Von unbekannter Hand

Bruce Alexander
Von unbekannter Hand

(Sir-John-Fielding-Serie, Bd. 4)

Originaltitel: Person or Persons Unknown (New York : G. P. Putnams Sons 1997)
Übersetzung: Elke vom Scheidt
Deutsche Erstveröffentlichung: Dezember 2000 (btb Verlag/TB Nr. 72704)
415 S.
ISBN-13: 978-3-442-72704-9

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Das geschieht:

London im Jahre 1770: Das Waisenkind Jeremy Proctor steht seit zwei Jahren im Dienste Sir John Fieldings, Richter am Gericht in der Bow Street und Chef der Bow Street Runners, der ersten regulären Polizeitruppe der Stadt. Der Fünfzehnjährige hat ein Glückslos gezogen, denn Fielding ist ein gütiger Mann, der darüber hinaus seinem Mündel eine ordentliche Erziehung und Ausbildung angedeihen lässt. Mehr noch: Jeremy wird zum Vertrauten des Richters, zu seiner rechten Hand: Sir John Fielding ist blind.

Mit seiner Behinderung hat Fielding sich arrangiert. Sein Scharfsinn und seine Energie haben ihn in die hohe Stellung gebracht. Er erfreut sich eines ausgezeichneten Rufes und eines Ansehens, das alle gesellschaftlichen Schichten einschließt. Bahnbrechend sind für die noch junge Polizei Londons Fieldings ungewöhnlichen Ermittlungsmethoden. Sammle aufmerksam alle Spuren und Indizien und schließe dann – und nur dann – auf den Hergang eines Verbrechens und womöglich auf den Täter: Das ist die Maxime des blinden Richters, der gern auch persönlich einen Tatort in Augenschein nimmt bzw. nehmen lässt, denn der junge Jeremy ersetzt seinem Mentor Augen und manchmal auch Ohren und entwickelt sich dabei selbst zu einem gewieften Kriminologen.

London ist im ausgehenden 18. Jahrhundert eine Stadt, in der enormer Reichtum und unsägliche Verwahrlosung nebeneinander existieren. Die Armen haben keine Lobby; ein soziales Netz im heutigen Sinne existiert nur in kümmerlichen Anfängen. Ganze Stadtviertel bilden elende Slums, in die sich selbst die Polizei nach Anbruch der Dunkelheit nur schwer bewaffnet und in Gruppen traut. Grausame Verbrechen sind hier an der Tagesordnung, doch was sich im späten Herbst des Jahres 1770 rund um Convent Garden ereignet, sprengt dennoch den Rahmen des Üblichen: Binnen weniger Tage werden mehrere Prostituierte überfallen, erstochen und zum Teil bestialisch verstümmelt. Von Mord zu Mord steigert sich die Grausamkeit des Täters, der schließlich seine Opfer in ein bizarres Puzzle aus Fleisch, Knochen und Innereien verwandelt.

Ratlosigkeit macht sich unter den Bow Street Runnern breit, deren ‚Ausbildung‘ sich meist darin erschöpft, Räuber und Einbrecher auf frischer Tat zu ertappen oder Schläger niederzuknüppeln. Der Täter schlägt zu und verschwindet spurlos in den verwinkelten Gassen der Slums, wo niemand etwas sieht oder hört oder gar mit der Polizei zusammenarbeitet. Sir John sammelt die kargen Indizien und wartet darauf, dass der Täter unvorsichtig wird. Doch der Ripper ist nicht nur wahnsinnig, sondern fest entschlossen, sich seiner Verfolger zu entledigen – und das auf seine bewährte Methode …

Wer schützt die Vergangenheit?

Der Historienkrimi ist ein ebenso leckeres wie allzu oft hartes Brot für den Leser. Viel zu viele Autoren haben gelernt, die Vergangenheit als bloße Kulisse zu missbrauchen, in die sie dieselben alten, verbrauchten Ränken und Liebesgeplänkel verpflanzen. Die Historie selbst bleibt dabei auf der Strecke, die Handlungen sind zeitlos – im Inhalt und in ihrer Langeweile.

