Verbrechen in Mannersley

J. S. Fletcher
Verbrechen in Mannersley

Originaltitel: The Double Chance (London : E. Nash & Grayson 1928)
Übersetzung: Ravi Ravendro
Deutsche Erstausgabe: 1930 (Universitas Verlag/Dreipunkt-Bücher 2)
237 S.
[keine ISBN]
Neuausgabe: 1954 (Wilhelm Goldmann Verlag/Goldmanns Taschen-Krimi 40)
186 S.
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Das geschieht:

Nachdem umfangreiche Kohlevorräte unter seinen Gütern entdeckt wurden, ist Sir Robert Mannersley zum gutsituierten Zechenbesitzer aufgestiegen. Der verwitwete Landadlige und seine Tochter Philippa genießen hohes Ansehen in der Bevölkerung, zumal die meisten Männer unter Tage gut bezahlte Arbeit gefunden haben.

Ein großer Kummer nagt indes an Sir Roberts Herz: Vor drei Jahren wurde sein Neffe Clinton der Urkundenfälschung für schuldig befunden und ins Zuchthaus Dartmoor geworfen. Immer hat der junge Mann seine Unschuld beteuert. Jetzt ist er sogar ausgebrochen und will nach Kanada flüchten. Zuvor soll ihm sein Onkel jedoch versprechen, den Prozess wieder aufnehmen zu lassen, damit der wahre Schuldige gefunden wird. Clintons alter Freund Jim Britten und Philippa, die ihren Vetter liebt, vermitteln ein heimliches Treffen zwischen Onkel und Neffe. Als Clinton nachts in Sir Roberts Arbeitszimmer tritt, findet er diesen tot und mit einem Dolch im Rücken. Clinton wird gefasst und gilt nun nicht nur als Betrüger, sondern auch als Mörder.

Der Fall schlägt hohe Wellen. Scotland Yard schickt den berühmten Inspektor Cortelyou nach Mannersley. Dieser sichtet die wenigen Indizien und entdeckt eine bisher gänzlich übersehene Möglichkeit für den Mord an Sir Robert. Ins Visier des Polizisten gerät Marshall Stead, einer der Direktoren der Zeche, denn eine Überprüfung der Rechnungsbücher ergibt Unerfreuliches. Ist Stead der Täter, weil Sir Robert ihm auf die Schliche kam? Zieht Mark Bentley, Sir Roberts Stellvertreter, der selbst ein Auge auf Philippa geworfen hat, im Hintergrund die Fäden? Der Fall klärt sich buchstäblich mit einem großen Knall in den Tiefen der Mannersleyschen Mine …

Wettlauf zwischen Krimi und Drama

Archäologische Expeditionen in vergessene Winkel dunkler Bücherschränke führen manchmal zur Wiederentdeckung echter Schätze. Die Chancen steigen, wenn dem Finder der Sinn nicht nach literarischer Qualität, sondern ‚nur‘ nach reiner Unterhaltung steht. In unserem Fall kommt Neugier hinzu, wenn die lektürebegleitende Recherche ergibt, dass Joseph Smith Fletcher, dessen Name heute höchstens dem Genrekenner etwas sagt, einst nicht nur in England oder in den USA, sondern auch in Deutschland ein überaus beliebter und gern gelesener Autor war.

Freilich reagiert der erfahrene Leser ein wenig misstrauisch, wenn er erfährt, dass dieser J. S. Fletcher durchschnittlich fünf Romane pro Jahr schrieb, denen er eine wahre Flut von Kurzgeschichten, Artikeln, Gedichten und anderen Texten folgen ließ. Das Werk solcher Vielschreiber wirft die Frage auf, ob hier nur ein „prose mechanic“ seinem Job nachging oder ein unbändiger Erzähler für gute Geschichten sorgte.

Falls „Verbrechen in Mannersley“ typisch für einen Fletcher-Roman ist, fällt das Urteil negativ aus. Fletcher sind die Elemente des Krimis zwar durchaus geläufig, und er bedient sich ihrer auf vertraute Weise. Allerdings integriert er sie nicht in eine stringent konstruierte Handlung, sondern fügt sie einem Plot ein, der diverse Ereignisse erzählt, ohne diese überzeugend miteinander zu verknüpfen. Dabei wechselt die Handlung ständig ihre Richtung.

