Hollywood, Nachtstücke

James Ellroy
Hollywood, Nachtstücke

Originaltitel: Hollywood Nocturnes (New York : Otto Penzler Books 1994)
Übersetzung: Thomas Mohr
Dt. Erstausgabe (geb.): 2000 (Hoffmann und Campe Verlag)
255 Seiten
ISBN-10: 3-455-01792-4
Neuausgabe: Februar 2002 (Ullstein Verlag/TB-Nr. 25295)
255 S.
ISBN-13: 978-3-548-25295-7

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Inhalt:

Fünf Kurzgeschichten und eine Novelle bilden Bausteine einer halb imaginären Chronik der Stadt Los Angeles in den anderthalb Jahrzehnten nach dem II. Weltkrieg:

Dick Continos Blues: 1958 – Der begabte, aber chronisch erfolglose Musiker Dick Contino bemüht sich, seine stagnierende Karriere als Filmschauspieler wieder in Gang zu bringen. Da er die Chancen zu Recht als gering einschätzt, will er sich und der Hauptdarstellerin durch eine getürkte Entführung die bitter nötige Publicity verschaffen. Das Pech bleibt Contino treu; eine Kette bizarrer Zufälle lässt ihn und seine Partnerin in das Fadenkreuz des „Würgers von West Hollywood“ geraten.

High Darktown: 1945 – Im Trubel der Feierlichkeiten zum Ende des II. Weltkriegs fahndet Sergeant Lee Blanchard vom Los Angeles Police Department nach einem Duo brutaler Raubmörder und stößt dabei auf einen geplanten Eisenbahn-Überfall.

Telefon Axminster 6-400: Sergeant Lee Blanchard und sein hartgesottener Partner Davis Evans jagen ein Trio gewalttätiger Entführer. Sie müssen feststellen, dass korrupte Kollegen und betrügerische FBI-Beamte genauso wenig Interesse an der Lösung des Falls haben wie das angebliche Opfer der Kidnapper.

„Since I Don´t Have You“: 1949 – Turner „Buzz“ Meeks, ehemaliger Cop, nun Spezialist für delikate bis schmutzigen Aufträge im Auftrag des exzentrischen Millionärs Howard Hughes und des Gangsterbosses Mickey Cohen, wird von seinen beiden Herren gleichzeitig beauftragt, eine junge Frau zu finden, die sich als ein und dieselbe Person entpuppt. Meeks bemüht sich, dies geheim zu halten, da er doppelt kassieren will, doch sein riskantes Doppelspiel droht aufzufliegen, als er erkennt, dass die Gesuchte ihre eigenen Pläne mit Hughes und Cohen hat.

Ein kleines Glück: Endlich scheint das Glück auch einmal Stan Klein, dem gescheiterten und auf Bewährung entlassenen Ex-Betrüger hold zu sein. Ein befreundeter Anwalt heuert ihn als Kindermädchen für Basko an, den Bullterrier und Liebling des jüngst verstorbenen Gangsterbosses Sol Bendish, der seinem Liebling 25 Millionen Dollar hinterlassen hat. Stan stellt fest, dass einige menschliche Zeitgenossen mit dieser Erbfolge nicht einverstanden sind.

Liebestraum: Privatdetektiv Spade Hearns ist ziemlich am Ende, als ihn Staatsanwalt Molloy als Internierungshelfer anheuert. Man schreibt das Kriegsjahr 1942 – nach dem Überfall auf Pearl Harbour werden die in den USA lebenden Japaner als potentielle Feinde in Lagern zwangsinterniert. Während er den flüchtigen Kleinkriminellen Murikami jagt, kommt Hearns einem Komplott korrupter Polizeibeamter und der Ausländerbehörde auf die Spur.

Schreiben, um zu (über-) leben

Die Biographie von James Ellroy ist in dem Maß, wie sein Ruhm gewachsen und die Auflagenzahlen seiner Romane gewachsen sind, in der Presse wieder und wieder nacherzählt worden. Es sind sehr persönliche Motive sind, die Ellroy praktisch zwingen, sich mit den dunklen Seiten der Geschichte von Los Angeles auseinander zu setzen.

