Zeitschaft

Gregory Benford
Zeitschaft

Originaltitel: Timescape (New York : Simon & Schuster 1980)
Übersetzung: Bernd Holzrichter
Deutsche Erstausgabe: 1984 (Arthur Moewig Verlag/Moewig Science Fiction 3652)
432 S.
ISBN-13: 978-3-8118-3652-5
Neuausgabe: März 1998 (Goldmann Verlag/Goldmann SF-Classics 25045)
479 S.
ISBN-13: 978-3-442-25045-5
Neuausgabe: Juni 2006 (Heyne Verlag/Heyne Meisterwerke der SF 52191)
576 S.
ISBN-13: 978-3-453-52191-9
eBook: März 2009 (Heyne Verlag)
1212 KB
ISBN-13 978-3-641-02424-6

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Das geschieht:

1998 – die Gegenwart: Umweltzerstörungen haben das Klima kippen, die Meere sterben, lebenswichtige Urwälder zu öden Wüsten verkommen lassen. Hungersnöte, Dürren, Seuchen toben. Nach der beruhigend fernen Dritten Welt traf es auch die saturierten Industriestaaten der Nordhalbkugel. Sie haben zu einer Notgemeinschaft zusammengefunden. Der mächtige „Zentralrat“ verwaltet diktatorisch die knapper werdenden Ressourcen, um die erbitterte Verteilungskämpfe toben. Am Ende der langen Schlange von Bittstellern stehen wie zu allen Zeiten die Wissenschaftler. Sie werden von der Öffentlichkeit und wetterwendischen Politikern für die Krise verantwortlich gemacht, von Maschinenstürmern, Ökoterroristen und fundamentalistischen Weltuntergangs-Sekten verfolgt.

Die Physiker John Renfrew und Gregory Markham verfolgen ein Projekt, das ihnen die Unterstützung des Zentralrates sichern wird, wenn es denn gelingt. Sie haben entdeckt, dass überlichtschnelle Tachyonen-Strahlen die Grenzen von Raum und Zeit durchbrechen können. Dies macht es möglich, Botschaften in die Vergangenheit zu morsen. Nur braucht es dazu einen Empfänger und Menschen, die eine Nachricht aus der Zukunft als solche erkennen. Renfrews und Markhams Recherchen haben ergeben, dass im Jahre 1962 bei einem physikalischen Experiment in Kalifornien Geräte zum Einsatz kamen, die modulierte Tachyonen-Strahlung empfangen konnten.

1962 – auch die Gegenwart: Die USA ist ein Wirtschaftswunderland. Die Naturwissenschaften profitieren vom Geldsegen, denn von den Ergebnissen ihrer Forschungen erhofft man sich viel für den Fortschritt. So ärgert sich Gordon Bernstein, Physiker und Assistenzprofessor, höchstens über die Schwierigkeiten bei der Vorbereitung eines Experimentes. Die empfindlichen Geräte empfangen eine Störstrahlung, deren Herkunft sich einfach nicht orten lässt. Bernstein und sein Assistent Cooper meinen Worte und Sätze aus dieser Strahlung lesen zu können, doch damit stehen sie allein. Im Sturm, der die wissenschaftliche Gemeinde erfasst, geht die Botschaft unter. Schlimm trifft es die beiden unglücklichen Forscher, die das Establishment herausgefordert haben, während in der Zukunft langsam die Lichter verlöschen …

Eine zweite, ebenso vergeudete Chance

Würde uns die Chance geboten, noch einmal von vorne anzufangen, könnten wir alles besser machen – oder doch nicht? Der alte Traum, den Karren mit einem Trick aus dem Dreck zu ziehen, statt mühsam selbst Hand anlegen zu müssen, wird auch in der „Zeitschaft“-Parallelwelt von 1998 geträumt. Dies geschieht – in einem Science Fiction-Roman! – ungewöhnlich glaubwürdig. Hier lässt ein Autor nicht in jedem zweiten Satz eine Sonne bersten, weil’s so schön knallt, sondern hat sich bemerkenswerte Mühe gegeben, eine glaubhafte Zukunftswelt zu entwerfen. Das ist ihm ohne Einschränkungen gelungen, obwohl diese Zukunft schon wieder zur Vergangenheit und von der Realität eingeholt wurde.

