15 Meilen

Rob Scott
15 Meilen

(sfbentry)
Originaltitel: 15 Miles (London : Victor Gollancz Ltd./Orion Publishing Group 2010)
Übersetzung: Andreas Brandhorst
Deutsche Erstausgabe: April 2011 (Wilhelm Heyne Verlag/TB 52740)
527 S.
ISBN-13: 978-3-453-52740-9

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Das geschieht:

Samuel Doyle, Polizeibeamter in Richmond im US-Staat Virginia, ist ein Getriebener: Er trinkt, ist tablettensüchtig und betrügt seine Ehefrau, die ihm gerade das zweite Kind geboren hat. Dass man Doyle gerade zur Mordkommission versetzt hat, erhöht seinen Stress, zumal dem unerfahrenen Ermittler als erster Fall die Klärung eines bizarren Geschehnisses übertragen wird: 15 Meilen vor den Toren der Stadt wurden auf einer einsamen und völlig verwahrlosten Farm zwei Leichen entdeckt. Captain Carl James Bruckner gehörte einst zum US-Marine Corps und zeichnete sich im Vietnamkrieg durch besondere Tapferkeit aus. Mit seiner Ehefrau Claire und der geistig behinderten Tochter Molly lebte er seit Jahren völlig zurückgezogen. Nachbarn gibt es nicht, niemand weiß, welche Tragödie sich auf dem Hof abgespielt hat.

Mit den beiden älteren Bruckners starben ihr Vieh und ihre Haustiere, deren Kadaver überall im Haus und in den Stallungen ausliegen. Claires Leiche wurde in Katzenstreu mumifiziert. Karls Körper steckt in einer Truhe; aus seinen Schultern wurden Fleischstücke geschnitten. Molly ist spurlos verschwunden.

Was ist hier geschehen? Doyle, der alles richtig machen will, gerät ins Schwimmen. Die Indiziendecke ist dünn, erste Untersuchungsergebnisse deuten Ungeheuerliches an: Offenbar war Bruckner in Vietnam an einen schlecht geplanten Einsatz beteiligt, der den meisten Kameraden das Leben kostete. Die Schuldigen wurden nie zur Rechenschaft gezogen. Einer von ihnen stellt sich in Richmond als zukünftiger Präsident der USA vor. Wollte sich Bruckner rächen?

Als klar ist, was die Farmtiere umbrachte, bricht Panik aus. Alles deutet darauf hin, dass Molly ahnungslos weiterhin versucht, das Attentat durchzuführen. Nur Doyle ahnt die wesentlich gefährlichere Wahrheit, aber auch ihn hat inzwischen erwischt, was auf der Bruckner-Farm umgeht …

Die tausend Tücken des Objekts

Diese Rezension ist ein Drahtseilakt: Eigentlich lässt sie sich überhaupt nicht schreiben, ohne die Katze beim Namen zu nennen, die Autor Scott schließlich aus dem Sack lässt. Er entfesselt keinen Geisterspuk, weder Zombies noch (Gott bewahre!) Vampire geistern durch die hochsommerlichen Sümpfe von Virginia. „15 Meilen“ erzählt stattdessen die Geschichte eines ‚realen‘ Horrors, der seinen Weg in eine unvorbereitete und entsetzte Menschenwelt findet.

Insofern führt der Klappentext, der in das Versprechen „Gänsehaus garantiert – Rob Scott ist der neue Star des Horrorgenres!“ mündet, den Leser in eine gänzlich falsche Richtung. Andererseits ignoriert der erfahrene, weil durch böse Erfahrung klug gewordene Leser Klappentexte ohnehin; sie werden heute in der Regel von Knechten der Werbe-Branche geschrieben, die das Buch dazu höchstens überflogen haben.

Ohne solchen Dummsprech kann sich der Leser viel unbefangener auf einen tatsächlich etwas anderen Horror-Roman einlassen. „15 Meilen“ bietet Mystery-Grusel, wie ihn Michael Crichton selig oder das erfolgreiche Duo Preston & Child liefer(te)n: Scott entwirft ein Rätsel an der Grenze zum Absurden bzw. zum Übernatürlichen, das er nach und nach und möglichst spannend auflöst. Das Wirken jenseitiger Mächte wird dabei als Verkettung jederzeit erklärbarer Ereignisse geschildert.

Die Kunst besteht darin, den Leser dadurch nicht zu enttäuschen, sondern im Gegenteil zu faszinieren. Dies ist durchaus möglich, wenn der Rätsel Lösungen überraschen können und der Weg bis dahin spannend ist. Beide Hürden kann Scott nehmen.

Auf Nummer Sicher gehen – und es übertreiben

„15 Meilen“ ist Scotts erster Solo-Roman. Dies lässt verstehen, dass er es richtig machen und auf Nummer Sicher gehen wollte. Auf keinen Fall sollte diese Geschichte simple Horror-Action werden. Scott ist ehrgeizig. „15 Meilen“ soll nicht nur spannend und gruselig sein, sondern auch Tiefgang bieten.

Diesen verbindet der Autor mit seiner Hauptfigur. Schon in der Inhaltsbeschreibung wurden einige der Bürden aufgezählt, die auf „Sailor“ Doyles Schultern lasten. Obwohl dies mehr als genug Stoff für den Entwurf einer interessant gebrochenen Existenz sein dürfte, ist die Liste keinesfalls vollständig. Weitere seelische Altlasten brechen über den armen Doyle herein, der ohnehin die meiste Zeit damit beschäftigt ist, den endgültigen Einsturz seines maroden Privatlebens aufzuhalten.

