Werkzeug des Teufels

Robert Bloch
Werkzeug des Teufels

Originaltitel: Spiderweb (New York : Ace Books 1954)
Deutsche Erstveröffentlichung: August 2010 (Rotbuch Verlag/Hard Case Crime HHC-017)
Übersetzung: Hannes Riffel
Cover: Larry Schwinger
208 S.
ISBN-13: 978-3-86789-122-6

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Das geschieht:

Eddie Haines ist am Ende. Als Fernsehsprecher wollte er in Hollywood den Durchbruch schaffen. Stattdessen ist er ohne Job und pleite. Gerade will er sich die Kehle durchschneiden, als ihn „Professor“ Otto Hermann anspricht. Der geniale aber kriminelle Psychologe hat ihn beobachtet und im gebrochenen Haines den idealen Komplizen erkannt. Er baut ihn als „Dr. Judson Roberts“ zum auslandsberühmten Lebensberater auf, der sich nun in Hollywood niedergelassen hat und gnädig Patienten annimmt.

Sie müssen freilich so gut betucht sein wie Lorna Lewis, ein Filmsternchen, das ‚Roberts“ wegen seiner unglücklichen Ehe um Rat bittet. Hermann sorgt dafür, dass sich ‚Arzt‘ und ‚Patientin‘ näherkommen und dabei von Lornas wütendem Gatten überrascht werden. Ein Kampf bricht aus, bei dem Haines den Nebenbuhler tötet. Hermann verwischt die Spuren und türkt einen Autounfall. Der Fall wird zu den Akten gelegt. Hermann triumphiert: Nun hat er seinen Komplizen in der Hand, und Lorna Lewis muss ihm Schweigegeld zahlen!

Weitere Opfer werden ins Visier genommen, wobei sich Hermanns Gier und Skrupellosigkeit steigern. Auf tragische Folgen nimmt er keine Rücksicht, während in Haines das Gewissen zu erwachen beginnt. Als er sich in die junge – und reiche – Ellen Post verliebt, will Hermann die Beziehung ausnutzen, um ihren Onkel, einen Senator, zu erpressen. Damit ist für Haines das Maß voll. Er will nicht nur aussteigen, sondern die Organisation seines Meisters zum Einsturz bringen. Doch Hermann ist misstrauisch. Wahnsinnig ist er außerdem geworden, was allerdings seine diabolische Intelligenz eher geschärft hat, wie Haines zu seinem Leidwesen erfahren muss …

Schwarze, schwarze Welt

Leben ist Kampf, und wer auf der Strecke bleibt, darf mit Hilfe oder Mitleid nicht rechnen. Der Versuch, sich ebenfalls einen Zipfel der Wurst zu sichern, geht meist schief und endet in Elend oder Tod. Ist der Pechvogel männlich, spielt garantiert eine schöne aber böse Frau eine Schlüsselrolle. Meist regnet es oder ist zumindest dunkel. Unterm Strich addieren sich diese Posten zum „Crime Noir“, dem „schwarzen Krimi“, der seine große Zeit während und in den Jahren nach dem II. Weltkrieg hatte.

Vor allem im Kino feierte er in düsterer Vollendung Triumphe. Filme wie „Double Indemnity“ (1944; dt. „Frau ohne Gewissen“), „Kiss of Death (1947; dt. „Der Todeskuss“) oder „Touch of Evil“ (1958; dt. „Im Zeichen des Bösen“) definierten eine von Schatten und Hoffnungslosigkeit geprägte Weltsicht, deren desillusionierte ‚Helden‘ Verlorene ohne Chance auf Erlösung waren.

In diese Riege kann sich Eddie Haines problemlos einreihen. Er ist ganz unten angekommen und spürt das Messer buchstäblich an der Kehle. Was wie Rettung in letzter Sekunde erscheint, leitet tatsächlich den eigentlichen Sturz in die Hölle ein. Otto Hermann mag ein Akademiker sein, doch ein Mann der Wissenschaft oder ein freundlich-zerstreuter Professor ist er ganz sicher nicht. Er rettet Haines das Leben, nimmt ihm aber nicht nur seine Identität, sondern auch seine Selbstachtung.

