Brennen muss Salem

Stephen King
Brennen muss Salem – Illustrierte Fassung

Zsolnay Hardcover
736 Seiten
ISBN 9783552053816
Originaltitel: Salem’s Lot – The Illustrated Edition (New York : Doubleday 2005)
Übersetzung: Peter Robert, Silvia Morawetz
Deutsche Erstveröffentlichung: August 2006

“Brennen muss Salem” (Salem’s Lot, 1975), S. 17-583: Im Herbst des Jahres 1975 kommt der Schriftsteller Ben Mears zurück nach Jerusalem’s Lot. In dieser Kleinstadt im US-Staat Maine hat er seine Kindheit verbracht, hier hofft er auf einen Neuanfang, nachdem er seine Lebensgefährtin bei einem Unfall verlor. Mears nimmt einen dunklen Punkt seiner glücklichen Jugendjahre zum Anlass für ein neues Buch: Über Salem’s Lot brütet das alte Marsten-Haus, erbaut im frühen 20. Jahrhundert vom Gangster und Alkoholschmuggler Hubert Marsten, dessen Geist dort noch umgehen soll und dem jungen Ben Mears den Schock seines jungen Lebens verschafft hatte. Der erwachsene Schriftsteller findet Hinweise darauf, dass Marsten darüber hinaus ein Serienmörder und Satanist gewesen ist – eine spannende Story wartet also auf ihn, die Bürger nehmen ihn freundlich auf, und er lernt die junge Susan Norton kennen, die ihm rasch mehr als freundschaftliches Interesse entgegenbringt.

Allerdings ist das Marsten-Haus seit kurzem wieder bewohnt. Der mysteriöse Mr. Straker hat es gemietet. Mit seinem noch nie in Erscheinung getretenen Kompagnon Mr. Barlow plant er angeblich ein Antiquitätengeschäft in Salem’s Lot zu eröffnen. Das Interesse der Bürger wird indes durch schlimme Dinge abgelenkt: Kinder verschwinden in der Nacht, ein Hund wird grausam getötet. Ben Mears vermutet den Ursprung des Übels im Marsten-Haus. Ein alternder Lehrer, ein junger Arzt, ein zweifelnder Priester, ein kleiner Junge und Susan schließen sich ihm an, nachdem sie die unglaubliche Wahrheit akzeptieren müssen: Barlow ist ein uralter Vampir, der seit Urzeiten von Ort zu Ort zieht und seine Bluternte einfährt. Straker dient ihm als menschlicher Gehilfe, denn als Vampir kann sich sein Meister nur des Nachts zeigen.

Die Gefährten beschließen Barlow auszuschalten. Doch die Kreatur ist stark und schlau. Längst hat Barlow damit begonnen, die Bürger von Salem’s Lot in seine untoten Diener zu verwandeln. Sie schirmen ihren Meister ab, der in aller Ruhe finstere Pläne schmieden und seinen verzweifelten Gegnern grausame Fallen stellen kann …

“Eins für unterwegs” (One for the Road, 1977), S. 585-609: Zwei Jahre sind seit dem großen Brand in Salem’s Lot vergangen, doch die Bewohner der umliegenden Orte wissen, dass sich in den Ruinen weiterhin Unheimliches tummelt und man sich tunlichst nach Einbruch der Dunkelheit fernhält. Leider gibt es Ereignisse, die es erforderlich machen, gegen dieses Gebot zu verstoßen – die verbliebenen “Bürger” von Salem’s Lot warten darauf jene zu begrüßen, die sich zu ihnen verirren …

“Jerusalem’s Lot” (Jerusalem’s Lot, 1978), S. 611-661: Im Jahr 1850 zieht ein junger Mann in das einsam gelegene Haus seines bei der Bevölkerung verhassten, aber verstorbenen Großvaters. Interesse hegt er für ein nahe gelegenes, von seinen Bewohnern verlassenes Dörflein namens “Jerusalem’s Lot”. Dadurch weckt er uraltes Grauen, das auf ihn schon gewartet hat …

Phantastische Romane, in denen Vampire ihr Unwesen treiben, gab es schon, bevor Bram Stoker 1897 seinen “Dracula” auf die Leser losließ, und es gab sie danach natürlich um so zahlreicher. In der Regel ist diesen Werken eines gemeinsam: Sie sind miserabel. Auch “Dracula” ist kein “gutes” Buch, sondern aus literarischer Sicht ein ebenso wüstes wie triviales Gemisch aus nie wirklich eine runde Story bildender Tagebuchaufzeichnungen, Briefe, Erzählungsfetzen oder gefakter Sachbuchartikel. Doch Stoker gelang etwas, das den meisten Epigonen abging: Er schuf einen mitreißenden Roman, der reizvoll den Zeitgeist konservierte, sowie einen – zudem negativen – Helden schuf, der sich als ideale Projektionsfläche für diverse Ängste, aber auch für “verbotene” Wunschvorstellungen eignete – eine echte “Kultfigur”, lange bevor dieser Begriff von den Medien inflationär missbraucht wurde.

