Insel des Todes

Carter Brown
Insel des Todes
(Danny-Boyle-Serie, Bd. 14)

Originaltitel: Lover, Don‘t Come Back! (Sydney : Horowitz Publications, Inc. 1962)
Übersetzung: Mechtild Sandberg
Deutsche Erstausgabe: 1966 (Ullstein Verlag/Ullstein-Kriminalroman 1052)
142 S
[keine ISBN]
Neuausgabe: August 1981 (Ullstein Verlag/Ullstein-Kriminalroman 1858)
142 S.
ISBN-13: 978-3-548-01858-4

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Das geschieht:

Ambrose Norman, genialer Theaterschriftsteller und unverbesserlicher Taugenichts; Larry Champlin, Geschäftsführer und Dieb; Felix Parker, Freund und Verräter; Betty Adams, Privatsekretärin und rachedurstige Spielgefährtin; James Barth, Anwalt und Sadist: Fünf Personen in der Beschreibung der Schauspielerin Leila Gilbert, aktuelle Klientin des New Yorker Privatdetektivs Danny Boyd. Einer von ihnen hat angeblich ihren Vater ermordet. Damon Gilbert, der berühmte und erfolgreiche Theaterproduzent, war ein bösartiger Zeitgenosse, der es liebte, seine Mitmenschen zu manipulieren. Offenbar hat er es damit übertrieben, obwohl die Polizei an einen Unfall oder Selbstmord glaubt.

Nicht so seine Tochter. Sie stellt Nachforschungen an und ist dem Täter offenbar zu nahe gekommen. Deshalb heuert Leila vorsichtshalber Boyd an: Sollte ihr etwas zustoßen, wird er ihren Tod aufklären. Sechs Wochen später fällt sie während eines Urlaubs in Australien aus einem Boot und wird von einem Haifisch gefressen. Bei ihr an Bord: die ersten vier der oben aufgelisteten Personen …

Boyd macht sich auf nach Australien. Verdächtig sind alle Überlebenden, aber auch der abwesende Anwalt, der womöglich Jack Romney, den Kapitän des Unglücksbootes, als Killer gedungen hat. Viel Zeit bleibt Boyd nicht, denn die offizielle Untersuchung, die seine Verdächtigen noch im Küstenstädtchen Townshill festhält, steht vor dem Abschluss. Der Detektiv wird nicht mit offenen Armen, sondern mit erhobenen Fäusten begrüßt. Empört weisen alle Bootsfahrer jegliche Schuld am Tod von Leila Gilbert von sich. Einer muss lügen, denn er oder sie scheut nicht davor zurück, auch Boyd ein nasses Grab zu bescheren. Wer es sein könnte, ist schwierig zu ermitteln, denn sie alle haben tüchtig Dreck am Stecken …

Man muss beim Lesen nicht denken

Die Welt ist schlecht bzw. ein schwarz/weißer Ort, an dem nur der Stärkere überlebt. Das geschieht in erster Linie auf Kosten anderer, die nicht über die notwendige Schlauheit und Rücksichtslosigkeit verfügen, und schließt Betrug und Mord ausdrücklich ein: Willkommen in den Niederungen des „Pulps“ und bei jenen Unterhaltungsromanen, die angeblich niemand liest und die doch Rekordauflagen erreichen.

Wobei „Pulp“ eigentlich den Kern nicht ganz trifft. Die kostengünstigen, auf billiges, holziges Papier gedruckten Magazine hatten ihre Zeit in den 1920er bis 50er Jahren. Doch „Insel des Todes“ steht eindeutig in ihrer Tradition: Die Pulps wurden von den Paperbacks bzw. Taschenbüchern abgelöst, ein Großteil der alten Autoren wechselte auf diese Weide. Ihr Erfolgsrezepte blieben unverändert: einfache Plots, keine komplizierten Raffinessen, Tempo, (gemäßigte) Gewalt & selbstverständlich Sex (oder was man damals dafür hielt).

„Fernfahrer-Literatur“ nannte deshalb so mancher zynische Vielschreiber diese von der Kritik gar nicht zur Kenntnis genommenen oder verachteten Reißer – Bücher für Leute, die beim Lesen die Lippen bewegen. Viel bildungsbürgerliche Arroganz schwingt in diesem Urteil mit, da einige dieser Autoren Beachtliches leisteten und der politisch korrekten aber gern verlogenen Oberwelt der Unterhaltungsliteratur eine solide und vergnügliche Unterwelt schufen.

Keine Experimente!

Carter Brown gehört indes zum Fußvolk dieser recht anonymen Truppe. Er ist auf seine Art ein Phänomen – ein Autor, der durchschnittlich sechs Romane pro Jahr veröffentlichte. Wie ihm das gelingen konnte, macht „Insel des Todes“ exemplarisch deutlich. Hier werden ausschließlich längst bekannte Handlungselemente des Thrillers (leicht) variiert. Neue Ideen, Originalität: Fehlanzeige. Das ist auch gar nicht erforderlich oder gar erwünscht: Der ‚typische‘ Carter-Brown-Leser will sein gewohntes Ambiente, möchte einfach unterhalten werden.

An sich eine legitime Forderung, über die sich nur schmallippige Spielverderber mokieren. Allerdings repräsentiert „Insel des Todes“ in gewisser Weise eine untergegangene Epoche. Heute verblüfft die naive Dreistigkeit, mit der Brown eine Welt erschuf, die sich Hugh Hefner vom angestaubten „Playboy“ ausgedacht haben könnte. Dieses Magazin und seine ‚Philosophie‘ dürfte denn auch zu einem Gutteil Carter Brown und sein Werk inspiriert haben.