Gehirn mit Schaltplan?

1959 veröffentlichte Robert Bloch sein Haupt- und Meisterwerk „Psycho“. Immer wieder kehrte er später zu jenem Bösen zurück, das er nicht mit geschäftsmäßig betriebener Kriminalität, sondern einem diffusen, kaum und letztlich gar nicht kontrollierbaren Trieb gleichsetzte, der im menschlichen Gehirn wurzelt. Dort kann er lange unsichtbar bleiben, irgendwann ausbrechen und doch für die Außenwelt unerkannt bleiben. Der „Psycho“-Faktor verleitet seine Opfer zu bizarren, grausamen Taten, die durch Unberechenbarkeit und unmenschliche Grausamkeit zusätzlich erschrecken.

Mit der Figur des Otto Hermann belegt Bloch, das er schon vor „Psycho“ vom Thema fasziniert war. Der Professor ist ein Psychopath, auch wenn Bloch ihn um der Dramatik willen mit Klischees scharfzeichnet: Hermann stammt aus Deutschland, der Heimat verrückter Wissenschaftler vom Schlage der Doktores Frankenstein und Mengele, er ist gefühlskalt, klein, kahlköpfig, und trägt ein Monokel. Hinter seiner schneidenden Intelligenz steckt mehr als ein Körnchen Wahnsinn, den Bloch mit dem Terror begründet, den Hermann durch die Nazis erleiden musste, bevor ihm die Flucht gelang.

Nur der Starke, Skrupellose kann sich behaupten: Dies ist die Lehre, die Hermann aus seinen Erfahrungen gezogen hat. Er will kein Opfer mehr sein, gestattet sich keine Emotionen mehr, und wird zur Spinne im Netz. Kontrolle ist sein Fetisch. Um sie auszuüben, bedient er sich jenes Wissens, das er einst erwarb, um kranken Menschen zu helfen. Nun instrumentalisiert bzw. missbraucht Hermann die Psychologie, um zu manipulieren.

Keine halben Sachen!

„Werkzeug des Teufels“ ist trotz des psychologischen Ansatzes alles andere als ein raffinierter Thriller. 1954 erschien er in der Reihe der „Ace Mystery Doubles“: Der Verlag band jeweils zwei Thriller zusammen – „Spiderweb“ kam auf diese Weise mit „The Corpse in My Bed“ von David Alexander zusammen –, sodass der Leser zwei Romane zu einem Preis bekam.

Damit sich dies rechnete, schrieben für Ace verständlicherweise keine Literaten, sondern Profis, die schnell und kundenorientiert arbeiteten. Ausgeklügelte Plots oder sprachliche Finessen wurden von ihrem Publikum nicht favorisiert. Sex & Crime standen im Vordergrund, was bereits durch knallige Cover angekündigt wurde. Dabei durfte gern übertrieben werden, wobei nur die zeitgenössische Zensur aber ganz sicher nicht der gute Geschmack die Grenzen fixierte.

Dass diese Werke als „Trash-Krimis“ gekennzeichnet werden, ist keineswegs mit einer Abqualifizierung gleichzusetzen. Natürlich bot das Gros ‚nur‘ Unterhaltung. In der Erfüllung dieser generell schwierigen Aufgabe brachten es einige Autoren allerdings zu einer Meisterschaft, die ihre für den raschen Dollar herunter geschriebenen Reißer zu Klassikern aufwertete.

Pfad ins Verderben

„Werkzeug des Teufels“ ist kein Meisterwerk geworden. Robert Bloch hat bessere Thriller geschrieben. Allerdings war er ein Vollprofi in Sachen Unterhaltung. Auch „Werkzeug des Teufels“ bietet deshalb alles andere als Langeweile. Bloch springt mit einem Satz in die Handlung. Den Fuß presst er bis ins Finale fest auf das Gaspedal. Seine Geschichte erzählt er gradlinig und konsequent. Nebenstränge oder listige Wendungen gibt es nicht. Niemand vermisst sie, die Konzentration auf ein für sich packendes Geschehen ist eine wohltuende Abwechslung von der literarischen Inkontinenz moderner Thriller-Autoren, die erst Texte jenseits der 500-Seiten-Marke als „Roman“ betrachten.

