Hardball

Sara Paretsky
Hardball

(V.-I.-Warshawsky-Reihe, Bd. 13)

Originaltitel: Hardball (New York : G. P. Putnam’s Sons 2009)
Übersetzung: Monica Bachler
Deutsche Erstausgabe: April 2011 (Dumont Verlag/TB Nr. 6160)
512 S.
ISBN-13: 978-3-8321-6160-6
eBook: Juli 2011 (Dumont Verlag)
ISBN-13: 978-3-8321-8563-3

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Das geschieht:

Privatdetektivin Victoria Iphigenia Warshawski ist von einer Europareise ins heimatliche Chicago zurückgekehrt. Sie hat sich von ihrem Freund getrennt und ist pleite, weshalb sie umgehend ihre Arbeit aufnehmen will. Stattdessen muss Vic Familienpflichten und einen denkbar ‚kalten‘ Fall übernehmen. Cousine Petra, muntere 22 Jahre jung und der Fürsorge ihrer Eltern Peter und Rachel endlich entschlüpft, ist als Praktikantin für Brian Krumas tätig, der Senator des US-Staates Illinois werden möchte. Dabei scheint sie in gefährliche Kreise abgedriftet zu sein: In Vics Büro wird eingebrochen, es wird verwüstet. Die Überwachungskamera zeigt drei vermummte Gestalten, doch Vic erkennt trotzdem ihre Cousine unter den Tätern. Zur Rede stellen kann sie Petra nicht, da diese seither spurlos verschwunden ist. Detective Bobby Mallory nimmt Vic in die Zange, und zu allem Überfluss reisen Peter und Rachel an, um ihr Vorwürfe zu machen.

Als Detektivin gerät Vic an die Schwestern Ella Gadsden und Claudia Ardenne. Beide sind alt und krank. Bevor ihr Leben endet, will vor allem Claudia Gewissheit über das Schicksal ihres Neffen Lamont Gadsden, der seit 1967 verschollen ist. Vic übernimmt den aussichtslosen Fall und fahndet nach Personen, die Lamont, einen Kleinkriminellen und wohl auch ein Bandenmitglied, einst kannten. Ihre Suche führt zurück in die schwierige Zeit der Rassenunruhen, die in den 1960er Jahren auch in Chicago für bürgerkriegsähnliche Verhältnisse gesorgt hatten. Die damals geschlagenen Wunden sind auf beiden Seiten keineswegs verheilt.

Vics Ermittlungen rücken eine Reihe damals junger Männer in ein unschönes Licht. Heute sind sie vermögend, politisch einflussreich und verfügen über Mittel und Männer, unliebsame Schnüffeleien nachdrücklich zu unterbinden. Zu ihrem Kummer scheint auch Vics verstorbener Vater 1967 in düstere Machenschaften verwickelt gewesen zu sein. Bald wird es für die Detektivin allerdings wichtig, lange genug zu überleben, bis sie ihren übermächtigen Gegnern mit handfesten Beweisen entgegentreten kann …

Stadtgeschichte im Kriminalroman

Seit jeher schreibt Sara Paretsky nicht ‚nur‘ Kriminalromane. Sie übt auf unterhaltsame Weise Kritik an politischen und gesellschaftlichen Missständen, prangert Rassismus, Diskriminierung und verstärkt den Verlust von Menschenrechten an, die spätestens seit dem 11. September 2001 von und in den USA Stück für Stück außer Kraft gesetzt wurden.

„Hardball“ bildet eine Klammer zwischen Vergangenheit und Gegenwart. In einem ausführlichen Nachwort schildert Paretsky, wie sie 1966 als junge Frau nach Chicago kam, wo sie im Rahmen eines Sozialpraktikums mit Kindern arbeitete. Als politisch interessierter Mensch nahm sie die aufkommende Bürgerrechtsbewegung und die ihr feindlichen Gegenströmungen unmittelbar wahr – ein Sommer, den sie die prägende Zeit ihres Lebens nennt.

Viele der von der Autorin selbst erlebten Ereignisse fließen in „Hardball“ ein. Wer damals dabei war, erinnert sich gut – im Positiven wie im Negativen, da die Unruhen jenes Jahres die Menschen zwang, Stellung zu beziehen. Die Entscheidung pro oder contra Gleichberechtigung spaltete Gemeinden, Freundschaften, Familien. Die daraus resultierenden physischen Wunden sind nur oberflächlich verheilt.

Paretsky vermeidet simple Schwarz-Weiß-Zeichnungen. ‚Böse‘ weiße Rassisten kämpfen daher nicht gegen ‚edle‘ schwarze Bürgerrechtler. Eine der Gruppen, die 1967 Martin Luther King beschützten und Kinderhorte einrichtete, mutiert im Roman zur Straßengang der „Anacondas“, die ihre Drogen an Menschen aller Hautfarben verkaufen und auch in Sachen Mord ohne Vorurteile sind.

