Lautlos schleicht das Grauen

Michel Parry (Hg.)
Lautlos schleicht das Grauen

Originaltitel: The Devil’s Children. Tales of Demons and Exorcists (London : Orbit 1974)
Übersetzung: Werner Gronwald
Deutsche Erstausgabe: Mai 1975 (Erich Pabel Verlag/Vampir-Taschenbuch 22)
Cover: Karel Thole
143 Seiten
[keine ISBN]

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Inhalt:

Herausgeber Parry sammelt sieben klassische und moderne Kurzgeschichten, die von Teufelspakten und Flüchen sowie von Exorzismen und anderen Versuchen, das Böse auszutreiben, erzählen:

– Robert Bloch: Die Mörderratte im Gehirn (Enoch, 1946): Seit die Mutter seine Seele dem Teufel verkaufte, haust Dämon Enoch unsichtbar in Seths Hirn und zwingt ihn zu schauerlichen Taten.

– H. P. Lovecraft: Das Grauen pocht an meine Tür (The Thing On The Doorstep, 1933/37): Die Heirat mit der Nachkommin einer zu Recht verfluchten Sippe verursacht dem Bräutigam ein schlimmes Erwachen – in einem Grab.

– Richard Matheson: Dämonentanz (From Shadowed Places, 1960): Die Beleidigung eines zauberkundigen Einheimischen beschert dem arroganten Abenteurer einen grässlichen Fluch, der ihm zuverlässig aus Afrika in die zivilisierte US-Heimat folgt.

– Henry S. Whitehead: Das Flüstern blutiger Lippen (The Lips, 1929): Als der hartherzige Kapitän eine Sklavenfrau züchtigt, hängt ihm diese einen entsetzlichen Fluch an, den das Opfer buchstäblich nicht mehr abschütteln kann.

– R. H. Benson: Würmer im lebenden Fleisch (Father Meuron’s Tale, 1907): Auf einer Karibikinsel wird im Jahre 1891 ein Exorzismus durchgeführt, der einen jungen Priester ein für allemal von seinen Zweifeln an der Existenz des Teufels kuriert.

– Robert Bloch: Schatten vor dem Fenster (The Unspeakable Betrothal, 1949): Die junge Frau wird von Wesen aus einer anderen Dimension besucht, die ihr anbieten, sie mit sich zu nehmen, was allerdings mit hässlichen Nebenwirkungen verbunden ist.

– August Derleth: Ein Ungeheuer aus Wachs und Wahnsinn (Saunder’s Little Friend, 1948): Als die reiche Tante merkte, dass sie den verhassten Neffen nicht überleben würde, traf sie schwarzmagische Vorkehrungen, die ihm nunmehr die Freude am reichen Erbe nachdrücklich verderben.

Das Böse findet immer eine Lücke

„Erzählungen von Dämonen und Exorzisten“ lautet der Untertitel, den Herausgeber Michel Parry seiner Sammlung gab. Er weist damit auf die Dualität zweier einerseits erbittert verfeindeter Parteien hin, die andererseits ohne einander nicht zu können scheinen – kein Wunder, denn der Weg zur Hölle ist durchaus nicht immer mit guten Vorsätzen gepflastert. Deutlich stärker ist der unheilvolle Drang des Menschen, seinem Gegenüber Übles anzutun. Weil das manchmal die Kräfte des Wüterichs überschreitet, sucht er nach Unterstützung. Die findet er scheinbar in dämonischen Gefilden, deren Bewohner entweder per Zauberspruch herbeizitiert werden oder sich hinterlistig selbst anbieten, wobei sie in jedem Fall einen Preis verlangen, dessen Begleichung zu schlechter Letzt dem unklugen Beschwörer mehr Verdruss beschert als dem verfluchten Gegner. „Wer mit dem Teufel essen will, braucht einen langen Löffel“, lautet nicht grundlos ein Sprichwort.

Das Aufeinandertreffen von Mensch und Dämon funktionierte recht reibungslos in einer Vergangenheit, die sowohl Gott als auch den Teufel inmitten des Menschenalltags ansiedelte. Es genügte, in dunkler Nacht über einen Kreuzweg zu gehen und laut über eigenes Elend zu fluchen, um Beelzebub mit einem verlockenden Angebot an die Erdoberfläche zu locken. Gern siedeln Erzähler deshalb entsprechende Erzählungen in „alten Zeiten“ an.