1958 wurde Ellroys Mutter in Los Angeles brutal ermordet. Ihr Tod warf den damals Zehnjährigen völlig aus der Bahn; in einem ausführlichen Vorwort zu „Hollywood, Nachtstücke“ schildert Ellroy seine trostlose Jugend, die ihn zum alkohol- und drogensüchtigen Krimineller ‚reifen‘ ließ. Aus diesem Sumpf rettete ihn nach eigener Auskunft die Schriftstellerei, die es ihm seit dem Ende der 1970er Jahre ermöglicht, seine Obsessionen in den Griff zu bekommen, indem er sie schreibend bewältigt.

Die Kraft der inneren Dämonen, die ihn nach wie vor hetzen, spiegelt sich in der enormen Produktivität Ellroys wieder. Um Los Angeles und die Jahre ab 1940 kreisen seine Gedanken noch heute. Er hat sich förmlich verbissen in die Geschichte/n dieser Jahre. Seine Leser profitieren davon – Ellroy kennt sich ausgezeichnet aus. Er lässt dies in sein Werk einfließen und schafft dadurch einen farbigen und plastischen Hintergrund, vor dem seine düsteren Geschichten um Verbrechen, Korruption und Gewalt umso lebendiger wirken.

Geliebte und verhasste Stadt

Los Angeles – das ist vor allem Hollywood, jener Stadtteil, der noch heute die Filmhauptstadt der westlichen Welt ist, eine Glitzerwelt der Reichen und Schönen, die jedoch eine ebenso ausgeprägte Schattenseite hervorgebracht hat. Seit jeher beschäftigen sich Schriftsteller und Drehbuchautoren mit denen, die bei der vergeblichen Jagd nach dem Amerikanischen Traum auf der Strecke bleiben.

Niemand hat sich jedoch diesem Thema bisher so intensiv gewidmet wie James Ellroy. Er hat einen ganzen Zyklus um die Geschichte Hollywoods in den Nachkriegsjahren und -jahrzehnten geschrieben („The Black Dahlia“, 1987, dt. „Die Schwarze Dahlie“; „The Big Nowhere“, 1988, dt. „Blutschatten“, „L. A. Confidential, 1990, dt. „Die Stadt der Teufel“; „White Jazz“, 1992, dt. „White Jazz“), in den sich die „Hollywood, Nachtstücke“ nahtlos einpassen lassen; einige Charaktere traten bereits in den genannten Romanen auf.

We in allen Ellroy-Werken spielen vom Leben gezeichnete Figuren die Hauptrollen – Menschen am Abgrund, Existenzen in den Randzonen der Gesellschaft, skrupellose Gangster, korrupte Polizisten, gleichgültige Politiker und habgierige Geschäftsleute, zwischen denen sich kein echter Unterschied feststellen lässt. Brutale Männer und berechnende Frauen, denen ihre Rücksichtslosigkeit indes auch kein Glück und keinen Frieden beschert, leben und sterben in einer Welt, die von unbarmherziger innerer und äußerer Kälte bestimmt wird. Träume und Illusionen sind gefährlich, denn sie verraten Schwäche. Trotzdem versuchen Ellroys getriebene Figuren immer wieder auszubrechen, und sie sind bereit, den Preis für ein Scheitern zu zahlen.

Keine Angst vor hässlichen Wahrheiten

Politische Korrektheit kann man Ellroy nicht vorwerfen; Rassismus und Intoleranz prägen ‚sein‘ Los Angeles. Doch so war es in der Realität nicht nur der Nachkriegsjahre. Die hässlichen Folgen nennt Ellroy beim Namen und versteckt sie nicht hinter beschönigenden Umschreibungen. Dabei vermeidet er es, die misshandelten Minderheiten pauschal zu verklären, sondern scheut nicht vor der unangenehmen Wahrheit zurück, dass sich die Unterdrückten untereinander allzu oft nicht solidarischer verhalten als ihre Unterdrücker.

Ellroys Stil als Schriftsteller bietet seinen Kritikern seit jener einen willkommenen Angriffspunkt. Wie aus einem Maschinengewehr feuert er seine Prosa auf die Leser ab. Im Laufe seiner Karriere hat er dies noch verstärkt; mit der für ihn typischen kompromisslosen Konsequenz treibt er es seit „American Tabloid“ (1995, dt. „Ein amerikanischer Thriller“), seinem Schlüsselroman zum Kennedy-Mord 1963, der nur mehr ein Mosaik zerrissener Szenen, Dialogfetzen und imaginärer Zeitdokumente darstellt, auf die Spitze.

