Schatten über Baker Street

Michael Reaves/John Pelan (Hgg.)
Schatten über Baker Street
Mörderjagd in Lovecrafts Welten

Originaltitel: Shadows Over Baker Street: New Tales of Terror! (New York : Ballantine Del Rey 2003)
Übersetzung: Stefan Bauer, Linda Budinger (2), Alexander Lohmann (2), Armin Patzke (9), Michael Ross, Ralph Sander (2), Marianne Schmidt
Deutsche Erstausgabe: Oktober 2005 (Bastei-Lübbe-Verlag/TB Nr. 15387)
541 S.
ISBN-13: 978-3-404-15387-9

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Inhalt:

Arthur Conan Doyle meets H. P. Lovecraft: 18 neue Storys um Sherlock Holmes, der dieses Mal keinen Kriminellen das Handwerk legt, sondern mit den Umtrieben des außerirdischen Krakengottes Cthulhu konfrontiert wird:

– Einleitung (von John Pelan und Michael Reaves), S. 9-11

– Neil Gaiman: Eine Studie in Smaragdgrün (A Study in Emerald), S. 13-42: Wer ist der Terrorist, der im London des Jahres 1888 brave Untertanen Ihrer Majestät Cthulhu aufschlitzt? Detektiv Holmes ermittelt im Auftrag einer besonderen Queen.

– Elizabeth Bear: Tiger! Tiger! (Tiger! Tiger!), S. 43-72: Das „Große Spiel“ europäischer Geheimdienste findet auch im fernen Indien und unter Einsatz schwarzer Magie statt.

– Steve Perry: Der Flammendolch (The Case of the Wavy Black Dagger), S. 73-86: Ohne sich aus seinem Sessel zu erheben, ficht Sherlock Holmes ein Duell mit dem härtesten Gegner seines Lebens aus.

– Steven Elliot Altman: Ein Fall von königlichem Blut (A Case of Royal Blood), S. 87-126: Die niederländische Kronprinzessin wird von einem Poltergeist verfolgt; ein Fall für Sherlock Holmes und … H. G. Wells!

– James Lowder: Die weinenden Masken (The Weeping Masks), S. 127-154: Unter welchen unheimlichen Umständen Dr. John Watson in Afghanistan verwundet wurde, hat er seinem allzu rationalen Freund Sherlock Holmes später niemals erzählt.

– Brian Stableford: Kunst im Blut (Art in the Blood), S. 155-180: Es gibt fähige Seeleute und es gibt Menschen, denen steckt das Meer im Blut – Sherlock Holmes lernt, dass es da einen lebensbedrohlichen Unterschied gibt.

– Poppy Z. Brite/David Ferguson: Das fastende Mädchen (The Curious Case of Miss Violet Stone), S. 181-202: In schlammiger Urzeit ist ein Experiment außerirdischer Erdbesucher gescheitert; Sherlock Holmes soll’s nunmehr richten.

– Barbara Hambly: Die Nichte des Altertumsforschers (The Adventure of the Antiquarian’s Niece), S. 203-238: Der böse Onkel sucht ein Opfer für seine in jeder Hinsicht unterirdischen ‚Gäste‘; eine schöne Nichte ist ebenso tauglich wie ein älterer Militärarzt, der sich als Schriftsteller betätigt.

– John Pelan: Das Geheimnis des Wurms (The Mystery of the Worm), S. 239-256: Welche Lebensform könnte es sein, die von Stahl fressenden Parasiten geplagt wird? Holmes & Watson finden es (beinahe) heraus.

– Paul Finch: Das Rätsel des Gehängten (The Mystery of the Hanged Man’s Puzzle), S. 257-300: Ein düpierter Strolch stellt Sherlock Holmes in der Todeszelle eine Aufgabe; sollte dieser scheitern, verurteilt er die Bürger von London zu einem grausigen Ende.

– Tim Lebbon: Das Grauen hat viele Gesichter (The Horror of the Many Faces), S. 301-330: Die Realität des Irrationalen schreckt Sherlock Holmes mehr als jeder außerirdische Horror.

