Gnadenlose Gier

C. S. Forester
Gnadenlose Gier

Originalausgabe: Plain Murder (London : Bodley Head 1930)
Deutsche Erstausgabe (unter dem Titel „Ein glatter Mord“): 1964 (Signum Verlag/SM Kriminalroman 2138)
Übersetzung: Heinz F. Kliem
157 S.
[keine ISBN]
Neuausgabe (unter dem Titel „Ein glatter Mord“): 1968 (Heyne Verlag/Heyne Thriller 1313)
Übersetzung: Heinz F. Kliem
158 S.
[keine ISBN]
Neuausgabe (unter dem Titel „Glatter Mord“): 1989 (Ullstein Verlag/Ullstein Krimi 10612)
Übersetzung: Heinz F. Kliem
158 S.
ISBN-10: 3-548-10612-9
Neuausgabe (Paperback): April 2014 (Deutscher Taschenbuch Verlag/dtv premium 26020)
Übersetzung: Britta Mümmler
238 S.
ISBN-13: 978-3-423-26020-6
eBook: März 2014 (Deutscher Taschenbuch Verlag)
1046 KB
ISBN-13: 978-3-423-42228-4 (epub) bzw. 978-3-423-42229-1 (pdf)

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Das geschieht:

Morris, Oldroyd und Reddy arbeiten für die kleine Werbeagentur Universal in London – noch, denn sie haben sich von einem Grafikatelier bestechen und das Angebot eines Konkurrenzunternehmens verschwinden lassen. Zu ihrem Pech sind die drei aufgeflogen. Geschäftsführer Harrison will noch die Rückkehr des Agenturchefs Campbell abwarten, um diesen über die Untat zu informieren. Anschließend werden die Übeltäter auf der Straße stehen.

Vor allem der ehrgeizige und skrupellose Morris sucht nach einem Ausweg. Er hatte Oldroyd und Reddy überredet, das Schmiergeld anzunehmen. Nun findet er eine ebenso simple wie riskante Lösung: Harrison muss sterben! Morris versteht es, seine Kollegen erneut zu manipulieren. Großzügig erklärt er sich bereit, den Mord zu übernehmen. Wenig später fällt Harrison einem mysteriösen und der Polizei rätselhaft bleibenden Attentat zum Opfer. Oldroyd und Reddy aber müssen erkennen, dass sie sich der Beihilfe schuldig gemacht haben und wie Morris am Galgen enden könnten. So hat dieser sie wie geplant in der Hand.

In der Agentur übernimmt Morris den Posten des unglücklichen Harrison. Er ist sogar gut in diesem Job. Die Zahl der Aufträge nimmt zu, Morris steigt die Karriereleiter hinauf. Zurück bleiben Oldroyd und Renny – neidisch und wütend der eine, geplagt von Gewissensbissen der andere.

Morris erkennt in Renny das schwächste Glied der Kette. Zunächst umschmeichelt und beschwichtigt er den Jüngeren. Als dieser trotzdem zur Polizei zu gehen droht, ist sein Schicksal besiegelt: Da Mord bereits einmal für Morris so gut funktioniert hat, dürfte er beim zweiten Mal noch besser klappen! Überhaupt: Ist man schlau genug, sollte es generell nicht schwer sein, unter dem Radar des Gesetzes zu töten. Mord löst für einen entschlossenen Mann so manches Problem. Morris beginnt in größeren Maßstäben zu denken. Er hat große Pläne, viele Feinde und eine lästig gewordene Familie …

Der frühe Blick ins Hirn des Mörders

Englische Krimis aus den Jahrzehnten vor dem Zweiten Weltkrieg werden gern mit jenen Whodunits gleichgesetzt, mit denen Autor/innen wie Agatha Christie, John Dickson Carr oder Edmund Crispin meisterhaft ihr Publikum beglückt haben. Ein Mord geschieht, die Indizienlage ist schlecht, sodass die redliche aber nicht besonders fähige Polizei im Dunkeln tappt. Ein höherer Beamter von Scotland Yard oder ein talentierter Privatermittler erweist sich als besserer Fährtenleser und nimmt die buntgemischte Schar der Verdächtigen in die Zange, bis in einem großen Finale unter Versammlung sämtlicher Hauptfiguren der Strolch nicht nur entlarvt, sondern das bisher rätselhafte Fallgeschehen lückenlos aufgeklärt wird.

Natürlich sparten weder die genannten noch viele andere Autoren dieses klassischen Genres völlig aus, was den Täter antrieb. Dennoch konzentrierte sich die Handlung auf die durchaus mechanische Demontage des zentralen Rätsels. Erst nach 1945 gingen immer mehr Schriftsteller dazu über, dem Verbrechen dort nachzuspüren, wo es eigentlich wurzelt: in der menschlichen Psyche. Die Reise dorthin ist nicht weniger unterhaltsam als die Suche nach Mr. X, doch sie führt den Leser näher an die Essenz des Bösen, während dem Whodunit ein spielerisches oder besser: sportliches Element innewohnt, das selbst den gewaltsamen Tod ‚entschärft‘.

