Im Haus des Grafen Dracula

Bram Stoker
Im Haus des Grafen Dracula

(sfbentry)
Originalausgabe: Dracula’s Guest and Other Weird Stories (London : George Routledge & Sons, Ltd. 1914)
Übersetzung: Burkhard Kroeber (1), Norbert Miller (1), Michael Krüger (2), Friedrich Polakovics (3), Wilfried Sczepan (3)
Dt. Erstausgabe: 1974 (Hanser Verlag/Biblioteca Dracula 14)
271 S.
ISBN-10: 3-446-11847-0
Neuausgabe: 1980 (Deutscher Taschenbuch Verlag/dtv-phantastica 1854)
232 S.
ISBN-10: 3-423-01854-2
Neuausgabe: 1993 (Insel Verlag/it 1522)
306 S.
ISBN-13: 978-3-458-33222-0

Es existiert noch eine Ausgabe unter dem Titel „Draculas Gast“, die sich auf sechs Storys („Draculas Gast“, „Das Haus des Richters“, „Die Squaw“, „Rattenbegräbnis“, „Das Geheimnis des wachsenden Goldes“, „Crooken Sands“) beschränkt:

Dt. Erstausgabe: 1968  (Wilhelm Heyne Verlag/Allgemeine Reihe 589)
Übersetzung: Wulf H. Bergner
158 S.
[keine ISBN]
Neuausgabe: März 2011 (Diogenes Verlag/Detebe)
212 S.
ISBN-13: 978-3-257-24091-7

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Inhalt

In neun Erzählungen und einem Kurzroman beweist Bram Stoker, dass er mehr ist als der Schöpfer des Vampir-Fürsten Dracula:

Die Squaw (The Squaw, 1893): Ein dummer Scherz endet böse und lässt eine Katzenmutter zur rächenden Schicksalsgöttin mutieren.

Das Festmahl der Ratten (The Burial of the Rats, 1896): Im Paris des Jahres 1850 gerät der unvorsichtige Tourist unter Räuber und Mörder, die ihn durch eine bizarre Unterwelt aus Müll und Schmutz jagen.

Draculas Gast (Dracula’s Guest, 1914): Den englischen Tourist zieht es in ein bayerisches Bergtal, das er gerade in der Walpurgisnacht auf jeden Fall hätte meiden sollen.

Das Geheimnis des sprießenden Goldes (The Secret of the Growing Gold, 1892): Die abservierte Geliebte kehrt racheschnaubend zurück und ist auch im Tod nicht aufzuhalten.

Das Haus des Scharfrichters (The Judge‘s House, 1891): Der Student findet eine ruhige und kostengünstige Unterkunft, deren hässlich geendeter Vorbewohner nicht von seiner in Fleisch & Blut übergegangenen Arbeit lassen will.

Eine Zigeunerwahrsagung (A Gipsy Prophecy, 1885): Das Schicksal selbst scheint dafür sorgen zu wollen, dass eine unheilvolle Weissagung sich erfüllt.

Ein Traum von roten Händen (A Dream of Red Hands, 1894): Das schlechte Gewissen peinigt den Mörder noch im Schlaf, bis sich ihm eine Chance zur Reue bietet.

Der Doppelgänger (Crooken Sands, 1894): Markam kleidet sich im Urlaub wie ein schottischer Clan-Chief und erregt damit nicht nur den Spott seiner Mitmenschen, sondern auch das Interesse eines ganz ähnlich gewandeten Phantoms.

Am Watter’s Mou (The Watter’s Mou, 1894): Als der jungen Braut bewusst wird, dass ihr pflichtbewusster Verlobter den schmuggelnden Vater festnehmen wird, unternimmt sie eine lebensgefährliche Bootsfahrt hinaus aufs stürmische Meer.

Abel Behennas Wiederkehr (The Coming of Abel Behenna, 1893): Eric sorgt dafür, dass ihm sein Nebenbuhler die Braut nicht streitig macht, aber die Art & Weise, wie er ausgebootet wurde, lässt Abel nicht in seinem Grab ruhen.

Im Schatten von Dracula

Ein Erfolg wie „Dracula“ überstrahlt alles, selbst wenn sein Schöpfer ihn nicht mehr erleben durfte: Heute wird Bram Stoker an seinem Opus magnum gemessen. Dabei war er ein fleißiger Autor, der schon vor 1897 Romane und Kurzgeschichten veröffentlicht hatte. Wie die hier vorgestellte Sammlung belegt, können sich Stokers Storys problemlos mit „Dracula“ messen; nicht selten verleiht ihnen gerade ihre Kürze jene Prägnanz, die der genannte Roman oft vermissen lässt.