Bruce Alexander ist in dieser nicht gar zu erlauchten Runde nicht unbedingt ein ‚besserer‘ Schriftsteller. Obwohl sichtlich bemüht, durch sorgfältige Recherche das London des ausgehenden 18. Jahrhunderts in Beschreibung und Atmosphäre aufleben zu lassen, wirkt die Metropole doch wie die Disneyland-Version einer frühneuzeitlichen Großstadt.

Alexander schrieb unterhaltsame Krimis, die in der Vergangenheit angesiedelt sind.  Immer wieder schimmert das Gerüst deutlich unter der Handlung hervor, was einem wirklich guten Autor nicht unterlaufen dürfte. Die Fielding-Reihe setzt Alexander aus bewährten aber bekannten Elementen zusammen wie Ford oder VW seine Autos: Obwohl sie sich äußerlich mehr oder weniger unterscheiden, stecken unter dem Blech immer die gleichen Teile.

Besser gut kopiert als schlecht selbst erfunden?

Nichts macht dies deutlicher als Alexanders unseliger Einfall, seine Geschichte an den historischen Jack-the-Ripper-Morden des Jahres 1888 auszurichten. Man mag es lange nicht glauben, aber er datiert diese klassische Episode der Kriminalgeschichte tatsächlich einfach um 120 Jahre zurück, um sie anschließend bis ins kleinste Detail zu kopieren. Wer mit den Fakten der Ripper-Morde auch nur oberflächlich vertraut ist, erkennt die Vorlage und ist verstimmt, da der Autor gar zu plump und einfallslos vorgeht.

Immerhin kann Alexander in der Figurenzeichnung Boden wettmachen. Natürlich ist John Fielding das Substrat unzähliger gescheiter Detektive der Kriminalliteratur, aber das traf schon auf Sherlock Holmes zu. Ansonsten gibt sich der Autor erfolgreich Mühe, echte Charaktere zu schaffen. Alexanders Ausflüge in die Londoner Unterschicht gelingen ihm wesentlich besser als seiner prominenten Kollegin. Wo diese vor allem mit schwatzhaften, trinkfreudigen, dummschlauen, treuherzigen Zerrbildern aufwarten, weiß Alexander angenehm deutlich zu machen, dass mangelhafte Bildung und Intelligenzarmut auch vor 1800 nicht zwangsläufig in einem ursächlichen Zusammenhang stehen müssen.

Dies verdeutlicht Alexander mit der Figur des Jeremy Proctor, der mehr ist als der übliche Watson, der dem Meisterdetektiv die Steigbügel hält. Da Fielding blind ist, wird Jeremy sein unentbehrliches Auge. Außerdem kann der Junge sich flink und unerkannt dort bewegen, wo ein Polizist erkannt und im besten Fall ignoriert wird. Jeremy ist darüber hinaus ein Symbol für die hässlichen Seiten dieser Vergangenheit. Armut, Menschenverachtung, Missbrauch: Jeremy weiß gut, welchem Schicksal er entrinnen konnte.

Die Geburt der Kriminologie

Interessant ist für den Leser natürlich auch die Darstellung einer Ermittlungsarbeit, die einem Stochern im Nebel gleicht. Fielding ist ein systematischer Denker, der die Theorie in die Praxis umsetzen kann. Dennoch ist auch er ein Neuling, der zudem von gutwilligen aber unerfahrenen Helfern umgeben ist. Der typische Bow Street Runner ‚arbeitet‘ vor allem mit dem gewaltigen Schlagstock, mit dem man ihn ausgerüstet hat. Verbrecher wurden bisher eher zufällig gefangen; ein seltener Triumph, der durch eine Hinrichtung gekrönt wurde. Der Gedanke, dass „Gerechtigkeit“ und „Rache“ nicht zwangsläufig deckungsgleiche Begriffe sind, beginnt sich nur langsam und dank Männern wie John Fielding zu verbreiten.