Es überrascht kaum, dass Scott es übertreibt, zumal er einen unguten Hang zum Exkurs hat. So reicht es ihm nicht, Doyle mit einer tragisch verunglückten Schwester zu schlagen. Wo die Erwähnung der Tatsache und der daraus resultierenden psychischen Probleme gereicht hätte, lässt Scott Marie in zwei Rückblenden quasi auferstehen. Ihr Schicksal hat mit der eigentlichen Handlung nichts zu tun und lässt gleichgültig. Wenn der Leser dies bemerkt, reagiert er gereizt, zumal uns Scott noch auf weitere nutzlose Abwege führt.

Detective Doyle: Schmerzensmann oder Idiot?

Schon die Einleitung ist durchaus eine Zumutung: 41 Seiten sitzen Doyle und seine Kollegen in einer Kneipe und saufen. Was in Doyles Welt einführen soll, gerinnt so zur Abfolge von Wiederholungen. Viel effektiver wäre es gewesen, in die Handlung einzusteigen und Doyles Probleme und Dämonen nach und nach einfließen zu lassen, zumal seine Schwierigkeiten mit dem Geschehen nur am Rande oder gar nicht zu tun haben.

So funktioniert es jedenfalls nicht: Doyle dröhnt und schüttet sich zu, bleibt dabei jedoch als Fahnder stets am Ball. Der Fall wird gelöst, obwohl die nörgelnde Gattin, die unzufriedene Geliebte, die tote Schwester, der lästige Vorgesetzte, die verlockend hübsche neue Kollegin und andere Hindernisse sich in Doyles Hosenboden verbeißen.

Solche künstlichen Verwicklungen sind im Grunde überflüssig. Der Detective mag unerfahren sein, aber er kann seinen Job. Wenn wir ihn bei seiner Polizei-Arbeit beobachten, kommt „15 Meilen“ endlich in Schwung. Selbst Sohn eines Polizisten und auch mit der Kulisse Virginia vertraut, versteht es Scott, die Ermittlungen anschaulich darzustellen.

Das Finale ist ambivalent: Einerseits schildert Scott eine spannende Jagd auf Leben & Tod, während er andererseits seinen Helden dabei mit Rauschgift und Medikamenten vollpumpt, an einer tödlichen Krankheit leiden, von gleich mehreren Giftschlangen beißen, einem religiösen Irren in die Arme laufen sowie sich anschießen und von einer Brücke stürzen lässt. Jedes Mal, wenn es ihn trifft, beteuert Doyle glaubhaft, am Ende zu sein, und taumelt doch dem nächsten Desaster und der Auflösung jeglicher Glaubwürdigkeit entgegen.

CSI-Ekel ist steigerbar

In seinem Element ist Scott, wenn er den zentralen Ort des Geschehens nicht einfach beschreibt, sondern zelebriert. Die Bruckner-Farm wird zur Stätte eines Grauens, das umso stärker wirkt, weil es vor allem im Menschenhirn nistet. Zwar sorgt die Natur in ihrer evolutionären Gleichgültigkeit für Tod, Hitze, Fliegen und Fäulnis, doch an den wirklich finsteren Ereignissen ist sie unschuldig.

Was sich im Haus der Bruckners abgespielte, ist dabei so traurig, lächerlich und bizarr wie das wahre Leben. Die Ereignisse liefen dort ohne das spätere Grauen bereits aus dem Ruder. Bis dies offenbart und schlüssig beschrieben wird, wirft Scott leider erneut seine Nebelkerzen und führt den inzwischen längst misstrauisch gewordenen Leser nicht elegant in die Irre, sondern packt ihn am Schlafittchen und zerrt ihn dorthin.

Sollte es Scott gelingen, seinen Hang zum Aus- und Abschweifen zu bändigen oder durch eine energische Redaktion kontrollieren zu lassen, dürften seine nächsten Romane deutlich besser geraten. Wie dies aussehen könnte, lässt sich einfach vorstellen: „15 Meilen“ minus 200 Seiten ergäben ein Grusel-Garn, das dem pompösen Klappentext wesentlich besser entspräche!

Autor

Robert Scott (geb. 1968 in New York) studierte zunächst Musik. Sein Instrument war die Gitarre, mit der er sich als Künstler seinen Lebensunterhalt verdiente, bevor er ein Studium der Erziehungswissenschaften anschloss.

Schriftsteller wurde Scott, nachdem er in seinem Schwiegervater Jay Gordon ebenfalls einen Liebhaber epischer Fantasy entdeckte. Sie beschlossen, eine eigene Serie zu schreiben. Aus diesem Plan entwickelte sich nach mehrjähriger Vorbereitung der Eldarn-Zyklus, der als Trilogie endete, als Gordon 2005 einer schweren Krankheit erlag.

Als „Rob Scott“ veröffentlichte Scott 2010 seinen ersten Solo-Roman und wechselte dabei von der Fantasy zum Horror. In diesem Genre hatte er seit 1985 diverse Kurzgeschichten veröffentlicht. Hauptberuflich arbeitet Scott heute als Direktor einer Schule im US-Staat Virginia, wo er mit seiner Familie lebt.

[md]

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