Straße der Gewalt

James Lee Burke
Straße der Gewalt
(Dave-Robicheaux-Serie, Bd. 13)

Originaltitel: Last Car to Elysian Fields (New York : Holt 2003)
Übersetzung: Jürgen Bürger
Deutsche Erstausgabe (Paperback/Klappenbroschur): Februar 2017 (Pendragon Verlag)
520 S.
ISBN-13: 978-3-86532-564-8

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Das geschieht:

Dave Robicheaux, der für das Sheriff’s Department von New Iberia, einem kleinen Ort im US-Südstaat Louisiana unweit der Großstadt New Orleans tätig ist, will eigentlich nur dem Priester Jimmie Dolan einen Gefallen tun und klären, wer den Geistlichen überfallen und zusammengeschlagen hat. Dolan macht für die Attacke sein Engagement für jene Armen seiner Gemeinde verantwortlich, die von der boomenden Industrie über den Tisch gezogen wurden und eingewilligt haben, giftige Abfälle auf ihren Grundstücken zu lagern. Dass daraus Brutstätten gefährlicher Krankheiten wurden, wollen die Verantwortlichen vertuschen, wobei ihnen Dolan in die Quere kam.

Robicheaux verbindet seine Ermittlungen mit einer privaten Suche nach Junior Crudup, einem von ihm verehrten, in den 1950er Jahren spurlos verschwundener Musiker. Der farbige Mann musste offensichtlich für sein zur Schau gestelltes Selbstbewusstsein büßen, das ihm im rassistischen US-Süden seit jeher Schwierigkeiten bereitet hatte.

Die Spur führt zu Castille LeJeune, einem vermögenden und vor allem einflussreichen Geschäftsmann, der vorzüglich in der örtlichen Politik, der Justiz und der Polizei vernetzt ist. Robicheaux kennt LeJeune von früher, denn mit dessen Tochter Theodosha – nun mit dem ebenfalls ins Establishment eingebundenen Merchie Flannagan – verbindet ihn eine kurze Liebesaffäre.

Als unberechenbarer Faktor mischt Max Coll mit. Der erfolgreiche Mietkiller aus Miami sollte eigentlich Father Dolan aus dem Weg räumen, kann dies jedoch nicht mit seinem erwachten Gewissen vereinbaren und ist in Ungnade gefallen. Statt sich zu rehabilitieren, beginnt Coll mit der Ausrottung seiner Auftraggeber. Zwischen den Fronten steckt Robicheaux, der einmal mehr der Wahrheit gefährlich nahe kommt …

Frisch und faulig: Südstaaten-Sünden

Man muss wohl als Autor über das Talent eines James Lee Burke verfügen, um ein im Grunde immer gleiches Thema stets interessant aufzubereiten. Zum 13. Mal geht es in „Straße der Gewalt“ um eines jener Verbrechen, die typisch für die US-Südstaaten sind, wenn man Autoren wie eben Burke Glauben schenken möchte: Was in der Gegenwart gesetzeswidrig geschieht, wurzelt in einer Vergangenheit, die man ebenso „bunt“ wie „grauenhaft“ nennen kann.

Es kommt – ganz buchstäblich – auf den Standpunkt an. Wer weiß ist und zum alten = geld- und einflussreichen Südstaaten-Adel zählt, wird die positiven Aspekte dieser Geschichte hervorheben, die u. a. von schönen Villen in tropischen Parklandschaften geprägt ist. Übersprungen wird dagegen die hässliche Tatsache, dass Reichtum und Gesellschaftsglanz von jenen finanziert wurde, die erst als Sklaven und später zwar frei aber weiterhin rechtlos und ausgebeutet für diese Elite schuften mussten.

