Angst

Jack Kilborn
Angst

(sfbentry)
Originaltitel: Afraid (London : Headline 2008/New York : Grand Central Publishing 2009)
Übersetzung: Wally Anker
Deutsche Erstveröffentlichung: Januar 2011 (Heyne Verlag/TB Nr. 52797)
398 S.
ISBN-13: 978-3-453-52797-3

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Das geschieht:

Safe Haven im US-Staat Wisconsin ist ein Städtchen mit 907 Einwohnern. Hier bleibt man gern unter sich. Sheriff Arnold Streng steht kurz vor der Pensionierung und amtiert 40 Fahrminuten entfernt, was dieses Mal von Nachteil ist: Ein Helikopter stürzt in den Wald und hinterlässt scheinbar nur Leichen. Aber noch während Feuerwehr und Sheriff zur Unglücksstelle ausrücken, springen vier böse Männer und eine ebensolche Frau aus dem Wrack: In ihren früheren Leben waren Bernie, Santiago, Taylor, Ajax und Logan sadistische Psychopathen und Serienkiller, die in diversen Gummizellen oder Todeszellen schmorten.

Doch seit die USA im Krieg mit allerlei Schurkenstaaten stehen, sind Gesetze nur noch Makulatur, wo sie mit der gerechten Sache kollidieren. Auf der Suche nach billigen und effizienten Waffen lief unter Leitung von General Tope das streng geheime Militär-Projekt „Red-op“ an: Entbehrliche Lumpen werden hirnmanipuliert und biotechnisch ‚verbessert‘, um hinter feindlichen Linien zu morden, zu vergewaltigen und anderen Schrecken zu säen.

Zu Topes Schrecken wurden seine Zöglinge nun in den USA aktiv. Schleunigst wird Safe Haven von der Außenwelt abgeriegelt, denn nichts darf an die Öffentlichkeit dringen, die nie verstehen will, dass ein Krieg auch Opfer erfordert. „Red-op“-Mediziner Ralph Stubin soll vor Ort die teuren Mordstrolche einfangen. Allerdings kocht er schon lange sein eigenes Terror-Süppchen: Das gruselige Quintett sucht in seinem Auftrag nach Warren Streng, dem Bruder des Sheriffs, der sich als Global-Gangster im Ruhestand in Safe Haven niedergelassen hat und ein lukratives Geheimnis hütet.

Während sich die „Red-op“-Killer durch Safe Haven schlachten, formiert sich Widerstand: Der Sheriff, Feuerwehrmann Josh VanCamp und Kellnerin Fran Stauffer kriegen zwar ständig kräftig aufs Maul, aber US-unverdrossen versuchen sie weiter, der Gerechtigkeit zum Sieg zu verhelfen …

Kein Klischee gerät in Vergessenheit!

Der Weg ist das Ziel, und das heißt bei Jack Kilborn „Unterhaltung“. Anspruch, Originalität oder wenigstens Variation sind Elemente, die in diesem Zusammenhang keine Rolle spielen. Der Verfasser kann uns sogar eine ganze Weile erfolgreich vorgaukeln, dass wir auf sie verzichten bzw. Standards und Stereotypen sie ersetzen können. Also entwirft er eine simple Hit-and-Run-Story, die er mit einschlägigen Szenen und Figurenmustern aus unzähligen Kino- und Fernsehfilmen der Kategorien B und C auskleidet.

Neu stellt er sich einzig der Herausforderung, grausige Folter- und Mord-Schnetzeleien zu ersinnen, die er aber – darin ist er ein Meister (glaubt er) – so be- oder besser umschreibt, dass wirklich erschreckende Details angedeutet bleiben. Dies ist wohl auch besser, denn wird mit aufgeblendeten Scheinwerfern gekillt, wirkt der Schrecken so grotesk, dass er abstrakt wird: Was Santiago mit den unglücklichen Mortons anstellt, ist wesentlich erschreckender als der vor allem logistisch komplizierte Massenmord (wo stapeln wir bloß die vielen Leichen?) an der trickreich zusammengelockten Dorfbürgerschaft.

