Sommer der Nacht

Dan Simmons
Sommer der Nacht

Originaltitel: Summer of Night (New York : Putnam 1991)
Übersetzung: Joachim Körber
Deutsche Erstausgabe: 1992 (Heyne Verlag/Heyne Jumbo 41/36)
562 S.
ISBN-10: 3-453-05338-9
Als Taschenbuch: 1996 (Heyne Verlag/Allgemeine Reihe 01/9798)
766 S.
ISBN-10: 3-453-10825-6
Neuausgabe: Juli 2006 (Heyne Verlag/TB Nr. 56505)
797 S.
ISBN-13: 978-3-453-56505-0

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Das geschieht:

Elm Haven ist ein Städtchen im ländlichen US-Staat Illinois und die Welt noch in Ordnung in diesem Sommer des Jahres 1960; Sorgen macht sich der Durchschnitts-Amerikaner höchstens wegen der ruchlosen Kommunisten, doch Präsident Eisenhower wird sie schon in Schach und im fernen Russland halten. Ansonsten herrscht Ruhe im Land, Arbeit gibt es für jedermann, die Zukunft sieht  rosig aus, und die Schwarzen verharren bescheiden auf dem Platz, den ihnen der HERR, das Schicksal und der Ku-Klux-Klan zugewiesen haben.

Die Kinder von Elm Haven warten auf die Sommerferien. Die „Old Central School“ ist ein ungemütlicher und recht unheimlicher Ort, über den der seelenlose Rektor Roon, die alte Mrs. Doubbets und der halb verrückte Hausmeister Van Syke herrschen. Glücklicherweise wird die Schule nun geschlossen und soll bald abgerissen werden. Als ein Schüler spurlos in den Korridoren des Gebäudes verschwindet, wird der Vorfall vertuscht. Dieser Vorfall ist Auslöser einer langen Kette mysteriöser Ereignisse, die ausschließlich der „Fahrradpatrouille“, fünf verschworenen und aufmerksamen Freunden um den Sechstklässler Dale Stewart, aufzufallen scheinen. Zu ihnen gesellt sich Duane McBride, ein Genie im Körper eines Bauerntölpels, dem die „Patrouille“ wertvolles Hintergrundwissen über das Grauen verdankt, das sich hinter den Kulissen der Stadt zu verdichten beginnt.

Ausgerechnet Elm Haven ist die Brutstätte eines Bundes, der sechs Jahrhunderte zuvor im Rom der berüchtigten Borgia-Päpste seinen Anfang nahm und seinerseits nur die Fortsetzung eines Kultes ist, der den altägyptischen Totengott Osiris verehrt. Die Prominenz von Elm Haven gehört zu den Götzendienern, und die „Old Central School“ ist geheimes Hauptquartier und Tempel zugleich, an dem Osiris seit Jahrzehnten grausame Menschenopfer gebracht werden. Schlimmer noch: Nach vielen Jahren der Beschwörung steht die Rückkehr des Totengottes in diese Welt unmittelbar bevor!

Elm Haven ist der ideale Ort für dieses Ereignis, denn wer würde solchen Horror ausgerechnet hier für möglich halten? So stehen die Kinder allein in ihrem Kampf, der zunehmend verbissener wird, als die Osiris-Jünger bemerken, dass man ihnen auf die Schliche gekommen ist. Unter die menschlichen Handlanger mischen sich Zombies und andere Schreckensgestalten, die über die schockierten Einwohner herzufallen beginnen …

Perfektes Grauen, betrachtet durch Kinderaugen

Was klingt wie ein Opus aus der Feder des unermüdlichen Stephen King, ist tatsächlich dem Hirn seines nicht minder fleißigen Schriftsteller-Kollegen Dan Simmons entsprungen. Dieser gehört zu den interessantesten Gestaltern der modernen Unterhaltungsliteratur, denn es gibt kaum einen Autoren, der vielseitiger ist und sein Publikum mit immer neuen Geniestreichen zu überraschen weiß. Horror, Science Fiction, Historienkrimi, Thriller: Simmons springt nach Belieben und mit mit traumwandlerischer Sicherheit  zwischen den Genres.

„Sommer der Nacht“ gehört zu seinen herausragenden Werken. Es bietet sich an und ist richtig, ihn als den besten Stephen-King-Roman zu bezeichnen, den der Meister aus Maine nicht selbst geschrieben hat. Die Parallelen zu „It“ (1986, dt. „Es“) sind augenfällig, und geradezu dreist wildert Simmons in Kings ureigenem Revier, in dem der Horror bevorzugt US-amerikanische Bilderbuch-Kleinstädte heimsucht.

Als wirklich alles möglich schien

Simmons siedelt „Sommer der Nacht“ in jener Epoche zwischen II. Weltkrieg und Vietnam an, da sich die Welt denen, die am richtigen Fleck geboren waren, als wunderbarer, geordneter Ort voller Möglichkeiten darstellte, die Automobile mit jedem Modelljahr größer wurden, der Rock’n‘Roll den Gipfel jugendlicher Rebellion markierte und jeder Tellerwäscher zum Millionär werden konnte, wenn er sich nur ins System integrierte und ansonsten tüchtig, gottesfürchtig und weiß war.