Im 21. Jahrhundert hat sich grundsätzlich wenig geändert, obwohl das Unrecht nun dank multimedialer Dauerpräsenz besser versteckt werden muss. Noch immer gibt es ganze Bevölkerungsgruppen, die an der Peripherie einer abgeschotteten Oberschicht existieren müssen, deren Angehörige sich wie eh‘ und je miteinander verbinden, um politisch und wirtschaftlich das Heft in der Hand zu behalten. Auch sonst blieb und bleibt man lieber unter sich, was durch quasi aristokratische ‚Bündnis-Ehen‘ unterstrichen wird.

Begangenes Unrecht wird vertuscht oder abgestritten, wozu man in der Gegenwart das Gesetz instrumentalisiert und sich hinter Anwälten versteckt, die gut bezahlt gern die Drecksarbeit übernehmen und die Westen ihrer Auftraggeber weiß halten. Im Notfall schickt man gar zu hartnäckigen Unruhestiftern aber wie in der ‚guten, alten Zeit‘ weiterhin Schläger und Mörder ins Haus.

Alte Traditionen sterben langsamer als Menschen

Wobei diese alten Zeiten nicht sehr lange zurückliegen. Vor allem die Rassendiskriminierung war bis in die 1960er Jahre eine trickreich legalisierte Quelle himmelschreienden Unrechts. Nur eine Generation früher waren Terror und Mord völlig alltägliche Ereignisse. Burke erinnert daran, als er Robicheaux die letzten Tage eines farbigen Musikers rekonstruieren lässt, der rettungslos in das Mahlwerk einer fanatisch rassistischen und zur Wahrung ihrer Privilegien jederzeit gewaltbereiten Oberschicht geriet.

Burke schlägt den Bogen zu einer Gegenwart, die nur oberflächlich betrachtet die alten Fehler überwunden hat. Weiterhin bleiben die weißen Reihen fest geschlossen, während sich die Phalanx ihrer Gegner weiter aufgefächert hat. Noch immer gilt es „die Schwarzen“ u. a. unerwünschte Elemente niederzuhalten, aber ebenfalls verhasst sind Umweltschützer, moralische Juristen und Journalisten sowie alle, die dem Establishment lukrative Geschäfte untersagen wollen, weil deren Folgen Natur und Mensch schädigen; dies selbstverständlich stets weit entfernt von jenen Orten, an denen die weiter oben erwähnten Villen stehen.

Castille LeJeune verbindet in seiner Person die hässliche Vergangenheit mit der schmutzigen Gegenwart. Er ist für den Tod von Junior Crudup verantwortlich, wie Robicheaux nicht nur argwöhnt, sondern steckt auch hinter aktuellen Kapitalverbrechen, deren Aufklärung durch neue Morde verhindert werden sollen. Wie üblich muss Robicheaux, dessen genretypisch stark ausgeprägten Gerechtigkeitssinn auch unter Druck nicht aufweicht, die Folgen tragen; er wird geschlagen, gedemütigt, von korrupten Polizeibeamten als Krimineller drangsaliert und gerät schließlich in Lebensgefahr, während sich diversen Rätsel dieses Falles und seine Vorgeschichte/n im üblichen = dramatischen Finale aufgelöst werden.

Helden und Strolche: Typen

James Lee Burke ist ein meisterhafter Erfinder farbenfroher bis schräger Typen, die integrales Element eines Lokalkolorits sind. Dieses wiederum wirkt so südstaatenecht, dass es ganz gewiss erfunden ist. Zwar merkt Burke verschiedentlich an, dass die positive wie negative Südstaaten-Romantik vor allem ein populärkulturelles Phänomen darstellt, das mit der realen Gegenwart kaum verbunden ist. Dennoch wuchert auch er mit dem Pfund, das einschlägige Bilder und Stimmungen ihm verschaffen. Deshalb leben die Robicheaux-Romane stark von einer Atmosphäre, für die der Ausdruck „southern gothic“ geprägt wurde. Die Grenze zwischen Natur und Zivilisation bleibt verschwommen, was nicht nur räumlich gilt: Hinter den feinen Fassaden spielen sich in den nun schon mehrfach erwähnten Villen hässliche Dinge ab.