Henry St. Clair Whitehead (1892-1932) lässt seine Geschichte beispielsweise in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts und in der Ferne des karibischen Meeres spielen. Zeit und Umgebung geben eine perfekte Kulisse ab, wobei die Unkenntnis des Lesers über Land und Leute Whitehead hilfreich ist, eine exotische Welt nach dramatischen Vorstellungen zu gestalten. Damals und dort war alles möglich, so sein Anspruch, was die klassische Geschichte eines Fluches einschließt, der sich hier indes planmäßig erfüllt: Die Hexe spricht ihn aus und verschwindet aus der Story, während ihr Opfer sich in Qualen windet. Allerdings trifft der Fluch einen ebenfalls bösen Menschen und damit auf leicht verquere Art doch den Richtigen. Solche aus moralethischer Sicht sicherlich bedenkliche Selbstjustiz funktioniert nach August Derleth (1909-1971) auch in der Gegenwart, die dem dämonisch Bösen eben doch Verstecke bietet.

Das Böse ist zeitlos

Wo die Verfasser der hier präsentierten Geschichten den bocksbeinigen Hornträger oder seine Spießgesellen auftreten lassen, ist der Ausgang durchaus ungewiss: selten gut aber deutlich machend, dass der Mensch nicht machtlos den Umtrieben böser Mächte ausgesetzt ist. Hinzu tritt ein besonderes Element: Das Böse tritt verstärkt in einer Gegenwart auf, die es eigentlich ad acta gelegt hat.

Robert Hugh Benson (1871-1914), ein Priester katholischer Konfession, der einer großen englischen Schriftstellerfamilie entstammt, kleidet seine Theorie in der Einleitung seiner Story „Father Meuron’s Tale“ (die in der Übersetzung marktschreierisch den ebenso unzutreffenden wie dämlichen Titel „Würmer im lebenden Fleisch“ trägt) in diese Worte: [Der Exorzismus] ist eine Angelegenheit, mit der wir heute in Europa lebenden Zeitgenossen nicht sehr vertraut sind. Ich nehme an, der Gnade [der katholischen Kirche] wohnt eine gewisse Macht inne, die sich durch die Jahrhunderte ansammelt und verstärkt … Der Mensch mag dagegen rebellieren, aber Opfergaben und Gebete haben die Fähigkeit, Satan in Schach zu halten.“ (S. 102)

Aber auch Benson räumt ein, dass dieser Sieg nicht global ist. Weiterhin gibt es Winkel, in denen die Mächte der Dunkelheit präsent sind. Während Benson davon ausgeht, dass Europa ‚dämonenrein‘ ist, sodass seine (dokumentarisch anmutende) Geschichte auf einer tropischen Insel spielt bzw. spielen muss, suchen und finden die übrigen Autoren böse Geister, die in der modernen Gegenwart ihre Nischen besetzen. Robert Blochs (1917-1994) „Enoch“ (wieder ein denkbar blöder deutscher Titel: „Die Mörderratte im Gehirn“) gibt vor, wie dies funktionieren könnte: Dämonenwirt Seth lebt abseits und unter dem Radar einer Gesellschaft, die den Glauben an Kreaturen wie Enoch aufgegeben hat und als krankhaften Wahnsinn klassifiziert. (Übrigens ist Seth eindeutig eine frühe Version von Norman Bates, den Bloch 1959 in „Psycho“ von Mutters Kette ließ. Hier fiel das Element der Besessenheit unter den Tisch bzw. beschränkte sich auf unverfälschte Geisteskrankheit als Erklärung für Normans Handeln.)

Richard Matheson (*1926) versucht die Verbindung zwischen archaischem Zauber und moderner Hochzivilisation. „From Shadowed Places“, „Aus dunklen Orten“ (aber auch: „Aus vergessenen Quellen“) nennt er deshalb seine Geschichte, die ausdrücklich in der Gegenwart (des Jahres 1960) spielt und deshalb einen uralten afrikanischen Fluch besonders wirkungsvoll einer Teufelsaustreiberin mit Doktortitel gegenüberstellt. Das Böse ist, und es schert sich nicht um Zeiten und Moden.

Das Böse ist fremd

Quasi ‚naturwissenschaftlich‘ aber dabei auf seine unnachahmlich eigene Weise nähert sich Howard Phillips Lovecraft (1890-1937) dem Thema. „Das Grauen pocht an meine Tür“ (in besserer Übersetzung bekannter als „Das Ding auf der Schwelle“) gehört locker zum „Cthulhu“-Zyklus. Lovecraft postuliert hier eine kosmische Alternativgeschichte, die vom äonenlangen Krieg gewaltiger, vom menschlichen Geist nur marginal verständlicher Mächte zwischen den Sternen geprägt wird. Die Erde ist ein Feld dieses dreidimensionalen Schachbretts, auf dem die Menschen nur Bauern darstellen. Sie werden vor allem vom Kraken-Götzen Cthulhu in ihren Bann gezogen, versklavt und bedenkenlos geopfert.

