Schwarzer Tod

Greg Iles
Schwarzer Tod

Originaltitel: Black Cross (New York : Dutton 1995)
Übersetzung: Wolfgang Thon
Dt. Erstausgabe: Oktober 2000 (Bastei-Lübbe-Verlag/Allgemeine Reihe 14421)
687 S.
ISBN-13: 978-3-404-14421-1
eBook: Juni 2015 (Bastei-Lübbe-Verlag/Bastei Entertainment)
2350 KB
ISBN-13: 978-3-7325-1167-9

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Das geschieht:

Europa im Kriegswinter 1943/44: Das nazideutsche Reich ist angeschlagen aber nicht besiegt; eine gefährliche Situation für die Alliierten, die intensiv mit den Vorbereitungen zur Großen Invasion beschäftigt sind. Sie soll und wird den Krieg entscheiden, das wissen alle kämpfenden Parteien. Mit Verzweiflungsaktionen des Reiches muss deshalb gerechnet werden: Der britische Geheimdienst ist einem streng geheimen Projekt auf die Spur gekommen. Deutschen Wissenschaftlern ist es gelungen, das Nervengas Sarin zu entwickeln, gegen das kein Schutz bekannt ist. Mit dem Kampfgas Soman kündigt sich eine noch apokalyptischere Waffe an.

Die allgemeine Ächtung chemischer Waffen nach dem I. Weltkrieg führte dazu, dass weder die Briten noch die Amerikaner oder ihre Verbündeten über ein ähnlich wirkungsvolles Gas verfügen. Doch genau das will man die Deutschen glauben machen. General Duff Smith von der „Special Operations Executive“ hat einen ebenso genialen wie wahnwitzigen und menschenverachtenden Plan entworfen. Ein Spezialkommando soll Kanister mit dem neuesten britischen Kampfgas ins Konzentrationslager Totenhausen bei Rostock in Mecklenburg schaffen und dort zünden. Wachmannschaft wie Gefangene werden umkommen und dem Naziregime drastisch vor Augen führen, dass auch die Alliierten über ein einsatzbereites Kampfgas verfügen.

Duff Smith betraut zwei auf den ersten Blick völlig ungeeignete Männer mit diesem diabolischen Auftrag. Mark McConnell ist ein amerikanischer Arzt, Chemiker und bekennender Pazifist. Der Jude Jonas Stern hat als zionistischer Partisan in Palästina gegen die britische Oberherrschaft und für einen eigenen jüdischen Staat gekämpft. Nun will er seinen Teil dazu beitragen, dem millionenfachen Völkermord der Nazis ein Ende zu setzen – und sei der Preis die Giftgasattacke auf ein Konzentrationslager, in dem hauptsächlich Juden einsitzen! McConnell ahnt nichts vom wahren Ziel der Aktion, während Stern keine Ahnung hat, dass Duff Smith seine Vorbereitungen trifft, den Deckel auf diesem Unternehmen zu halten, von dem die Welt nichts wissen soll …

Unterhaltung vs. Moral

Dies ist in groben Zügen die Geschichte, die Greg Iles in „Schwarzer Tod“ erzählt. Bei einem Roman von annähernd 700 Seiten ist es schwer, den Inhalt knapp und doch angemessen zu umreißen. Ganze Handlungsstränge müssen hier unerwähnt bleiben. Angemerkt sei deshalb, dass es außer McConnell und Stern noch eine ganze Reihe weiterer Hauptfiguren gibt, denen natürlich ebenfalls düstere und voreinander erst verschwiegene und später dramatisch enthüllte Geheimnisse am Busen nagen.

Es ist noch aus einem anderen Grund schwierig, ein Buch wie „Schwarzer Tod“ zu besprechen. Objektiv betrachtet haben wir es hier mit einem Historien-Thriller mit klassischem Handlungsmuster zu tun: Eine kleine Gruppe wackerer Helden nimmt es mit einem übermächtigen Feind auf und bleibt wider alle Gesetze der Wahrscheinlichkeit siegreich. Das Schema ist bekannt und bewährt, und es funktioniert auch hier zufriedenstellend.

