Vampirdetektiv Jack Fleming

Patricia N. Elrod
Vampirdetektiv Jack Fleming
(Jack-Fleming-Serie, Bd. 1)

Originaltitel: Bloodlist (New York : Ace Books 1990)
Übersetzung: Heiko Langhans
Deutsche Erstveröffentlichung: September 2002 (Festa Verlag 1402/Nosferatu 2)
256 S.
ISBN-13: 978-3-9358-2256-5

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Das geschieht:

1936 ist Chicago eine Stadt im Griff des organisierten Verbrechens. Die Frank-Paco-Bande treibt ihr besonderes Unwesen. was den Reporter Jack Fleming lockt: Die Wirtschaftskrise hat ihn der Arbeit beraubt. Ein echter Knüller würde ihm den Weg ebnen. Tatsächlich kommt er Paco auf die Schliche und findet sogar eine Liste hochrangiger Persönlichkeiten aus Politik und Justiz, die von den Gangstern geschmiert werden. Dann wird Fleming erwischt und umgebracht.

Doch er hütet ein Geheimnis: Vor Jahren hat er eine Vampirfrau kennengelernt. Das mit ihr getauschte Blut beschert ihm nun eine Wiederauferstehung. Fleming erwacht ohne Gedächtnis an seinen Tod, aber mit mächtigem Blutdurst. Die neue Existenz stellt ihn vor große Anfangsschwierigkeiten, die jedoch mit beachtlichen neuen Fähigkeiten und übermenschlichen Kräften einhergehen.

Fleming beschließt seinen eigenen Mord aufzuklären. Der exzentrische Privatermittler und ehemalige Schauspieler Charles Escott, der ebenfalls gegen die Paco-Bande kämpft, schließt sich ihm an. Aus dem Hintergrund hilft der schwarze Nachtclub-Besitzer „Shoe“ Coldfield. Gemeinsam heben Vampir und Mensch das Hauptquartier von Frank Paco aus. Dieser hat sich dort ein ‚Labor‘ eingerichtet, in dem angeblich Gold hergestellt werden kann. Sein ‚Partner‘ ist der skrupellose Morelli, der die Geschicke der Bande leitet und auch für Flemings Hinrichtung verantwortlich ist.

Aber auch hinter Morelli steht jemand: Lucky Labredo, der von Flemings Vampirismus erfährt und seine Schergen deshalb entsprechend vorbereiten kann. Der untote Detektiv muss feststellen, dass auch übernatürliche Kräfte ihre Grenzen haben, was ihn aber nicht daran hindert, gegen seine Feinde zu Felde zu ziehen …

Ganz andere Vampire

(Endlich) etwas Neues: Mit einer Mischung aus (historisierendem) Krimi und Horror, dargeboten im Gewand der zeitgenössischen „Pulp“-Magazine, versuchte Patricia N. Elrod erfolgreich den Start einer neuen Reihe, in deren Zentrum ein Vampir stand. Eigentlich geschah dies bereits 1990, aber erst mehr als Jahrzehnt später fanden die „Vampire Files“ ihren Weg über den Großen Teich bzw. nach Deutschland.

Hier fanden die Freunde des Phantastischen keine anspruchsvolle, sondern lesenswerte Unterhaltung. Elrods Rechnung ging zumindest im angelsächsischen Sprachraum auf: In der stimmungsvollen Kulisse des Jahres 1936 ließ sie eine turbulente und spannungsreiche Handlung ablaufen.

Dabei füllte die Autorin im Grunde nur alten Wein in neue Schläuche. Der Mann ohne Gedächtnis, der von denen gejagt wird, die ihn fürchten, und nun gleichzeitig flüchten und sich erinnern muss, ist ein uraltes Klischee, das freilich noch immer seinen Zweck erfüllt hat. Hier ersetzt es weitgehend den Plot. Seien wir ehrlich: Eine verschwundene und wieder auftauchende Liste mit Namen ist ein bisschen wenig Anlass für das blutige Geschehen. Eigentlich geht es – auch das wieder ganz klassisch – um Gerechtigkeit und Rache, wobei die Grenzen nach US-Ansicht wie immer fließend sind.

Gangsterstadt wird Vampirstadt

Chicago als Gangsterstadt ist uns aus Literatur und Film längst bekannt. Sie muss für Elrods Zwecke daher nicht bis ins Detail rekonstruiert werden oder gar mit der historischen Realität übereinstimmen, wie z. B. Max Allan Collins es mit seiner Nathan Heller-Reihe versucht hat. Es genügen Andeutungen, die des Lesers Kopf-Kino in Gang setzen.

Auch sonst ist Tiefe nicht notwendig. „Vampirdetektiv Jack Fleming“ – der deutsche Titel ist ausgesprochen dämlich und lässt das Werk wie einen billigen Heftroman wirken – profitiert von einem sympathischen Helden, der – so gehört es sich – eigentlich gar keiner ist, sondern ein ganz normaler Mann, der in der Krise über sich hinauswächst und das Böse in seine Schranken weist, wobei dieses nicht wie horror-typisch dem Vampir zugeordnet wird, sondern dem allzu menschlichen Gangster: Bosheit ist bei Elrod keine Domäne des Untods. Das ist im Rahmen der trivialen Unterhaltungsliteratur eine durchaus bemerkenswerte Sichtweise.

