Kein Friede auf Erden

Richard Dalby (Hg.)
Kein Friede auf Erden
Mordsmäßige Geschichten zur Weihnachtszeit

Originaltitel: Mystery for Christmas (London : Michael O‘Mara Books Ltd. 1990)
Übersetzung: Lore Straßl
Deutsche Erstausgabe: November 1992 (Knaur Verlag/TB Nr. 3286)
Titelbild: Nikolai Lutohin
431 Seiten
ISBN-13: 978-3-426-03286-2

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Inhalt:

23 Storys aus mehr als anderthalb Jahrhunderten erinnern an die Tradition, sich zu Weihnachten schaurige Geschichten zu erzählen:

– Richard Dalby: Vorwort, S. 7-9

– Charles Dickens: Der schwarze Schleier (The Black Veil, 1836), S. 11-24: Ein Arzt soll dort helfen, wo medizinische Hilfe längst zu spät kommt.

– J. H. Riddell: Die Warnung der Banshee (The Banshee’s Warning, 1867), S. 25-49: Es bedarf einer Tragödie, um den unglücklichen Lebemann von seinem Weg in den Abgrund abzulenken.

– Erckmann-Chatrian: Die Uhr des Ratsherrn (La montre du doyen, 1859), S. 50-77: Ein nur scheinbarer Ehrenmann droht eine Gruppe argloser Musiker an den Stadtgalgen zu bringen.

– Thomas Hardy: Was der Schäfer sah (What the Shepherd Saw, 1881), S. 78-104: Der Fluch der bösen Tat holt nicht nur den Mörder, sondern auch den Zeugen ein.

– Edward Lucas White: Das Puzzle (The Picture Puzzle, 1909), S. 105-123: Eine Verkettung mysteriöser Ereignisse führt auf die Spur eines verschwundenen Kindes.

– Dolf Wyllarde: Ellisons Weihnachtsschmaus (Ellison’s Christmas Dinner, 1909), S. 124-135: An dieses Mahl während einer Hungersnot wird sich der Genießer den Rest seines Lebens erinnern – leider.

– Marjorie Bowen: Marwoods Geistergeschichte (Marwood’s Ghost Story, 1925), S. 136-146: Er will die gruseligste Geistergeschichte aller Zeiten schreiben und steigert sich allzu heftig in diese Aufgabe hinein.

– Margery Lawrence: Der Mann, der zurückkam (The Man Who Came Back, 1936), S. 147-167: Eine weihnachtliche Séance wird vom Zeitvertreib zu einer jenseitigen Mordanklage.

– Joseph Shearing: Der Jadeapfel (The Chinese Apple, 1948), S. 168-188: Das erstmalige Treffen von Tante und Nichte entwickelt sich zum weihnachtlichen Schrecken.

– Ronald Duncan: Erlebnisse eines Poltergeistes (Diary of a Poltergeist, 1967), S. 189-205: Nach seinem Tod kann er es den widerlichen Verwandten endlich heimzahlen, doch es zeigt sich ein Haken.

– Muriel Spark: Der Laubkehrer (The Leaf-Sweeper, 1956), S. 206-213: Er hat Weihnachten so gehasst, dass sich sein Geist, der gänzlich anders denkt, selbstständig macht.

– Derek Stanford: Das beleuchtete Büro (The Illuminated Office, 1990), S. 214-233: Ohne sein Wissen sorgt der Schriftsteller Charles Dickens dafür, dass viele Jahre nach seinem Tod zwei unglückliche Liebende wieder zueinanderfinden.

– H. R. F. Keating: Der Fall der sieben Weihnachtsmänner (The Case of Seven Santas, 1990), S. 234-260: Da sich sämtliche Erben = Verdächtige einfallsreich gegenseitig belasten, wird die Suche nach dem Mörder zu einer echten Herausforderung.

– Sydney J. Bounds: Magier der Affen (Mage of the Monkeys, 1990), S. 261-271: Ein verhexter Zoowärter wendet sich hilfesuchend an einen magischen Detektiv.

– Maggie Ross: Nostalgie (Nostalgia 1990), S. 272-295: Der verschwundene Geliebte wird zum Weihnachtsfest zurückkehren, glaubt die Gattin, und zu ihrem Pech liegt sie richtig.

– Roger F. Dunkley: Der unwillige Mörder (The Reluctant Murderer, 1990), S. 296-306: Der Versuch, einen Fluch zu brechen, gipfelt erst recht in einem Desaster.

– John S. Glasby: Blausäure zu Weihnachten (Cyanide for Christmas, 1990), S. 307-324: Ein objektiv unmöglicher Mord wird subjektiv bzw. systematisch aufgeklärt.

– Elizabeth Fancett: DeSouvres Cape (The Cloak of DeSouvre, 1990), S. 325-346: Ein längst verstorbener Zaubermeister plant noch einen letzten großen Auftritt.

– Roger Johnson: Der Soldat (The Soldier, 1990), S. 347-366: Der junge Mann weiß zwischen „Kirche“ und „Kult“ nicht zu unterscheiden, bis es zu spät ist.

