Als ob nichts geschehen wäre

als-ob-nichts-geschehen-wareJulian Gloag
Als ob nichts geschehen wäre

Our Mother’s House, England 1963
Bastei-Lübbe/Lauscherlounge/Audoba, Hamburg, 08/2009
6 Audio-CDs im Digipack, Hörbuch, Thriller
ISBN 9783785738818
Laufzeit: ca. 480 Min.
Aus dem Englischen von Anja Hegemann
Gekürzte Lesung von Jens Wawrczeck
Titelfoto von Olaf Kreutzenbeck

www.lauscherlounge.de/

In einem alten viktorianischen Haus in England leben sieben Kinder mit ihrer kranken Mutter, nur unterstützt durch eine neugierige Nachbarin. Eines Tages stirbt die Mutter, und die Kinder begraben sie bei Nacht und Nebel im Garten. In einem kleinen Schuppen errichten sie einen kleinen Tempel für die Verstorbene und bitten in ihrem Namen die Haushälterin, zunächst nicht wiederzukommen. Entrüstet verlässt die Nachbarin das Anwesen, und die Kinder leben weiter, so als ob nichts geschehen wäre. Doch dann machen Streitigkeiten die mühsam aufrechterhaltene Idylle zunichte, und bald wächst den Kindern ihre Scharade über den Kopf. Verzweifelt schickt eines der Kinder einen Brief an den Vater, der sich seit Jahren nicht hat blicken lassen. Tatsächlich erscheint wenige Wochen später Charlie Hook und beginnt, sich um die verwaisten Kinder zu kümmern. Anfangs scheint alles wieder in bester Ordnung zu sein, doch dann zeigt Charlie Hook sein wahres Gesicht …

„Als ob nichts geschehen wäre“ gehört zu dem neuen Label ‚Audoba’, in dem der Sprecher, Jens Wawrczeck, ältere, in Vergessenheit geratene Werke der Literatur als Hörbuch neu auflegt. Der Roman wurde 1963 von Julian Gloag unter dem Titel „Our Mother’s House“ geschrieben und 1967 verfilmt. Derzeit ist das Buch lediglich in Antiquariaten oder auf Flohmärkten zu finden. Zu unrecht, wie man nach dem Hören dieser Lauscherlounge-Produktion weiß. Jens Wawrczeck legt sein ‚Peter Shaw’-Image, aus der Hörspielserie „Die drei Fragezeichen“, endgültig ab und erweckt das beklemmende Kammerspiel zu düsterem Leben. Ob als Kinderstimme, oder als gönnerhafter Vaterersatz, Wawrczeck bleibt immer glaubhaft und authentisch in der Interpretation der unterschiedlichen Charaktere. Fulminant auch sein Auftritt als neugierige Nachbarin und selbsternannte Haushälterin. „Als ob nichts geschehen wäre“ ist keine reine Lesung, sondern ein One Man-Hörspiel, in dem der Sprecher zum Schluss auch sein Gesangstalent eindrucksvoll unter Beweis stellt.

Die Geschichte unterteilt sich in mehrere Kapitel, entsprechend den Jahreszeiten, die die Kinder ohne den Beistand der kranken Mutter verbringen müssen. Julian Gloag schuf eine unheimliche, beängstigende Geschichte, in der sich sieben Kinder allein in der Welt der Erwachsenen behaupten müssen. Die Story erreicht eine Intensität, die an Klassiker, wie „Der Herr der Fliegen“ erinnert. Besonders schaurig wurden dabei die Szenen im „Tempel der Mutter“ beschrieben, die von Jens Wawrczeck kongenial dargestellt wurden. Trotz des übersichtlichen Schauplatzes wird die leicht gekürzte Lesung, die immerhin noch 480 Minuten dauert, nie langweilig. Zu eindringlich und packend schildert Gloag die Ereignisse um die sieben Kinder, die in ihren Persönlichkeiten unterschiedlich weit entwickelt sind und erst in der Gemeinschaft alle Ängste und Befürchtungen bewältigen können. Die Naivität, mit der die jungen Menschen ihren Alltag meistern, birgt eine ungeheure Faszination, und doch ist das Durchsetzungsvermögen der Kinder gegen die Welt der Erwachsenen von erschreckender Kompromisslosigkeit geprägt.

Am Ende singt Jens Wawrczeck das Lied „Sleepy Baby“, das perfekt zu der Atmosphäre der Geschichte passt und einen stimmigen Abschluss des Hörvergnügens bildet. Die 6 CDs stecken in einem schön gestalteten Digipack, das beim Aufklappen eine Aufnahme der Verfilmung aus dem Jahre 1967 zeigt. Des Weiteren findet der interessierte Hörer ein Vorwort des Sprechers zu dessen Intention, weshalb er ausgerechnet diese Geschichte vertont hat. Das gibt der Ausstattung eine persönliche, besondere Note. Das Cover-Foto ist zunächst eher nichts sagend, sollte aber vom Erwerb dieses akustischen Meisterwerkes nicht abhalten. Jens Wawrczeck macht aus dem beklemmenden Kammerspiel des englischen Schriftstellers Julian Gloag ein exorbitantes Hörerlebnis, das in keiner Sammlung fehlen sollte. Sieben Kinder behaupten sich mit erschreckender Kompromisslosigkeit gegen die Welt der Erwachsenen.

Copyright © 2010 by Florian Hilleberg (FH)

Titel erhältlich bei: Buch24.de
Titel erhältlich bei: Booklooker.de

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.