Bloch spart weder an Ereignissen noch an Leichen und kommt nach 157 Seiten (US-Original) zum Ende. Er hat erzählt, was er erzählen wollte, und seine Leser mit Geschwurbel verschont. Die Figurenzeichnung ordnet er dem Geschehen und der Atmosphäre unter. Für Eddie Haines kann und soll der Leser lange kein Mitleid empfinden. Er ist ein Loser, der in einem Wutanfall fast den eigenen Bruder umgebracht hat, beinahe zum Selbstmörder und dann lieber zum Verbrecher wird, als sich und seiner Familie das Scheitern einzugestehen.

Genretypisch wird ihm trotzdem die Chance zur Erlösung geboten. Dieser Vorgang ist mit einem Ausbruch extremer Gewalt verbunden, den Haines freilich überlebt. Sogar die Frau an seiner Seite hat sich nicht als Verräterin erwiesen, sondern wird bei ihm bleiben. Für den „schwarzen“ Krimi ist ein solches Happy-End ungewöhnlich. Wenn wir die Hauptfigur auf der letzten Buchseite verlassen, sitzt sie üblicherweise in der Todeszelle oder haucht angeschossen ihr Leben aus.

In der Tat will dieses Finale nicht recht zur Vorgeschichte passen. Bloch lässt Haines sogar überlegen, sich der Polizei zu stellen, um gänzlich reinen Tisch zu machen – ein Charakterzug, der dieser Figur so, wie sie bisher beschrieben wurde, gänzlich wesensfremd ist. Bis es kitschig endet, sorgt die raue Machart freilich für jene angenehm grobkörnige und geschmacklose Unterhaltung, für die der „Trash-Krimi“ berühmt oder berüchtigt ist.

Autor

Robert Bloch wurde am 5. April 1917 in Chicago geboren. Früh verfiel er dem Reiz der „Pulp“-Magazine, in denen abenteuerliche, oft wüste aber höchst unterhaltsame Geschichten erzählt wurden. 1934 gelang Bloch mit „Lilies“ eine erste Veröffentlichung, weitere Geschichten für verschiedene Magazine folgten in rascher Folge. Bloch zeigte sich versierter und schneller Handwerker, der für viele Genres schreiben konnte. 1947 erschien „The Scarf“, Blochs Romandebüt, die Geschichte eines Psychopathen. Der Blick auf oder besser in die Hirne von geistesgestörten Serienmördern wurde zu einer besonderen „Spezialität“ des Schriftstellers. 1959 gelang Bloch damit sein wahrer Durchbruch: Norman Bates betrat die Bildfläche in „Psycho“. Das Buch wurde ein Bestseller, Hollywood aufmerksam auf Bloch. Für gerade 9.500 Dollar gingen die Filmrechte an Alfred Hitchcock. „Psycho“, der Film von 1960, wurde nicht nur ein Blockbuster, sondern ein Kultfilm, stilbildend für das Thriller-Genre und ein zeitloses Meisterwerk in seiner düsteren Faszination.

Bloch war berühmt – und im Filmgeschäft. Er zog nach Kalifornien und schrieb für die TV-Serie „Alfred Hitchcock Presents“. Ein bescheidener TV-Erfolg wurde die von Boris Karloff („Frankenstein“) präsentierte „Thriller“-Show (1960), für die Bloch viele seiner eigenen Storys verfilmen lassen konnte. Außerdem verfasste er Drehbücher für Kinofilme wie „The Couch“, ein psychiatrisches Drama, und „The Cabinet of Dr. Caligari“, ein Remake des deutschen Stummfilm-Klassikers (beide 1962).

Am 23. September 1994 ist Robert Bloch im Alter von 77 Jahren gestorben. Er hinterließ ein reiches Werk und das unsterbliche Bonmot: „Trotz meines unappetitlichen Rufes habe ich wirklich das Herz eines kleinen Jungen; ich bewahre es in einem Einweckglas auf meinem Schreibtisch auf.“

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