Straße der Toten

Joe R. Lansdale
Straße der Toten

Originaltitel: Deadman’s Road (San Francisco : Tachyon Publications 2010)
Übersetzt von Robert Schekulin u. Doreen Wornest
Cover: Steffen Winkler
Deutsche Erstausgabe (Klappenbroschur): März 2013 (Golkonda Verlag)
285 S.
ISBN-13: 978-3-942396-56-1
eBook: März 2013 (Golkonda Verlag)
716 KB
ISBN-13: 978-3-942396-70-7

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Inhalt:

In einem Kurzroman und vier Erzählungen tritt der von seinem Gewissen gepeinigte Reverend Jebidiah Mercer bibelfest und schwer bewaffnet gegen Zombies, Werwölfe u. a. Geschöpfe der Finsternis an:

– Vorwort: Der Reverend reitet und reitet und reitet …, S. 11-17

Dead in the West (Dead in the West, 1984/87), S. 19-152:: Ein grausam gelynchter Medizinmann kehrt aus dem Grab zurück, um sich an seinen Peinigern zu rächen; er bringt seine untoten Schergen mit, denen sich Reverend Jebidiah Mercer, reisender Prediger und Geisterjäger, mit Bibel und Colt in den mörderischen Weg stellt.

Straße der Toten (Deadman’s Road, 2007), S. 153-184: Gimet war zu Lebzeiten ein Menschenschinder und Mörder. Nach seinem Tod wütet er sogar noch schlimmer, wie Reverend Mercer und seine Begleiter feststellen müssen.

Das Gentleman‘s Hotel (The Gentleman’s Hotel, 2007), S. 185-222: Der Aufenthalt in einer Geisterstadt konfrontiert den Reverend nicht nur mit echten aber harmlosen Gespenstern, sondern auch mit werwolfähnlichen und lebensgefährlichen Schreckgestalten.

Der schleichende Himmel (The Crawling Sky, 2009), S. 223-254: Ein hübsches Häuschen erweist sich als Todesfalle, weil in der Nacht der hässliche Hauptmieter aus seinem Brunnenversteck steigt.

Tief unter der Erde (The Dark Down There, 2010), S. 255-285: Eine ohnehin gesetzlose Bergarbeitersiedlung leidet unter zusätzlichem Bevölkerungsschwund, weil unter der Erde hungrige Kobolde auf die Kumpel warten. Reverend Mercer steigt zu ihnen herab, um sie zur Hölle zu schicken.

Prediger ohne Glauben oder Demut

Seit jeher fühlen sich manche Menschen berufen, das Wort Gottes zu verbreiten. Dieses Bedürfnis bleibt beileibe nicht den Anhängern des christlichen Glaubens vorbehalten. Neben den Vertretern der Amtskirchen gab und gibt es stets Verkünder, die eigene, manchmal recht unorthodoxe Methoden verfolgen, denn auch und gerade in der Religion gibt es Zeitgenossen, die besser zu wissen glauben, was Gott von seinen Schäflein will.

Solche Laienprediger werden von der etablierten ‚Konkurrenz‘ verständlicherweise mit Misstrauen betrachtet. Sie finden jedoch ihr Publikum, wenn es ihnen gelingt, diesem buchstäblich nach dem Mund zu reden. Vielen Gläubigen sind die Amtskirchen zu lasch und liberal. Sie nehmen die Bibel buchstäblich und wollen bestätigt werden, damit Recht zu tun.

Hier kann ein skrupelfreier und scheinheiliger Glaubenskriegsgewinnler viel Geld verdienen. Dass genau dies ziemlich oft geschieht, lässt den Stand der Prediger ausdrücklich zwielichtig erscheinen. Auch Reverend Jebidiah Mercer ist ganz sicher kein Gottesmann, wie ihn sich die Gläubigen wünschen. Allerdings betrügt er sie nicht um Geld, sondern verweigert ihnen jenen Trost, den sie in der Religion suchen.

Mercer nennt sich „Reverend“, doch eigentlich ist er ein Ritter. Er zieht durch den Westen der noch jungen USA und sucht nach dem Bösen. Damit ist nicht gemeint, was von den 10 Geboten abgedeckt wird; hier zu urteilen, überlasst Mercer den ‚normalen‘ Priestern und Predigern. Er spürt stattdessen dem personifizierten Bösen nach, das in seiner Welt real als Untoter, Vampir, Werwolf, Kobold oder Dämon auftritt. Diese Klientel gilt es nicht zu bekehren, sondern auszurotten.

Verflucht harter Job für einen Verdammten

Für diesen Job hat sich Mercer qualifiziert, nachdem ihn der Vater – ein Pech-und-Schwefel-Prediger der fundamentalistischen Sorte – im Bett mit der eigenen Schwester erwischte. Er verfluchte das unselige Paar, und seither glaubt Mercer sich in Gottes Dienste gepresst und zu einem unsteten, friedlosen, gefährlichen Dasein gezwungen.

