Hotel Transylvania

Chelsea Quinn Yarbro
Hotel Transylvania
(Saint-Germain-Serie, Bd. 1)

Originaltitel: Hotel Transylvania. A Novel of Forbidden Love (New York : St. Martin‘s Press 1978)
Übersetzung: Heiko Langhans
Deutsche Erstveröffentlichung: Januar 2003 (Festa-Verlag/Nosferatu 1403)
344 S.
ISBN-13: 978-3-935822-57-2

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Das geschieht:

Aus der französischen Provinz reist die junge Madelaine de Montalia ins Paris des Jahres 1743, wo sie unter der Obhut ihrer Tante in die adelige Gesellschaft eingeführt werden und einen standesgemäßen Ehegatten kennenlernen soll. Ihr Vater, der Comte Robert de Montalia, hütet ein düsteres Geheimnis: Vor zwanzig Jahren war er Mitglied eines Zirkels hochadeliger Teufelsanbeter, die ihr Unwesen am Hofe des Sonnenkönigs Louis XIV. trieb! Oberhaupt der Sekte ist Clotaire de Saint Sebastian, der Montalia zwang, ihm sein erstgeborenes Kind als Menschenopfer für Satan zu verschreiben. Später floh Montalia aus Paris, während Saint Sebastian in den Untergrund gehen musste, weil der Zirkel aufflog. Dort hat Saint Sebastian neue Anhänger um sich geschart. Die Opferung der schönen Madelaine sieht er als idealen Neustart seiner Sekte.

Seit einiger Zeit sorgt ein mysteriöser Ausländer in der Pariser Aristokratenszene für Aufsehen. Der Comte de Saint-Germain ist reich, seine Manieren sind perfekt. Er eröffnet das schwelgerisch eingerichtete „Hotel Transylvania“, das zum Treffpunkt der Hautevolee wird. Saint-Germain hält sich bedeckt und hat gute Gründe dafür, denn er ist ein Vampir! Seit Jahrtausenden wandert er durch die Welt; ein intelligenter, keineswegs blutrünstiger oder gar machtlüsterner ‚Mann‘. Mit den Satanisten hat er schon seine Klinge gekreuzt. Er hält Saint Sebastian im Auge und hat gewisse Gegenmaßnahmen eingeleitet, die sogar den Einsatz von Magie beinhalten.

Als der Vampir sich ausgerechnet in Madelaine verliebt und diese Gefühle erwidert werden, muss er sich aus der Deckung wagen: Madelaine wird entführt und soll in einer grausamen Zeremonie langsam zu Tode gequält werden. Saint-Germain kann sich nur auf eine kleine Schar eher sonderlicher als kampfstarker Verbündeter verlassen, aber das hält ihn nicht ab, sich entschlossen in die Schlacht um Madelaines Leben zu stürzen …

Vampir verliebt aber kein Edward-Säftel

Ein Vampir, der weder beißen mag noch mit seinen Opferinnen schlafen kann: originell als Idee, aber funktioniert das in einem Horrorroman? Die Antwort lautet ja, und es gibt erstaunlich wenige Probleme, ein riskantes Zuwenig an Blutspritzen & Sex durch romantische Düsternis und (US-amerikanisch gedämpft) Erotik auszugleichen. Schließlich spielt unsere Geschichte in Frankreich sowie um die Mitte des 18. Jahrhunderts. Noch weit entfernt ist die Revolution, der Adel darf sich ungestört auf Kosten von Leibeigenen, Dienern und sonstigem lästigen aber notwendigen Pöbel dem müßiggängerischen Highlife hingeben. Sexuelle Dekadenz gehört dabei zum guten Ton, solange man sich nicht in flagranti erwischen lässt. Satanismus wird allerdings nicht als gesellschaftsfähig erachtet, und unsterbliche Blutsauger haben erst recht nichts Gutes zu erwarten, selbst wenn sie sich so formvollendet geben wie der Comte de Saint-Germain.