Der Verfasser verwandelt Elm Haven in eine geradezu aggressiv heile Welt, wie sie der Maler Norman Rockwell (1894-1978) in seinen kitschigen, aber unerhört beliebten Gemälden in Szene setzte. Doch nachdem Simmons seinem Publikum beinahe schmerzhaft süßlich ein Amerika im Stande der Unschuld vor Augen geführt hat, beginnt er seinen heimeligen Mikrokosmos gekonnt zu demontieren.

Es ist fast gar nichts Gold, was glänzt

Lange bevor der übernatürliche Horror Elm Haven heimzusuchen beginnt, legt der Verfasser wie nebenbei und dadurch umso drastischer offen, wo es kracht im Getriebe der Kleinstadt-Idylle. Korruption, schlecht verhohlene Vorurteile und Rassismus, Selbst- und Ungerechtigkeit, verdrängte Not, borniertes Kastenwesen, Duckmäuserei, Schubladendenken; die Liste der großen und kleinen Bosheiten, die das Leben finster machen, will kein Ende nehmen.

Nicht einmal das höchste Heiligtum selbst ernannter Tugendwächter und -bolde wird geschont: Tatsächlich entpuppt sich die (amerikanische) Familie immer wieder als wahrer Hort des Horrors, mit dem selbst die untoten Horden des Osiris nicht mithalten können.

Mit entlarvender Leichtigkeit entwirft Simmons ein atmosphärisch unerhört dichtes Stimmungs- und Sittenbild einer Zeit, die eben doch nicht so golden war wie sie nachträglich gern verklärt wird. Auch ohne Tanz der Vampire ist dies unerhört spannend zu lesen. Tatsächlich wirkt die Mär vom finsteren Urzeit-Kult lange Zeit beinahe störend in der Geschichte dieses Sommers von 1960.

Horror ohne Wenn & Aber

Als es dann ernsthaft zu spuken beginnt, flicht Simmons das Übernatürliche allerdings meisterhaft in die Handlung ein. Ganz verhalten beginnt sich das Böse einzuschleichen, umkreist und umzingelt die „Fahrradpatrouille“ wie den Leser gleichermaßen, verstört durch Andeutungen und grausames Geschehen zwischen den Zeilen, gewinnt zunehmend an Tempo und schlägt schließlich in eine wahrlich ungeheuerliche Tour de force um. An drastischen Effekten wird jedenfalls nicht gespart; gesplattert nach Herzenslust, und das Jenseits spart nicht an grotesken Besuchern mit abstoßenden Angewohnheiten.

An diesem Punkt beginnen Simmons freilich die Zügel seiner Geschichte zu entgleiten. Nachdem das Böse seine Maske endlich fallen ließ, muss es bekämpft und ausgerottet werden. Hier kann der Verfasser seine Herkunft nicht länger verleugnen: Das Grauen wird US-typisch mit brachialer Gewalt und großkalibrigen Waffen angegangen. Weil die Protagonisten nach wie vor Kinder im Alter von etwa 11 Jahren sind, wirkt die Verwandlung in Miniatur-Rambos reichlich unrealistisch. Das ist schade, weil Simmons bis zu diesem Zeitpunkt seinen jugendlichen Figuren mit traumwandlerischer Sicherheit Profil und echtes Leben zu verleihen wusste. Diese Sünde bleibt jedoch lässlich; den nachhaltig positiven Eindruck der ersten 500 oder 600 Seiten kann die große Schlussabrechnung – mehr Spektakel als Finale – nicht wirklich zu Nichte machen.

Die Übersetzung übernahm Joachim Körber, der lange Jahre Stephen Kings Romane eindeutschte und dafür einige Kritikerschelte auf sich zog. Auch „Sommer der Nacht“ liest sich an einigen Stellen etwas seltsam: Zum Beispiel verliert ein „Ensign“ namens Pulver viel von seiner Rätselhaftigkeit, würde man ihn korrekt mit „Fähnrich Pulver“ (= Titel und Figur des Films „Mr. Roberts“ von 1955 – dt. „Keine Zeit für Heldentum“) übersetzen, und ein „Kick“ ist und bleibt ein schlichter Tritt. Trotzdem leistet Körber einmal mehr bessere Arbeit, als ihm gemeinhin zugebilligt wurde.

Simmons hat seine „Fahrradpatrouille“ übrigens im Blickfeld behalten. Nach dreißig Jahren kehren die Überlebenden nach Elm Haven zurück („A Winter Haunting“, 2002; dt. „Im Auge des Winters“), um dort zu entdecken, dass sie 1960 nicht so gründlich mit dem Grauen aufgeräumt haben wie gedacht.

Autor

Dan Simmons wurde 1948 in Peoria, Illinois, geboren. Er studierte Englisch und wurde 1971 Lehrer; diesen Beruf übte er 18 Jahre aus. In diesem Rahmen leitete er eine Schreibschule; noch heute ist er gern gesehener Gastdozent auf einschlägigen Workshops für Jugendliche und Erwachsene.

Als Schriftsteller ist Simmons seit 1982 tätig. Fünf Jahre später wurde er vom Amateur zum Profi – und zum zuverlässigen Lieferanten unterhaltsamer Pageturner. Simmons ist vielseitig, lässt sich in keine Schublade stecken, versucht sich immer wieder in neuen Genres, gewinnt dem Bekannten ungewöhnliche Seiten ab.

Über Leben und Werk von Dan Simmons informiert diese schön gestaltete Website.

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Im Auge des Winters

Der Berg

Das Schlangenhaupt

Drood

sfbentry

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