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Seine frühen Jahre als Autor düster-romantischer Liebesdramen kann Fletcher nicht verbergen. „Verbrechen in Mannersley“ ist deshalb auch die uralte Geschichte von der Jungfrau in Not. Gleich drei Männer buhlen um die schöne Philippa, wobei einer der Werber ohne Umschweife zum Erpresser wird; dass dieser ausgesprochen dämliche Plan scheitern wird, erkennt der Leser im Gegensatz zum Täter (oder zum Verfasser) problemlos.

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Damit offenbart „Verbrechen in Mannersley“ ein grundsätzliches Problem, das sich noch oft bemerkbar machen wird: Fletcher arbeitet mit Handlungsmodulen, die er hastig und ohne Rücksicht auf ihre Kompatibilität miteinander verkoppelt. Angesichts seines üblichen Arbeitstempos konnte er keine besondere Sorgfalt auf seine Romane verwenden. Das zeitigt groteske Folgen. So widmet Fletcher dem Mord an Sir Robert viel Raum und lässt ihm die Figur des Inspektors Cortelyou folgen, der viele Seiten sorgfältig in Sherlock-Holmes-Manier ermittelt. Plötzlich bricht Fletcher diesen Handlungsstrang auf denkbar ungeschickte Weise ab, klärt den Mord auf lächerliche Weise auf und beginnt mit einer ganz anderen Geschichte sowie einem neuen Schurken. Der Zufall selbst würde die Verantwortung für diese Wendung entrüstet zurückweisen!

Dass sich Motive und daraus resultierende Handlungen durch eine Gesamthandlung ziehen sollten, ist Fletcher offenbar unbekannt. Die Sprunghaftigkeit des Verfassers sorgt noch öfter für Kopfschütteln. Seit Jahren liebt Mark Bentley heimlich Philippa. Endlich erklärt er sich ihr – und damit ist das Thema erledigt. Bentley verschwindet weitgehend aus der Handlung. Kehrt er zurück, hilft er seinem Rivalen, sich vom Verdacht des Mordes zu befreien. Damit treibt er diesem die Geliebte förmlich in die Arme. Von eventueller Eifersucht ist nie die Rede. Erst auf der letzten Seite scheint sich Fletcher zu erinnern, dass von unerfüllter Liebe die Rede war, und kommt mit einigen belanglosen Worten darauf zurück.

Philippa ist nicht glaubhaft als Objekt dreier liebender Männer. Sie ist Clinton Mannersleys Braut, und darin besteht nie ein (die Handlung dramatisierender) Zweifel. (Dagegen bleibt eine wirklich interessante Frage unbeantwortet: Wie ist es möglich, dass zwei so eng verwandte Menschen einander problemlos heiraten können?)

Willkommen in Absurdistan

Wenn sich der Leser von der Erwartung verabschiedet, einen ‚echten‘ Krimi zu lesen, kann sich ein unerwartetes Vergnügen einstellen: „Verbrechen in Mannersley“ bietet einen unfreiwillig bizarren Lektürespaß im Gewand reiner „Whodunit“-Nostalgie. Gerade die holprige Fahrigkeit, mit der Fletcher seine Geschichte drechselt, schafft endgültig jenes Traumreich, dass die Fans dieses Genres so lieben. Mannersley ist eine aus Zeit und Raum gefallene Welt, die mit der Realität rein gar nichts zu tun hat und – wiederum ohne Absicht des Verfassers – parodistische Züge trägt.

Da haben wir ein irgendwo in England – selbst eine ungefähre Ortsbestimmung spart sich Fletcher – gelegenes Tal, dessen Bewohner es irgendwie geschafft haben, das mittelalterliche Feudalsystem in die Gegenwart zu retten. Ohne Murren verdingen sich sämtliche Männer in Sir Roberts Kohlenschächten, wohnen in seinen Arbeiterhäusern und verehren ihn und seine Familie, für die sie sich die Lunge aus dem Hals husten. Dieses brave Volk von Mannersley ist ebenso dumm wie treuherzig und das ideale Reservoir für jene Gestalten, die den „Whodunit“-Freund herzlich lachen lassen; Ginger King, der wildernde Saufbold, stellt mit seinem denkwürdigen Auftritt vor einem eher kuriosen als würdigem Gericht ein typisches Beispiel dar. Dogger Tandy, einen Bösewicht, der direkt aus dem Märchenbuch gesprungen zu sein scheint, weiß Fletcher mit folgenden bildgewaltigen Worten plastisch zu charakterisieren: „Er fütterte seinen Hund mit Fleisch, während seine Frau eine harte Kruste kauen musste.“ (S. 140)