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„Zeitschaft“ ist ein Monument seiner Zeit, der 80er Jahre des 20. Jahrhunderts. Dies wird besonders in einem Grundton greenpeaciger Hysterie fassbar, die jede achtlos in den Graben geworfene Bierdose als Nagel im Sarg von Mutter Erde deutet. Inzwischen ist das Pendel ein wenig zurückgeschwungen, sind wir entspannter geworden (oder haben resigniert). Das (auch von Benford) angekündigte allgemeine Waldsterben ist nicht eingetreten, das Ozonloch schließt sich hin & wieder, und die Ölvorräte werden reichen, bis alternative Energiequellen sie ersetzen können.

Natürlich gibt es genug neue Sünden, doch nicht der Umweltaspekt lässt „Zeitschaft“ so aktuell erscheinen: Es sind die von Benford klug und unheilvoll realistisch skizzierten Folgen eines zivilisatorischen Super-Gaus, der nicht durch Amok laufende Algen, sondern auch durch eine weltweite Wirtschaftskrise in Gang gesetzt werden kann. Mit bemerkenswerter Scharfsicht beschreibt der Verfasser, wie das soziale Netz der Industriestaaten erst fadenscheinig wird und dann reißt – leise und langsam, dann immer schneller, bis selbst die Politik ihre Vertuschungen und Täuschungen aufgibt und den Notstand ausruft. Sobald die Not den Wohlstand ersetzt, löst sich jede Solidarität auf, ist sich jeder selbst der Nächste.

Ein Sündenbock ist schnell gefunden

Am Ende der Hierarchie stehen wie immer Kultur und Wissenschaft. Benfords Haltung ist unmissverständlich: Diese Welt muss vor die Hunde gehen ohne Forschung, weil sie nichts Neues schaffen, sondern nur Altes ausschlachten kann. Aber im Sozialkampf sind Wissenschaftler selbst in normalen Zeiten der ‚Konkurrenz‘ stets unterlegen. Dies war zu allen Zeiten so; Benford verdeutlicht es, als er überblendet in die vordergründig goldene Vergangenheit der 1960er Jahre. Fortschritt und Technik bedeuten alles in dieser Zeit, die Ressourcen scheinen unerschöpflich, die Möglichkeiten unbegrenzt zu sein. Aber auch unter diesen idealen Voraussetzungen finden die Menschen andere Knüppel, die sie sich zwischen die Beine werfen – das System ist immer stärker.

Letztlich bleibt sich Benford treu: Zumindest in seiner Geschichte setzt sich die Wissenschaft schließlich durch, die Botschaft kommt an, die Vergangenheit und damit die Zukunft ändert sich. Einen Triumph kann man dies allerdings nicht nennen, das befürchtete kitschige Happy-End bleibt aus. Die Zeit lässt sich nicht wirklich besiegen, und wieso dies so ist, macht Benford uns wiederum überzeugend klar.

Wissenschaft als Treibriemen des Fortschritts

Wissenschaftler gelten gemeinhin als weltfremde Eierköpfe, deren Denken und Handeln man nicht versteht, die man deshalb ungern für beides bezahlt und von denen man trotzdem die prompte Lieferung fortschrittlicher Wunder erwartet. Im Film kann man über sie lachen, wenn sie kläglich an den Hürden scheitern, die laut Volkes Stimme als unabdingbare Voraussetzungen vor einem zufriedenen, weil ‚normalen‘ Leben stehen (Raffen, Rempeln, Rammeln), oder sie fürchten, wenn sie – stets des Wahnsinns liebstes Kind – die Welt zerstören möchten.