– Michael Reaves: Das Manuskript des Arabers (The Adventure of the Arab’s Manuscript), S. 331-362: Watsons alte Liebe aus dem Orient hat sich sehr zu ihrem Nachteil verändert; sie fahndet nun in England nach dem Zauberbuch eines gewissen Abdul al-Hazred.

– Caitlin R. Kierman: Der ertrunkene Geologe (The Drowned Geologist), S. 363-384: Allzu großer wissenschaftlicher Eifer kann tödlich enden, wie ein begeisterter Erforscher seltsamer Fossilien erfahren muss.

– John P. Vourlis: Ein Fall von Schlaflosigkeit (A Case of Insomnia), S. 385-418: Seit der großen Mondfinsternis schlafen die Bewohner eines kleines Ortes nicht nur schlecht, sondern werden auch von einer grässlichen Bestie geplagt.

– Richard A. Lupoff: Das Voorische Zeichen (The Adventure of the Voorish Sign), S. 419-452: Nur Sherlock Holmes kennt jene Geste, die das Tor zwischen den Dimensionen öffnet, aber kann er es auch wieder schließen?

– F. Gwynplaine MacIntyre: Entscheidung auf Exham Priory (The Adventure of Exham Priory), S. 453-476: Holmes‘ Erzfeind Professor Moriarty lebt und hat wahrlich unirdische Unterstützung in seinem Kampf gegen Recht & Gesetz gefunden.

– David Niall Wilson/Patricia Lee Macomber: Der Tod steht ihm nicht gut (Death Did Not Become Him), S. 477-510: Die Idee, einen Erbstreit durch die Auferstehung der verstorbenen Erblassers zu entscheiden, klingt logisch, doch zeigt sich der lebende Leichnam höchst eigensinnig.

– Simon Clark: Albtraum auf Wachs (Nightmare in Wax), S. 511-532: Sehr modern auf Wachswalzen festgehalten, findet vor den gebannten Zuhörern ein weiterer Kampf zwischen Sherlock Holmes und Professor Moriarty statt.

– Die Autoren, S. 533-541

Holmes und Cthulhu? Passt das zusammen?

Vermutlich musste es so kommen: Der größte der klassischen Detektive trifft auf den finstersten Vertreter der „Großen Alten“, jener „Götter“ aus Zeit & Raum, die sich in grauer Vorzeit auf der Erde festsetzten und seither den Menschen das Leben schwer und ihren Planeten streitig machen. Cthulhu ist das berühmteste und berüchtigste Geschöpf, das dem Geist des Schriftstellers Howard Phillips Lovecraft (1890-1937) entsprungen ist. Sherlock Holmes und Dr. Watson sind die Schöpfungen von Sir Arthur Conan Doyle (1859-1930).

Lovecraft und Doyle waren zwar Zeitgenossen, sind sich zu Lebzeiten jedoch nie begegnet. Der Amerikaner schrieb ‚kosmische‘ Horrorstorys mit Science-Fiction-Elementen, der Brite klassische Geister-, Abenteuer- und Kriminalgeschichten (sowie heute glücklicherweise fast vergessene Historienschinken). Ähnlichkeiten in Leben und Werk gibt es also keine, so dass die literarische Konfrontation von Holmes & Cthulhu eigentlich zum Scheitern verurteilt scheint. Arthur Conan Doyle hat sich Sherlock Holmes zudem sehr deutlich und abfällig über das Wirken des Übernatürlichen äußern lassen (1924 in „The Sussex Vampire“, dt. „Der Vampir von Sussex“), das für ihn, den Rationalisten, nur Aberglaube und Mummenschanz ist.

Doch die „Mörderjagd in Lovecrafts Welten“ funktioniert, weil die Geschöpfe Doyles und Lovecrafts auf einem gemeinsamen Nährboden wurzeln. Die Gaslicht-Kulisse eines spätviktorianischen Zeitalters – etwa die Jahre 1885 bis 1900, verlängert um die anderthalb Jahrzehnte bis zum I. Weltkrieg –, das real so gar nicht gegeben hat, ist das ideale Umfeld für beide: Detektiv und Dämonengottheit.