– Ron Weighell: Der Fall der feurigen Verkünder (The Case of the Fiery Messengers, 1990), S. 367-400: Sherlock Holmes und Dr. Watson helfen dem Schriftsteller M. R. James bei der Suche nach dem verschwundenen Manuskript eines Zaubermeisters.

– David G. Rowlands: Der Kodex (The Codex, 1990), S. 401-415: Auch als Geist hält der Mentor ein Auge auf seinen Lieblingsschüler und Amtsnachfolger.

– John Whitbourn: Friede auf Erden und Wohlgefallen fast allen Menschen (Peace on Earth, Goodwill to Most Men, 1990), S. 416-425: Für nächtliche Ruhestörer endet diese spezielle Christnacht böse und endgültig.

– Mary Williams: Die Christrose (Christmas Rose, 1990), S. 426-431: Viele Jahre nach Tragödie und Tod finden zwei Liebende wieder zueinander.

Wie überstehen wir die Feiertage?

Bevor der Mensch die Schrift erfand, mussten Geschichten mündlich erzählt werden. Mangels elektrisch angetriebener Konkurrenz waren Zeitgenossen, die dieses Handwerk beherrschten, sehr begehrt: Selbst in der Vergangenheit gab es freie Zeiten, die man gern langeweilefrei verbrachte. Eine gute Geschichte konnte und kann im Vortrag lebendig werden; eine wiederentdeckte Erkenntnis, die uns das digitale Hörbuch bescherte.

Die richtige Wahl des Ortes steigert den Genuss einer Geschichte erheblich. Warm und bequem mag es der Zuhörer, ein voller Magen und ein ebensolches Glas mit einem geistigen Getränk kann ebenfalls nicht schaden. Die reale Welt bleibt für die Dauer der Erzählung ausgeschlossen bzw. hinter Mauern und Fensterscheiben höchstens als Ahnung präsent. Dies wirkt vor allem, wenn es draußen schneit, regnet oder anderweitig ungemütlich ist sowie erst recht in einer Epoche ohne Dämmverputz, Mehrfachverglasung und Zentralheizung.

Womit wir nur noch einen Faktor hinzufügen müssen, um die Tradition der Weihnachtsgeschichte zu begründen: Wo Menschen zusammenkommen, ist es stets schwierig, für angenehme Gesellschaft sowie Unterhaltung zu sorgen. Dies wird erst recht kompliziert, wenn Familienmitglieder aufeinandertreffen, die sich womöglich lange nicht gesehen aber prähistorische Streitigkeiten keineswegs vergessen haben. Um solche Situationen zu entschärfen, wurde einst gesungen, man veranstaltete Gesellschaftsspiele – und man erzählte Geschichten!

Schrecken liebt Besinnlichkeit

Da der Mensch nur ein bestimmtes Maß feiertäglichen Seelenschmalzes erträgt, blieben die Themen keineswegs weihnachtlich. Auch in dieser Sammlung ist das Fest oft nur Aufhänger für Ereignisse, die sich an jedem Tag des Jahres ereignen könnten. Der versierte Erzähler achtete allerdings auf eine engere Verklammerung, da das Publikum faule Tricks erkennen und verstimmt sein konnte. Das Duo Erckmann-Chatrian (= Émile Erckmann, 1822-1899, u. Alexandre Chatrian, 1826-1890) und Joseph Shearing (= Marjorie Bowen, 1885-1952) beweisen allerdings, dass ein gut gesponnenes Garn für Ausgleich sorgt.

So wie Furcht und Lachen besser zueinanderpassen als erwartet, sind auch Grusel und Besinnung gute Gesellen. Der eine wird durch die andere sogar noch betont, was einer entsprechenden Erzählung zuträglich ist. So ließ sich jener Kitsch, mit dem uns J. H. Riddell (= Charlotte Elizabeth Riddell, 1832-1906), Edward Lucas White (1866-1934) oder Derek Stanford (1918-2008) konfrontieren, heute ohne den Weihnachtsfaktor nicht mehr ertragen. Besser gehen Charles Dickens (1812-1870), Thomas Hardy (1840-1928) oder Maggie Ross die Sache an: Sie ersetzen Rührseligkeit durch Tragik, was dem „Fest der Liebe“ eine besondere Note verleiht. Gerade noch tolerierbar bleiben Roger Francis Dunkley (*1943) und (Winifred) Mary Williams (1903-2000), die von der alten Tradition profitieren, dass zur Weihnachtszeit alles gut wird.

