Acht Teufelseier

Michel Parry (Hg.)
Acht Teufelseier

Originaltitel: The 2nd Mayflower Book of Black Magic Stories (London : Orbit 1974)
Übersetzung: Werner Maibohm
Deutsche Erstausgabe: Dezember 1976 (Erich Pabel Verlag/Vampir-Taschenbuch 42)
Cover: Karel Thole
145 Seiten
[keine ISBN]

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Inhalt:

Herausgeber Parry präsentiert acht Storys über meist schwarze Magie, die in der Regel grausig auf den Verursacher zurückschlägt:

– Philip K. Dick: In der Gewalt der Flammenwesen (Upon the Dull Earth, 1954): Die nur halb geglückte Rettung seiner Geliebten aus einer fremden Dimension beschert der Erde eine Apokalypse der besonders bizarren Art.

– Richard Matheson: Die Hexe mit dem Kindergesicht (The Likeness of Julie, 1962): Er begehrt und missbraucht sie, doch tatsächlich ist sie es, die ihn an ihren Fäden tanzen (und hängen) lässt.

– Clark Ashton Smith: Die Hand vor der Tür (The Return of the Sorcerer, 1931): Selbst Tod, Skalpell und Bandsäge können ihn nicht von seiner Rache abhalten.

– Marjorie Bowen: Der Scharlatan (The Necromancers, 1939): Dass seine magischen Mogeleien plötzlich mörderisch Wirkung zeigen, versetzt einen Betrüger in helle Aufregung.

– Wardon Allan Curtis: Der Todestrank (The Seal of Solomon the Great, 1901): Dummheit und Durst lassen diesen Pechvogel eine Flasche öffnen, die einen gänzlich ungenießbaren Geist beherbergt.

– Frederick Cowles: Tod eines Hexenjägers (The Witch-Finder, 1938): Der fanatische Richter gerät eines Nachts in die Gewalt seiner Opfer, die ihn am eigenen Leib spüren lassen, womit er sie zu Tode brachte.

– Robert E. Howard: Die Stunde der Abrechnung (Dig Me No Grave, 1937): Uralt ist der Hexer geworden, doch jetzt legt ihm sein Meister die Rechnung vor.

– Seabury Quinn: Die Menschenfresser (The Children Of Ubasti, 1929): Blutgierige Mischwesen jagen US-Hausmädchen – ein Fall für Geister-Detektiv Jules de Grandin.

Reichtum & Macht um jeden Preis

Bekanntlich ist es nicht einfach, ganz nach oben zu kommen. Die Konkurrenz ist zahlenstark und findig, und über dem individuellen Talent steht in der Regel der Ellenbogen. Da liegt es nahe, nach Abkürzungen zu suchen. Ideal wäre ein Partner, der an der ersehnten Spitzenposition kein Interesse hat, sondern sich auf die Rolle des Helfers beschränkt.

Während auf dieser Welt solche Förderer eher selten zu finden sind, gibt es im Jenseits jemanden, der förmlich auf entsprechende Hilfegesuche lauert, wenn man dem Volks- und Aberglauben vertraut: Satan und seine dämonischen Kumpane melden sich, sobald man bestimmte Zeremonien veranstaltet, und präsentieren Verträge, die dem Unterzeichnenden Reichtum, Wissen, Macht, ein übernatürlich langes Leben und ähnlich Erfreuliches garantieren. Auch der grausige Tod des verhassten Feindes, der bösen Schwiegermutter oder ähnlich unbeliebter Zeitgenossen kann als Klausel aufgenommen werden. Lästige Einschränkungen auf der Basis von Gesetz oder Moral entfallen dagegen gänzlich, sodass auch für Schurken & Widerlinge das Leben schön wird. Richard Matheson (*1926) zeigt uns beispielsweise eine moderne, absolut skrupelfreie Hexe auf der Höhe ihrer Fähigkeiten, die sich über die Manipulation des schlechten Gewissens ihrer Opfer entledigt.

Der Preis ist immer derselbe: die Seele des teuflisch Begünstigten. Irgendwann ist die Zahlung fällig – und dies der Moment, an dem unserer Hexe oder unserem Magier dämmert, dass sie oder er womöglich einen gar zu hohen Preis zahlen wird. Deshalb handeln viele Geschichten nicht nur von schwarzer Magie, sondern auch von dem Versuch, sich vor ihren Konsequenzen zu drücken. In drastischer Deutlichkeit führt uns Robert E. Howard (1906-1936) die entsprechenden Folgen vor Augen, denn selbstverständlich beharrt das Böse unerbittlich auf Vertragseinhaltung.

Kleine Fehler mit bösen Folgen

Unwissenheit schützt dabei keineswegs vor Strafe. Der durstige Seefahrer in Wardon Allan Curtis‘ (1867-1940) Geschichte mag ein Mistkerl sein, doch was ihm blüht, als er eine nicht mit Alkohol gefüllte Flasche öffnet und dabei ungewollt und mit bemerkenswerten Folgen einen Geist der besonderen (und besonders unbekömmlichen) Sorte freisetzt, hat er so sicherlich nicht verdient. Curtis mischt Grusel mit trockenem Humor und nimmt dem Plot auf diese Weise seine einzig auf den finalen Knalleffekt zielende Eindimensionalität.