Mit “Brennen muss Salem” gelang Stephen King achtzig Jahre später ein ähnliches Meisterstück. Auch hier wäre es zuviel der Ehre von einem “Meisterwerk” zu sprechen, denn die Story ist weder raffiniert noch der Stil geschliffen. Eine ganz einfache Geschichte erzählt der Verfasser, wie er es immer zu tun vorgibt. Das kann er famos, wie sich einmal mehr herausstellt, darüber hinaus spricht er die Sprache “des Volkes” und leistet auch auf diesem Level fabelhafte Arbeit. Trotz seines Alters wirkt “Brennen muss Salem” nie altmodisch, die Story “funktioniert”, ohne dass sich Stirnrunzeln und Irritationen über die Abwesenheit von Handys, Laptops oder GPS einstellen. (Wie würde wohl ein Vampir mit der CSI-Gegenwart des 21. Jahrhunderts fertigwerden?)

“Brennen muss Salem” spielt in einer dieser kleinen Ortschaften in der US-Provinz, die kaum ein Schriftsteller so gut wie King dreidimensional vor unserem geistigen Auge erschaffen kann. Er nimmt sich viel Zeit, zeichnet mit Worten eine Karte von Salem’s Lot, stellt uns zahlreiche Bewohner prägnant vor: Salem’s Lot wird zu einer Stätte, die uns nicht gleichgültig lässt, wenn sich das Böse einzuschleichen beginnt.

Auch das geschieht fast unmerklich. King spielt auf der Klaviatur des Grauens, mischt Andeutungen mit kurzen, grellen Splattereffekten. “Brennen muss Salem” ist kein “reiner” Vampir-Roman, sondern enthält auch wichtige Elemente des Spukhaus-Subgenres. Im Rahmen der Gesamtgeschichte erscheint die Rekonstruktion der Historie des Marsten-Hauses ungewöhnlich und unnötig aufwändig. Hier bringt King einen Aspekt zur Sprache, der im weiteren Verlauf nie wirklich aufgelöst wird. Was er sich anscheinend vorstellte, macht die Story “Jerusalem’s Lot” – eine Reminiszenz an H. P. Lovecrafts “Cthulhu”-Universum übrigens – deutlich: Das Masten-Haus ist quasi die Manifestation eines Ortes, der schon schlimmere Bewohner als einen Serienmörder oder einen Vampir gesehen hat.

Sind die Würfel erst einmal gefallen, zieht das Tempo stetig an, gibt’s keine Pausen mehr. Die Zeit läuft ab in und für Salem’s Lot. Erneut findet King für den Untergang ebenso einfache wie eindrucksvolle Bilder und Worte. Das Böse, so macht er klar, ist weder elegant noch attraktiv, sondern schrecklich banal. Was dies im Detail heißt, dekliniert er recht drastisch durch. (Die “Gestrichenen Szenen” zeigen, dass er sich in dieser Hinsicht Anno 1975 noch ein wenig Zurückhaltung auferlegen lassen musste …)

Freilich ist das Böse eigentlich schon längst vor Ort präsent. King übertrifft sich selbst, wenn er auf den Seiten 299 bis 305 ein Loblied auf die Kleinstadt singt, das immer wieder nahtlos in ihre Verfluchung übergeht. Salem’s Lot ist keine Gemeinschaft bescheidener, genügsamer, vergnügter Landleute. Es gibt einen Slum, es gibt verdrängtes aber existierendes Elend, Trunksucht, familiäre Gewalt, Korruption, Rachsucht, Gleichgültigkeit. Vor allem beschreibt King, wie die endlose Eintönigkeit des kleinstädtischen Lebens die Bürger von Salem’s Lot schon vor der Ankunft Barlows in Untote verwandelt hat, die wie Maschinen ihrem Tagwerk nachgehen und ihre Abende in der Kneipe oder vor dem Fernseher verdämmern.

Dies ist die Welt, die einen “modernen” Vampir wie Barlow begünstigt. Er schätzt Gemeinschaften, die nur zusammen wohnen aber nicht zusammen leben. Heimlich schleicht er sich ein, nutzt vorhandene Schwachstellen, vergrößert unmerklich die Lücken im sozialen Gefüge, reißt seine Opfer dort aus den Reihen ihrer Mitmenschen, wo es so lange nicht auffällt, bis es zu spät ist und seine selbst zu Vampiren gewordenen Diener über die kleine Schar der Verbliebenen herfällt.

