahrer anzulasten ist, sondern sich auf sehr reale Ereignisse gründet. Immer wieder werden des Nachts schattenhafte Wesen gesichtet, die direkt aus den Fluten des Ozeans die „Mortzestus“ entern und dorthin auch zurückkehren, wenn man sie ertappt. Angst greift um sich, die auf die Offiziere übergreift, als die gespenstischen Kreaturen dreister und gewalttätig werden. Bald ist es buchstäblich lebensgefährlich, sich ohne Rückendeckung auf den Decks oder gar in den Wanten aufzuhalten. Männer verschwinden spurlos, andere werden angegriffen, und schließlich gibt es die ersten Toten. Die Zeichen mehren sich, dass die „Mortzestus“ in ein fremdes Raum-Zeit-Kontinuum geraten ist und dort zum Ziel der Attacken von Geisterpiraten geworden ist, die ihre Beute immer enger einkreisen, bis sie eines Nachts zum Angriff übergehen.

Das Ding im Seetang (The Thing in the Weeds): Ein kleines Schiff wird vom Kurs abgetrieben und gerät in unbekannte Gewässer. Dichter Nebel zieht auf und bringt einen furchtbaren Gestank mit sich, dem bald sehr viel handgreiflichere Belästigungen folgen.

Das steinerne Schiff (The Stone Ship, 1914): In tiefer Nacht lässt ein unterirdischer Vulkanausbruch ein Stück des Meeresbodens an die Oberfläche steigen. Die Dunkelheit gibt den entsetzten Männern des guten Schiffes „Alfred Jessop“ Rätsel über das Geschehen auf. Eine eilig in Marsch gesetzte Suchmannschaft stößt in eine bizarre Schlickwelt vor und findet ein uraltes Kaperschiff, das eine rätselhafte Laune der Natur in massiven Stein verwandelt hat; freilich gilt dies nicht für alle seine Bewohner …

Seefahrt tut und bringt Not

Eine Novelle und zwei Kurzgeschichten über die See und ihre Schrecken, verfasst von einem Meister der klassischen Gruselliteratur und so brillant geraten, dass es dem Leser schier den Atem verschlägt. Besonders „Geisterpiraten“ wirkt wie ein Schlag ins Gesicht allzu vieler ‚Schriftsteller‘, die sich anmaßen, Unheimliches zu schreiben und doch nur billigen Buhmann-Klamauk zu Stande bringen: Hodgson präsentiert 140 Seiten kondensierten Horror. Nicht ein Wort ist zu viel oder zu wenig, „Geisterpiraten“ ist eine Studie in Terror und wie man ihn anfacht, schürt und schließlich in ein Finale münden lässt, das die ökonomisch und trotzdem sorgfältig konstruierte, straff ausgerichtete Handlung nicht Lügen straft oder das Publikum mit billigen Tricks düpiert.

Großartig ist die Kulisse: ein Segelschiff des ausgehenden 19. Jahrhunderts, die ideale Schnittstelle zwischen der harten, doch der lesenden Landratte aus sicherer Entfernung romantischen Realität der Seefahrt und den unzähligen Mythen, die der Mensch mit den Ozeanen verbindet, die zwar drei Viertel seines Heimatplaneten bedecken und seit Jahrtausenden von ihm befahren werden, die dabei aber immer fremd, gefährlich und unheimlich geblieben sind. Sogar heute gibt es mehr zwischen Himmel und Meeresgrund, als die moderne Forschung (noch) zu erklären weiß; daran ist nichts Übernatürliches , sondern es belegt, dass längst nicht alle weißen Flecken von diesem Globus verschwunden sind.

Grauen auf ‚naturwissenschaftlicher‘ Basis

In diesen Nischen siedelt W. H. Hodgson seine „schauerlichen Seegeschichten“ an. Er lässt beileibe nicht nur Spukgestalten oder Geister auftreten; tatsächlich sind sie in der Minderzahl. Wenn man ein wenig großzügig urteilt, lassen sich die meisten Seltsamkeiten sogar mehr oder weniger rational erklären. Hodgson ist da verblüffend modern – und ein Vertreter der Science Fiction, lange bevor dieses Genre seinen Namen bekam. Vielleicht übertreibt er es manchmal sogar: Es wäre nicht nötig, die Geisterpiraten umständlich als Wesen aus einer fremden Dimension zu outen, denen ein Riss zwischen ihrer und unserer Welt den Übergang ermöglicht, denn der Schrecken, den sie verbreiten, wirkt um so intensiver, je tiefer sie sich im Schatten aufhalten.