Philip K. Dick (1928-1982) schrieb seine Geschichte viele Jahre vor dem Durchbruch zum Meister einer Science Fiction, die meisterhaft um das Konzept einer vielschichtigen, nie wirklich gänzlich erfassbaren Realität kreist. Grundsätzliche Elemente des Dick-Kosmos‘ sind jedoch bereits vorhanden. Was wie eine ‚normale‘ Gruselstory beginnt, endet in der vollständigen Auflösung jener Existenzebene, in der nicht nur die Protagonisten, sondern alle Menschen verankert waren – eine erstaunliche, überraschende und sehr konsequente Auflösung.

Magie birgt Überraschungen

Die zauberisch verstärkte Drehung an der Schicksalsschraube birgt über die finale Begegnung mit dem höllischen Gläubiger weitere Risiken. Clark Ashton Smith (1893-1961) lässt den Teufel außen vor und schildert den Fall zweier Hexenmeister, die ihre schwarze Kunst einsetzen, um einen bizarr entgleisten Streit buchstäblich auf Leben und Tod fortzusetzen. Frederick (Ignatius) Cowles (1900-1949) beschreibt sarkastisch das selbst verschuldete und verdiente Ende eines scheinheiligen ‚Hexenjägers‘, der unter diesem Deckmantel vor allem seinem sadistischen Mordtrieb frönt und selbst am meisten überrascht ist, dass es tatsächlich Hexen gibt.

Dass man als Opfer magischer Umtriebe nicht hilflos ist, verdeutlicht Seabury Quinn (1889-1969) mit einer weiteren Story um Jules de Grandin, den er zwischen 1925 und 1951 mehr als 90 Mal (!) nicht nur Katzenmenschen, sondern auch Vampire, Werwölfe u. a. jenseitiges Gelichter in die Flucht schlagen ließ. Von allen in „Acht Teufelseier“ gesammelten Geschichten repräsentiert „Die Menschenfresser“ den trivialen, geradlinigen „Pulp“-Stil des grellen Magazin-Horrors der Zeit vor dem II. Weltkrieg am deutlichsten.

Die innige Verwandtschaft von Magie und Manipulation veranschaulicht Marjorie Bowen (d. i. Gabrielle Margaret Vere Campbell Long, 1885-1952). Magie ist auch oder sogar vor allem eine Frage des Glaubens. Man muss von ihrer Existenz überzeugt sein, um sie auszuüben. Dies ist auf der Seite des Opfers ebenso erforderlich: Glaube versetzt Berge, Einbildung kann töten. Bowen arbeitet diese Mechanismen sauber heraus. Da es in dieser Geschichte keine ‚echte‘ Magie gibt, kann sie die Ereignisse komödiantisch überspitzen, ohne dadurch die Wirkung der Erzählung zu beeinträchtigen. Im Gegenteil: Der gänzlich zauberfreie, ausschließlich auf menschliche Cleverness bauende Betrug an einem Betrüger wirkt auf diese Weise umso besser.

Böser Zauber: die deutsche Fassung

Wieder einmal fehlen aufgrund der Pabel-typischen Seitennormierung in der Übersetzung mehrere Storys der Originalausgabe sowie das Vorwort des Herausgebers. Verzichten muss der deutsche Leser auf:

– E. F. Benson: Sanctuary (1934)
– Aleister Crowley: The Violinist (1910)
– Edward Bulwer-Lytton: (The Tale of) Kosem Kesamim, the Magician (1833)
– Roland Caine: The Eye of the Beholder (1974)
– Hans Heinz Ewers: Die Spinne (1915)

Allerdings hält sich der Schaden in Grenzen. Schade ist es im Grunde nur um die Erzählung von Benson (1867-1940). Aleister Crowley (1875-1947) hat es wohl vor allem aufgrund seines ‚Ruhmes‘ als Okkultist und „Großes Biest 666“ in diese Sammlung geschafft; seine kurze Story – mehr eine flüchtige Skizze – beeindruckt inhaltlich jedenfalls überhaupt nicht. Dies trifft auch auf den Beitrag Edward Bulwer-Lyttons (1803-1873) zu, der in seinem künstlich altertümelndem Stil vor allem von literaturhistorischem Interesse ist. Der Text lässt sich – auch in Übersetzung – problemlos im Internet finden. Dies trifft auch auf die Erzählung „Die Spinne“ zu, einem ursprünglich deutschsprachigen Text von Hans Heinz Ewers (1871-1943), den Michel Parry in seine Kollektion aufnahm; er lohnt die Lektüre wirklich, während Roland Caine nur Grusel-Routine bietet.

Herausgeber

Michel Patrick Parry (1947-2014) hinterließ seine Spuren im Horror-Genre bereits in frühen Jahren. Anfang der 1970er Jahre schrieb er einige (wenig bemerkenswerte) Romane, zu denen sich diverse Drehbücher gesellten, von denen zwei sogar („The Uncanny“, 1977; dt. „Das Unheimliche“) bzw. leider („Xtro“, 1983; dt. „Xtro – Nicht alle Außerirdischen sind freundlich“) verfilmt wurden.

Nachhaltigen Ruhm gewann Parry als kundiger und eifriger Herausgeber thematisch ausgerichteter Horror- und Science-Fiction-Geschichten. Zwischen 1972 und 1980 erschienen mehr als 33 dieser Anthologien, von denen ein Dutzend ihren Weg – wenn auch gekürzt – nach Deutschland fand.

Seit 1985 gibt Parry keine Storysammlungen mehr heraus, seit 1996 scheint er überhaupt nicht mehr literarisch aktiv zu sein.

Copyright © 2014/2017 by Michael Drewniok (md)

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