Lockvogel in Seide

Ben Benson
Lockvogel in Seide
(Wade Paris/William Parr-Serie, Bd. 5)

Originaltitel: Target in Taffeta (New York : M. S. Mill Co./William Morrow & Co. 1953)
Übersetzung: Paul Baudisch
Deutsche Erstausgabe: 1959 (Goldmann Verlag/Goldmanns Große Kriminalromane 187)
179 S.
[keine ISBN]
Neuausgabe: 1960 (Goldmann Verlag/Goldmanns Taschen-Krimi 250)
187 S.
[keine ISBN]
Neuausgabe: 1977 (Goldmann Verlag/Goldmann rote Krimis 4372)
159 S.
ISBN-13: 978-3-442-04372-9

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Das geschieht:

In Wellington, einer Stadt im US-Staat Massachusetts, hat sich Peter Augustin als ‚Geschäftsmann‘ etabliert. Chicago musste er vor Jahren verlassen, da ihm das Gesetz dort allzu hart auf den Fersen war. Augustin hat dazugelernt. In Wellington umwarb er die Spitzen von Politik, Polizei und Gesellschaft, ist inzwischen perfekt vernetzt und dort großzügig, wo man ihm nicht auf die Finger schauen soll. Dass Augustin ein Wucherer und Kredithai ist, dessen Schläger säumige Zahler bedrohen und zusammenschlagen, ist dem Establishment deshalb gleichgültig.

Die örtliche Polizei ist machtlos, und sehr wahrscheinlich hat Augustin einen Spitzel in hoher Dienstposition, der die Hand über ihn hält und anstehende Aktionen verrät. So ist der Gangster immer dreister geworden und schreckt inzwischen auch vor Mord nicht mehr zurück. In seiner Not bat Staatsanwalt O’Hara die überörtlich zuständige und nicht in den Filz verwickelte Staatspolizei um Hilfe. Man schickte ihm Inspektor William Parr, der für seinen energischen Einsatz bekannt ist und sich von Würdenträgern nicht beeindrucken lässt.

Nachdem Parr lange vergeblich nach jemandem suchte, der gegen Augustin auszusagen wagt, bringt der Mord an einem Schuldner den Durchbruch: Der Täter war unvorsichtig und wurde von der jungen Jane Montcalm beobachtet, als er die Leiche entsorgte. Sie ist mutig genug, sich als Zeugin zur Verfügung zu stellen. Da der Mörder als Augustins Handlanger bekannt ist, muss dieser sich unangenehme Fragen gefallen lassen. Wenn Jane vor Gericht schildert, was sie gesehen hat, wird der Täter auspacken, das steht fest.

Deshalb soll die gefährliche Zeugin zum Schweigen gebracht werden. Jane wird bedroht, und ‚gute Freunde‘ raten ihr, Wellington lieber zu verlassen. Sie will aber nicht kneifen. Obwohl Parr alles tut, was in seiner Macht steht, gerät Jane zunehmend unter Druck und schließlich in Lebensgefahr …

Fluch der guten Tat

Der Mensch ist zwar ungern unsozial, hasst es aber in der Regel, sich dort engagieren zu müssen, wo es ihm zum Nachteil gereicht. Deshalb ist er eher bereit, in einen tiefen Fluss zu springen, um dort einen Mitbürger zu bergen, als dort aktiv zu werden, wo das Unglück von anderen Menschen ausgeht. Verständlicherweise hassen es Strolche, die gerade eine Leiche entsorgen, dabei beobachtet zu werden. Daraus wird blanker Hass, wenn ein solcher Zeuge sich dem Gesetz zur Verfügung stellt, denn nun droht dem hart arbeitenden Verbrecher eine empfindliche Strafe.

Ein probates Gegenmittel ist es, dem Zeugen nahezulegen, seine Sichtung zu vergessen und eine bereits gemachte Aussage zu widerrufen. Sollte es dazu zu spät sein, ist spurloses Untertauchen ratsam: Zwischen Verhaftung und Prozess verstreicht in der Regel viel Zeit, weshalb es sich ein Zeuge ‚anders überlegen‘ kann. Dass der Verdächtige womöglich gegen Kaution auf freiem Fuß ist oder seine Kumpane ihm zur Seite stehen, möglich es, ordentlich Druck auszuüben oder besagten Zeugen notfalls der weiter oben erwähnten Leiche folgen zu lassen.