Zu viele Wiederholungen

„Angst“ benötigt keine Geheimnisse. Wer da im Wald und auf der Heide mörderisch munkelt, wird vom Verfasser en passant erläutert. Die schon erwähnte Unterhaltung soll allein aus dem Katz-und-Maus-Spiel der Guten & Bösen entstehen. Es läuft jedoch durchweg nach dem berüchtigten Schema F ab. Auf der einen Seite verfolgen die fünf „Red-op“-Mutanten ihre Mission. Dass sie dabei stur und einfallsarm vorgehen, kann man nicht ihnen vorwerfen; schließlich wurden ihre Hirne in ferngesteuert bootfähige Festplatten verwandelt, die sie in reine Erfüllungsgehilfen verwandeln.

Auf ihrem Weg zum einprogrammierten Ziel fallen sie wie geplant über die ahnungslosen Bürger von Safe Haven her. Zwar gibt sich Kilborn Mühe (s. o.) und denkt sich diesbezüglich immer neue Gräuel aus, doch es hilft nichts: Nach dem fünften, sechsten oder zehnten Folter-Mord wird’s langweilig. Schlimmer noch: Der Leser beginnt zu grinsen, weil er merkt, wie Kilborn immer stärker aufs Gaspedal tritt, um durch hohes Tempo die ständigen Wiederholungen zu verschleiern.

Diese werden noch wesentlich augenfälliger, sobald sich unsere Helden formieren. Sie haben im Grunde keine Chance, die sie trotzdem wacker nutzen: Kilborn reitet die uralte Moral vom Sieg der Gerechtigkeit. Zwar müssen solche guten Menschen auf dem Weg dorthin tüchtig bluten, dürfen aber ausgleichend auf Seelenfrieden, Erlösung oder wenigstens einen gemeinschaftsnützlichen Tod hoffen.

Zu viele Unwahrscheinlichkeiten

In fachkundiger Dosierung ist dieses Konzept erträglich. Bei Kilborn ist es kontraproduktiv. Lang und breit stellt er uns fünf ohnehin moralfreie Unmenschen vor, die dank Hightech in superstarke, unverwundbare, unüberwindliche Kampfmaschinen verwandelt wurden. Ihre ‚Gegner‘: ein alternder Sheriff, ein überforderter Feuerwehrmann, eine hübsche Kellnerin mit dem Mutterherz einer Löwin. Mitgeschleppt wird ein zehnjähriger Junge, der unbelehrbar wie ein lebensmüder Lemming immer dorthin rennt, wo es besonders gefährlich ist; wundert es, dass diese Nervensäge von einem zum Kotzen niedlichen Mischlingshund namens „Woof“ begleitet wird?

Zurück zum Thema: Die „Red-op“-Kämpfer machen Bürger zu Hunderten nieder, und eine bis an die Zähne bewaffnete Spezialeinheit der US-Army hält ihnen keine Minute stand. Das gerade skizzierte Grüppchen stellt sich den Mord-Soldaten wieder und wieder in den Weg, entkommt ihnen zuverlässig, fügt ihnen kräftige Blessuren zu und stiehlt ihnen die Ausrüstung. Nachdem dies mehrfach genau so geschah und sich fortsetzt, verfliegt die Langeweile des Lesers; er lächelt auch nicht mehr, sondern schreit vor Frustration und Ärger.

Das Prinzip der „letzten Sekunde“

Wieder sitzt einer unserer Helden hoffnungslos in der Falle. Alle Auswege sind versperrt, das Bein steckt in einem Loch fest, Flammen schlagen am Hintern hoch, und grinsend reckt der gerade für bedrohliches Auftreten eingeteilte Killer ihm oder ihr die Faust mit dem Ausbein-Messer entgegen. Der Sack ist zu – und dann schneidet Kilborn einfach ein Loch hinein, durch das besagter Held wider sämtliche Logik entschlüpft. Das ist Willkür und verhöhnt den Leser, der diese Masche als Methode erkennt, diesen Roman auf Länge zu bringen. Schematisch flanscht Kilborn Modul an Modul, bis es Zeit für das Finale wird. Erst dann dürfen auch Hauptfiguren sterben.