Fanatismus ist eine unter Predigern nicht seltene Eigenschaft. Mercer hasst angeblich Gott und die ihm übertragene Drecksarbeit, doch er ist ein gehorsamer Kämpfer. Jedenfalls stürzt er sich mit verdächtigem Schwung in die Arme (oder Klauen) seiner gruseligen Gegner, denen er kunstvoll das Lebenslicht ausbläst: Der Reverend ist ein Revolverheld, der übrigens auch nicht fackelt, wenn ihm ein lebendiger Strolch dumm kommt. Dabei beruft sich Mercer auf das Alte Testament. Dessen Gott ist in der Tat ein ungeduldiger, grausamer und unberechenbarer Meister, der seine Schäfchen, die er selbst unvollkommen geschaffen hat, für ihre Fehler mit oft psychopathisch anmutender Grausamkeit straft.

Mercers Gott ist außerdem ein Gott der Tat, der ihn instrumentalisiert, um Fehler und Versäumnisse zu korrigieren, die ihm während der Schöpfung von Himmel und Erde unterlaufen sind. Bis ihm der Mensch gelang, experimentierte Gott etwas planlos herum. Nicht alle dabei entstandenen Schrecken konnte er wieder tilgen. Manche entkamen, überlebten und vermehrten sich. Nun streuen sie Sand ins Getriebe SEINES Universums. Da Gott inzwischen eine subtilere Vorgehensweise bevorzugt, lässt er keine zweite Sintflut kommen, sondern sendet Menschen wie Mercer aus, die in seinem Auftrag gezielt die Kreaturen der Finsternis jagen und töten.

Die Arbeit prägt den Menschen

Dieses Weltbild hat sich jedenfalls Mercer gezeichnet. Er folgt seinem womöglich eingebildeten Auftrag und kann über Arbeitsmangel nicht klagen. Der Job ist nicht nur deshalb hart, weil seine Kontrahenten über unmenschliche Kräfte und Fähigkeiten verfügen. Mercers Revier ist zudem der Wilde Westen des 19. Jahrhunderts. Raue Pioniere nehmen sich, was ihnen ein Land bietet, das sie zusätzlich ausbeuten und zerstören. Die Justiz ist meist fern, weshalb das Recht in die eigenen Hände genommen wird. Oft läuft dies auf einen Strick um den Hals des Angeklagten oder eine Kugel aus dem Hinterhalt hinaus.

Dennoch ist das Herz des Reverends nicht aus Stein. Hin und wieder findet er Menschen, die ihn – je nach Geschlecht – als Freund, Vaterersatz oder Liebhaber schätzen. Dabei meint Mercer zu ‚wissen‘, dass Gott ihm solche Ablenkungen nicht gestattet. In der Tat finden seine Begleiter in der Regel ein furchtbares Ende. Der Reverend bleibt einsam auf der jeweiligen Walstatt zurück und stapft erst recht ergrimmt dem nächsten Abenteuer entgegen.

Damit verkörpert Mercer perfekt einen spannenden Widerspruch: Ein Prediger sollte vertrauenswürdig, gewaltfrei etc. oder anders ausgedrückt: ein Vorbild sein. Der Reverend ist genau das Gegenteil. Das lässt ihn besonders bedrohlich wirken: Die Kleider und das Gehabe eines frommen Mannes sind auch Maske. In Literatur, Theater oder Film ist der Gottesdiener, der tatsächlich ein Lump und Mörder ist, eine beliebte Gestalt. Ebenso exemplarisch wie kongenial verkörpert der Schauspieler Robert Mitchum sie in „The Night of the Hunter“ (1955; dt. „Die Nacht des Jägers“) mit dem Sträfling und Killer Harry Powell, der sich als Wanderprediger tarnt.

„Pulp“ ist nicht unbedingt „Trash“

Obwohl Joe Lansdale in einem Vorwort ausführlich auf die Figur des Reverend Mercer eingeht, nennt er nicht dessen hauptsächliches Vorbild. In den 1930er Jahren schuf Robert E. Howard (1906-1936) die Figur des puritanischen Gotteskrieges Solomon Kane, der während des 16. Jahrhunderts nicht nur das elisabethanische England, sondern auch ferne Länder bereist, wo er sich immer wieder gewalttätig gegen die Inkarnationen des Bösen stellt.

Howard schrieb seine Kane-Storys für die zeitgenössischen „Pulp“-Magazine. Sie mussten nicht nur rasch entstehen, da die Bezahlung miserabel war, sondern auch schnell, abwechslungsreich  und spannend sein, da das „Pulp“-Publikum entsprechende Unterhaltung favorisierte. Literarische Qualitäten waren demgegenüber weniger wichtig bis kontraproduktiv.