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Ganz selten wird hinter die Fassade des Elfenbeinturms geschaut. Gregory Benford, der als Physiker selbst zu seinen Bewohnern zählt, gelingt das nur scheinbar Unmögliche. „Zeitschaft“ erzählt nicht nur eine wunderbare Science Fiction-Geschichte, sondern ist auch das Psychogramm einer Zunft, der ganz offensichtlich Menschen wie du und ich angehören, selbst wenn es zu ihrem Arbeitsalltag gehört, Atome zu spalten oder nach dem Urknall zu horchen. Harte Arbeit, Frustration, manchmal ein kleiner Triumph, missliebige Vorgesetzte, Konkurrenzdruck, Neid: Plötzlich kommt einem die Welt der Wissenschaftler recht vertraut vor. Feste Regeln herrschen, Beziehungen sind alles, und es gibt Strömungen, nach denen man sein Fähnchen drehen sollte, um in der Hierarchie voranzukommen.

Der Drang zum Wissen

Aber Benford geht weiter. Ihm ist es wichtig zu zeigen, wie ein echter Wissenschaftler ‚tickt‘, getrieben vom in dieser Intensität dem ‚normalen‘ Zeitgenossen unverständlichen Wunsch zu wissen, der sich zum Drang und durchaus zur Besessenheit steigern kann,  neber der Privatleben und Karriereplanung nebensächlich werden. John Renfrew aus 1998 und Gordon Bernstein aus 1962 mögen zwar dreieinhalb Jahrzehnte trennen, aber sie werden von identischen Motiven getrieben. Sie kennen Ängste und Sorgen, und besonders ausgeprägt ist die Frustration darüber, nicht ungestört forschen zu können, was sie beherrschen, sondern in stetiger Abhängigkeit von denen zu arbeiten, deren oft einzige Fähigkeit darin besteht, Geld zusammenzutragen.

„Zeitschaft“ spricht aber auch unverhohlen die Schattenseiten des hehren Forscherdranges an. Die Wissenschaft bietet unseren Protagonisten ein Hintertürchen, durch das sie sich den Anforderungen eines als anspruchsvoll und schwierig erfahrenen Lebensalltag entziehen können. Probleme mit der Lebensgefährtin, der Familie, den Eltern, den Freunden, mit allen Menschen, die Aufmerksamkeit oder Hilfe einfordern, werden verdrängt, wenn Renfrew und Bernstein nach den Sternen greifen. Benford lässt sie nicht unbedingt gut dastehen oder sympathisch wirken, aber sie werden definitiv menschlich und erreichen als Figuren eine Lebensechte, die in der Science Fiction (leider) immer noch überrascht. „Zeitschaft“ spielt 1998 und liest sich dennoch niemals altmodisch – eine bemerkenswerte Leistung, die Benford selbst in dieser Intensität nicht wieder gelang.

Autor

Gregory Albert Benford wurde 1941 in Mobile im US-Staat Alabama geboren. Der Sohn eines Offiziers studierte Physik an der „University of California“. Auch heute ist er vor allem Wissenschaftler, der quasi als Feierabend-Vergnügen schreibt.

Zur Science Fiction kam Benford früh. Schon 1955 gab er ein Fanzine namens „Void“ heraus. Zehn Jahre später debütierte er als Autor mit einer Kurzgeschichte, der erste Roman folgte 1970 („Deeper than Darkness“, überarbeitet und erweitert 1978 als „The Stars in Shroud“, dt. „Die Asche des Imperiums“). 1974 wurden Gregory Benford und sein Co-Autor Gordon Eklund für die Erzählung „If the Stars Are Gods“ (dt. „Der Bernsteinmensch“) mit dem “Nebula Award” ausgezeichnet. Aus dieser Story entstand der sechs Bände umfassende, 1995 abgeschlossene „Galactic-Center“-Zyklus.