Noch weiter geht Hodgson in „Das steinerne Schiff“, wo er genial eine groteske Irrfahrt in ein nächtliches Albtraumland inszeniert, auf das er später helles Sonnenlicht fallen lässt. Die Geschichte übersteht es, weil sie großartig erzählt wurde, aber sie muss einige Federn lassen. Noch am besten gelingt Hodgson der Spagat zwischen Schein und Wirklichkeit in „Das Ding im Seetang“. Auch dem horrorliterarischen Novizen dürfte bald klar sein, was da im dichten Gestrüpp sein Unwesen treibt, aber die Aufklärung bringt hier keine Ernüchterung, sondern neue Spannung, denn Wissen ist eben doch nicht automatisch Macht.

Furchtbare Fruchtbarkeit

Hodgson bedient sich in seinen phantastischen Seegeschichten oft eines ‚naturwissenschaftlichen‘ Horrors, der sich sehr anschaulich als unheilvolle Verquickung von Pflanzen- und Tierwelt an einer verschwimmenden Grenze zwischen Symbiose und Parasitentum manifestiert. In diese schimmelig schillernden, triefend wuchernden, abstoßend fruchtbaren, sonst tief unter dem Meeresspiegel verborgenen und nur zufällig an die Oberfläche geratenden Nachtschattenwelten stolpern Hodgsons unglückliche Seeleute und finden dort ein schlimmes Ende. Meist bringt nicht einmal der Tod Erlösung, da sich die außer Kontrolle geratene Natur ihre Opfer buchstäblich einverleibt und zu neuen, makaber mutierten Lebensformen zusammensetzt.

Wunderbar stimmige Schilderungen des nautischen Alltags um 1900 ergänzen die Horrorelemente perfekt. Hodgson kannte sich da aus, war er doch selbst ab 1891 für die britische Handelsmarine mehrere Jahre zur See gefahren. Das kurierte ihn rasch von allzu romantischen Vorstellungen über den Alltag an Bord eines Schiffes, dessen raue Realität – harte Arbeit, Unterdrückung, schlechte Verpflegung, Schmutz – auch in „Geisterpiraten“ mehrfach anklingt.

Würden diese heute ihr Unwesen treiben, dann sicherlich nicht unter 500 Seiten. Man muss ganz nüchtern konstatieren, dass kein Autor eine tolle Idee wie diese auf eine Novelle ‚verschwenden‘ würde. Aber es war eine andere Zeit, in der dieser Kurzroman  Erzählung entstand, und obwohl man sich hüten sollte, in das binsenweise Lied „Früher war alles besser“ einzustimmen, darf man sich doch uneingeschränkt freuen über die Schriftsteller der Vergangenheit, die sich trauten, eine Geschichte deckungsgleich mit der Idee, die ihr zu Grunde liegt, enden zu lassen.

Eine Übersetzung mit Vorbildcharakter

Diese Besprechung wäre unvollständig ohne ein lobendes Wort an den Übersetzer. Die „Phantastische Bibliothek“ des Hauses Suhrkamp existierte in einer Zeit, als ein Buch noch als Kulturgut galt und nicht als qualitätsunabhängiges Modul eines multimedialen Vermarktungskonzeptes. Die Suhrkamps liebten zwar die unterhaltsamen und daher verdächtigen unheimlichen und utopischen Titel ihres ansonsten gnadenlos verkopften Programms nicht, aber sie ließen auch ihnen eine editorische Fürsorge angedeihen, die sie unsterblich werden ließ: Jeder echte Sammler hat sie, hegt sie, liebt (und liest) sie.