Lange galten die „Pulps“ als Schundhefte. Erst relativ spät wurden sie als Spiel- und Trainingswiese für Autoren gewürdigt, die hier ihr Handwerk entweder erlernten oder es bereits beherrschten, was in einem Meer weniger gelungener Storys erst nachträglich erkannt wurde. Auch Howard gehört zu den „Pulp“-Schreiber, deren erzählerisches Talent zu Lebzeiten weitgehend verkannt wurde.

Lansdale weiß um die Bedeutung der „Pulps“, in der auch die heutige Trivialkultur mitwurzelt. Im Vorwort zu dieser Sammlung beschreibt er, wie er seinem Hang zur simplen, einfach ‚nur‘ spannenden Unterhaltung zusätzlich im Kino und vor dem Fernseher frönen konnte. Diese Begeisterung hat sich Lansdale bewahrt. Längst selbst zum geschätzten Autor avanciert, weiß er Spreu und Weizen zu trennen.

Die (gar nicht) simple Kunst der Unterhaltung

Dabei begnügt sich Lansdale keineswegs damit, die alten „Pulp“-Muster zu kopieren. Seine Geschichten um Reverend Mercer sind ungeachtet ihrer gewalttätigen Handlung sorgfältig komponierte und stimmungsstarke Kabinettstücke. Der Wilde Westen ist keine eindimensionale Kulisse. Hier macht sich Lansdales Wissen um die texanische Geschichte bemerkbar. Rede und Handlung mögen unterhaltsam auf die Spitze getrieben und verdichtet sein, doch das historische Umfeld bleibt gewahrt. Für die Storys ist diese Glaubwürdigkeit wichtig, da es das Verhalten der Figuren prägt.

2010 sammelte Lansdale seine Mercer-Storys und stellte ihnen ein Vorwort voran. Diese schöne Sammlung fand ihren Weg nach Deutschland, was keine Selbstverständlichkeit in einem Land ist, in dem „Phantastik“ weiterhin primär mit „Chick-Lit“-Grusel gleichgesetzt wird. „Die Straße der Toten“ wurde ausgezeichnet übersetzt und wunderschön gestaltet. Ein echtes, d. h. nicht aus einer „Fotostock“-Vorlage lieblos zurechtgebasteltes Cover ziert ein Paperback mit Klappenbroschur. Im schön gedruckten Inneren lassen sich immer wieder hübsche Zeichnungsdetails finden.

Dieses Buch liegt angenehm in der Hand – ein Merkmal, das der eBook-User nicht mehr kennt oder für wichtig hält. Der Papierfreund weiß jedoch weiterhin zu schätzen, wenn der Form ebenso wie dem Inhalt Aufmerksamkeit geschenkt wird!

Autor

Joe Richard Harold Lansdale wurde 1951 in Gladewater im US-Staat Texas geboren. Als Autor trat Lansdale ab 1972 in Erscheinung. Gemeinsam mit seiner Mutter veröffentlichte er einen Artikel, der viel Anerkennung fand und preisgekrönt wurde. Mitte der 1970er Jahre begann er sich der Kurzgeschichte zu widmen. Auch hier stellte sich der Erfolg bald ein. Lansdale wurde ein Meister der kurzen, knappen Form. In rasantem Tempo, mit einer unbändigen Freude am Genre-Mix und am Auf-die-Spitze-Treiben (dem „Mojo-Storytelling“) legte er Story um Story vor.

Texas, sein Heimatstaat, war und ist die Quelle seiner Inspiration – ein weites Land mit einer farbigen Geschichte, erfüllt von Mythen und Legenden. Lansdale ist fasziniert davon und lässt die reale mit der imaginären Welt immer wieder in Kontakt treten. In seinen Geschichten ersteht der Wilde Westen wieder neu. Allerdings kann es durchaus geschehen, dass dessen Bewohner Besuch vom Teufel und seinen Spießgesellen bekommen. Es könnten auch Außerirdische landen.

Nach zwei Lansdale-Kurzgeschichten entstanden Kurzfilme („Drive-In Date“, „The Job“). Kultstatus erreichte Don Coscarellis Verfilmung (2002) der Story „Bubba Ho-tep“: Ein alter Elvis Presley und ein farbiger John F. Kennedy jagen eine mordlustige Dämonen-Mumie. Lansdale schrieb außerdem Drehbücher für diverse Folgen der Serien „Batman: The Animated Series“ und „Superman: The Animated Series“.

Der private Joe R. Lonsdale lebt mit seiner Frau Karen und den Kindern heute in Nacogdoches, gelegen selbstverständlich in Texas. Er schreibt fleißig weiter und gibt ebenso fleißig Kurzgeschichtensammlungen heraus. Außerdem gehören Lansdale einige Kampfsportschulen, in denen diverse Künste der Selbstverteidigung gelehrt werden.

Homepage von Joe Lansdale

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