Noch schlimmer ergeht es denen, die der geheim gehaltenen Unterwanderung auf die Spur kommen. Der arme Edward Derby wird nicht verflucht, obwohl man ihn zu einem grotesken Körpertausch zwingt. Die Kraft, die dies ermöglicht, definiert Lovecraft als „böse“, ohne dass der klassische Teufel jemals Erwähnung findet: In diesem Konzept hat er ausgedient, obwohl sich Cthulhu und seine Jünger Methoden bedienen, die an dämonisches Wirken erinnern. Dennoch sind diese Mächte weniger böse als fremd.

Dies übernimmt Robert Bloch in seiner zweiten hier gesammelten Geschichte. Sie spielt im Cthulhu-Zyklus und ist eine Hommage an Lovecraft. Avis Long wird nicht vom Teufel geholt – sie entscheidet sich freiwillig und aus Abenteuerlust, den seltsamen Kreaturen zu folgen, die sie im Traum besuchen, denn sie ist anders als ihre ‚beschränkten‘ Mitmenschen in der Lage, die Fremdheit zu akzeptieren und als Herausforderung zu begreifen, weshalb das bizarre Ende womöglich gar nicht so tragisch ist.

Der Leser wird böse

„Lautlos schleicht das Grauen“ ist ein Band aus der Reihe „Vampir Taschenbuch“ und deshalb umfanggedeckelt: Höchstens 144  Seiten durften bedruckt werden, weshalb sechs (!) Storys der Originalsammlung gestrichen wurden. Das Konzept, das der Herausgeber seiner Kollektion zugrundelegte, löste sich dabei natürlich in Nichts auf. Was Michel Parry sich dachte, bleibt ohnehin unbekannt, da selbstverständlich auch seine Einleitung getilgt wurde.

Es fehlen diese Storys:

– Ramsey Campbell: Vacant Possession
– Guy De Maupassant: The Horla
– ‚Roger Pater‘ (Dom Gilbert Roger Hudlestone): A Porta Inferi
– J. A. Cuddon: Isabo
– John Collier: The Possession of Angela Bradshaw

Während „The Horla“ (dt. „Der Horla“) auch hierzulande in unzähligen Anthologien abgedruckt wurde und deshalb leicht zu finden ist, würde man die übrigen Geschichten gern lesen. Ramsey Campbell (*1946), der britische Meister des modernen Grusels, schildert eine dämonischen Besessenheit, die nicht für das Opfer, sondern für einen Exorzisten ein unerwartetes Ende nimmt.

‚Roger Pater‘ (alias Dom Gilbert Roger Hudlestone, 1874-1936) beschreibt wie R. H. Benson einen Exorzismus aus kirchlicher Sicht. J[ohn] A[nthony] Cuddon (1928-1996) ging bereits 1968 und damit früher als William Peter Blatty im legendären „The Exorzist“ (1971) auf die sexuellen Untertöne einer Besessenheit ein und legte sich dabei für die Entstehungszeit wenig Zurückhaltung auf. Auch John Collier (1901-1980) lässt einen Dämon in ein weibliches Opfer schlüpfen, das sich freilich gar nicht als Opfer fühlt, woraufhin eine Collier-typische, d. h. schwarzhumorige Geschichte mit überraschendem Ende ihren Lauf nimmt.

Glücklicherweise erfüllen die verbliebenen Storys ihren Zweck. Sie mögen viele Jahre nach ihrem Entstehen nicht mehr erschrecken, aber unterhalten können sie trotz erheblicher qualitativer Unterschiede – Parry mischt klassisch literarische Erzählungen mit trivialen „Pulp“-Storys – immer noch. Überlassen wir R. H. Benson die letzten weil – vor allem im Originaltext – zum Thema passenden Worte: „Then we went to night-prayers and fortified ourselves against the dark.“

Herausgeber

Michel Patrick Parry (1947-2014) hinterließ seine Spuren im Horror-Genre bereits in frühen Jahren. Anfang der 1970er Jahre schrieb er einige (wenig bemerkenswerte) Romane, zu denen sich diverse Drehbücher gesellten, von denen zwei sogar („The Uncanny“, 1977; dt. „Das Unheimliche“) bzw. leider („Xtro“, 1983; dt. „Xtro – Nicht alle Außerirdischen sind freundlich“) verfilmt wurden.

Nachhaltigen Ruhm gewann Parry als kundiger und eifriger Herausgeber thematisch ausgerichteter Horror- und Science-Fiction-Geschichten. Zwischen 1972 und 1980 erschienen mehr als 33 dieser Anthologien, von denen ein Dutzend ihren Weg – wenn auch gekürzt – nach Deutschland fand.

Seit 1985 gibt Parry keine Storysammlungen mehr heraus, seit 1996 scheint er überhaupt nicht mehr literarisch aktiv gewesen zu sein.

Copyright © 2014/2017 by Michael Drewniok (md)

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