Zug der Verdammten

Clifton Adams
Zug der Verdammten

Originaltitel: The Dangerous Days of Kiowa Jones (Garden City/New York : Doubleday 1963)
Übersetzung: Hans-Ulrich Nichau
Deutsche Erstausgabe: 1969 (Wilhelm Goldmann Verlag/Goldmann Abenteuer Taschenbücher A 29)
153 S.
[keine ISBN]

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Das geschieht:

Kiowa Jones ist ein Herumtreiber, mehr Weidearbeiter als Cowboy, und verdingt sich dort, wo er einige Dollar verdienen kann, bevor ihn die Unrast wieder weiterziehen lässt. Verantwortung hat er bisher tunlichst nicht übernommen, doch dieses Mal lassen ihm die Umstände keine Wahl: Bei einem einsamen Ritt durch das Indianerterritorium (aus dem später der US-Staat Oklahoma wurde) findet er den sterbenskranken Marshal Chote Duncan, der drei Schwerverbrecher nach Fort Smith bringen wollte, wo sie vor das Gericht des berüchtigten „Hängerichters“ Isaac Parker gestellt werden sollen.

Chote lässt sich vom widerstrebenden Jones versprechen, dass dieser seine Gefangenen übernimmt. Milo Preston, der Whiskyschmuggler, stirbt kurz nach dem Marshal, aber Bobby Jack Wilkes, der neurotische Killer, und Lewi „Skoda“ Skodaschinski, der melancholische Frauenmörder, bleiben Jones erhalten. Während Skoda sich in sein Schicksal ergeben hat, erweist sich Wilkes als gefährlicher Zeitgenosse. Der junge Mann hat nichts mehr zu verlieren und wird auf jeden Fall einen Fluchtversuch unternehmen. Darüber hinaus ist ein Kopfgeld in Höhe von 1000 Dollar ausgesetzt, das sich viele Desperados gern verdienen und einen störenden Gefangenenwärter ohne Gewissensbisse ausschalten würden. Obendrein hat Wilkes nie ein Geheimnis daraus gemacht, dass er denjenigen, der ihn befreit, mit 2000 Dollar entlohnen will.

Was dies bedeutet, erfährt Kiowa Jones rasch. Kopfjäger setzen sich auf seine Fährte. Auch die Angehörigen einiger Opfer von Wilkes haben erfahren, dass der Killer ihren Weg kreuzt, und machen sich rachedurstig auf den Weg. Jones muss lernen, wie er sich seiner Haut wehren und den Weg nach Fort Smith trotzdem fortsetzen kann. Selbst mit der tatkräftigen Unterstützung der nicht mehr ganz jungen Lehrerin Amilia Rathmore sowie des verschrobenen Henkers Rupe Dobie, die beide zu Kiowas seltsamer Truppe stoßen, ist es fraglich, ob der „Zug der Verdammten“ sein Ziel erreichen wird …

Missionsziel Galgen

Keine gute Tat bleibt ungestraft – dieser schöne Spruch könnte dem „Zug der Verdammten“ als Motto gelten. Ein naiver Mann, der es im Grunde besser weiß, mischt sich in Dinge, die ihn nichts angehen und überfordern. Er stellt sich der Herausforderung und besteht sie, aber der Preis, den er zahlt, ist hoch: Er verliert seinen Seelenfrieden.

Die bittere Ironie, mit der Clifton Adams diese Geschichte würzt, liegt darin, dass Kiowa Jones letztlich getan hat, was die Gesellschaft von ihm erwartet. Die ‚Belohnung‘ für den Transport zweier Verbrecher zum Galgen, für das Töten derer, die dies verhindern wollten, für schwere Verletzungen und Seelenqualen besteht in einem ‚neuen‘ Leben, das sich auf ein schmutziges Kopfgeld gründet. Kiowa Jones wollte es nicht annehmen, aber seine zukünftige Gattin, die für brotlose Grundsätze kein Verständnis hat, bringt ihn zum Einlenken – es wird nicht das letzte Mal sein.

