Im Reich der Vogelmenschen

A. E. van Vogt/E. Mayne Hull
Im Reich der Vogelmenschen

Originaltitel: The Winged Man („Astounding“, Mai/Juni 1944/New York : Doubleday 1966)
Übersetzung: Jürgen Jasper
Deutsche Erstausgabe: 1967 (Arthur Moewig Verlag/Terra Taschenbuch 121)
157 S.
[keine ISBN]
Neuausgabe: Juli 1980 (Erich Pabel Verlag (Utopia Classics Taschenbuch 19)
161 Seiten
[keine ISBN]

Das geschieht:

Irgendwo im Pazifik, 1200 Meilen entfernt vom nächsten Hafen, dümpelt in einer mondhellen Nacht das amerikanische U-Boot „Seeschlange“ auf den Wogen, als plötzlich ein geflügelter ‚Mensch‘ auf das Deck niederstößt und eine merkwürdige Apparatur dort befestigt, die sich partout nicht entfernen lässt. In der folgenden Nacht kehrt der ungebetene Gast zurück und handelt ebenso an einer anderen Stelle der ‚Seeschlange‘.

Dieses Mal kann ihn die Besatzung ergreifen, aber es ist bereits zu spät: Ein Energiewirbel versetzt die „Seeschlange“ in eine weit entfernte Zukunft. Der durch die Zeit gereiste Vogelmensch ist ein Botschafter, der sich in der Vergangenheit nach Verstärkung umschauen sollte. Die Zukunft ist nämlich nicht nur ein trostloser, sondern auch ein von Krieg heimgesuchter Ort. Aus der Erde wurde ein unwirtlicher Wasserplanet, auf dem in der Luft die Vogelmenschen mit ihren im Meer lebenden Gegnern, den Fischmenschen, ringen und dabei allmählich das Nachsehen haben.

Die tatkräftigen Menschen des 20. Jahrhunderts sollen das Zünglein an der Waage spielen und den Vogelmenschen den Sieg bringen. Die Männer der „Seeschlange“ schätzen es freilich gar nicht, auf diese Weise rekrutiert zu werden. Vor allem wollen sie nicht in einen Krieg ziehen. Stattdessen bemühen sie sich um einen Ausgleich zwischen den Gegnern. Die Situation verkompliziert sich, weil sich die „Seeschlange“ in einer Flotte ebenfalls verschleppter Schiffe aus verschiedenen vergangenen Jahrtausenden wiederfindet, deren Mannschaften einander gar nicht grün sind. Als dann noch ein Raumschiff mit eroberungswütigen Außerirdischen auftaucht, wird es eng für die unfreiwilligen Friedensstifter, zumal auch die Vogelwesen allmählich ungeduldig werden …

Harte Kerle für die Zukunft

Science Fiction ohne Anspruch außer diesen: den Leser so gut wie möglich zu unterhalten. Mit solcher naiver Unschuld ging dies wohl nur im „Goldenen Zeitalter“ des Genres, das die Jahre vor und während des II. Weltkriegs umfasste, als die auf billiges, holziges Papier gedruckten ‚Pulp‘-Magazine die Szene beherrschten. Dort schlugen die Mannen der „Seeschlange“ denn 1944 auch zum ersten Mal (in Fortsetzungen) ihre Schlacht gegen geflügelte oder gekiemte Zukunftsmenschen.

Die Geschichte ist so absurd, dass sie eigentlich unterhalten muss. Heute gibt es freilich gewisse Schwierigkeiten. Es beginnt stimmungsvoll und spannend, lässt aber deutlich nach, als die ferne Zukunft erreicht wurde. Die entführten Tatmenschen des 20. Jahrhunderts sollen dort einen Torpedo abfeuern und dürften danach wieder zurückkehren. Das wollen sie nicht – überhaupt und weil es sich hier um US-Amerikaner handelt, die sich prinzipiell nichts sagen lassen. Stattdessen wird auch im 25. Jahrtausend von einem Fettnäpfchen ins andere getrampelt.

Überhaupt ist dem Autorenduo nichts wirklich Originelles für die zukünftige Erde eingefallen. Das Geschehen spielt sich im Schatten einer schwebenden Insel ab, unter der sich einige See- und Raumschiffe misstrauisch umkreisen. Intrigen werden gesponnen, Piraterie versucht, aber das führt letztlich zu Nichts. Die durchaus faszinierenden Elemente wollen sich nicht zu einem stimmigen Ganzen fügen. Besonders das Finale legt dieses Manko offen: Es ereignet sich, als der Leser einen Moment nicht hinschaut. Anschließend muss er verdattert in einigen Nebenbei-Sätzen nachlesen, dass die ursprünglich so gewaltigen Probleme, die den Einsatz der Zeitreise erforderlich machten, kurz und knapp gelöst wurden.

Handeln statt denken

Wie man sich denken kann, erfordert eine Geschichte wie diese kein profilstarkes Personal. Hier wird gehandelt, werden markige Reden geschwungen. Eine Besatzung tatendurstiger Seemänner ist da genau richtig. Zwar bemühen sich die Autoren, der Figurenzeichnung durch einige interne Konflikte – der U-Boot-Kommandant ist ein ängstlicher Opportunist, seinem weitsichtigen Stellvertreter sind die Hände durch das militärische Protokoll gebunden usw. – Tiefe zu verleihen. Das wirkt jedoch sehr weit hergeholt.