Der mühsame Weg zu einer organisierten und wissenschaftlich untermauerten Kriminologie wird immer wieder von Rückschlägen begleitet, die Alexander die Chance geben für tragikomische und schwarzhumorige Einlagen geben. Mit Sir John Fielding kann der Autor viele formale und inhaltliche Schwächen (sowie beinahe den von der Realität ‚geborgten‘ Plot) ausgleichen.

Hier (und generell) können wir uns deshalb Alexanders eigenem Urteil anschließen: „I may not be the world’s cleverest writer, but I knew a great character when he leaped off the pages at me.“ Außerdem ist er klug genug, sein Publikum mit Tiraden über die Schlechtigkeiten vergangener Zeiten und mit jeglicher historischer Realität enthobenen, nervensägenden Streiterinnen für Freiheit-Gleichheit-Schwesterlichkeit zu verschonen!

Justitias blinder Stellvertreter

John Fielding ist eine historische Gestalt. Ob er im Winter des Jahres 1721 schon blind geboren wurde oder sein Augenlicht erst später verlor, ist nicht bekannt. Fest steht, dass Fielding in der Kriminalgeschichte eine prominente Stellung einnimmt. Dennoch steht er heute meist im Schatten seines Halbbruders und Schriftstellers Henry, der u. a. „Tom Jones“, einen unsterblicher Klassiker des Schelmen- und Gesellschaftsromans. verfasste.

John begann seine Karriere bei der Polizei als Assistent seines Bruders Henry, der ab 1748 als Friedensrichter und später als Ratsherr damit begann, der quasi noch mittelalterlich strukturierten Exekutiven seiner Heimatstadt eine solide Basis und Durchsetzungskraft zu verschaffen. Gemeinsam schufen die Brüder ab 1750 die erste echte Polizeiorganisation überhaupt: die Bow Street Runners.

Während es bisher nur Stadtwächter gegeben hatte, die eisern ausschließlich an den ihnen zugewiesenen Orten ihren Dienst versahen, schickten die Fieldings die Runners aus der Polizeizentrale in der Bow Street als Streifen auf die Straße – daher der Name. Sie ‚erfanden‘ auch den Steckbrief, führten – für die damalige Kopf-ab-Mentalität sensationell – eine Kronzeugenregelung für überführte Verbrecher ein und machten sich für eine Liberalisierung der Gesetze für jugendliche Straftäter stark.

Als Henry Fielding 1754 starb, rückte John an seine Stelle und setzte das begonnene Werk trotz seiner Behinderung mit Erfolg fort. 1761 wurde er geadelt; zwanzig Jahre später starb er. Unter seinem Spitznamen „The Blind Beak“ war John Fielding längst zu einer legendären Gestalt geworden.

Autor

Bruce Alexander Cook wurde am 7. April 1932 in Chicago, US-Staat Illinois, geboren. Sein Interesse an der Schriftstellerei blieb zunächst akademisch: Bruce studierte Literatur. Seinen Wehrdienst leistete Cook als Übersetzer ab; er wurde u. a. in Deutschland eingesetzt.

Nach der Rückkehr ins Zivilleben und inzwischen verheiratet, begann Cook Anfang der 1960er frei- und hauptberuflich für zahlreiche Zeitungen und Zeitschriften zu schreiben. 1971 veröffentlichte er das Sachbuch „The Beat Generation“. Es folgten weitere Sachbücher und Biografien und 1978 „Sex Life“, ein erster Roman. Unter dem Pseudonym Bruce Cook erschienen vier Romane um den südkalifornischen Privatdetektiv Antonio „Chico“ Cervantes.

Erst die örtlich und zeitlich denkbar weit von seiner Heimatstadt Los Angeles entfernt angesiedelten Historienkrimis um den (realen) Richter und frühen Kriminologen Sir John Fielding brachten Alexander 1994 den endgültigen Durchbruch. Er setzte die Reihe bis zu seinem Tod am 9. November 2003 in Hollywood fort. Sie umfasste zehn Bände; ein elfter wurde postum von seiner Witwe und dem Autor John Shannon beendet.

Copyright © 2014/2017 by Michael Drewniok (md)

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