London im Nebel: Hauptstadt des Mysteriösen

Das ewig neblige London mit seinen unzähligen Gassen, Hinterhöfen und Schlupfwinkeln ist ein Ort romantischen Grusels, dessen Atmosphäre das Bild der Holmes-Geschichten prägt, obwohl der Detektiv durchaus auch außerhalb der Stadt sowie im Ausland ermittelte; manchmal scheint dabei sogar die Sonne.

Wie sehr schon die zeitgenössischen Leser dieses Fantasie-Londons liebten, verdeutlicht die Tatsache, dass Doyle den großen Ermittler dort verharren ließ, noch als er in den späten 1920er Jahren die letzten Holmes-Storys schrieb. Ein in der modernen Welt ermittelnder Meisterdetektiv widersprach dem Publikumsgeschmack; Doyle wusste es, denn er hatte es durchaus versucht und den älteren Holmes vom britischen Geheimdienst im Agentenkampf gegen das kaiserliche Deutsche Reich anheuern lassen („The Final Problem“, 1914; dt. „Sein letzter Fall“/„Seine Abschiedsvorstellung“).

H. P. Lovecraft wäre gern nach London gereist, konnte sich dies jedoch finanziell nie leisten. Seine Wertschätzung von Architektur, Kunst und Literatur der vorindustriellen Ära lässt sich vielfach belegen. Sie gipfelte in Lovecrafts lebenslanger, fast fanatischer Wertschätzung seiner Geburtsstadt Providence im neuenglischen US-Staat Rhode Island. Die Vorliebe für das Historische, Traditionelle, im Verborgenen Blühende (oder Verrottende) spiegeln – literarisch überspitzt – seine fiktiven Stadtgründungen Arkham, Dunwich oder Innsmouth wider, in denen die Jünger Cthulhus ihren Missetaten nachgehen. Das ungleich ältere London müsste ihnen und ihrem gallertigen Anführer daher sehr zusagen.

Hinaus in seltsame Welten

Ähnliches gilt für die schottischen Moore und walisischen Einöden, die einsamen Landsitze und verfallenen Burgen, an denen die englische Insel so reich ist. Zwei Jahrtausende reicht die Geschichtsschreibung bis in die Römerzeit zurück, dann wird es mythisch, geben sich keltische Druiden und piktische Wilde ein Stelldichein: der ideale Nährboden für Elementargeister & Spukgelichter, in deren Mitte auch für Cthulhu & Co. noch Platz ist. Die Autoren der hier gesammelten Geschichten lassen sich diese Chance nicht entgehen und nutzen sie mit zum Teil erstaunlichem Ideenreichtum. Dies zu verfolgen macht einfach Spaß, zumal es keine echten Ausfälle in dieser überdurchschnittlichen Kollektion gibt.

Schließlich ist da der Rest der Welt, in deren verwunschenen Winkeln die „Großen Alten“ schon bei Lovecraft ihre Refugien gefunden haben. In Vorderasien und Tibet gibt es geisterhafte Ruinenstädte, die es besser zu meiden gilt. Hier hat sich aber bekanntlich Sherlock Holmes nach seinem ‚Tod‘ in den Fällen des Reichenbachs mehrere Jahre unter falschem Namen herumgetrieben. Über das, was er dort erlebt hat, hielt er sich Watson gegenüber nach seiner Rückkehr stets zurück. Vielleicht hat er dort tatsächlich erlebt, dass er mehr Dinge zwischen Himmel und Erde gibt, als es der gesunde – also Holmesche – Menschenverstand zu erfassen mag!

Vertraut bis herrlich fremd

Der Rahmen, in dem sich die Verfasser unserer 18 Geschichten bewegen, ist dennoch eng; er orientiert sich primär an der bekannten literarischen Welt des Sherlock Holmes & Dr. Watson. Nur wenige Autoren ‚spielen‘ wirklich mit ihren Vorgaben. Gleich Neil Gaiman – wer sonst? – konstruiert in „Eine Studie in Smaragdgrün“ eine englische Welt, die von Cthulhu übernommen wurde und beherrscht wird. Fast blasphemisch nennt er sich „Queen Victoria“ und wird als solche von seinen (oder ihren?) Untertanen anerkannt. Auch Sherlock Holmes gehört zu ihnen, so dass es für ihn nicht nur selbstverständlich, sondern seine patriotische Pflicht ist die Feinde dieser seltsamen Krone zu jagen.