Cover der dt. Erstausgabe

Von den Vogelmenschen erfährt man wenig, von ihren Gegnern sogar noch weniger. Irgendwie erscheint dieser zukünftige Krieg ziemlich sinnlos, was allerdings auf jeden Krieg zutrifft. Typisch Van Vogt ist der temporale Auftrieb unterschiedlicher Zeitreisender aus verschiedenen Epochen. Typisch für das Jahr 1944 ist die Darstellung der Sessa Clen-Amazonen als instinkt- oder besser triebgesteuerte Chaotinnen, denen ein richtiger Kerl zeigen müsste wo’s langgeht; kein Wunder, dass die Königin dem U-Boot-Helden Kenlon sogleich einen Heiratsantrag macht …

Van Vogt bearbeitete „Im Reich der Vogelmenschen“ 1966. Im Bemühen, die Geschichte zu aktualisieren, verwandelte er die „Seeschlange“ ein Atom-U-Boot im Versuchs-Einsatz, was gar nicht gut zur Handlung passte. In dieser Hinsicht war Van Vogt allerdings nie zimperlich; wenn es ihm verkaufsförderlich erschien, hatte er kaum Skrupel, seine Texte umzugestalten.

Autoren

„Im Reich der Vogelmenschen“ wurde zwar von einem der bekanntesten Autoren des Genres verfasst, ist aber in dessen Gesamtwerk etwas fremd. Kein Wunder, denn A. E. van Vogt hat es nicht allein verfasst. Kann man den Quellen trauen, stammt dieser Roman sogar aus E. Mayne Hulls Feder. Sie wurde 1905 in Brandon, Manitoba und damit in Kanada geboren und schrieb zunächst rührselige religiöse Geschichten und Hörspiele. In den 1930er Jahren belegte sie einen Schreibkurs, den auch ein anderer hoffnungsvoller Nachwuchsautor besuchte: Alfred Elton van Vogt. Sie heirateten 1939, kurz bevor van Vogt mit „Black Destroyer“ der Durchbruch gelang. Hull wurde Van Vogts Sekretärin. Ihre eigenen schriftstellerischen Ambitionen wurden von ihm durchaus unterstützt. In den 1940er Jahren verfasste Hull eine Reihe von Kurzgeschichten, die in Magazinen wie „Astounding“ oder „Unknown Worlds“ erschienen, aber ihr Werk blieb schmal. Massive gesundheitliche Probleme beeinträchtigten immer wieder ihre schöpferische Kraft. Ihren diversen schweren Krankheiten erlag Hull im Januar 1975.

Alfred Elton van Vogt (geb. 1912) gehört zu den großen Autoren der klassischen Science Fiction. Er war der Sohn holländischer Eltern, die eine Farm im Süden der kanadischen Provinz Winnipeg besaßen. „Van“, wie ihn die Freunde nannten, kam schon früh mit der SF in Kontakt, als er zum regelmäßigen Leser der ab 1926 aufkommenden „Pulp“-Magazine wurde. Die Große Depression der 1930er Jahre verschonte auch die Familie Van Vogt nicht. Alfred musste seine Ausbildung abbrechen und sich als Farmarbeiter, Lastwagenfahrer, Angestellter usw. durchschlagen. Nebenbei versuchte er sich als Autor. Van Vogt schrieb „Wahre Geschichten“ und Liebesschnulzen, die indes niemand lesen wollte.

Ab 1938 versuchte sich Van Vogt auf dem SF-Magazinmarkt. Anfänglichen Misserfolgen folgte der Durchbruch mit „Black Destroyer“. Nun ging es Schlag auf Schlag: Mit „Slan“ (1940), „The Weapon Makers“ (1943; dt. „Die Waffenschmiede“) oder „The World of A“ (1945; dt. „Die Welt der Null-A“) schrieb er sich in die erste Reihe und an die Seite von Robert A. Heinlein, Isaac Asimov oder Arthur C. Clarke. Aus gesundheitlichen Gründen vom Kriegsdienst freigestellt stieß Van Vogt zudem in eine Lücke. 1944 zogen er und seine Ehefrau Edna nach Los Angeles um.

Wenig später ließ sich Van Vogt auf das zweifelhafte Experiment „Dianetics“ seines Schriftsteller-Kollegen L. Ron Hubbard ein, der daraus später die Hirnwäscher-Sekte der Scientologen formierte. Van Vogt durchschaute den faulen Zauber, aber er vergeudete viel Zeit in seiner Suche nach dem Sinn des Lebens, die er lieber in seine Karriere investiert hätte: Als Van Vogt zur SF zurückkehrte, hatte er den Anschluss verloren. Trotz enormer Anstrengungen erreichte er niemals die alte Größe zurück. Das Ende war grausam: Der neugierige und wortgewaltige Van Vogt erkrankte an der Alzheimerschen Krankheit, von der ihn nach langem Leiden 2000 eine Lungenentzündung erlöste.

Copyright © 2011/2017 by Michael Drewniok (md)

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