Manchmal ist allerdings der Inhalt wichtiger als die Form. Iles lässt seine Geschichte über weite Strecken in einem Konzentrationslager der Nazis spielen, das gleichzeitig eine medizinische Experimentalstation ist, in der Menschenversuche durchgeführt werden. Damit begibt er sich auf gefährlich dünnes Eis. Iles kennt die Problematik, weshalb „Schwarzer Tod“ keine simple Abenteuergeschichte ist bzw. keine sein möchte. Stattdessen konzentriert sich der Autor auf seine unbehaglichen Themen und stellt unbequeme Fragen: Wie definiert man „richtig“ und „falsch“ bzw. „gut“ und „böse“ in einer Ausnahmesituation, wie sie der II. Weltkrieg darstellt? Lässt sich die Welt in „schwarz“ und „weiß“ einteilen, ist sie nicht eher grau in allen Schattierungen? Ist es moralisch vertretbar, einen (oder hundert oder tausend) Menschen zu töten, um zehntausend (oder hunderttausend oder eine Million) andere zu retten?

Ein Autor verhebt sich

Über diese und weitere, ebenso brennende Fragen haben sich viele, wirklich sehr viele kluge Geister ihre Köpfe zerbrochen. Restlos zufriedenstellende Antworten konnten sie nicht finden; es gibt sie womöglich nicht. Greg Iles ist ein Geschichtenerzähler, kein Historiker, Philosoph oder Soziologe. Er versucht das eigentlich Unmögliche, indem er die Balance zwischen Unterhaltung und Anspruch halten möchte. Das gelingt ihm nicht und kann ihm auch nicht gelingen, denn dafür ist sein Talent nicht ausgeprägt genug und der Stoff einfach zu heikel.

Über den Alltag in einem nazideutschen KZ und die Widernatürlichkeit von ‚Medizinern‘, die Menschen umbrachten, statt sie zu heilen, hat Iles sich sichtlich informiert. Seine Darstellung verlässt trotz aller Drastik den Boden der Tatsachen nicht und bleibt in der Regel zurückhaltend. Die Fakten sprechen ohnehin für sich. Das Unbehagen während der Lektüre aber bleibt, und Mängel stechen unter solchen Umständen umso deutlicher hervor.

Iles kann sich nicht von alten Klischees lösen. Er differenziert zwischen ‚guten Nazis‘ (die in der Schlacht und auf dem „Feld der Ehre“ soldatische Tugenden beweisen), ‚schlechten Nazis‘ (grausam aber dumm und dem Schnaps ergeben) und ‚bösen Nazis‘ (schneidige, penibel auf ihr Äußeres bedachte, keiner menschlichen Regung aber jeglicher Teufelei fähige SS-Schergen). Selbstverständlich fehlen nicht die obligatorischen Episoden im britischen Ausbildungslager, die zu allerlei lustig-rauen Soldatenscherzen Anlass geben. Hinzu kommt eine Beischlaf-Szene am Vorabend des großen Finales, die hier so aufgesetzt wirkt, dass man sich fragt, ob Iles gezwungen wurde, sie nachträglich (und mit Blick auf eine mögliche Verfilmung) einzuf(l)icken.

Manchmal übertreibt es der Autor auch einfach. Damit ist nicht die trotz ihrer Logik hanebüchene Handlung gemeint, die man einfach akzeptieren muss, weil man sich die Lektüre sonst schenken kann. Es sind wiederum eher Details, die stören. Doktor Klaus Brandt darf nicht ‚nur‘ KZ-Kommandant und Menschenleben verachtender ‚Forscher‘ sein; nein, er ist auch noch Päderast und fängt sich kleine Kinder aus dem Lager. Sturmbannführer Schörner, ein ‚guter Nazi‘, hat in England studiert und sich hauptsächlich deshalb einige menschliche Züge bewahren können. Anna Kaas, die deutsche Agentin der Briten in Totenhausen, hat eine Super-Nazisse wie aus dem Bilderbuch als Schwester.