Cecil S. Forester gehört zu den Autoren, die das „Warum“ stärker interessierte als das „Wie“. Es besteht nie ein Zweifel daran, wer der Mörder ist. Auch die Taten selbst entbehren der Raffinesse, mit denen sie der Rätselkrimi förmlich zelebriert. Es gibt keinen misstrauischen und findigen Detektiv, der Verdacht schöpft und entsprechend handelt. Tatsächlich bleibt es bei einem ‚Gastauftritt‘ der Polizei, der sich in Ermittlungsroutinen erschöpft: Justizia ist hier tatsächlich blind.

Dank Mord nach oben

Aus heutiger Sicht mögen Foresters Figurenzeichnungen ein wenig simpel wirken. Nichtsdestotrotz liest sich „Gnadenlose Gier“ überraschend ‚modern‘ für einen bereits 1930 veröffentlichten Roman. Die beschriebenen Charaktere, ihre Gedanken, ihre Handlungen und vor allem ihre Existenzängste sind zeitlos. Morris, Oldroyd und Renny könnte man problemlos in die Gegenwart versetzen. Beruflich kommen sie gerade über die Runden, privat sind sie unzufrieden. Einmal haben sie versucht, dem System ein Schnippchen zu schlagen, und wurden prompt erwischt. Nun drohen Entlassung und Schande.

In dieser Situation gewinnt der Gedanke, den Vorgesetzten, der zum Feind wurde, einfach umzubringen, eine verführerische Wirkung. Überzeugend zeichnet Forester nach, wie der Tatmensch Morris sich problemlos selbst überzeugt, diesen Weg sogar legitim gehen zu dürfen. Oldroyd und Renny sind Mitläufer, die zunächst froh sind, dass jemand die Drecksarbeit erledigt. Erst als sie mit Morris in einem Boot sitzen, geht ihnen auf, dass ein Aussteigen ohne Gefahr für das eigene Leben nicht möglich ist.

„Verbrechen lohnt nicht“: Nach dieser Devise enden noch heute Kriminalgeschichten gern versöhnlich. Der Schurke wird erwischt und bestraft, das System hat funktioniert und schützt jene, die sich an seine Regeln halten. Auch von dieser kuscheligen Illusion hat sich Forester verabschiedet. Als der biedere und wenig risikofreudige Harrison durch Morris ‚ersetzt‘ ist, wird dieser zum Motor des wirtschaftlichen Aufstiegs und zum Favoriten seines Chefs. Beförderung, Wohlstand, gesellschaftliche Anerkennung: Was Morris bisher verschlossen war, stellt sich nun ein. Es fällt ihm nicht einmal in den Schoß. Morris erarbeitet sich seine Lorbeeren redlich. Er ist der richtige Mann für die Branche: Was ihn zu einem perfekten Mörder macht, ist gleichzeitig Wurzel seines beruflichen Erfolges.

Die Welle bricht sich

Doch Morris muss eine bekannte Erfahrung machen: Erfolg produziert Neider, zumal Morris sich zu einem ungeduldigen und fordernden Vorgesetzten entwickelt. Allzu gern verdrängt er zudem, dass es zwei Mitwisser gibt, die seinem Aufstieg ein jähes Ende bereiten könnten.

Morris‘ Reaktion schildert Forester als weitere Station auf dem Weg zum vollständig verpuppten Kapitalverbrecher, der folgende Lehre aus seinen Taten zieht: Verbrechen lohnt sich durchaus, wenn man die Spuren so gut verwischt, dass man nicht erwischt wird. Auf dieser Schiene fährt Morris zügig weiter. Allerdings muss er lernen, dass Brutalität gepaart mit Gewissenlosigkeit keine Garantie für das Gelingen mörderischer Pläne ist. Im allzu oft getretenen Wurm Oldroyd erwächst Morris ein (auch für den Leser) unerwarteter Gegner.

Wiederum bleiben Klischees aus: Oldroyd will keineswegs der Gerechtigkeit dienen und erst recht nicht für seine Beihilfe im Mordfall Harrison büßen. Gänzlich niedere Gefühle bestimmen seine Rache, die nur deshalb von Erfolg gekrönt wird, weil sich Morris selbst ein Bein stellt: Der kriminelle Triumph lässt ihn übermütig und unvorsichtig werden. Er beginnt zu vernachlässigen, was sein Entkommen garantierte, und verfällt nach und nach dem Cäsarenwahn: Morris glaubt ein Recht auf ein neues, glanzvolles Leben und auf die mörderischen Methoden, die ihn dorthin bringen sollen, zu haben.

