Tod bei Tisch

Peter Sander
Tod bei Tisch

Originaltitel: Døden kommer til middag (Kopenhagen : Steen Hasselbalchs Forlag 1962)
Übersetzung: Ilse Marie Juhl
Deutsche Erstveröffentlichung: Dezember 1964 (Rowohlt Verlag/RoRoRo-Thriller 2061)
153 S.
[keine ISBN]

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Das geschieht:

Es ist die berühmte dunkle und stürmische Nacht, in der Kriminalschriftsteller Peter Sander auf einer ziellosen Autofahrt durch die schwedische Provinz das Benzin ausgeht. Er sucht Hilfe in einem einsam gelegenen Haus unweit der Straße – und wird im Vorgarten beschossen. Verschreckt flüchtet er sich ins Haus. Dort findet er die Spuren von drei offenbar überstürzt aufgebrochenen Gästen und den Hausherrn: mausetot, erschossen. Dann wird Sander eine Treppe hinuntergestoßen.

Als er das Bewusstsein wiedererlangt, ist er Gast der Familie Björnquist, bis seine Gehirnerschütterung abgeklungen ist. Der Onkel Joakim war es, der sein Ende fand, aber die Polizei geht von Selbstmord aus. Alle Spuren sind verwischt, ein Abschiedsbrief wurde gefunden. Sanders Proteste werden als Fantasien eines am Kopf verletzten Schreiberlings abgetan.

Erzürnt beschließt Sander den Fall selbst anzugehen. Er wird beflügelt durch die jäh erwachte Liebe zu Eva, der Nichte des Ermordeten, die durchaus erwidert wird. Mit ihrer Mutter Margot und dem kleinen Bruder Gösta regelt sie den Nachlass des Onkels. Dann ist da noch Frau Lindberg, die Haushälterin, die heimlich in Joakim Björnquist verliebt war.

Sander sucht und fragt sich durch das Haus und das nahe gelegene Städtchen Vikås. Mit dem Holzhändler Ahlberg meint er einen der nächtlichen Gäste im Björnquist-Haus entdeckt zu haben. Bevor er ihn aufsuchen kann, wird dieser mit eingeschlagenem Schädel im Wald gefunden. Nun schenkt die Polizei Sander endlich Glauben, doch bis das Geheimnis und die nächtliche Tafelrunde endlich gelöst werden kann, werden noch weitere Leichen auftauchen …

Gutes Handwerk unterhält immer

Tote Menschen liegen in einsamen Häusern und ebensolchen Wäldern herum, ohne dass sich die Überlebenden davon wirklich aus der Ruhe bringen lassen: Wir befinden uns offensichtlich in einem Landhaus-Krimi, in dem Mord & Totschlag stets kultiviert und unterhaltsam serviert werden. Gemeinhin ortet man dieses Genre primär im Angelsächsischen, aber es war und ist so beliebt, dass es dort weder erfunden noch ausschließlich dort gepflegt wurde. „Tod bei Tisch“, ein hierzulande vergessener Kriminalroman eines weitgehend unbekannten Autors, belegt nunmehr, dass auch in der heute so beliebten Krimi-Landschaft Skandinaviens dieses Katz-und-Maus-Spiel getrieben wurde.

Das allein wirkt ehrlich gesagt mäßig spannend, weil die Geschichte weder neu noch an sich originell ist. Allerdings ist es gerade die aus dem Bekannten, höchstens Überraschenden, aber nie Erschreckenden erwachsende weltfremde Behaglichkeit, die den Landhaus-Krimi endgültig zum „Cozy“, zum heimeligen Kuschel-Krimi werden lässt.

In diesen engen Grenzen leistet Sander als Autor sehr gute Arbeit. Er kennt die Regeln des Genres, ist handwerklich versiert. Die fast dokumentarische Sachlichkeit der Geschichte bricht er immer wieder mit ironischen Spitzen und trockenem Humor, der die Übersetzung gut überstanden hat. Das macht „Tod bei Tisch“ keineswegs zum Muss für den Krimifreund, aber zur freundlichen und kurzweiligen Feierabend-Lektüre, die indes nicht ganz einfach zu erhaschen ist: Nur 1964 erschien die deutsche Ausgabe, die aber in 18.000 Exemplaren, von denen antiquarisch sicherlich noch welche zu bekommen sind.

Klischees jenseits der Haltbarkeitsgrenze

Unter dem Namen „Peter Sander“ tritt die Hauptfigur niemals auf. Wie Bill Pronzinis berühmter „nameless detective“ bleibt sie namenlos. Erst im Film (s. u.) wird die Identität eindeutig geklärt. Allerdings lässt sie sich auch im Roman zwischen den Zeilen herauslesen.

Dieser Peter Sander ist ein beliebte Gestalt nicht nur des skandinavischen Thrillers der 1950er und 60er Jahre: ungebunden und nach zeitgenössischen Maßstäben unkonventionell ist er – ein flotter Junggeselle, wie man damals wohl sagte. Finanziell steht er sich gut, er fährt ein schickes Auto und schreibt Romane – die ideale Figur für einen Krimi, der sich selbst nie sehr wichtig nimmt. Deshalb müssen wir über ihn nicht wirklich viel wissen. Sander ist da und hält die Geschichte in Schwung. Das kann er gut, mehr interessiert uns nicht. Ähnlich konturenschwach treten uns die übrigen Figuren entgegen. Margot Björnquist wird fast krampfhaft als gefühlskalte und daher verdächtige Person dargestellt, Tochter Eva als Objekt recht keuscher Begierde, Sohn Bertil als latent gewalttätiger Widerling. Frau Lindberg bleibt als gar zu verhuschte, allzu gern übersehene Gestalt im Hintergrund.

Noch am besten gelungen sind die beiden Polizisten Ström und Vilk, die ebenso überlastet wie sarkastisch ihrem Job nachgehen. Erstaunlicherweise lässt sich auch Klein-Gösta sehr gut ertragen. Er ist nicht das nervensägende, weil zwanghaft lausejüngelnde und doch autoritätshörige Disney-Balg, sondern ein ungemein neugieriger Zwölfjähriger. Hier macht sich des Verfassers Erfahrung als Autor sehr beliebter Kinderbücher bemerkbar.

Der Film zum Roman

„Tod bei Tisch“ wurde unter dem Roman-Originaltitel 1964 von der „Nordisk Films Kompagni“ verfilmt. Regie führte Erik Balling, der Sanders Vorlage selbst für das neue Medium adaptierte. Die Rolle des neugierigen Schriftstellers, der hier den Namen „Peter Sander“ erhält, spielte Poul Reichhardt.

Autor

Nach dem zuvor Gesagten überrascht es sicher nicht, dass es keinen „Peter Sander“ gibt. Hinter diesem Namen verbirgt sich der Schriftstellerprofi Bengt Janus Nielsen, (1921-1988; übrigens Däne, kein Schwede.) Bekannt wurde Nielsen unter einem weiteren Pseudonym: Als „Jens K. Holm“ schrieb er die überaus erfolgreiche Serie um „Detektiv Kim“ aus Kopenhagen, die sich an jüngere Leser wendet und auch in Deutschland erhältlich ist.

Copyright © 2016 by Michael Drewniok (md)

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