Tödliche Täuschung

Anne Perry
Tödliche Täuschung
(Monk/Latterly-Serie, Bd. 9)

Originaltitel: White Sepulchres (London : Headline Book Publishing 1997)
Übersetzung: Michaela Link
Deutsche Erstausgabe (Paperback): Mai 2000 (Goldmann Verlag/TB-Nr. 41648)
448 Seiten
ISBN-10: 3-442-41648-5
Neuausgabe: 2003 (Goldmann Verlag/TB-Nr. 45414)
448 S.
ISBN-13: 978-3-442-45414-3
eBook: November 2013 (Goldmann Verlag)
1246 KB
ISBN-13: 978-3-6411-2740-4

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Das geschieht:

Sir Oliver Rathbone, Starverteidiger im London des Jahres 1860, übernimmt einen eigentlich aussichtslosen Fall: Killian Melville, der trotz seiner Jugend als einer der besten Architekten Englands gilt, ist des Bruchs seines Eheversprechens gegenüber der Tochter seines Gönners angeklagt. Das ist zu dieser Zeit und an diesem Ort keine traurige Alltäglichkeit, sondern ein ernstes Kapitalverbrechen. Im England der Königin Victoria sind der Ruf einer Frau, die auf diese Weise zurückgewiesen wird, und damit ihre gesellschaftliche Stellung in ernster Gefahr. Die ‚Schuldfrage‘ muss geklärt werden. Barton Lambert, der Vater der Braut, steht unter doppeltem Druck. Trotz seines Reichtums gilt er nicht als „Gentleman“, da er sein Vermögen nicht ererbt, sondern erarbeitet hat. In der Upper Class werden er und seine Familie daher nur geduldet, nicht wirklich akzeptiert. Ein Skandal würde die Lamberts vernichten.

Melvilles ‚Begründung‘ für seine Weigerung: Er habe nicht bemerkt habe, dass sich die Freundschaft mit Zillah, der Tochter, in Zuneigung verwandelt habe. Plötzlich sei die Hochzeit angesetzt worden, und er, Melville, habe dies zunächst mit sich geschehen lassen. Das ist Unfug; Melville verschweigt etwas, wie Rathbone ahnt, doch der Architekt weigert sich zu sprechen, obwohl er weiß, dass ein Schuldspruch seine Karriere, seinen Ruf und sein Leben zerstören würde. Deshalb beauftragt der Anwalt einen alten Freund, den Privatermittler William Monk, in Melvilles und Lamberts Vergangenheit nach Gründen zu fahnden, die eine Hochzeit verbieten könnten.

Noch bevor der Prozess beginnt, ist Melville allerdings tot – Selbstmord, nimmt alle Welt an, und ist fast froh, dass der Architekt den Anstand besaß, auf diese Weise einen Schlussstrich unter den Skandal zu ziehen. Doch die Autopsie der Leiche endet in einer doppelten Sensation: Killian Melville war eine Frau! Außerdem wurde ‚er‘ vergiftet. Monk intensiviert seine Ermittlungen. Er wird unterstützt von der energischen Krankenschwester Hester Latterly …

Triumph der These über die Story

Zum neunten Mal schickt Anne Perry ihr ungleiches Detektiv-Duo Monk und Latterly auf die Jagd nach einem Mörder, hinter der sich wie immer nur mühsam das eigentliche Anliegen der Autorin verbirgt: die Interpretation des Verbrechens als Produkt einer fehlgeleiteten Gesellschaft. Das Leben gleicht in den Romanen Anne Perrys – das gilt für die Monk/Latterly-Serie ebenso wie für die Pitt-Reihe – einem Seiltanz mit doppeltem Boden, aber ohne Netz. Die ungeschriebenen Regeln der Gesellschaft sollen eigentlich das menschliche Zusammenleben ermöglichen, was bekanntlich nie eine einfache Sache ist. Doch was geschieht, wenn sich diese Regeln verselbstständigen, zu erstarren beginnen und schließlich zum reinen Selbstzweck gerinnen? Was ist mit den Menschen, die sich diesen Regeln unterwerfen, und vor allem: Wie ergeht es jenen, die nicht dazu bereit sind?