Dumm, dass die einem herzlich gleichgültig sind. Kilborns Schurken sind als Menschenfresser, Brandstifter oder Frankensteins Monster so übertrieben böse, dass es erneut ins Lächerliche umschlägt. Die Helden sind eindimensionale Pappkameraden, die in ihrem eindimensionalen Reden und Handeln nicht minder hirnmanipuliert wirken wie die „Red-op“-Kämpen.

Kanonenfutter nach Abklatsch-Technik

Bis es final ans Eingemachte geht, lässt Kilborn viele Bürger über diverse Klingen springen, nachdem er sie uns kurz vorgestellt und ans Herz gelegt hat. Der Versuch missglückt, denn die guten Menschen von Safe Haven sind schlicht und ergreifend Dorftrottel. Woof ist nur ein dummer Hund, doch welche Entschuldigung können sie geltend machen? Die Verheißung eines Lottogewinns lässt sie kollektiv in die Falle der „Red-op“-Meuchler stürzen, wo sie gierig zur Schlachtbank drängen. Als Individuen sind sie notorisch begriffsstutzig und immer bereit, ihren Mördern vor die Füße zu stolpern. Trotzdem versucht Kilborn, uns die Dörfler als liebenswerte Zeitgenossen zu verkaufen, deren Schicksale ganz schrecklich sind. Weit gefehlt – als es beispielsweise den tumben Hilfsfeuerwehrmann Erwin oder seine nervige Verlobte Jessie Lee erwischt, sind dies Momente echter leserlicher Erleichterung!

Diese steigert sich, als das Buchende naht. Wenigstens das Finale bringt noch einige spannende Momente. Dennoch bleibt ein fader Nachgeschmack und „Angst“ das Produkt eines routinierten und fleißigen aber wenig inspirierten Autors. Der Titel dieses ersten in Deutschland erschienenen Kilborn-Werkes benennt deshalb auch jenes Gefühl, das sich angesichts der Möglichkeit einstellt, in den nächsten Monaten und Jahren öfter auf die Erzeugnisse dieses Verfassers zu stoßen …

Verfasser

Jack Kilborn wurde 1970 als Joseph Andrew Konrath in Skokie, einem Vorort von Chicago, US-Staat-Illinois, geboren. Nach dem College schrieb er zwölf Jahre nie veröffentlichte Romane. Erst mit „Whiskey Sour“, dem ersten Band einer Krimi-Serie um Jacqueline „Jack“ Daniels vom Chicago Police Department, fand er 2004 einen Verleger.

Konrath ist für sein ausgeprägtes Talent der Selbstvermarktung bekannt. Gemeinsam mit der Autoin Julia Spencer-Fleming pries er 2006 im Rahmen eines Mailings 7000 US-amerikanischen Bibliothekaren seine Werke an. Konrath ist ein Pionier als eBook-Autor. Exklusiv für das Amazon-Kindle veröffentlicht er immer wieder Kurzgeschichten und Romane. Am College of DuPage in Glen Ellyn, Illinois, lehrt er kreatives Schreiben.

Während er unter seinem Geburtsnamen weiterhin Kriminalgeschichten veröffentlicht, wählte Konrath 2008 für sein Debüt als Horror-Autor das Pseudonym „Jack Kilborn“. In schneller Folge schrieb er – oft mit Co-Autoren – weitere Gruselromane und Kurzgeschichten. 2011 kam „Joe Kimball“ als Verfasser einer Serie jugendorientierter SF-Romane hinzu. J. A. Konrath lebt und arbeitet in Schaumburg, ebenfalls einer Vorstadt von Chicago.

Jack Kilborns Website.
Jack Kilborns Blog.

[md]

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