Margery Lawrence (= Margery Harriet Towle, 1889-1969) nutzt die weihnachtstypische Geselligkeit, um genau jene Menschen zu versammeln, die in einen nie gesühnten Mord verwickelt sind. Strafe und Rache sind typische Themen der klassischen Gespenstergeschichte, die durchaus in den feierlichen Rahmen passt, wobei der Schrecken durchaus handfest sein darf, wie Dolf Wyllarde (1871-1950) belegt. Ein wenig Ironie legt John Whitbourn (*1958) wie Christbaumflitter über seine ebenfalls eher grimmige Story, während Marjorie Bowen (1885-1952) und Ronald Duncan (1914-1982) das übernatürliche Element offen humoristisch verwenden. Ebenfalls heiter aber inhaltlich subtiler erzählt Muriel Spark (1918-2006) eine ungewöhnliche Anti-Weihnachts-Story.

Das Spiel mit dem Genre

Zu den Höhepunkten dieser Sammlung gehören die Geschichten von Ron Weighell (*1950) und David G. Rowlands (*1941). Sie gewähren dem Geist der Weihnacht zwar nur eine Nebenrolle, gewinnen aber durch das Spiel mit dem Genre. Weighell erzählt nicht nur einen neuen Fall von Sherlock Holmes und Dr. Watson, sondern stellt ihnen als ratsuchenden Klienten Montague Rhodes James (1862-1936) vor, der nicht nur real und ein anerkannter Historiker war, sondern auch als Großmeister der klassischen englischen Gespenstergeschichte gilt. Die gut geschriebene Story kann für sich stehen, doch wer mit seinem Werk vertraut ist, wird mit Vergnügen die Anspielungen auf berühmte James-Erzählungen wie „Das Schatz des Abtes Thomas“ erkennen.

Ohne ihn namentlich ausdrücklich zu nennen, setzt auch Rowlands M. R. James ein. Er knüpft dabei an eine historische Anekdote an – auf einem Foto war ein alter Freund zu sehen, den zum Zeitpunkt der Aufnahme längst der grüne Rasen deckte – und entwickelt daraus eine Fiktion, die in einer weiteren real geschehenen Episode gipfelt. Zwar ohne James (und wiederum ohne weihnachtlichen Bezug) aber dafür spannend beweist Roger Johnson (*1947), dass die „ghost story“ ihre Daseinsberechtigung in der Phantastik behalten hat.

Sydney James Bounds (1920-2006) verfehlt das Thema mit einer allzu routinierten Story, die in einer Parallelwelt spielt, in welcher Magie an der Tagesordnung ist. Ebenfalls eine Bruchlandung erlebt Henry Reymond Fitzwalter Keating (1926-2011) mit einer klamaukig missratenden Mordermittlung. Langweilend strandet auch John Stephen Glasby (1928-2011) mit seinem plump aufgelösten ‚unmöglichen‘ Mord in einem hermetisch von innen geschlossenen Raum. Wieder übernatürlich aber keineswegs überdurchschnittlich unterhält Elizabeth Fancett mit einem ausgelaugten Plot, der zudem ideenfrei entwickelt wird: Solche objektiv missratenen (bzw. primär dem Rezensenten missfallenden) Geschichten fehlen in keiner Story-Kollektion. Ihnen steht hier freilich eine Mehrzahl gelungener oder nostalgisch geadelter Erzählungen gegenüber, die nicht nur in der Vorweihnachtszeit gepflegtes Ohrensessel-Entertainment bieten. Man lasse sich deshalb nicht vom (zumindest in der Erstausgabe) unpassend schrill-bunten Cover abschrecken!

Herausgeber

Richard Dalby (geb. 1949) hat sich bereits in jungen Jahren einen Namen als Herausgeber selten oder lange nicht mehr neu aufgelegter phantastischer Kurzgeschichten aus britischen Zeitungen und Magazinen des 19. und frühen 20. Jahrhunderts gemacht. In den 1980er und 90er Jahren erschienen diverse Kollektionen, in denen Dalby seine Entdeckungen präsentierte. Besonderes Gewicht legte er dabei auf gruselige Storys, die einst traditionell zur Weihnachtszeit erzählt und von zeitgenössischen Autoren speziell für diesen Anlass geschrieben wurden.

Sein immenses Fachwissen auf diesem Gebiet stellte Dalby u. a. in mehr als 200 Artikeln unter Beweis, die er zwischen 1984 und 2010 für „The Book and Magazine Collector“ – ein inzwischen eingestelltes Magazin für Sammler – verfasste. 1993 gründete Dalby mit David Tibet den Verlag „Ghost Story Press“, der bis 2003 in Kleinauflagen Story- und Gedichtbände viktorianischer Schriftsteller herausgab, die inzwischen zu begehrten Sammlerstücken geworden sind.

Copyright © 2015/2016 by Michael Drewniok (md)

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Comments

  1. Kurzkritik für Ungeduldige: 23 Storys aus mehr als anderthalb Jahrhunderten erinnern an die Tradition, sich zu Weihnachten schaurige Geschichten zu erzählen. Geisterspuk, Wahnsinn, Verbrechen: Das inhaltliche Spektrum ist breit, wobei die die feiertägliche Besinnlichkeit zwar gewahrt bleibt aber überaus großzügig interpretiert wird: Lektüre für draußen dunkle, drinnen behagliche Wintertage.

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