Skelett mit Folgen
Erstellt von Michael Drewniok am Donnerstag 28. Januar 2010
Catharine Aird
Skelett mit Folgen
Originaltitel: A Late Phoenix (London : Collins Crime Club 1970)
Übersetzung: Mechtild Sandberg
Deutsche Erstausgabe: 1975 (Wilhelm Goldmann Verlag/Goldmann rote Krimi Nr. 4512)
156 S.
ISBN 978-3-442-04512-9
(sfbentry)
Das geschieht:
Im Juni des Jahres 1941 erreichte der II. Weltkrieg auch das kleine Städtchen Berebury in der englischen Grafschaft Callashire. Deutsche Bomber hatten schon mehrfach versucht, die hier produzierenden Rüstungsbetriebe zu zerstören, aber dieses Mal warfen sie ihre tödliche Fracht auch über der Stadt selbst ab. Unter den zahlreichen Häusern, die dabei in die Luft gesprengt wurden, war das Heim der Familie Waite, die daraufhin Berebury verließ.
Fach drei Jahrzehnte später liegt das Grundstück noch immer brach. Nie konnte sich die Stadtverwaltung auf einen Bebauungsplan einigen. Nun hat sich ein privater Bewerber durchgesetzt; eine Ladenzeile soll errichtet werden. Die Bauarbeiten beginnen zügig – und kommen jäh zum Erliegen, als in den Ruinen des Kellers das Skelett einer jungen Frau entdeckt wird.
Was zunächst wie ein vermisstes Opfer der Bombenattacke aussah, wird zu einem Mordopfer, als der Polizeipathologe eine Gewehrkugel aus dem Brustkorb birgt. Außerdem war die Frau schwanger aber – sie trug keinen Ehering – nicht verheiratet: 1941 im ländlichen England eine ernste Sache, aus der sich der unwillige Kindsvater möglicherweise mit Hilfe besagter Kugel herauswinden wollte.
Nach so langer Zeit gestalten sich die Ermittlungen schwierig, zumal Superintendent Leyes, der aufbrausende Chef der Kriminalpolizei, dem auf den Fall angesetzten Inspektor C. D. Sloan nur den phlegmatischen Sergeanten Crosby zur Seite stellt. Deshalb dauert es, bis der Kriminalist erkennt, dass jemand bemüht ist, ihn auf eine falsche Spur zu locken. Der Täter lebt noch – und zwar in Berebury, und er oder sie gerät zunehmend in Panik, noch zur Verantwortung gezogen zu werden. Bald ist alle subtile Manipulation vergessen, es kommt zu einem neuen Mord, und Sloan weiß, es könnte nicht der letzte sein …
Ein kleiner aber feiner Klassiker
Obwohl Catharine Aird qualitativ mit großen Kolleginnen wie Ruth Rendell, Patricia Moyes oder P. D. James mithält, ist sie in Deutschland praktisch vergessen. Dabei gehören ihre Romane zu den besten jener britischen Schule, die den klassischen „Whodunit?“ mit dem modernen „police procedural“ verbinden. Der Suche nach dem Motiv und letztlich dem Täter wird die psychische Befindlichkeit der ermittelnden Polizeibeamten gegenübergestellt. Das eine hat seine Auswirkungen auf die andere, denn auch Polizisten sind Menschen, haben Gefühle und ein Privatleben. Sie stehen unter besonderem Druck, weil sie sich beruflich mit oft scheußlichen Verbrechen beschäftigen müssen.
„Skelett mit Folgen“ gehört zu den frühen Vertretern dieser Schule. Man erkennt es daran, dass die Verfasserin ihre Geschichte auf knappen 160 Seiten erzählt, während heutzutage mindestens die dreifache Buchstärke üblich ist. Siehe da, es geht und liest sich fabelhaft, weil Aird sich auf nur einen Fall konzentriert und die Seife im privaten Sektor sehr sparsam dosiert. Also langweilt oder ärgert „Skelett mit Folgen“ nicht mit endlos ausgewalzten Eheproblemen, Verantwortungsqualen oder ähnlicher Seelenpein.
Darüber hinaus bedient sich Aird eines Mittels, das – geschickt und gekonnt eingesetzt – eine wahre Wunderwaffe ist: Es nennt sich Humor, den zu besitzen sich viel zu viele Schriftsteller fälschlich rühmen. Aird hat ihn, er ist trocken und schwarz, und er hat sogar die Übersetzung glänzend überstanden, was erst recht keine Selbstverständlichkeit ist.