Adams erzählt seine Geschichte sehr einfach. Der „Zug der Verdammten“ bewegt sich von A nach B, während Kopfgeldjäger, Vigilanten, Banditen und ein Sturm für unliebsame Reiseunterbrechungen sorgen. Jedes Ereignis folgt auf das andere, fast didaktisch mutet diese Struktur an, denn jedes Mal gilt es für Kiowa Jones eine neue Lektion zu lernen.

Diese Lektionen fließen in der Erkenntnis zusammen, dass der alte, ungezähmte Westen in den letzten Zügen liegt. Es gibt kaum noch weiße Flecken auf der Landkarte der USA, die großen Ranches werden parzelliert und eingezäunt, die Zivilisation breitet sich aus. Das dem so ist, verdankt die Wilde Westen u. a. Männern wie Isaac Parker (1838-1896), der eine reale Figur der Zeitgeschichte ist. Zwischen 1875 und 1896 stand er als Richter für den westlichen Distrikt von Arkansas dem „Gericht der Verdammten“ vor, das auch für das riesige Indianerterritorium zuständig war. (Da in diesem Roman mehrfach vom „alten Richter Parker“ gesprochen wird und der Staat Oklahoma im März 1889 gegründet wurde, findet der „Zug der Verdammten“ übrigens wohl um 1885 statt.)

Ein Mann wird erwachsen – aber nicht glücklich

„The Dangerous Days of Kiowa Jones“ lautet der Originaltitel dieses Romans. Der Verfasser hat ihn mit gutem Grund gewählt, ist doch der „Zug der Verdammten“ nach Fort Smith eigentlich von untergeordneter Bedeutung. Die Handlung ist spannend, aber vor allem geht es um diesen Kiowa Jones, der binnen kurzer Zeit auf die ganz harte Tour erwachsen werden muss. Bisher hat er, der Repräsentant eines älteren Westens, sich davor gedrückt und sich durch sein Leben treiben lassen. Doch Jones wird älter; dunkel ist ihm bewusst, dass sich die Dinge ändern und seine Tage als Cowboy gezählt sind. Noch verdrängt er diese Erkenntnis und scheut die Konsequenzen, die er daraus ziehen müsste, als das Schicksal ihm die Entscheidung abnimmt: Marshal Duncan appelliert an Kiowas Ehre und hat damit dessen einzigen Schwachpunkt gefunden.

Was es bedeutet, die letzte Bitte eines Sterbenden zu erfüllen, war dem Cowboy nicht klar. In den nächsten Tagen wird Kiowa Jones mehrere Menschen töten, selbst in Lebensgefahr geraten und das Böse im Menschen in seinen vielen Schattierungen kennen lernen. Außerdem wird er heiraten, eine Farm gründen und sesshaft werden. Aus Kiowa Jones wird ein neuer Mensch, doch Clifton Adams lässt offen, ob dies ein ‚besserer‘ oder glücklicherer Mensch sein wird.

Romantik wird überbewertet

Amilia Rathmore übernimmt die in einem Western meist undankbare weibliche Hauptrolle. Die Frauen des Wilden Westens wurden zumindest in Literatur und Film in der Regel vor Indianern, Banditen oder Wirbelstürmen gerettet und anschließend geheiratet. Auch Amilia wird letzteres geschehen, doch hat sie selbst energisch darauf hingesteuert. Zwischen Kiowa und Amilia herrscht keineswegs Liebe auf den ersten Blick. Viel nüchternes Kalkül ist dabei. Amilia ist unverheiratet und gilt mit ihren 32 Jahren als „alte Jungfer“, ein Schicksal, mit dem sie sich nur mühsam abgefunden hat. In Kiowa Jones sieht sie ihre letzte Chance auf Ehe und Familie.

Er gibt schließlich nach, so muss man es wohl nennen, doch es spielt definitiv das Unwissen darum mit, welche Eigenschaften eine Lebensgefährtin eigentlich mitbringen muss – Jones hat in seinem unsteten Leben nie eine echte Beziehung gehabt. So muss man das glückliche Ende wohl mit einem Fragezeichen versehen.