Wer Anne Perrys Biografie kennt, versteht die an Besessenheit grenzende Intensität, mit der ihr Denken und Schreiben um diese Fragen kreist. Sie, die sich in ihrer Jugend nicht den Regeln beugen wollte und konnte, darüber sogar zur Mörderin wurde und die Folgen mit voller Härte zu spüren bekam, hat sich die Anprangerung zwischenmenschlicher Ignoranz zur Lebensaufgabe gemacht. Als Instrument hat sie – wieso auch nicht? – den Unterhaltungsroman gewählt, was ihr ein breites Publikum sichert.

Nicht von ungefähr bildet die Ära der Königin Victoria von England (1819-1901) die Kulisse für Perrys Kriminalromane. Die enorme Ausstrahlungskraft dieser Frau, die tatsächlich eine Herrscherin im ursprünglichen Sinne und keine Medienattraktion wie ihre Nachfahren war, und die von ihr aufgrund persönlicher Erfahrungen und Probleme geradezu vorsätzlich propagierte Verteufelung dessen, was „unmoralisch“ und „nicht schicklich“ war, fokussierte zumindest innerhalb der „Upper Class“ bereits existierende Entwicklungsströme und ließ eine Gesellschaft entstehen, die einem sozialen Gulag glich, in dem die Insassen einander argwöhnisch bespitzelten, Verstöße hart bestraft wurden und Heuchelei überlebenswichtig war. Absurderweise hatten die Insassen ihr Gefängnis selbst errichtet, und sie beaufsichtigten einander besser, als jedes Wachpersonal es gekonnt hätte.

Instrumentalisierte Historie

Victoria regierte unglaubliche 64 Jahre; mehr als genug Zeit, Generationen von britischen Untertanen ihren Stempel aufzudrücken. Indes darf man sich die viktorianische Gesellschaft nicht als jene Vorhölle auf Erden vorstellen, die Anne Perry für ihr Publikum entwirft. Wenn wir aus heutiger Sicht mit der Empörung derer, die aus der Geschichte viel gelernt haben (Achtung: Ironie!), das offenbar vorsätzlich auf boshafte Unterdrückung unkonventioneller Außenseiter gründende System der Viktorianer betrachten, dann dürfen wir nicht vergessen, dass zunächst einmal wir so denken. Anderthalb Jahrhunderte früher war das, was heute Anstoß erregt, Alltag und Norm, in Fleisch und Blut übergegangen und damit für die Mehrheit keine Last, sondern selbstverständlich. Anne Perry schreibt dagegen die Geschichte im Sinne ihrer Mission um. Insofern ist die oft gerühmte Authentizität ihrer Geschichten vor allem Fiktion; sie sind ganz gewiss nicht „historisch“, sondern „historisierend“.

Dies gilt ebenfalls für die Figurenzeichnung, die weniger Menschen des 19. Jahrhunderts, sondern austauschbare Typen – den schneidigen Offizier, den aufgeblasenen Landadligen, das schwatzhafte Dienstmädchen, den leutseligen Schankwirt etc. – abbildet, wie wir sie aus Kolportage-Romanen, dem Theater oder dem Kino kennen. Das schließt die Hauptfiguren ein. Monk, Latterly, Rathbone, Callandra Daviot – sie entwickeln sich kaum weiter, sondern spielen jene drei oder vier Charakterzüge durch, die Perry ihnen zubilligen mag.

Auf diese Weise könnte Hester Latterly noch in ihrem fünfzigsten Fall als tüchtige, aber unverstandene und notorisch widerspruchswillige Heldin eines präfeministisch-dunklen Zeitalters Mullbinden wickeln, während Monk weiterhin den großen Schweiger mit der mysteriösen Vergangenheit zu gibt – oder doch nicht? Auf der allerletzten Seite klebt Perry ihrem Kriminalstück einen Heiratsantrag Monks an seine Hester an, der tatsächlich angenommen wird! Überzeugend ist solche Stoßtrupp-Romantik allerdings nicht; sie wird sogleich als das erkannt, was sie ist: ein Cliffhanger, ein billiger Trick, um das Publikum heiß auf die Fortsetzung des Dramas zu machen.