Alt aber niemals altmodisch
Airds Schreibkunst lässt einen inhaltlich eigentlich verstaubten Kriminalroman erstaunlich frisch wirken. Die Welt des Jahres 1970 wirkt heute fremd. Immer wieder spricht Sloan mit höchstens mittelalten Männern und Frauen, die sich problemlos an den II. Weltkrieg erinnern. Zum Zeitpunkt des Geschehens liegt er in Berebury nur ein Vierteljahrhundert in der Vergangenheit und ist auch optisch weiterhin präsent, während Trümmergrundstücke mit Bombentrichtern im 21. Jahrhundert nicht mehr zum Stadtbild gehören.
Auch der Alltag von 1970 wirkt heute anachronistisch. Superintendent Leyes, ein Repräsentant der ‚alten Ordnung‘, sitzt selten an seinem Schreibtisch, sondern steht ebenso entsetzt wie fasziniert am Fenster seines Büros: Gegenüber hat eine Diskothek eröffnet, was ihn mit den Vertretern der ‚neuen Jugend‘ konfrontiert: „Sehen Sie doch, Sloan. Drüber bei ‚Dick’s Dive‘. Da! Das Haar. Es hängt dem Burschen ja fast bis zur Taille. Und Locken dazu!“ (S. 156) Allerdings lässt Aird elegant durchblicken, dass für diese Jugend eine ungeplante Schwangerschaft kein Grund mehr ist, zum Gewehr zu greifen …
Humor als Kontrast zur harten Realität
Die Welt ist ein Irrenhaus, und die Kriminalpolizei von Berebury spiegelt dies wider. Während C. D. Sloan, ‚normal‘ und fast ein wenig langweilig, ein klassischer Kriminologe ist, umgibt ihn ein Reigen mehr oder weniger verschrobener Kollegen, um einer allzu melancholischen (= ‚skandinavischen‘) Grundstimmung entgegen zu wirken.
Da steht neben dem bereits erwähnten Superintendent Leyes vor allem William Crosby, der stets für einen Lacher gut ist. Seine beinahe vorsätzliche Begriffsstutzigkeit, sein Mangel an Einfühlsamkeit oder sein Hang zu verhängnisvollen Rennfahrten mit dem Streifenwagen sind längst zu „running gags“ der Serie geworden, die Aird immer wieder geschickt variiert. Die Kollektion der seltsamen Polizei-Gestalten wird bei Bedarf erweitert: „Er [= Sloan] sprach mit einem ältlichen, missgelaunten und sehr, sehr langsamen Sergeant aus der Kartei, der allgemein als Blitz Brown bekannt war.“ (S. 72)
Insgesamt geht es in Berebury deutlich gemächlicher zu als in der hektischen Gegenwart eines Reginald Hill oder Stuart MacBride, denen der Humor ebenfalls als wichtiges Stilmittel gilt. Die Kunst besteht darin, den tragischen Kern der Geschichte nicht ins Lächerliche zu ziehen. Aird lässt keinen Zweifel daran, dass der Fall an sich Ernst ist: Eine Frau wurde ermordet, und das zieht eine breite Spur physischer und psychischer Schäden nach sich. Der Krimi-Aspekt bleibt ohne Einschränkung gewahrt; ein wunderbarer Effekt, der nunmehr in den Aufruf zu einer Neuauflage und Fortsetzung der Sloan/Crosby-Serie münden könnte, wäre dieser nicht schon einleitend erfolgt …
Autorin
Catherine Aird wurde 1930 als Kinn Hamilton McIntosh im englischen Huddersfield, Yorkshire, geboren. Über die Verfasserin ist kaum etwas in Erfahrung zu bringen. Dabei ist sie eine durchaus erfolgreiche und produktive Schriftstellerin, der offenbar die Prominenz einer Elizabeth George oder Ruth Rendell versagt blieb. Die mögliche Erklärung: Aird wird von der Kritik gewogen und literarisch als ‚zu leicht‘ befunden.
In Deutschland ist sie heute unbekannt. Dabei führte Aird die Serie um C. D. Sloan vom CID Department in West Callashire, England (diese Grafschaft gibt es übrigens in der Realität nicht), bis 2007 kontinuierlich fort.
Über Leben und Werk informiert (knapp) diese Website.
[md]