Friedrich Polakovics versteht sein Handwerk; sein Text liest sich gleichzeitig flüssig und altmodisch im positiven Sinn und schafft eine Atmosphäre, die das schleichende Grauen optimal zur Geltung bringt. Dazu kommt die Sorgfalt, die dem nautischen Spezialvokabular gewidmet wurde. Wir dürfen nicht vergessen, dass hier ein Seemann seine Geschichte erzählt, der ganz selbstverständlich die Zeit in „Glasen“ misst und voraussetzt, dass sein Publikum weiß, was ein „Fußpferd“ oder eine „Zeising“ ist. Die unerhört spannende Hetzjagd in den Wanten der „Mortzestus“ dürfte kein leichtes Brot für Polakovics gewesen sein, denn dort oben hat jedes Segel und jedes Tau seinen eigenen Namen, für den die exakte deutsche Entsprechung zu finden galt. Das Ergebnis überzeugt auch den Laien und ist Zeile für Zeile ein Lektüregenuss.

Wie echt ist dieser Spuk?

Dem Puristen bleibe es überlassen nachzuprüfen, ob uns die „Geisterpiraten“ den ‚reinen‘ Hodgson bringen. Die drei hier präsentierten Geschichten wurden zwei Sammelbänden entnommen, die lange nach dem Tode des Verfassers im legendären Verlag „Arkham House“ erschienen, dessen ansonsten verdienstvoller Herausgeber August Derleth (1909-1971) dazu tendierte, ihm vorliegende Texte zu bearbeiten, zu ergänzen oder umzuschreiben, wo er dies der besseren Lesbarkeit wegen für nötig hielt. (Das ist Hodgson in den USA oft geschehen, wo sein tatsächlich recht ausgeprägter Hang zur Sentimentalität gar nicht gefiel und entsprechende Passagen gern getilgt wurden.)

Sollte dies auch in diesem Fall geschehen sein, hat Derleth gute Arbeit geleistet – und vielleicht gibt es ja irgendwann einmal eine Hodgson-Werkausgabe. Bis es so weit ist (und das könnte lange dauern …) bieten die „Geisterpiraten“ für jeden Gruselfreund mehr als eine akzeptable Alternative!

Autor

William Hope Hodgson wurde am 15. November 1877 in Blackmore End, Essex, England, als eines von zwölf Kindern geboren. Sein Elternhaus verließ er früh, um zur Handelsmarine zu gehen. Zwischen 1891 und 1904 fuhr er zur See, konnte sich aber nie an die Brutalitäten und Ungerechtigkeiten an Bord, den Schmutz oder die Gefahren gewöhnen. So musterte er ab und eröffnete in Blackburn nahe Liverpool ein Studio für Bodybuilder. Das Geschäft lief schlecht, aber Hodgson schrieb viele Artikel über seine Arbeit und begann über eine Karriere als Schriftsteller nachzudenken. Seine Jahre auf den Weltmeeren lieferten ihm genug Stoff für phantastische Seespukgeschichten. Mit „A Tropical Horror“ debütierte Hodgson 1905 in „The Grand Magazine“.

1907 folgte der Episoden-Roman „The Boats of the ,Glen Carrig‘“, ein erstes längeres Werk. 1908 erschien „The House on the Borderland“, mit dem Hodgson bewies, dass er auch auf dem trockenen Land Angst & Schrecken zu verbreiten wusste. „Carnacki the Ghost Finder“ betrat die literarische Bühne 1910. Zwei Jahre später erschien Hodgsons episches Hauptwerk: „The Night Land“, eine Geschichte aus fernster Zukunft, die viele brillante Stimmungsbilder aus „The House on the Borderland“ aufgreift und vertieft (sowie leider auch breittritt).

Hodgson heiratete 1913 und zog mit seiner Gattin nach Südfrankreich. Er schrieb nur noch wenig. Bei Kriegsausbruch 1914 ging er nach England zurück und wurde als Offizier der Royal Field Artillery zugeteilt. Eine schwere Kopfverletzung auf dem Schlachtfeld überlebte er knapp und kehrte an die Front zurück. Hier traf ihn am 17. April 1918 ein deutsches Artilleriegeschoss. Er war sofort tot.

Copyright © 2016 by Michael Drewniok (md)

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