Auch die „Hollywood, Nachtstücke“ werden im Ellroy-Stakkato erzählt. Dabei stellt sich heraus, dass für kürzere Geschichten geradezu ideal ist, was die Lektüre der Romane anstrengend macht. Ellroy spinnt ein höllisches Garn in höllischem Tempo. Seine kürzeren Arbeiten lesen sich genauso spannend wie seine ‚großen‘ Werke.

Autor

Lee Earle „James“ Ellroy wurde am 4. März 1948 in Los Angeles geboren. Sein Vater arbeitete als Buchhalter, seine Mutter als Krankenschwester. Ellroys Kindheit war trostlos. Die Ehe der Eltern scheiterte, Jean Hilliker – die Mutter – bekam das Sorgerecht; sie führte ein unstetes Leben und zog mit ihrem Sohn ständig um, das Geld war knapp. Am 22. Juni 1958 wurde Hilliker ermordet. Der Fall konnte nie geklärt werden.

James Ellroy landete bei seinem Vater, der zunehmend in Armut und Alkoholismus versank. Eine Episode als Soldat der US-Navy – Ellroy wurde unehrenhaft entlassen – folgten viele Jahre der Obdachlosigkeit. Kleinkriminalität, Alkohol- und Drogenmissbrauch forderten ihren Tribut. Mitte der 1970er Jahre war Ellroy ein krankes Wrack. Dem Tod konnte er gerade noch von der Schippe springen. Anschließend änderte Ellroy sein Leben radikal. Er wurde abstinent und begann zu schreiben.

Nach eigener Auskunft hatte Ellroy schon als Kind exzessiv gelesen und dabei vor allem Kriminalromane und Kriminal-Reportagen geliebt. Für seinen ersten Roman recherchierte er ausführlich und ließ außerdem seine privaten Obsessionen einfließen. „Brown‘s Requiem“ (dt. „Browns Grabgesang“) erregte 1981 Aufsehen. Die schonungslose Art der Darstellung war in dieser Prägnanz neu – und Ellroy ging weiter. Korruption, Mordlust und andere düstere Triebe prägten und verfolgten seine zwiespältigen Helden, die nicht selten ein böses Ende nahmen.

Der Durchbruch gelang Ellroy 1987 mit dem Noir-Thriller „The Black Dahlia“ (dt. „Die schwarze Dahlie“), einem bemerkenswert plausibel recherchierten sowie erfundenen Roman um den unerhört grausamen, nie geklärten Mord an der Gelegenheitsprostituierten Elizabeth Short, deren grotesk verstümmelte Leiche im Januar 1947 in Los Angeles gefunden wurde. „Black Dahlia“ war der erste von vor Romanen, die das sog. LA-Quartett bildeten. Ihm folgte die „Underworld U.S.A.“-Trilogie, die Fakten und Fiktion zu einer alternativen, sehr politischen US-Geschichte der 1950er bis 1970er Jahre verquirlte.

Ellroys Sprache wurde radikaler, kürzer, atemloser; seine Romane ähnelten nun Collagen. Er wollte sie nicht mehr als Thriller oder gar Krimis verstanden wissen. Fünf Jahre arbeitete er an „Perfidia“ (2014). Ellroy verdichtete seinen schonungslosen Blick auf die US-Gesellschaft zu einem knapp tausendseitigen Epos, das gänzlich jenseits historischer Verklärung quasi verdammte Männer und Frauen am Rand des Wahnsinns und des gewaltsamen Todes präsentierte.

Auch als True-Crime-Autor machte sich Ellroy einen Namen, wobei er auf seine exzessive Beschäftigung mit dem Verbrechen in Los Angeles seit dem Zweiten Weltkrieg aufbauen konnte. Vergeblich hat er u. a. versucht, den Mörder seiner Mutter zu entlarven. Während Ellroy wohlhabend und berühmt wurde – mehrere seiner Romane wurden verfilmt -, blieb sein Privatleben unruhig. Ellroys inzwischen konsequente Verweigerung gängiger Thriller-Konventionen verärgerte ein Publikum, das seinen Lesestoff gern schubladisiert, was den Verfasser nicht davon abhält, seiner persönlichen Sicht auf die jüngere Zeitgeschichte seines Landes umso entschlossener treu zu bleiben.

Copyright © 2017 by Michael Drewniok (md)

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