Geschichte und Gegenwart

1967 scheint für einen Großteil heutiger Leser in der Urzeit zu liegen. Tatsächlich stellen vier Jahrzehnte kein Menschenalter dar. Wer damals jung aber schon aktiv war, ist heute älter, kann aber immer noch aktiv sein. Paretsky geht von der Prämisse aus, dass einige damals Steine werfende, Hassparolen schreiende Männer zu prominenten Mitgliedern der Chicagoer High Society aufgestiegen und damit automatisch ehrenwert geworden sind.

Doch sie haben einen Mord begangen und bei der Vertuschung weitere Kapitalverbrechen begangen, die auch das Establishment nicht dulden kann, sollte die Öffentlichkeit Wind davon bekommen. Deshalb – so Paretsky – werden die Betroffenen wie vor vierzig Jahren gewalttätig. Inzwischen hat sich die Palette ihrer Möglichkeiten freilich erweitert. Sie müssen sich nicht mehr selbst die Hände schmutzig machen. Die enge Verknüpfung von Geld und Macht ermöglicht die Instrumentalisierung von Polizei und Justiz. So genügt es, V. I. Warshawski vage die Verwicklung in terroristische Umtriebe zu unterstellen, um eine mächtige Maschinerie in Gang zu setzen, die nicht nur Paretsky an Kafka erinnert.

Auf der Strecke bleiben Gerechtigkeit und Moral. Beinahe rührend wirkt Warshawski, die sich immer wieder als Verfechterin altmodisch scheinender, dem globalisierten 21. Jahrhundert nicht zweckdienlicher Werte positioniert. Dabei ist sie weder zurückhaltend oder zimperlich nach Gutmenschen-Art, sondern provozierend deutlich und stets bereit, auch unschöne Dinge beim Namen zu nennen.

Der Preis der Freiheit – der Job

V. I. Warshawski ist keine einfach gestrickte oder besonders sympathische Figur. Sie ist jähzornig, ein Kontrollfreak, voreilig, widerborstig aus Prinzip. Damit erhebt Paretsky sie nicht zur Weltenretterin und rettet sie vor einer unrealistischen Idealisierung. Sie lässt Warshawski ihren Preis für die Offenheit zahlen, die diese für sich beansprucht. In „Hardball“ lässt sie die entsprechenden Sünden Revue passieren: Eine Karriere im Staatsdienst hat sie sich aufgrund ihrer Kompromisslosigkeit verbaut, der Aufbau einer einträglichen Firma gelingt ihr nicht: Ihre beachtlichen kriminologischen Fähigkeiten investiert Warshawski immer wieder in Fälle, die ihren Gerechtigkeitssinn ansprechen aber dem Kontostand schaden. Dieses Mal lässt sie sich auf das besonders aussichtslose Unterfangen einer Personenfahndung ein, deren Ziel seit Jahrzehnten verschollen ist.

Dank kann Warshawski selten erwarten; in dieser Hinsicht geht es ihr wie den klassischen Detektiven des Genre-Krimis. Selbst die Mutter des verschwundenen Lamont Gadsden honoriert Warshawskis Mühen keineswegs. Wie üblich zahlt die Detektivin buchstäblich drauf. Beschädigtes Inventar, Streit und Körperverletzung gehen auf eigene Rechnung.

Der Preis der Freiheit – privat

Auch privat ist V. I. Warshawskis Leben eine Dauerbaustelle. Wieder einmal ist eine Beziehung in die Brüche gegangen. Selbst enge Freunde – ihre Zahl hält sich ohnehin in Grenzen – kommen nicht umhin, Warshawkis ausgeprägte Eigenheiten und vor allem ihre Ungeduld als Ursachen anzusprechen. Das Ergebnis sind kurzfristige Depressionsphasen, aus denen Warshawski indes niemals lernt.

Deshalb lässt sie sich auch im 13. Band der Serie vom steinalten Nachbarn Mr. Contreras und von ihren beiden Hunden auf der Nase herumtanzen. Als Verstärkung kommt dieses Mal die aufreizend lebenslustige Cousine Petra hinzu, die der Detektivin den Verlust jugendlicher Unbekümmertheit besonders deutlich signalisiert.

Auf 500 eng bedruckten Buchseiten ist genug Platz für eine unheilvolle Reise in die Warshawskische Familiengeschichte. Vic vergöttert die Mutter und verehrt den Vater. An dessen Vergoldung kratzt die Realität kräftig: Die Suche nach Wissen birgt stets das Risiko, mit unerwarteten und unwillkommenen Informationen konfrontiert zu werden. Vic muss lernen, dass ihr Vater nur ein Mensch war.

Viel Altes, ein wenig Neues

Vor gut recherchiertem Hintergrund erzählt Paretsky eine gediegene Kriminalstory bekannten Musters. Auch Vic Warshawski führt kein so aufregendes Leben, dass 13 Bücher mit originellen Geschichten gefüllt werden könnten. Vertraute Feindbilder werden neu arrangiert, bekannte Figuren tauchen auf. Der Leser will Warshawskis Welt zwar durcheinandergewirbelt aber keinesfalls zerstört sehen. So ist Mr. Contreras inzwischen angeblich über 90 Jahre alt, zeigt aber weiterhin keinerlei Anzeichen körperlichen oder geistigen Verfalls. Offenbar besitzt diese penetrante Figur eine eigene Fangemeinde.