Schmalz ersetzt Emotion

Melodramatik schwebt ohnehin ständig und allzu dicht über der Handlung. Bei Anne Perry verwandeln sich die großen wie kleinen Ungerechtigkeiten, die sich die Menschen einander zufügen, sogleich in ebenso welterschütternde wie schmierentheatralische Tragödien. Gefühlsdusel und Hysterie legen sich dann schwer über die Geschichte – die Gerichtsszenen in der ersten und zweiten Romanhälfte sind gute, aber beileibe nicht singuläre Beispiele.

Überhaupt lässt sich im neunten Monk/Latterly-Band der eingefahrene und sehr einfach konstruierte Mechanismus des typischen Anne Perry-Romans nicht mehr übersehen. Sogar ohne die übliche Indiskretion des unfähigen deutschen Klappentext-Verfassers, der den Leser in das Geheimnis des/der Killian Melville einweiht, noch bevor dieser die erste Seite aufgeschlagen hat, weiß der halbwegs erfahrene Krimi-Freund, wohin der Hase laufen wird. Mühsam schleppt sich die Handlung bis zum ersten Mord dahin, will sich auch dann nicht zu einem Krimi entwickeln, läuft in ein kitschig-unrealistisches Finale aus und gewinnt Dynamik nur dort, wo Perry wieder böse Heuchler geißeln kann.

Doch nachdem sie dies in ihren Romanen immer wieder durchexerziert hat, hat das Rezept seine Wirkung verloren: Sogar moralische Entrüstung verfliegt, wenn sie nicht beschworen, sondern stumpf eingefordert wird. Nichtsdestotrotz wirft Anne Perry mit der Präzision eines Uhrwerks jedes Jahr weitere Werke auf einen Markt, der sie gierig = erfolgreich aufnimmt. Wieso sollte sie sich also auf den Versuch konzentrieren, ihren Serien, die moralisierenden Traktaten gleichen, echtes Leben einzuhauchen?

Autorin

Anne Perry wurde am 28. Oktober 1938 als Juliet Marion Hulme in London geboren. Da sie an Tuberkulose erkrankte, verließ die Familie England und ließ sich im weit entfernten aber klimatisch gesünderen Neuseeland nieder. Hier lernte sie die gleichaltrige Pauline Parker kennen. Da sich eine aus zeitgenössischer Sicht ungehörige Nähe zwischen den beiden Mädchen entwickelte, sollten sie getrennt werden. Am 22. Juni 1954 brachte Juliet zusammen mit Pauline deren Mutter um.

1959 wurde Juliet aus der Haft entlassen. Als Nach Anne Perry führte sie – erst in Kalifornien, später wieder in England – ein unauffälliges Leben. Sie begann zu schreiben, wobei ihre Manuskripte lange Jahre abgelehnt wurden. Erstmals veröffentlicht wurde 1979 der im viktorianischen England angesiedelte Kriminalroman „The Cater Street Hangman“ (dt. „Der Würger von der Cater Street“). Dies war gleichzeitig der erste Roman der erfolgreichen Serie um den Polizeibeamten Thomas Pitt; sie wird bis heute fortgesetzt. 1990 begann Perry die ebenso gut verkaufte Serie um den Privatermittler William Monk, der gemeinsam mit der Krankenschwester Hester Latterly seine Fälle löst. Daneben veröffentlichte sie weitere Serien sowie jährlich einen Weihnachtsroman.

Der an sich angenehme Ruhm sorgte allerdings dafür, dass Perrys Vorleben bekannt und publizistisch ausgeschlachtet wurde. Auf ihrer Website bleibt dieses Thema verständlicherweise ausgespart. Anne Perry lebt und arbeitet im Fischerdorf Portmahomack in den schottischen Highlands.

Copyright © 2017 by Michael Drewniok (md)

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