Dem zollt die Titelstory ihre Referenz. Stoker arbeitete sieben Jahre an „Dracula“. In dieser Zeit schrieb er viel Text, der nicht ins endgültige Werk einging. „Draculas Gast“ gehörte zu den Kapiteln, die dem Rotstift zum Opfer fielen. Stoker selbst griff nicht mehr auf diesen Text zurück. Seine Witwe Florence war es, die ihm nach dem Tod des Gatten den Titel gab, der für eine 1914 herausgegebene Sammlung Stokerscher Gruselgeschichten übernommen wurde.

Stokers Entscheidung war richtig: Als separate Erzählung wirkt „Draculas Gast“ wesentlich stärker. Im Roman wäre sie nur eine der ohnehin viel zu zahlreichen Abschweifungen gewesen. „Draculas Gast“ macht außerdem deutlich, was der Leser immer wieder feststellen wird: Stoker war begnadet in der Inszenierung düsterer Stimmungen. Seine Plots konnten da selten mithalten, und seine Figuren waren meist Klischees.

Die Poesie der Finsternis

So bietet „Das Festmahl der Ratten“ nur eine Hetzjagd auf Leben und Tod. Niemand, der diese Erzählung gelesen hat, wird jedoch die Darstellung der gewaltigen Müllberge vergessen, in deren Schatten sich eine bizarre Parallelgesellschaft angesiedelt hat. Gab es dieses Pariser Stadtviertel wirklich? Die Frage ist völlig uninteressant. Stokers Kraft der Vorstellung lässt es für die Dauer der Geschichte existieren.

Dies gelingt ihm auch mit dem geradezu exotisch mittelalterlich anmutenden Nürnberg, das den Hintergrund für die Erzählung „Die Squaw“ bildet. Die Handlung selbst widerspricht jeglicher Logik, was in der verqueren ‚Begründung‘ mündet, die den tragisch endenden Besucher eines musealen Folterkellers dramaturgisch notwendig in das Innere einer „Eisernen Jungfrau“ verfrachtet. Darüber hinaus ist „Die Squaw“ Horror vom Feinsten, weil Stoker um die Unbehaglichkeit, weiß, die aus der Begegnung mit einem Schrecken erwächst, der womöglich nicht im Jenseits, sondern in jenen Bereichen des eigenen Hirns wurzeln, die der Mensch lieber meidet.

Sehr schön (und dazu erstaunlich witzig) unterstreicht Stoker dies in „Der Doppelgänger“. Für das Mysterium, das den harmlosen Urlauber Markam bis an den Rand des Wahnsinns und beinahe in den Tod treibt, gibt es eine groteske aber logische Erklärung. Den Schrecken mildert dies in keiner Weise. Bei nüchterner Betrachtung sind die Folgen eines grundsätzlich lächerlichen Zufalls eher noch bestürzender.

Heimat mit Vorgeschichte/n

Stoker wuchs in einem familiären Umfeld auf, in dem die Mythen und Sagen des ‚alten‘, vorchristlichen bis halbwegs christianisierten Irlands sehr präsent waren. Er ließ entsprechende Elemente gern und gekonnt in seine Erzählungen einfließen. „Das Geheimnis des sprießenden Goldes“ und „Abel Behennas Wiederkehr“ künden zusätzlich von Stokers Beschäftigung mit den Themen Schicksal, Vorherbestimmung und Tod. Während in den genannten Geschichten schon früh das düstere und nicht aufzuhaltende Ende anklingt und das Geschehen immer deutlicher auf ein tragisches Finale zuläuft, kommt Stoker in „Eine Zigeunerwahrsagung“ und „Ein Traum von roten Händen“ immerhin zu dem Schluss, dass Schicksal keine Bestimmung sein muss: Voraussagen können falsch interpretiert werden, und schuldhafte Verdammnis lässt sich sühnen, wenn der Sünder entschlossen genug ist.

Dieser Schuss kann allerdings nach hinten losgehen. Immer wieder geraten Stokers Protagonisten in selbst verschuldete Not, weil sie unbelehrbar und stur bis ins Verderben dem Ideal des gebildeten bzw. aufgeklärten, unerschrockenen, vorbildlichen Briten folgen. Warnungen einheimischer Mitmenschen werden in den Wind geschlagen, da Ausländer per se abergläubisch und dumm sind. Daheim in England, Schottland oder Irland könnte man verdächtigem Spuk einfach aus dem Weg gehen. Stattdessen stellt sich der wackere Angelsachse sich ihm – und beschwört das Unglück erst recht herauf („Das Festmahl der Ratten“, „Draculas Gast“, „Das Haus des Scharfrichters“, „Der Doppelgänger“).

