616 – Die Hölle ist überall

David Zurdo/Ángel Gutiérrez
616 – Die Hölle ist überall

Originaltitel: 616 – Todo es infierno (Barcelona : Plaza & Janés Editores 2007)
Übersetzung: Alice Jakubeit
Deutsche Erstausgabe: April 2008 (Knaur Verlag/Paperback Nr. 66316)
408 S.
ISBN-13: 978-3-426-66316-5
Neuausgabe: September 2009 (Knaur Verlag/TB Nr. 63898)
408 S.
ISBN-13: 978-3-426-63898-9

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Das geschieht:

Teufel, Teufel! Irgendetwas rührt sich im Jenseits, und es riecht verdächtig nach Schwefel! Definitiv gläubige Christen, die es bei Unfällen oder auf dem OP-Tisch beinahe dahinraffte, berichten nach ihrer Rückkehr ins Leben nicht vom berühmten weißen Licht und der freundlich winkenden Oma, sondern von Feuer, Schreien und anderen Unerfreulichkeiten, die man gemeinhin mit der Hölle assoziiert.

Das klingt nach einem Fall für Jesuitenpater Albert Cloister, Mitglied der „Wölfe Gottes“, einer geheimen Geheimorganisation, die im Auftrag des HERRN (aber nicht unbedingt des Papstes) auf der ganzen Welt übernatürlichen Auffälligkeiten hinterher forscht! Cloister findet denn auch manches Indiz dafür, dass Satan energisch an einer Expansion seines Territoriums arbeitet. Wenn es nur jemanden gäbe, der im Jenseits nach dem Rechten sehen, zurückkehren und berichten könnte …

Noch kennt Pater Cloister Audrey Barrett nicht, die in New York als Therapeutin tätig ist. Zu ihren Patienten gehört neuerdings der alte Gärtner Joseph, der von wüsten Visionen geplagt wird, die sich – wäre Audrey nicht Wissenschaftlerin – als Blicke ins Jenseits deuten ließen, wo es (s. o.) merkwürdig zugeht …

Unabhängig voneinander kommt man zu den Schluss, der Sache vorsichtshalber nachzugehen. Satan, der anscheinend sonst nichts Wichtiges zu tun hat, mischt sich mit kryptischen Hinweisen ein und schickt vor allem Pater Cloister auf eine Schnitzeljagd rund um die Welt. Die endet in einer einsamen Höhle im Heiligen Land und mit dem Fund einer Schrift, die eine ganz fürchterliche Wahrheit für alle frommen Christen konserviert …

In der Hölle des Trash-Entertainments

Wer weiß, was „Hölle“ bedeutet? Schenkt man dem Autorenduo Zurdo & Gutiérrez Glauben, dann sitzt an einem unbequemen Ort tatsächlich der Teufel, der die Welt in die Realversion einer fundamentalkatholischen Kinderbibel zu verwandeln sucht. Der aufgeklärte Leser weiß indessen bald, dass die wahre Verdammnis ein Ort ist, an dem man auf ewig Bücher wie „616 – Die Hölle ist überall“ lesen muss.

Einen „gnadenlos spannenden Mysterythriller aus dem Land der Inquisition“ preist die Verlagswerbung ebenso geschmacklos wie marktschreierisch dieses Buch an, das von der zahlenden Leserschaft als x-ter Dan-Brown-Klon erkannt und beachtet werden soll. Tatsächlich gibt es ein Publikum für solche seichten Munkelmann-Mysterien, die kirchliche Ränken, unterdrückte Geheimnisse und umher tappende Schrecken bieten – je mehr & grobschlächtiger, desto besser!

Subtilität kann man dem Autorenduo wahrhaftig nicht vorwerfen. Unendlich ziehen sie ihren Teufelsspuk in die Länge, während sogar der dümmste Leser längst begriffen hat, worum es geht: Beelzebub ante portas! Irgendwie hat der Herr der Fliegen es geschafft, seine Macht über die Grenzen der Hölle hinaus zu erweitern. Jetzt ist diese überall, wie schon der deutsche Titel es herausschreit.