1980 wurde DAS Benford-Jahr. Dem großartigen Alien-Reißer „Find the Changeling“ (mit Gordon Eklund, dt. „Die Masken des Alien“) und dem Weltuntergangsdrama „Shiva Descending“ (mit William Rotsler, dt. „Schiwas feuriger Atem“) folgte das Meisterwerk „Timescape“. Es wurde nicht nur zum Bestseller, sondern gewann sowohl den „Nebula Award“ als auch den „John W. Campbell Memorial Award“ (und den „Ditmar Award“ und, und, und …).

Diesen Erfolg konnte Benford bisher nicht wiederholen. Nichtsdestotrotz bleibt er einer der wichtigsten Autoren ‚harter‘, d. h. (mehr oder weniger) auf wissenschaftlichen Fakten basierender SF. Dabei ist er vor Fehlschlägen keineswegs gefeit, wie das im Wettlauf mit der Wiederkehr des Halleyschen Kometen verfasste, aber völlig aus dem Ruder gelaufene Garn „In the Heart of the Comet“ (1985 mit David Brin, dt „Im Herzen des Kometen“) und seine Mitautorenschaft (oder Mittäterschaft) an der öden „II. Foundation“-Trilogie („Foundation’s Fear“, 1997, dt. „Der Aufstieg der Foundation“) belegen.

Benford setzte die Reihe seiner grundsoliden SF-Abenteuer in den 90er Jahren fort. Dabei ist er Mahner vor und Kritiker einer allzu offensiven Verteufelung der Wissenschaft geblieben. Sie ist für ihn unabdingbare Voraussetzung für den Fortschritt, für die es trotz aller keineswegs geleugneten Gefahren keine echte Alternativen gibt, und darf daher nicht durch Bürokraten, Krämerseelen und Sparschweine gegängelt und abgewürgt werden.

Website des Verfassers

Copyright © 2010/2016 by Michael Drewniok (md)

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sfbentry

Comments

  1. Sollte es von Gregory Benford tatsächlich einen Roman geben der gut ist und auch richtig gut geschrieben?

    „Cosm“ war nicht schlecht, wissenschaftlich interessant, aber kein Brüller. Und „Im Meer der Nacht“ (Auftakt zu einem 6er-Zyklus) habe ich nach 150 Seiten weggelegt, weil es einfach zu öde war (bis auf den Prolog!).

    Als Physiker hätte er bei mir ja schon einen Bonus-Punkt, aber wie Alistair Reynolds (Astrophysiker; von „Himmelssturz“ war ich enttäuscht) hat er ihn verspielt. Vielleicht versuche ich es mit obigem Werk nochmal. 🙂

  2. Ich habe da auch immer so meine Probleme, wenn Physiker Romane schreiben, sind die wissenschaftlichen Details oft hervorragend, aber die Charakterisierung der Protagonisten läßt fast immer zu wünschen übrig! Es ist halt immer eine Glücksache, beides in einem zu bekommen!

  3. Da stimme ich dir zu.

    Ein schönes Beispiel für einen meiner Meinung nach durch und durch gelungenen Roman ist „Luzifers Hammer“ von Larry Niven (studierte Physik und Mathematik) und Jerry Pournelle (studierte Mathematik, Psychologie und Politikwissenschaften).
    Geht doch 🙂

  4. Ist doch im Grunde nur eine Statistiksache ;-). Es gibt gute und schlechte Romane, egal, ob der Autor Physik studiert hat oder Germanistik oder ob er Journalist ist oder Hausmeister oder was anderes.

  5. Niven und Pournelle sind aber doch mehr Autoren als Wissenschaftler, wenn auch wissenschaftlich gebildet, letztere ist ja hauptsächlich Waffennarr, was man den Romanen, an denen er mitgewirkt hat, auch anmerkt, wie ich finde!

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