In dieser Welt, die juristisch und moralisch so trübe ist wie die Gewässer der allgegenwärtigen Tropensümpfe, bewegt sich spurensicher und unerbittlich Dave Robicheaux. Im 13. Band der Serie, die auch seine Biografie darstellt, ist er Witwer und leidet unter den Folgen seiner Einsamkeit, die ihn zurück in den Alkoholismus zu treiben droht. Außerdem macht sich das Alter bemerkbar; dies nicht unbedingt körperlich, sondern durch einen Weltschmerz, den Burke zu teilen scheint. Früher war keineswegs alles besser, doch die Gegenwart ist ebenso fremd für Robicheaux, der sich zunehmend fehl am Platze fühlt. Entsprechende Szenen spinnt der Autor ausführlich aus, statt sie wie früher der Handlung unterzuordnen. Diese Tendenz hat sich in Burkes Hackberry-Holland-Serie (ab 2009) deutlich und keinesfalls zum Vorteil der erzählten Geschichten verstärkt.

Glücklicherweise kann Burke mit „Straße der Gewalt“ die Balance zwischen Krimi-Spannung und Wehmut mehrheitlich halten. Dabei helfen recht vordergründige aber dennoch interessante Figuren wie der raubauzige Robicheaux-Kumpel Clete Purcell, der einmal mehr für spektakuläre Akte soziopathischer Selbstjustiz verantwortlich zeichnet, oder Max Coll, der Killer, den ausgerechnet sein Gewissen zu mörderischen Höchstleistungen treibt. Erwartungsgemäß laufen die zeitweilig weit voneinander entfernten Plot-Fäden final zusammen. Sie vollenden einen Roman, der nicht zu den Besten der Robicheaux-Serie zählt, deren Routinen manchmal allzu deutlich durchscheinen. Über den Krimi-Schlick, der monatlich in unseren Buchladen-Ketten verklappt wird, ragt dieses Buch indes wolkenkratzerhoch hinaus, weshalb wir Leser froh darüber sein können, dass der Pendragon-Verlag weitere, hierzulande noch unbekannten Robicheaux-Titel auf den Buchmarkt bringen wird!

Autor

Schon mit neunzehn Jahren begann James Lee Burke (geboren 1938 in Louisiana) zu schreiben. Die viel versprechende Karriere wurde freilich beeinträchtigt durch ein Alkoholproblem, das Burke nach qualvollen Jahren erst 1982 im Rahmen eines langwierigen Entwöhnungs-Programms unter Kontrolle bekam: Dies ist nicht die einzige Erfahrung, die ihn mit Dave Robicheaux verbindet, den man durchaus als Alter Ego des Verfassers betrachten kann. Der bemerkenswert fleißige Burke (mehr als ein Dutzend Robicheaux-Thriller seit 1987; seit 1997 erscheinen die Reihe um den Anwalt Billy Bob Holland sowie serienunabhängige Romane) arbeitet mit großem Erfolg an seiner Karriere, in deren Verlauf er nicht nur regelmäßig auf den Bestseller-Listen vertreten war (und ist), sondern auch für den renommierten Pulitzer-Preis nominiert wurde, während er den begehrten „Edgar Award“ gleich zweimal (1989 für „Black Cherry Blues“, 1997 für „Cimarron Rose“) sowie den „CWA/Macallan Gold Dagger for Fiction“ (1998 für „Sunset Limited“; dt. „Sumpffieber“) gewann.

Mehrere seiner Werke wurden inzwischen auch verfilmt, darunter ein Roman der Robicheaux-Serie („Mississippi Delta“/„Heaven´s Prisoners“, 1995, Regie: Phil Joanou, mit Alec Baldwin als in der Rolle des Titelhelden.) Die Verfilmung weiterer Romane der Serie ist angekündigt, verzögert sich jedoch aufgrund eines komplizierten Rechtsstreits seit Jahren.

Über sein Leben und Werk informiert Burke auf seiner Website.

Copyright © 2017 by Michael Drewniok (md)

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