Mindestens ebenso interessant wie Jacks Auseinandersetzungen mit diversen Gangstern sind seine Lehr- und Wanderjahre als Vampir. Zwar ist er theoretisch mit den Bedürfnissen und Fähigkeiten dieser Spezies vertraut – „Dracula“, der berühmte Film mit Bela Lugosi, wurde 1930 uraufgeführt, und Jack hat ihn gesehen -, aber die Realität sieht doch anders aus.

Vampire sind auch nur Menschen

Geschickt modifiziert Elrod den Vampir-Mythos, um ihn für ihre Geschichte tauglicher zu machen. Als ‚guter‘ Blutsauger darf Jack Fleming natürlich keine Menschen überfallen, sondern begnügt sich mit Ochsenblut. Schwierigkeiten erwachsen ihm aus der Notwendigkeit, sich für den Tag eine lichtdichte Bleibe zu verschaffen. In einer Großstadt sollte das kein Sarg sein. Aus Gründen der Unauffälligkeit entscheidet sich Jack für einen Schrankkoffer.

Mit trockenem Humor werden diese und viele andere Besonder- und Misslichkeiten eines modernen Vampirlebens geschildert. Notgedrungen müssen die übrigen Figuren demgegenüber abfallen. Charles Escott vertritt die ‚menschliche‘ Komponente, die Fleming freundlicher wirken lässt. Die hübsche Bobbie Smythe existiert hauptsächlich deshalb, weil ein Nosferatu nur ein halber Vampir ist, wenn er seinen Liebeszauber nicht einsetzen kann.

Elrods Gangster sind tumb und hässlich; man wundert sich, wie sie eine ganze Stadt unter ihre Knute zwingen konnten. Übertrieben politisch korrekt ist der schwarze Engel Coldfield, der offenbar nur deshalb einen Nachtclub leitet, um mit dem Erlös guten Freunden und armen Straßenkindern zu helfen: Elrod schreibt Unterhaltung in Serie/n, weshalb sie nur bedingt Zeit für ihre Werke aufwenden kann und auf Stereotypen und Klischees zurückgreift. Das ist kein Manko, wenn es so charmant wie hier geschieht.

Kein Fleming in Deutschland

In den USA veröffentlichte Autorin Elrod zwischen 1990 und 2009 zwölf Bände ihrer „Vampire Files“ um Jack Fleming. Die Serie war also erfolgreich, weshalb es nicht verwundert, dass sie endlich ihren Weg nach Deutschland fand. Dort wurde die Reihe jedoch mit Band 3 abgebrochen: Sie fand nicht genug Leser!

Was war schiefgegangen? Im Nachhinein muss man wohl Stephanie Meyer & Co. hauptverantwortlich machen: Nach der Jahrtausendwende tauchten die bleiche, junge, schöne, aber sexuell vorehelich enthaltsame ‚Vampire‘ auf. Sie bevölkerten die Fantasien mädchenjunger Leserinnen, die von ‚reiner‘ Liebe träumten, und teilten sich die Bestsellerlisten mit „Chic-Lit“-Vampiren meist weiblichen Geschlechts, die gut bei Kasse waren, niemals an Gewicht zunahmen, schöne Schuhe kauften und ebensolche Kerle trafen. Mehrere Jahre dominierten diese höchstens unfreiwillig gruseligen Vampir-Derivate die Szene, bis ihre Leserinnen älter und klüger wurden (sowie sich schämten), während neue Maid-Generationen andere Peinlichkeiten fanden.

Für Jack Fleming war in diesem Umfeld kein Platz. Er war nicht ‚geheimnisvoll‘ und ‚verführerisch‘ genug, so wie auch Harry Dresden, Jim Butchers ‚übersinnlicher‘ Detektiv, erst im zweiten Anlauf erfolgreich wurde. Möglicherweise könnte auch Fleming inzwischen einen neuen Versuch wagen, für den sich bisher jedoch kein deutscher Verlag gefunden hat.

Autor

Patricia Nead Elrod (geb. 1954)) vervollständigte neben Anne Rice und Chelsea Quinn Yabro in den 1990 Jahren das Trio der erfolgreichsten Repräsentantinnen des ‚historisierenden‘ Vampirromans. Die in Texas lebende Autorin legte nicht nur vier Romane um den „Gentleman-Vampir“ Jonathan Barrett aus dem späten 18. Jh. vor, sondern verfasste zwischen 1990 und 2009 die zwölfbändige Reihe der „Vampire Files“ um den untoten Privatdetektiv Jack Fleming, sowie (u. a. mit Nigel Bennett) weitere Blutsauger-Geschichten.

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