Unterhaltung ist mehr, als den Leser zu ärgern

Na und? Das ist leider des Lesers Reaktion, denn höchstens den naiv frommen Zeitgenossen dürfte dieser Einfall erschauern lassen. Zurdo & Gutiérrez schreiben offenbar für jene, die ‚ihre‘ Bibel Wort für Wort für bare Münze nehmen. Wer dem nicht folgen kann oder mag, nimmt staunend oder gelangweilt zur Kenntnis, welch‘ angestaubten Mummenschanzes sich das Autorenduo bedient. Verborgene Geheimnisse, Symbole und Zahlenspielereien, Unheil verkündete Bibelstellen; auch der uralte Weise gibt sich die Ehre mit dumpfen Andeutungen, statt einfach Klartext zu reden.

Und die „Wölfe Gottes“ … nein, die Existenz einer solchen Gruppe hat sogar die Kirche nicht verdient: „In den neunziger Jahren berieten ehemalige Mitglieder der Wölfe die Produktionsgesellschaft von ‚Akte X‘, allerdings strikt privat. Mehrere Fälle der Serie waren – wenn auch nach entsprechender Bearbeitung- echten Nachforschungen der Wölfe, nicht des FBI, entnommen.“ (S. 82) Es müssen Episoden der letzten Staffeln gewesen sein, die eine einst gute Serie im traurigen Niedergang zeigten …

Nun gibt es Schriftsteller, die es verstehen, diese an sich klassischen Mystery-Elemente mit spannendem Leben zu erfüllen. Zurdo & Gutiérrez gehören nicht zu ihnen. Nicht einmal die eigene Storyline halten die Autoren fest in den Händen. Die Handlung schlägt merkwürdige und schwer verständliche Falten. Es brennt gleich mehrfach (Feuer = Teufelswerk!), ein Kinderschänder treibt sein Unwesen; zum zentralen Geschehen wollen sich diese und andere Nebengeschichten nicht fügen.

Unheilig ‚gekrönt‘ wird das Spektakel durch ein Finale, das es an Hosianna-Kitsch und Einfalt nicht fehlen lässt. Sämtliche Register ungenierten Erlösungs-Kitsches werden gezogen, bis das Maß übervoll ist. Das Ende ist happy, der Leser ist es nicht.

Dümmlinge für ein flaues Machwerk

Mehrdimensionalität ist ein Zustand, der Autoren wie Zurdo & Gutiérrez offensichtliches Unbehagen bereitet. In ihrem Roman streichen sie ihn deshalb ersatzlos und ersetzen ihn durch absoluten Flachsinn in Sachen Story (s. o.) sowie Figurenzeichnung. Leider ist es gar nicht so selten, dass der Leser moderner Thriller mit Klischee-Gestalten konfrontiert wird. Erneut ist es Dan Brown, der viel zu vielen Möchtegern-Autoren den Weg bereitet hat. Sie lernten aus seinen Reißbrett-Pageturnern vor allem, dass Talent und Tiefe völlig überflüssig für einen Bestseller-Produzenten des 21. Jahrhunderts sind. Tempo, ‚Geheimnisse‘ und scheinbares Hintergrundwissen ersetzen altmodisches schriftstellerisches oder wenigstens handwerkliches Können. Also kopiert man, was seine Publikumswirksamkeit bewiesen hat, und hofft auf das Beste.