Fechten, Reiten und die Männer des Feindes prügeln wie in einem zünftigen Musketier-Film ist also nicht. Das heißt aber keineswegs, dass wenig Spannendes geschieht. In den feinen Kreises des 18. Jahrhunderts wird mit Worten und Intrigen gestritten und sogar gemordet. Das starre und strenge Gesellschaftssystem schließt den Adel keineswegs aus; wer gegen die Spielregeln verstößt, wird erbarmungslos geächtet. Dies gilt es zu vermeiden – um jeden Preis. So erweist sich bei näherer Betrachtung jedes scheinbar harmlose Gespräch als vielfach verschlüsseltes Abtasten, Drohen und Kräftemessen, was „Hotel Transylvania“ über weite Strecken wie eine (geschickt) trivialisierte Fassung von Choderlos de Laclos‘ Klassiker „Les liaisons dangereuses“ (1782; dt. „Gefährliche Liebschaften“) wirken lässt – sogar die als Stilmittel eingeschobenen Briefe fehlen nicht.

Ihre zurückhaltende Art, den Vampirismus in Szene zu setzen, und die Freude am historischen Detail haben Kritik und Publikum Chelsea Quinn Yarbro oft übelgenommen. „Historische Liebes- und Gaslichtromane“ werden ihre Saint-Germain-Geschichten abschätzig genannt. Auf der anderen Seite gibt es genug Leser, die solchen eher gepflegten Grusel zu schätzen wissen; nicht umsonst erlebt Saint-Germain seine Abenteuer in diversen Epochen sowie in bisher (Stand: 2016) 27 (!) voluminösen Bänden.

Shades of Red?

Dabei darf man Yarbro nicht mit den Gaslicht-Gruseltanten des Groschenromans, den Jungmädchen-Träumereien der Schmalz-Schwerkategorie „Twilight“ (Stephanie Meyer) oder den Shopping-Queen-Vampiren à la Betsy Taylor (MaryJanice Davidson) in einen Hexenkessel werfen. Jawohl, es wirkt kitschig und lächerlich, wenn man zusammenfasst, dass Saint-Germain seine weiblichen ‚Opfer‘ per Kuss in seinen lustvollen Bann zieht: Es zu lesen und es funktionieren zu sehen ist der Beweis für Yarbros Talent! Die ausführlich und detailfreudig in Szene gesetzten Foltereien und Sexual-Sadismen sind zudem kaum der Stoff, aus dem historische Schmachtfetzen gewoben werden.

Er ist ein interessanter Charakter, der Comte de Saint-Germain, der sich in anderen Zeitaltern auch Ferenc Ragoczy, Ragoczy Germainus Sanct‘ Franciscus oder Sidi Sandjer’min nennt. Wie alt er eigentlich ist, erfahren wir bei diesem = seinem ersten Auftritt nicht; viele Andeutungen werden gemacht, die frühere Existenzen im alten Ägypten oder Rom verraten.

Saint-Germain ist charismatisch, wie es hohe Intelligenz, außerordentliche Lebenserfahrung und Vorsicht mit sich bringen. Yabro zeichnet ihn recht nüchtern. Saint-Germain ist kein feuriger Liebhaber, vergießt das Blut seiner Opfer sparsam (und nur zwischen den Zeilen), greift nicht nach der Weltherrschaft oder will irgendein längst vergessenes Unrecht rächen. Er ist ein Wanderer durch die Zeit und ein Realist, ein Lebens- und Überlebenskünstler.

Vampir als zeitloser Weltenbummler

Sonnenlicht schadet Saint-Germaine nicht, solange er nur genug Grabeserde in seine Stiefel schüttet. Das Böse an sich verkörpert er ganz sicher nicht. Die Menschen sind für ihn kein Blutvieh, er kann durchaus Freundschaften schließen und sich auf die Seite der Schwachen schlagen. Liebe ist ihm nicht fremd, und er hat keine Probleme damit, sich als Vampir zu outen, wenn er sich sicher fühlt. Man sieht ihn sogar – welcher Frevel! – mit dem Kruzifix in der Hand: Yarbro ist eine Verfechterin jener Theorie, nach der Vampire so etwas wie eine zweite Menschenart sind; kein Produkt einer vorzeitlichen Erbsünde, sondern ein Produkt der Evolution. (Diverse Aspekte der vampirischen Biologie skizziert die Verfasserin in einem eigenen Nachwort.)