Zwar sichert das Gesetz Personenschutz zu, doch können seine Vertreter nicht allgegenwärtig sein. Das Spiel ist bis zum Prozessurteil offen. Wer kann es einem braven Bürger verdenken, dass er – oder in unserem Fall sie – die Konsequenzen pflichtschuldigen Verhaltens überdenkt, wenn anonyme Anrufer mit üblen Körperstrafen drohen? Zudem landen Zeugen, die nicht mehr mitspielen wollen, womöglich selbst im Gefängnis, weil sie das Gesetz auf diese Weise an ihre Pflicht erinnern will.

Repräsentanz oder Macht?

Damit ist das Krimi-Element des hier vorgestellten Romans skizziert. Die Handlung wird durch diverse Zwischenfälle noch aufregender gestaltet. Nicht der Mörder stellt die eigentliche Gefahr dar, sondern sein Auftraggeber, der vom Gesetz unbehelligt eine Zeugin in die Zange nehmen kann. Die Spannung erwächst einerseits daraus, dass weder die Zeugin noch die Polizei wissen können, wann oder wo der tödliche Schlag erfolgen wird. Sie müssen warten, sich verstecken undbedrohen lassen. Nicht nur die Attacke selbst wird zur Bedrohung. Angst und Ungeduld sorgen für die Aushöhlung gut geplanter Vorsichtsmaßnahmen.

Die Problematik verschärft sich durch die Vernetzung des Ober-Gangsters in einer städtischen Oberschicht, die vor allem in sich selbst ruht und „Verpflichtung“ primär als gegenseitige Förderung und kollektive Abwehr establishmentfremder Kräfte definiert. Nach oben kommt man in dieser Welt nicht, indem man sich menschenfreundlich an das Gesetz hält. Nach unten wird nicht nur getreten, sondern auch gemauert. Das ‚normale‘ Volk kennen die Reichen & Mächtigen von Wellington höchstens und am liebsten als folgsame Arbeitskräfte, Bedienstete oder Steuerzahler.

Mit einem Mann wie Peter Augustin stellt man sich gut, solange es diesem gelingt, die dunkle Seite seines ‚Geschäftes‘ im Verborgenen zu halten. Was der Oberschicht-Bürger nicht weiß, macht ihn nicht heiß. Erst als sich Augustins Deckung auflöst, beginnen seine ‚guten Freunde‘ in Politik und Wirtschaft unauffällig aber rasch auf Abstand zu gehen. Schließlich muss Augustin sich selbst die Hände schmutzig bzw. blutig machen.

Der Bulle und das Mädchen

In Wellington hat sich die Grauzone zwischen Stadtprominenz und organisiertem Verbrechen ausgebreitet. Längst ist die Polizei erfasst. Mit dem Hut in der Hand bitten die Beamten um eine Audienz bei Augustin, den Benson als Karikatur des erfolgreichen und ehrbaren Bürgers darstellt: feist, fein gekleidet, übertrieben gepflegt und doch kein ‚Ehrenmann‘, sondern ein Wolf bzw. eine Hyäne im Schafspelz bzw. Nadelstreifenanzug. Auch nicht korrupte Beamte müssen sich den Verhältnissen beugen, wollen sie nicht drangsaliert oder dorthin versetzt werden wo ihre Karrieren im Sand verlaufen.

Im Wilden Westen würde ein einsamer Revolvermann für Ordnung sorgen. In der Tat ist William Parr trotz eines beinahe pathologischen Diensteifers ein solcher Idealist und kein Stein auf dem Spielfeld Wellington. Als Beamter der Staatspolizei gehört er einer Institution an, die Autor Ben Benson ohnehin über die Stadtpolizei stellt. Parr ist in Wellington niemandem verpflichtet, muss niemandem gefällig sein oder Rücksichten nehmen. Das wäre ohnehin völlig gegen Parrs Charakter. Ein ausführlicher Rückblick verdeutlicht, dass Parr ein Büßer ist. Nach einer katastrophalen Fehlentscheidung während des Zweiten Weltkriegs sucht er nach Erlösung, indem er Verbrecher jagt und ihre Opfer schützt. Dabei lässt Parr kein Karrierestreben zu. Man kann ihn nicht bestechen oder bedrohen. Verbindungen ‚nach oben‘ beeindrucken ihn nicht. Einen Mann wie Parr muss man umbringen, wenn man ihn ausschalten will. Genau das wird im dramatischen Finale versucht.