Das kann nicht gutgehen. Morris stolpert nicht über den moralisierend erhobenen Zeigefinger des Verfassers, den Zufall oder die Tücke des Objekts. Forester schildert den Sturz ebenso überzeugend wie den Aufstieg: Zahnrad fasst in Zahnrad, bis das Schicksal dem bösen Spiel ein Ende bereitet, ohne dass es jemals auffliegt. Mit urbritischer Ironie lässt Forester das Untersuchungsgericht jene verhängnisvolle Bootsfahrt, die dem Treiben des gerade zu einer weiteren Mordtat schreitenden Morris‘ ein Ende setzte, so kommentieren: „Und es [das Gericht] fügte dem Urteil noch einen sehr wertvollen Anhang hinzu, der von der Gefahr handelt, der man sich aussetzt, wenn man mitten auf dem Fluss in einem Ruderboot die Plätze tauscht.“ Dies ist auch der letzte Satz dieses Romans – ein Ende, das vorzüglich ausdrückt, wie ahnungslos das Gesetz bis zuletzt bleibt, dass ihm ein Serienmörder entging.

Ein Klassiker in neuem Gewand

„Plain Murder“ – so der Originaltitel dieses Romans – blieb in Deutschland mehr als drei Jahrzehnte ohne Übersetzung. Nachdem dies nachgeholt war, wofür Foresters Ruhm als Verfasser der auch hierzulande ungemein erfolgreichen Serie um den Seehelden Horatio Hornblower stark mitverantwortlich gewesen sein dürfte, folgten mehrfach Neuauflagen und Neuausgaben, wobei die ursprüngliche Übersetzung übernommen wurde.

2014 erschien diese neu übersetzte Ausgabe, die deutlich macht, dass auch eine alte Geschichte neuen Glanz gewinnen kann, wenn man die Sprache der Gegenwart anpasst, ohne dabei der Vorlage Gewalt anzutun. Ob nun „Gnadenlose Gier“ als ‚neuer‘ Titel besser geraten ist als das ursprüngliche „(Ein) Glatter Mord“, darf bezweifelt werden. Wichtiger ist: Der Roman selbst liest sich ausgezeichnet und entfaltet die vom Verfasser so sorgfältig herausgearbeitete Wirkung.

Die Literaturkritik urteilt skeptischer. Zwar wird stets die ausgezeichnete Form hervorgehoben, während der Inhalt nicht selten als (gekonnte) Variation des höher geschätzten Erstlings „Payment Deferred“ (dt. „Zahlungsaufschub“/„Tödliche Ohnmacht“) klassifiziert wird. Forester selbst schrieb nur noch einen weiteren Kriminalroman, bevor er sich auf seine „Hornblower“-Serie konzentrierte.

Autor

Cecil Scott Forester wurde am 27. August 1899 in Kairo, Ägypten, wo sein Vater als Beamter im kolonialbritisch geprägten Bildungsministerium beschäftigt war, als Cecil Lewis Troughton Smith geboren. Zunächst wollte oder sollte er Mediziner werden, brach das Studium jedoch ab. Der junge Mann versuchte sich als Schriftsteller. Ab 1921 begann er unter dem Pseudonym „C. S. Forester“ zu veröffentlichen.

Forester war ein fleißiger, nicht auf ein bestimmtes Genre festgelegter Autor, der auch Sachbücher schrieb, darüber hinaus journalistisch tätig war, u. a. als  Korrespondent der Times in London arbeitete aber auch Auslandsreisen unternahm. Ab 1932 schrieb Forester außerdem Drehbücher für Hollywood-Studios. Unter den Filmen, die nach eigenen Werken entstanden, ragen die Klassiker „The African Queen“ (1951; dt. „African Queen“, mit Humphrey Bogart und Katharine Hepburn) und „Captain Horatio Hornblower“ (1951; dt. „Des Königs Admiral“, mit Gregory Peck) heraus.

Am I. Weltkrieg hatte Forester nicht teilgenommen; er war als untauglich ausgemustert worden. Während des II. Weltkriegs war Forester für den British Information Services (BIS) in New York aktiv. Er blieb nach Kriegsende in den USA und siedelte sich später in Kalifornien an.

1937 erschien „The Happy Return“ (dt. „Der Kapitän“), erster Roman einer insgesamt zwölfbändigen Serie, die von den Abenteuern des britischen Seehelden Horatio Hornblower in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts erzählte. Sie gilt als Foresters Haupt- und Meisterwerk. Über der Arbeit an einem neuen Hornblower-Roman ist Forester am 2. April 1966 in Fullerton, Kalifornien, gestorben.

Copyright © 2015/2017 by Michael Drewniok (md)

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Comments

  1. Kurzkritik für Ungeduldige: Drei junge Männer in Not schmieden einen Mord-Pakt. Einer ist skrupelloser als die anderen. Da der erste Mord so perfekt gelungen ist, beginnt er, seine Komplizen aus dem Weg zu räumen sowie die Beseitigung weiterer lästiger Mitmenschen zu planen … – Zu Recht wieder veröffentlichter Klassiker, der weniger Kriminalroman als Psychothriller ist, der die frühe, glaubhafte Darstellung eines Soziopathen bietet: spannend, nie moralisierend, manchmal sarkastisch; dazu neu (und gut) übersetzt.

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