Madelaine, seine Gefährtin ist natürlich – so viel Klischee muss sein – eine junge, schöne Frau. Klug ist sie außerdem, mutig und begierig, den Konventionen ihrer Zeit zu entrinnen, die einer Frau nur das Abenteuer der Ehe gönnt. Madelaine verlangt mehr vom Leben, will reisen, andere Länder und Menschen sehen. Saint-Germain wird ihr das auf ungewöhnliche Weise ermöglichen. Auch das ist nicht selbstverständlich: Madelaine der Vampir kommt glänzend mit den veränderten Lebensumständen klar und macht das Beste daraus; Yarbro widmet ihr (s. u.) sogar eine eigene Serie.

Schurken ohne Glanz & Glorie

Die Teufelsanbeter bieten kein besonders überzeugendes Bild. Mit fortschreitender Handlung stellt sich die Frage immer lauter, wieso sie sich eigentlich dem Satan ergeben haben. Der lässt sich nämlich kein einziges Mal blicken. Stattdessen führt sich sein angeblicher Stellvertreter Saint Sebastian wie ein Miniatur-Nero auf; nach Yarbros Ansicht jedenfalls, denn tatsächlich kommt er einem wie ein ausschließlich um die eigene Macht besorgter Sektenchef vor, der über eine traurige Rotte ziemlich unterbelichteter Angsthasen herrscht, die sich für ein bisschen Quälen und Vergewaltigen nach Feierabend von ihrem aufbrausenden Herrn allerlei gefallen lassen müssen.

Ebenfalls wenig Eindruck hinterlassen die „Zauberer“, die Saint-Germain zur Hand gehen. Sie wirken geradezu kläglich, was von Yarbro so gewollt ist: Selbst der Vampir bedient sich lieber der Wissenschaft statt der Magie, die er längst als geistige Krücke der Unwissenden begriffen hat. So ist die Herstellung von Diamanten letztlich keine Zauberei, sondern Chemie, wie Saint-Germain sie von klügeren Köpfen erlernt hat.

Saint-Germain ist seiner Zeit geistig weit voraus, was paradox ist, da er ihr körperlich hinterherhinkt. Er bleibt notgedrungen ein Zaungast, wobei es ihn nach dem Willen seiner geistigen Mutter gern dorthin verschlägt, wo gerade Geschichte geschrieben wird. Yarbro achtet dabei zwar auf eine schlüssige Chronologie. Die Saint-Germain-Romane folgen zeitlich dennoch keinem roten Faden, sondern ‚springen‘ durch die Vergangenheit.

In Deutschland konnte Yarbro mit ihrer Serie nicht Fuß fassen. Einem Publikum pubertärer Bella-&-Edward-Schmonzetten waren ihre historisierenden Vampir-Abenteuer offenbar zu anspruchsvoll oder zu erwachsen.

Autorin

Chelsea Quinn Yarbro wurde am 15. September 1942 in Berkeley im US-Staat Kalifornien geboren. Sie wuchs in dieser Stadt auf und ging dort zur Schule. Dann studierte drei Jahre am San Francisco State College. 1969 heiratete sie Donald Simpson; die Ehe wwurde 1982 (kinderlos) geschieden.

Seit 1968 ist Yarbro eine hauptberufliche Schriftstellerin. Sie verfasst durchschnittlich drei Bücher pro Jahr (!) und zeigt sich sattelfest in praktisch allen Genres der Unterhaltungsliteratur. Yarbro schreibt Science Fiction, Fantasy, Horror, Western und Jugendromane. Trotz ihres enormen Ausstoßes gelingt es ihr, ein gewisses Niveau zu halten.

Ihr größter Erfolg ist eine Serie um den unter vielen Namen in allen Epochen der Menschheitsgeschichte auftretenden Vampir Saint-Germain. Zwar ist es Yarbro nicht gelungen, ähnlich populär wie Anne Rice oder Stephanie Meyer zu werden, doch womöglich ist das von Vorteil: Während Rice pseudo-literarisches Kunsthandwerk produziert und Meyer in peinlichem Schwulst schwelgt, verfasst Yarbro einfach lesenswerte Unterhaltungsromane.

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Copyright © 2016 by Michael Drewniok (md)

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