Der Mann ist Herr im Haus – in jedem Haus. Das ist unbestrittener Fakt und berechtigt zu Taten & Worten, die heute wohl nicht zu Unrecht als sexuelle Belästigung oder gar Nötigung geahndet würden. Danny Boyd erinnert sich zwar, dass es einen Ehrenkodex für Detektive gibt. Daher ist er ehrlich und stets bestrebt, einen angenommenen Auftrag zu Ende zu führen, auch wenn ihm das außer Prügel und Schüssen wenig Geld oder gar Dank einbringt.

Spaß muss sein – für den Mann

Auf der anderen Seite ist Danny Boyd ein echter Hengst; ein Ehrentitel, den ein Mann Anno 1962 noch mit Stolz trug und tragen durfte; jedenfalls im Reich des Billig-Taschenbuchs, das nach der Lektüre per Mülleimer entsorgt werden konnte. Aber wer will Boyd Vorwürfe machen, dass er ständig spitz ist? Schließlich liegen ihm schöne Frauen zu Füßen; verweigern sie sich ihm, sind sie entweder hässlich, lesbisch oder geisteskrank.

Gleich drei Vertreterinnen des schönen Geschlechts geben sich auf der „Insel des Todes“ die Ehre. Mit einigem Wohlwollen lässt sich Betty Adams als tragende Figur der Handlung bezeichnen, während Leila Gilbert und die geile Estin Sonja nur Karikaturen bleiben. Aber auch Betty, der Brown eine tragische Vergangenheit aufzwingt, erliegt selbstverständlich dem Charme Boyds. Der wird freilich nur behauptet. Jedenfalls wirkt es befremdlich, dass sich Betty gleich zweimal ziemlich unvermittelt die Kleider zwecks einer wilden Liebesnacht („Oh Danny, Danny … Es war wunderbar!“) vom Leib reißt.

Dass besagter Boyd darob zunächst erstaunt reagiert, überrascht nicht – logisch ist dieses Verhalten nämlich keineswegs, aber es wurde wohl Zeit für Verfasser Brown, die vertraglich vereinbarten Sexszenen zu liefern. Ohnehin sind die Frauen im Carter-Brown-Universum hübsch, gefährlich, auf jeden Fall willig. Manchmal brauchen sie sogar ein bisschen Haue, aber auch das scheint ihnen zu gefallen. Diese Neandertal-Figurenzeichnung in Verbindung mit Krawall-Krimi-Elementen ist es wohl, das einst den typischen Leser lockte. Freilich muss man dem Verfasser zugutehalten, dass er weder seine Story noch deren Helden jemals ernst nimmt. Der strenge Leser des 21. Jahrhunderts sollte es daher ebenso halten.

Autor

Carter Brown, Tom Conway, Paul Valdez, sogar Caroline Farr, aber eigentlich Allan Geoffrey Yates: Einer der fleißigsten Akkord-Autoren – ‚Schriftsteller‘ wäre hier wohl ein zu hehrer Titel – des Unterhaltungsromans wurde am 1. August 1923 in London geboren und ging in Essex zur Schule. Zwischen 1942 und 1946 diente Yates in der Royal Navy, wo er es bis zum Leutnant brachte. Anschließend arbeitete er für die „Gaumont British Films“, bevor er 1948 nach Australien auswanderte. Fünf Jahre schlug sich Yates als Handelsvertreter und Pressesprecher durch. 1951 konnte er sich als Autor etablieren.

Yates schrieb, was Geld brachte, ohne sich um Anspruch zu kümmern. Zunächst probierte er es mit Horror und Western, bevor er sich auf Thriller spezialisierte. Allein als „Carter Brown“ brachte er 150 Kriminalromane zu Papier. Yates‘ bekanntester Protagonist wurde ab 1955 Al Wheeler, ein Beamter der Mordkommission des fiktiven Country im US-Staat Kalifornien.

Die Romane von Carter Brown & Co. erreichten Millionenauflagen; weniger in den USA, obwohl Yates seine Storys dort spielen ließ, sondern vor allem in Europa, wo seine leichten, sich selbst auf den Arm nehmenden Thriller sehr gut ankamen. Bis in die 1980er Jahre fuhr in Deutschland u. a. der Ullstein-Verlag schöne Gewinne mit Brown-Büchern ein. (Um ganz sicher zu gehen, zwangen ihnen schmalspurhirnige Marketing-Strategen ‚witzig‘-frivole Titel wie „Falltür – bitte klopfen!“, „Sexpertin in Mord“ oder „Ackerbau und Unzucht“ auf. Allerdings waren die Originaltitel manchmal sogar noch seltsamer – oder dämlicher; geht es beispielsweise noch prolliger als „Shamus, Your Slip Is Showing“ [1955]?)

In den späten 1960er Jahren wurden diese harmlosen Sex & Crime-Paperbacks von der Zeit eingeholt. Das Publikum verlangte nach härterem Stoff. Yates versuchte dem Rechnung zu tragen, indem er die bisher moderaten Sexszenen wesentlich intensiver gestaltete; dies nicht zur ungeteilten Aufmerksamkeit seiner ‚alten‘ Fans. Aber der Autor hielt durch, obwohl sich seine große Zeit allmählich dem Ende zuneigte. Yates schrieb wie am Fließband weiter bis zu seinem relativ frühen Tod am 5. Mai 1985. Er hinterließ eine Ehefrau und vier Kinder.

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