Der Fortbestand zwischenmenschlicher Ungerechtigkeiten und eine unkonventionelle Heldin sorgen im Bund mit soliden Plots für Kriminalromane, deren Unterhaltungswert unter einem gewissen Tiefgang nicht leidet. Auf diese bewährte Weise kann (und wird) Sara Paretsky ihre Serie problemlos fortsetzen.

Autorin

Sara Paretsky (geb. am 8. Juni 1947 in Ames, Iowa) wuchs in Lawrence, Kansas, auf. 1966 zog sie nach Chicago, arbeitete sie als Sekretärin und begann sich zu engagieren: Dies waren die Jahre, in denen die Jugend der USA gegen den Krieg in Vietnam, den Rassismus im eigenen Land und für die Menschenrechte protestierte. Paretsky fügte dem noch ihren Kampf für die Rechte der Frau hinzu. Konsequent verwirklichte sie diese für die eigene Person, studierte Wirtschaft und Geschichte, promovierte 1977 und arbeitete bis 1985 als Verkaufsmanagerin einer großen Versicherungsgesellschaft.

1986 beschloss Paretsky eine Laufbahn als hauptberufliche Schriftstellerin. Zu diesem Zeitpunkt hatte sie bereits drei Romane um Vic Warshawsky, eine Privatdetektivin in Chicago, verfasst, die von den beruflichen und persönlichen Erfahrungen ihrer geistigen Mutter profitierte. Sara Paretsky gehört zu den Autorinnen, die in den 1980er Jahren dem Genre wichtige Neuimpulse gaben. Der ehrwürdige Kamillentee-Lady-Thriller wurde endlich ergänzt vom modernen „Privat-Eye“-Krimi, dessen Protagonistinnen nicht als Abziehbilder ihrer hartgesottenen männlichen Vorbilder agierten, sondern überzeugend eigene Wege gingen.

Paretskys V. I. Warshawski hat inzwischen die meisten fiktiven Detektiv-Kolleginnen (und eine wahrhaft schauerliche Hollywood-Verfilmung) überlebt und hält ihre Ideale weiterhin eisern hoch. Die Autorin gründete außerdem die „Sisters in Crime“, eine Organisation, die weibliche (Nachwuchs-) Autoren fördert und deren erste Präsidentin sie war.

Website

Copyright © 2011/2017 by Michael Drewniok (md)

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Die verschwundene Frau

Feuereifer

Es geschah im Dunkeln

Rückkehr aus dem Reich der Toten

sfbentry

Comments

  1. Hallo Michael,

    wo nimmst du nur die Zeit her, so ausführliche und gute Rezis in dieser Menge zu schreiben? In der Planung hast du ja ein hübsches Paket reingehauen. Vielen Dank dafür, freue mich auf jede einzelne Rezi von dir.

    mgg
    galaxykarl 😉

  2. Das sind ‚Alt-Rezis‘, die ich aus dem PC-Speicher ziehe, abstaube, durchsehe, aktualisiere und dem Publikum vorsetze.

  3. Dass du ja aktuelle Bücherrezensionen auch auf andere Plattformen stellt weiß ich ja, aber ich denke mal, dass für solche älteren Titel nur wenig Interesse von Seiten der Bloginhaber exestieren dürfte. Ist das so, oder täusche ich mich?

  4. Also ich schätze die alten SF-Rezis zu längst vergriffenen Titeln, da ich das Leid des Sammlers trage: Was soll ich als nächstes lesen? Natürlich neue Romane, ja schon, aber da enttäuschen mich fast 50%. Und dann stehst du vor 8.500 Titeln im Keller (ca. 1,4 to Papier) und suchst nach „Goldstückchen“. Da hilft es schon sehr, wenn du von belesener Stelle einen Tipp bekommst.

    Und anderen Leuten mit anderen Genre wird es ähnlich gehen.

    mgg
    galaxykarl 😉

  5. Alle Titel der „Die V.-I.-Warshawsky-Reihe“ sind nun als Bestellinks unter der Rezi käuflich zu erwerben! Man sollte aber auch hier darauf achten, dass viele Titel aus nur einem oder wenigen Wörtern bestehen, weshalb es nach dem Aufrufen des jeweiligen Bestellinks ratsam ist mit diesem Ergebis nochmal zu suchen und den Autorennachnamen dazuzugeben, dann klappt das.

    Aufpassen muß man auch bei Titeln, die im Original wie in der deutschen Ausgabe den selben Buchtitel verwenden, dass man nicht aus Versehen eine englischsprachige Originalausgabe bestellt!

    Ansonsten wünsche ich viel Spass dabei!

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