Vor allem in den späteren Romanen der Parr-Serie versteinert die Figur zu einem weiterhin fähigen aber zunehmend gefühlskalten Vigilanten, der Verbrecher am liebsten tot sieht. Deshalb überrascht in diesem fünften Band die zwar klischeebehaftete aber durchaus schlüssige Charakterzeichnung. Es gibt Gründe für Parrs Zurückhaltung und seine buchstabengetreue Auslegung des Gesetzes. Sein Verhalten ist ihm auch eine Stütze. Sie schützt ihn vor einer ‚Schwäche‘, die zwar menschlich ist aber von Parr gehasst und gefürchtet wird. Dieses Mal knickt er kurz ein; die Ursache ist – selbstverständlich – eine Frau. Gänzlich jenseits seines gesellschaftlichen Umfelds aber voller Lebenslust, hübsch und durchaus körperliches Interesse signalisierend, führt Jane Montcalm Parr in Versuchung. Letztendlich siegt die ‚Vernunft‘, doch Parr leidet, was auch deshalb für ihn einnimmt, weil Benson Sentimental-Schwulst vermeidet.

So wird „Lockvogel in Seide“ trotz der konventionellen Handlung und des schmucklosen Stils zu einer angenehmen Überraschung. Das Alter dieses Romans äußert sich nicht in zeitgenössischem Moralinsauer. „Lockvogel“ ist sicher kein Meisterwerk i. S. eines Klassikers aber zügig und spannend geschrieben. Vor dem geistigen Auge läuft während der Lektüre problemlos der Film zum Buch ab – angemessen in schwarz-weißen Bildern.

Autor

Benjamin Benson II. gehört zum Heer der Kriminalschriftsteller, die kompetent und vor allem schnell Unterhaltung produzierten. Wirklich berühmt ist er nie gewesen, war aber beliebt; so wurden beispielsweise in Deutschland seine sämtlichen Werke veröffentlicht und lange Zeit neu aufgelegt; diese Gunst erfuhr längst nicht jeder klassische Könner seines Genres.

Am 14. Juni 1913 wurde Benson in Boston, US-Staat Massachusetts, als Sohn erst im Vorjahr aus Russland emigrierter Eltern geboren. Er arbeitete nach dem College als Handelsvertreter, lebte während der Großen Depression auf der Straße, nahm am Zweiten Weltkrieg teil, wurde hoch dekoriert und schwer verwundet. Nach dreijährigem Krankenhausaufenthalt arbeitete Benson kurz als Teehändler, bevor er mit dem Schreiben begann. Der militärische Hintergrund beeinflusst deutlich sein Werk. Zwei Serienhelden schuf Benson: den jungen State Trooper Ralph Lindsey sowie den älteren, schon erfahrenen Detective Inspector Wade Paris, der ebenfalls für diese Behörde (aber an anderem Ort) arbeitet. (In Deutschland wurde Paris aus unerfindlich bleibenden Gründen in „William Parr“ umgetauft – es sollte wohl ‚amerikanischer‘ klingen …)

Benson schätzt klare Hierarchien und Disziplin. Seine Polizeibeamten sind Männer ohne Fehl oder Tadel. („Old Icewater“ nennt man Wade Paris hinter seinem Rücken.) Zweifel mögen sie manchmal beschleichen, hin und wieder begehen sie sogar Fehler, aber letztlich bekommen sie solche Anwandlungen in den Griff, reifen an derartigen Konflikten und stehen dem System umso bedingungsloser zur Verfügung. Das mag Bensons Beliebtheit in Deutschland erklären. Allerdings sind seine Romane durchaus unterhaltsam. Inhaltlich mögen sie veraltet sein. Ihr sachlicher, fast dokumentarischer Stil hat sie andererseits günstig altern lassen. Sie müssen als frühe Beispiele des „police procedural“ gelten, dessen vielleicht berühmtester Repräsentant Ed McBain (ein Zeitgenosse Bensons) mit seiner Serie um das 87. Polizeirevier ist.

Ben Bensons Schriftstellerkarriere währte gerade zehn Jahre, in denen er neben zahlreichen Kurzgeschichten 18 Romane veröffentlichte. Am 29. April 1959 ist Benson kurz vor seinem 46. Geburtstag während einer Versammlung der „Mystery Writers of America“ in New York City einem Herzschlag erlegen.

Copyright © 2016 by Michael Drewniok (md)

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