Böse Menschen mit interessanten Seiten

Bobby Jack Wilkes ist ebenfalls ein Außenseiter, doch er hat sich seine Rolle bewusst gewählt, als er sein einziges Talent entdeckte: Wilkes ist der geborene Killer. Er sieht aus wie ein Chorknabe und ist im Grunde Kind geblieben – ein Kind freilich, das es liebt Fliegen die Flügel auszureißen. Was an Kiowa Jones ‚gut‘ ist, spiegelt sich negativ in Wilkes, der brutal ist, wenn er sich in der Oberhand sieht, und schamlos um Hilfe fleht, wenn er in der Falle steckt. Nur auf seinen Vorteil bedacht, wird Wilkes lügen, rauben und töten. So ist er, so bleibt er; am Ende hat er rein gar nichts dazugelernt.

„Skoda“ ist eine zwiespältige Figur. Er stammt aus einer Zigeunersippe und wirkt fremd in seiner fast aggressiven Ergebung an das Schicksal. Skoda flieht nicht, stattdessen hilft er mit Kiowa sogar dem Mann, der ihn seinem Henker ausliefern wird. Doch Skoda hat im Zorn getötet und hat sich anders als Wilkes entschlossen, die Strafe auf sich zu nehmen. In seiner stoischen Art gleicht er den indianischen Einwohnern des Landes – ein Vergleich, den Verfasser Adams selbst zieht.

Ein wenig Humor bringt Rupe Dobie als gemütvoller Henker ins Spiel, der seinen Job über alles liebt. Adams schöpft aus dem reichen Fundus schwarzhumoriger Henkerwitze, ohne dabei in plumpen Klamauk zu verfallen. Zudem lässt er immer wieder durchscheinen, dass Dobie ein Besessener ist, der mit verdächtiger Freude seiner Arbeit nachgeht. (Eine Rupe Dobie hat es übrigens nicht gegeben, einen „Oberhenker“ für Richter Parker schon: Adams hat Dobie offensichtlich nach dem Vorbild des realen George Maledon geschaffen, der in der Tat mit einem „Mehrfachgalgen“ arbeitete, an dem er gleich sechs Strolche gleichzeitig hängen konnte.)

Der Film zum Buch

„The Dangerous Days of Kiowa Jones“ wurde 1966 unter der Regie von Alex Marsh als Fernsehfilm in Szene gesetzt. Die Titelrolle spielte Robert Horton, ein Hollywood-Routine-Darsteller ohne Starappeal, der in den 1950er und 60er Jahren gern in TV-Western eingesetzt wurde. (Immerhin wurde er beim „16th Annual Bison Homes Festival“ in Phoenix, Arizona, 2006 mit einem „Cowboy Spirit Award“ aufgezeichnet, weil er die Integrität, die Geistesstärke und die Moral des amerikanischen Cowboys vorbildlich verkörpert habe …) Mit Sal Mineo (Bobby Jack Wilkes), Diane Baker (Amilia Rathmore) und Nehemiah Persoff (Skoda) war dieser wenig spektakuläre Streifen immerhin in den Nebenrollen recht prominent besetzt.

Autor

Clifton Adams wurde 1919 in Comanche, Oklahoma, geboren. Ein Studienversuch an der University of Oklahoma Business School in Norman folgte bald die Erkenntnis, dass sich Adams lieber als professioneller Schriftsteller versuchen wollte. Der II. Weltkrieg, eine Ehe und die Gründung einer Familie ließen ihn jedoch davon Abstand nehmen, bis er es ab 1950 erneut und ernsthaft mit dem Schreiben versuchte.

Adams verfasste Western, die bei Kritik und Publikum gut ankamen. Außerdem schrieb er als „Jonathan Gant“ in den 1950er Jahren einige Kriminalromane. Ein weiteres Pseudonym – wieder für Western – war „Clay Randall“. Adams verfasste außerdem 125 Artikel für die „Saturday Evening Post“, das „American Legion Magazine“, „Argosy“ u. a. Publikationen.

Gleich in zwei aufeinander folgenden Jahren (1969 und 1970) wurde Adams der „Spur Award“ der „Western Writers of America“ verliehen. Am 7. Oktober 1971 erlitt der Schriftsteller in San Francisco einen Herzanfall und starb im Alter von nur 52 Jahren.

Copyright © 2011/2016 by Michael Drewniok (md)

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