Das große Finale findet nicht statt

Inspektor Cortelyou, der doch als Ermittler die zentrale Figur sein müsste, mutiert Fletcher in dem Bemühen, ihm individuelle Züge aufzuprägen, zur Karikatur, die in einem Charles-Dickens-Roman deutlich besser aufgehoben wäre. Schon Cortelyous Kleidung ist ein Relikt der Vergangenheit. Vor allem mimt er den genialen Ermittler nur. Seine Schlussfolgerungen überzeugen nicht, weshalb sein exzentrisches Auftreten doppelt peinlich wirkt. Dann wird Cortelyou zu allem Überfluss unwichtig, als sich der Mord an Sir Robert als Wahnsinnstat entpuppt, die vorab zu erraten wohl nicht einmal Sherlock Holmes möglich gewesen wäre. Ein Miträtseln ist vollkommen unmöglich und entfällt als wichtiges „Whodunit“-Unterhaltungselement.

Stattdessen präsentiert Fletcher ein Finale, das abermals ein Relikt seiner Abenteuer- und Liebesromane ist. Tief unter der Erde spielt sich in den Stollen der Mannerley-Mine ein Drama ab, das wahrlich kein Klischee auslässt. Das Schicksal (und die Einfalt des Schurken) sorgt für Gerechtigkeit, während Polizist Cortelyou tatenlos danebensteht – eine Todsünde, die einem Verfasser von Kriminalromanen eigentlich die Schamesröte ins Gesicht treiben müsste! Der heutige Leser verlangt von einem alten Krimi jene Qualitäten, die ihm die Klassiker des Genres bieten. J. S. Fletcher, der einst ein Bestseller-Autor war, gehört nicht zu ihnen.

Autor

Joseph Smith Fletcher wurde am 7. Februar 1863 in Halifax (Grafschaft Yorkshire) geboren. Eigentlich sollte er Anwalt werden, doch stattdessen wurde er Journalist Bereits in diesen frühen Jahren entstanden mehrere Bücher. Fletcher wurde bekannt durch Liebes- und Historienromane, aber er schrieb auch Gedichte und verfasste eine ganze Serie von Geschichten im Dialekt seiner Heimat Yorkshire.

Endgültig konnte sich Fletcher nach 1914 etablieren, als er sich auf den Kriminalroman spezialisierte. Er eignete sich systematisch Formen und Figuren an und steigerte sein ohnehin beachtliches Schreibtempo gewaltig: Durchschnittlich veröffentlichte er fünf Krimis jährlich. Es gab eine große und treue Leserschaft für seine Romane und Kurzgeschichten, denn Fletcher richtete sich nach den Wünschen seiner Leser. Ungeachtet dessen waren es diese leicht konsumierbaren und auf Unterhaltung getrimmten aber gern gelesenen Romane, die den Erfolg des Genres Kriminalroman zu einem Gutteil mit begründeten.

Obwohl er stets im Schatten bekannter Kriminalschriftsteller wie Agatha Christie oder Edgar Wallace stand, war Fletcher ebenso erfolgreich. Als die Presse verbreitete, dass US-Präsident Woodrow Wilson nach einem Nervenzusammenbruch im Sanatorium zum Krimi „The Middle Temple Murder“ (dt. „Das Geheimnis um Mr. Marbury“) gegriffen hatte, wurde Fletcher auch jenseits des Atlantiks populär. Nach dem I. Weltkrieg gelang ihm sogar in Deutschland der Durchbruch. In den nächsten anderthalb Jahrzehnten wurde beinahe jeder neue Fletcher-Krimi übersetzt.

Fletcher starb am 30. Januar 1935. Bis zuletzt war er als Verfasser überaus produktiv geblieben; sein Werk umfasste schließlich 237 Romane, davon waren etwa die Hälfte Krimis. Hinzu kamen unzählige Kurzgeschichten, Sachbücher, Artikel, Essays, Gedichte und andere Texte. Trotzdem geriet Fletcher in Vergessenheit. In Deutschland brachte der Ausbruch des Krieges einen zusätzlichen Bruch, der später nicht mehr rückgängig zu machen war. Nach 1945 wurden nur noch wenige und alte Fletcher-Titel veröffentlicht. Heute kennen höchstens Literaturhistoriker den Namen dieses Autoren, der einst zu den Bestsellern des deutschen Krimi-Marktes zählte.

Copyright © 2017 by Michael Drewniok (md)

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