Elizabeth Bear verzichtet in „Tiger! Tiger!“ sogar völlig auf den Detektiv und seinen treuen Begleiter. Stattdessen lesen wir ein Abenteuer von Irene Adler, für Holmes „die Frau“ seines Lebens und als solche sogar schlau genug, sich von ihm nie fangen zu lassen. James Lowder kehrt in „Die weinenden Masken“ die bekannten Rollen um und lässt einen ungewöhnlich selbstständigen Watson ein Abenteuer schildern, das er dem ahnungslosen Holmes verschweigt, weil er diesen, den erklärten Rationalisten, vor dem Schock eines drastisch erweiterten Weltbilds bewahren möchte. (Wie weise er damit tut, erläutert uns Tim Lebbon in „Das Grauen hat viele Gesichter“ – und eines zu viel für einen geistig überforderten Holmes.)

Weitere Gäste aus der Literatur

Selbstverständlich wimmelt es in dieser Sammlung von Figuren aus den und Anspielungen auf die Werke/n von H. P. Lovecraft und Arthur Conan Doyle; sie sind so zahlreich, dass sie an dieser Stelle nicht gelistet und erläutert werden können; dies soll ein Spiel für Fans der beiden Autoren bleiben. Darüber hinaus können es sich einige Verfasser dieser Sherlock-Holmes-Pastichés jedoch nicht verkneifen, dem berühmten Detektiv mehr oder weniger bekannte reale und literarische Gestalten zur Seite zu stellen.

So heuert Steven E. Altman statt Dr. Watson eine berühmte reale Figur der viktorianischen Ära an: seinen ‚Zeitgenossen‘ Herbert George Wells (1866-1946), den Verfasser berühmter Alt-Science Fiction wie „Die Zeitmaschine“, „Die ersten Menschen auf dem Mond“ oder „Krieg der Welten“. Barbara Hambleys Reminiszenz richtet sich dagegen an den Insider: Ihren mit okkulter Hightech hantierenden „Mr. Carnaki“ borgt sie sich von William Hope Hodgson (1877-1918), einen heute zu Unrecht in Vergessenheit geratenen Meister des klassischen Horrors, der mit „Carnacki the Ghostfinder“ (ab 1910) einen Sherlock Holmes des Übernatürlichen schuf.

Ein Geschenk an die deutschen Leser

Die Frage, ob und wie genau die Verfasser den O-Ton von Holmes & Lovecraft treffen, muss hier unbeantwortet bleiben; die (erfreulich gelungenen) deutschen Übersetzungen ebnen mögliche Versuche in diese Richtung ein. Einzelne Storys verraten dennoch entsprechenden Ehrgeiz,; Barbara Hambly sei mit „Die Nichte des Altertumsforschers“ erwähnt. Meist bleiben solche Bemühungen aber verhalten, was gut ist, denn einen Stilhybriden aus Doyle und Lovecraft möchte man lieber nicht lesen …

Ein Wermutstropfen muss abschließend vergossen werden: Während Inhalt (und Preis) der deutschen Ausgabe von „Schatten über Baker Street“ dem Fan des Phantastischen Grund zum Jubel geben, ist das Erscheinungsbild wieder einmal ein Trauerspiel. Das US-Original ziert ein eigens gemaltes, liebevoll anachronistisches Cover im „Pulp“-Stil. Hierzulande müssen wir uns mit dem üblich gewordenen Bildstock-Mist zufrieden geben. Altertümliche Hausfronten und altmodische Laternen, das Ganze künstlich eingenebelt – fertig ist das ‚Titelbild‘, dessen Vorlage in beinahe jeder europäischen Stadt geknipst worden sein könnte.

Copyright © 2011/2016 by Michael Drewniok (md)

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