Das führt zu Als-ob-Figuren wie Albert Cloister, den Fox Mulder der Katholischen Kirche. Er gehört einer jener Organisationen an, die dieser gern angedichtet werden, weil sich die traditionelle Geheimniskrämerei des Vatikans gut mit angeblichen Geheimnissen verquicken lässt, die jenseits der wissenschaftlichen begründbaren Welt die Gestalt mysteriöser Kreaturen und Dunkel-Orden annehmen, deren Existenz heute höchstens von einigen urbayrischen Dorfpfarrern offen angenommen wird. Damit Cloister so etwas wie ein Profil entwickelt, impft ihm das Autorenduo die üblichen leichten Glaubenszweifel ein, unter denen alle Exorzisten der Unterhaltungsindustrie zuverlässig leiden.

Um dem pseudo-religiösen Gaukelspiel ein wenig Weltlichkeit überzustülpen, bringen Zurdo & Gutiérrez die Psychologin Audrey Barrett ins Spiel; außerdem muss das weibliche Publikum berücksichtigt werden, und auch im Rahmen einer möglichen späteren Verfilmung ist es wichtig, eine Frau als zweite Hauptrolle in petto zu haben. Politisch korrekt ist Audrey zwar hübsch, aber auch klug und, ach, so unglücklich, denn sie hütet ein tragisches Geheimnis in ihrem Busen, das uns selbstverständlich enthüllt wird, ob wir das wollen oder nicht. Wenn die Handlung einsetzt, ist Audrey unbemannt, was ebenfalls wichtig ist, da Seifenoperschaum unbedingt zu einem gutem Rumpel-Thriller gehört!

Ganz allein muss Audrey den Kampf mit Satan freilich nicht aufnehmen – an ihrer Seite steht ein mutiger Feuerwehrmann! Ledig ist er zwar auch, aber schlicht im Geiste und daran als sog. „zweiter Mann“ der Handlung zu erkennen, der für Trostreden, grobe Arbeiten und dumme Fragen zuständig ist und den es meist in der zweiten Hälfte erwischt, was für Betroffenheit sorgen und die scheinbare Aussichtslosigkeit des Ringens mit dem Feind unterstreichen soll. In unserem Fall lassen ihn Zurdo & Gutiérrez einfach aus dem Geschehen verschwinden, was in Ordnung ginge, wäre es nur deutlich früher geschehen!

Teufel zum Totlachen

Luzifer ist so, wie ihn unser Autorenduo gestaltet, eine Witzfigur. Sein ‚Plan‘ zur Neuordnung von Himmel und Jenseits ist an sich monumental. In der Umsetzung kreißt der Berg jedoch und gebiert nur ein Mäuslein. Man sollte annehmen, der Teufel sei ein wenig heller in einer so wichtigen Sache! Stattdessen fädelt Luzifer ein unendlich kompliziertes und an Zufällen und Logiklöchern überreiches Komplott zusammen, das ohne die massive Hilfe von Zurdo & Gutiérrez niemals über das erste Buchkapitel hinauskäme!

Ansonsten benimmt sich Satan, als habe er zu viele schlechte Horrorfilme gesehen. Lachkrampf erzeugende ‚Exorzismen‘ wechseln sich mit konspirativen Treffen an geisterbahnähnlichen Orten ab; wieso hat die Hölle kein Handynetz? Mit solchem Mumpitz vollenden die Autoren ihr trauriges Werk, das von der Hoffnung kündet, sich vom Dan-Brown-Kuchen etwas abzuschneiden.

Autoren

David Zurdo Saiz (geb. 1971) und Ángel Gutierrez Tapia (geb. 1972) sind Wissenschaftsjournalisten, die sich Ende der 1990er Jahre zusammentaten, um Mystery-Thriller zu schreiben, die sich gern um mehr oder weniger rätselhafte Ereignisse der Weltgeschichte ranken. Über ihr Werk informieren sie auf ihrer Website; die Kenntnis der spanischen Sprache ist dabei hilfreich.

Copyright © 2009/2017 by Michael Drewniok (md)

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Der Geisterhügel

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http://buchrezicenter.filmbesprechungen.de/genres/horror/ruckkehr-ins-haus-usher/

sfbentry

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