Andere Länder, andere Sichtweisen

Auf der anderen Seite muss man Iles zugestehen, dass er als Nichtdeutscher vergleichsweise unbelastet an seine Geschichte herangehen konnte. Tatsächlich gibt es eine lange Tradition angelsächsischer Spionage- und Militärthriller, für die der Krieg und seine Schauplätze wenig mehr als ein riesiger Abenteuerspielplatz darstellt, auf dem kernige Insel-Helden mit finsteren Operetten-Nazis raufen. Iles hat dies einer kritischer gewordenen Gegenwart angepasst. ‚Sein‘ Krieg ist schmutzig – und zwar auf allen Seiten. Winston Churchill ist hier ein mutiger und entschlossener Staatsmann – und gleichzeitig ein eitler, machtgieriger, pompöser und vor allem eiskalter Charakter, der Männer ohne zu zögern in den Tod schickt, wenn er es für notwendig hält.

Beim Thema Gaskrieg macht Iles die ambivalente Haltung der Alliierten deutlich; nicht humanitäre, sondern primär technische Gründe verhinderten den Einsatz chemischer Waffen. Schließlich lässt der Autor keinen Zweifel daran, dass die führenden Köpfe des Kampfes gegen Nazideutschland von den Gräueln der Massenvernichtungslager durchaus wussten und doch nichts unternahmen: Niemand wolle die Juden, selbst wenn Hitler sie gehen ließe, spricht General Duff Smith es aus. Starker Tobak für einen Unterhaltungsroman und immer noch ein Tabuthema.

So bleibt es letztlich mehr als sonst dem Leser überlassen, ob er sich auf diese seltsame Mischung aus Kriegsabenteuer, Thriller und Melodrama einlassen möchte. Mag man sich nicht selbstständig entscheiden, kann man sich natürlich auf das Urteil der politisch Korrekten stützen, denen „Schwarzer Tod“ ein Dorn im Auge sein dürfte, wobei erschwerend hinzukommt, dass Iles seine Geschichte durchaus spannend zu erzählen weiß. Wie gesagt: Es gibt gute Einwände gegen diesen Roman, aber er ist auch ein interessanter Indikator. Iles beschreibt eine Methode, mit der einst vor allem Bergleute ihre Stollen auf das Vorhandensein giftiger Gase prüften: Sie trugen einen Käfig mit einem Kanarienvogel mit sich. Sobald dieser von seiner Stange fiel, wussten sie, was die Stunde geschlagen hatte. „Schwarzer Tod“ könnte ein Indikator für die Leser die Leser dieses Buches sein; die Lektüre regt an, über grundsätzliche moralische Fragen nachzudenken. Wer solche Tiefgründigkeit nicht schätzt, sei beruhigt: „Schwarzer Tod“ lässt sich auch als „Inglorious-Basterds“-Garn goutieren.

Autor

Greg Iles wurde 1960 als Sohn eines US-Botschaftsarztes im deutschen Stuttgart geboren. Als die Dienstzeit des Vaters endete, ging die Familie in die Vereinigten Staaten zurück, wo Iles in Natchez, Mississippi, zur Schule ging und an der University of Mississippi studierte.

Nach seinem Abschluss (1983) spielte Iles mehrere Jahre in einer Rockband. Anfang der 1990er Jahre arbeitete er an einem ersten Roman. 1993 erschien „Spandau Phoenix“, ein Historien-Thriller um den deutschen Kriegsverbrecher Rudolf Hess. Obwohl Iles schnell auch in Deutschland erfolgreich veröffentlicht wurde, blieb sein (politisch unkorrekter) Erstling hierzulande ohne Übersetzung.

Greg Iles ist ein fleißiger Autor. Jährlich bringt er ein vielhundertbändiges Werk auf den Buchmarkt. Er schreibt Thriller ohne bzw. mit vor allem vorgeblichem Tiefgang, die sich routiniert der einschlägigen Klischees bedienen und damit ideale Kandidaten für die Bestsellerlisten der lesenden Welt sind.

Über sein Werk informiert Greg Iles auf dieser Website.

Copyright © 2015/2017 by Michael Drewniok (md)

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