Eine interessante Zugabe

„Am Watter’s Mou“ gehörte nicht zur englischen Originalausgabe dieser Sammlung. Es handelt es sich nicht um eine phantastische Story oder Novelle, sondern um einen (Kurz-) Roman, den Stoker 1894 separat  veröffentlichte. Er erzählt eine Liebesgeschichte im Stil der (viktorianischen) Zeit, d. h. dramatisch und mit Gefühlen, die nicht weniger hoch schlagen als die Meereswogen vor Watter’s Mou. Um den mitleidenden Leser noch stärker in den Bann zu ziehen, stellt Stoker dem liebenden Weib einen allzu tadellosen Mann gegenüber, der so stark auf die Einhaltung von Recht & Gesetz pocht, dass der armen Braut praktisch gar keine Alternative bleibt, als sich mit einer Nussschale in die stürmische See zu stürzen, um den ahnungslos schmuggelnden Vater zu warnen.

Die daraus resultierende Tragik entspricht dem zeitgenössischen Geschmack und wird weniger dargestellt als zelebriert: Der Wind bläst, die Haare wehen, die Möwen kreischen; die aufgewühlten Gefühle spiegeln sich in der Natur wider – oder ist es umgekehrt? Der heutige Leser kann mit den von Stoker quasi offensiv in Stellung gebrachten Emotions-Salven wenig anfangen. Sie wirken übertrieben und nicht selten lächerlich. Nichtsdestotrotz lohnt „Am Watter’s Mou“ die Lektüre dort, wo Stoker Landschaft und Leute beschreibt. Er kannte beide sichtlich gut, und jenseits der ungelenken Gefühlsduseleien konnte er richtig gut schreiben!

Watter’s Mou ist alles andere als ein idyllischer Küstenort, das Meer ein erbarmungsarmer Gegner, dem die Fischer ihre karge Beute förmlich abringen müssen. Der Schmuggel wird zum überlebensnotwendigen Zubrot, doch nicht nur der Staat hält die Augen offen: Eine hässliche aber ebenfalls zeitgenössischen Vorurteilen folgende Rolle spielt ein ‚typischer‘ jüdischer Wucherer, der die in seine Schuldknechtschaft geratenen Fischer bei Wind & Wetter Konterbande anlanden lässt.

Somit reiht sich „Am Watter’s Mou“ gut in den Reigen der hier versammelten Grusel-, Geister- und Schauergeschichten ein. Von der lästig durchschlagenden Theatralik einmal abgesehen, konnte die Zeit ihnen wenig anhaben bzw. ließ sie sogar reizvoll reifen. Für den historisch interessierten Gruselfreund sind Stokers Erzählungen ohnehin Lektürepflicht.

Autor

Bram (eigentlich Abraham) Stoker wurde am 8. November 1847 in dem irischen Dorf Clontarf in der Nähe von Dublin geboren. Er war ein kränkliches Kind, das die ersten sieben Jahre seines Lebens praktisch im Bett verbringen musste. Die Erfahrung des ständig präsenten Todes prägte Stoker nachhaltig. Ebenfalls nie in Vergessenheit gerieten die Geschichten seine Mutter, die sich aus dem reichen Schatz irischer Sagen speisten und das Übernatürliche sowie den Tod im Leben der Menschen thematisierten.

Stoker besaß eine ausgeprägte künstlerische Ader, nicht aber das Einkommen, ihr nachzugeben. Nach einem Studium am Trinity College (Dublin) schlug er die Beamtenlaufbahn ein. In seiner Freizeit schrieb Stoker Kurzgeschichten und Theaterkritiken. Er erregte die Aufmerksamkeit des berühmten Shakespeare-Schauspielers Henry Irving. Stoker folgte diesem 1878 nach London, wo er die Geschäftsführerstelle in Irvings neuen „Lyceum Theatre“ übernahm. Die scheinbare Eintrittskarte in die Welt der Kunst entpuppte sich als Knochenjob für eine nüchterne Bürokraten-Seele und Irving als exzentrischer Egoist.

Dennoch hielt Stoker aus. Seinen eigenen Durchbruch erhoffte er von einem Roman, für den er viele Jahre recherchiert hatte. „Dracula“ erschien 1897 und wurde eher beiläufig zur Kenntnis genommen. Stoker blieb am Theater, doch als Henry Irving 1905 starb, stand er auf der Straße. Nun schrieb Stoker, um sich und seine Familie zu ernähren. Seine späteren Romane erreichten nicht annähernd den Rang seines „Dracula“. Bram Stoker starb am 20. April 1912. Den Ruhm, den er sich erträumt hatte, erlebte er nicht mehr: Nur wenige Jahre später begann Dracula seinen Siegeszug über die ganze Welt.

Website

[md]

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