Die Dramatik der Geschichte erfordert es, dass die Verteidiger dem Angreifer zunächst hoffnungslos unterlegen erscheinen. King schafft es auch hier, diesen alten Kniff nicht gar zu offensichtlich werden zu lassen, indem er nicht Figuren, sondern gut charakterisierte Individuen auftreten lasst. Da ist zunächst Ben Mears, ein weiteres Glied in der langen Kette Kingscher Hauptfiguren, die sich ihr Brot als Schriftsteller verdienen – redlich und hart, darauf legt Mears in Vertretung seines geistigen Vaters mehrfach großen Wert! Mears strebt nicht nach hehrer Kunst, er ist mehr ein literarischer Handwerker, der auf seine Weise versucht die Menschen und ihre Schattenseiten zu verstehen. In Salem’s Lot ist er ein Außenseiter, psychisch außerdem angeschlagen nach dem tragischen Tod seiner Frau. Nicht eindrucksvoller präsentiert sich die kleine Schar seiner Gefährten. Doch um sie alle bangen wir, denn King hat sie uns in großen und kleinen Kapiteln und Episoden vorgestellt. Hier zieht kein gesichtsloses Kanonenfutter in seinen wegen der Schwäche seiner Streiter umso heroischeren Kampf gegen das Böse!

Das kommt natürlich entsprechend finster und mächtig daher. Barlow ist nicht unbedingt intelligent, aber er ist uralt und schlau, denn nur so konnte er überleben in einer Welt, die ihm trotz seiner Stärke viele Beschränkungen auferlegt. Ganz klassisch muss er die Sonne und einen Holzpflock durchs Herz fürchten, seltsamerweise aber auch Silber, Weihwasser oder das Kruzifix; dabei sagt er selbst, er sei viel älter als das Christentum. Wieso hat es dann soviel Macht über ihn? Hier schweigt sich King aus, obwohl er ansonsten viele vampirische Fähigkeiten beinahe “wissenschaftlich” erklärt.

In der technisierten Welt des 20. Jahrhunderts kann sich Barlow nicht auf die Hilfe eines Irrsinnigen verlassen. Menschliche Hilfe benötigt er auf jeden Fall, die ihn während des Tages quasi “vertritt” und schützt. Barlows Renfield heißt Straker, verderbt, doch durch und durch bei Sinnen. Auch hier bleibt unklar, was ihn umtreibt oder wieso sein Herr ihm traut. King deutet an, dass die Beziehung zwischen Barlow und Straker eigentlich eine Dreiecksbeziehung ist: Im Marsten-Haus haben satanische Rituale stattgefunden, die wohl nicht ohne Antwort und Erfolg geblieben sind.

Barlow als Vampir beschreibt King wiederum klassisch als kraftvollen, alten Mann mit slavischen Gesichtszügen und altmodischen Manieren, der mit der steigenden Literzahl abgezapften Blutes jünger und stärker wird. Immerhin verwandelt er sich in ein Furcht erregendes Ungeheuer, wenn der Durst über ihn kommt. In diesem Punkt kann King jedoch nicht mit der ansonsten wenig eindrucksvollen Verfilmung seines Romans von 1978 mithalten: Der unvergleichliche Reggie Nalder spielt Barlow als grandiose, nagezahnige, fledermausige Schreckenskreatur, deren Maske sich eng am bemerkenswerten Auftreten von Max Schreck in Friedrich Wilhelm Murnaus bahnbrechendem Stummfilmklassiker “Nosferatu” (1921) orientiert. (Leider sieht er offenbar immer so aus, was wenig logisch erscheint und erst recht in die Nacht verbannt.. Wenigstens gibt es so mehr Raum für den großartigen James Mason, der zwar dem Straker aus Kings Buch ebenfalls nicht ähnelt, aber der Figur seinen ganz eigenen Charakter aufprägt.)

Was Barlow letztlich fallen lässt, ist nicht unbedingt die Kampfkraft seiner Widersacher, sondern sein Ego. Kingtypisch hat auch das Böse seine Archillesferse, und wenn der Autor gut aufgelegt ist, findet er eine, die den Sieg in letzter Sekunde überzeugend wirken lässt. Barlow hat sich zu sehr daran gewöhnt, dass alles klappt bei seinen Raubzügen, und vernachlässigt seine Deckung – so kriegen sie ihn. Damit ist nicht plötzlich alles gut: Die meisten Gefährten sind tot, die Überlebenden haben alles verloren, die Vampire lösen sich nach dem Tod ihres Meisters mitnichten in Wohlgefallen bzw. Staub auf. Zwar kehren Mears und Mark nach Salem’s Lot zurück, um ihr Werk zu vollenden, doch die Kurzgeschichte “Eins für unterwegs” macht deutlich, dass sie auch dieses Mal scheitern.

Exkurs: Vampire in des Lesers Brieftasche

Vermutlich musste es so kommen, denn schließlich basiert das Geschäftsleben seit jeher auf Ideen, die der Steigerung des Verdienstes dienen. Der DVD gelang nicht nur als leistungsfähiges Speichermedium für Filme der Durchbruch. Um den Sammler, der das, was er sich gern öfter anschaute, bereits als Video besaß, zum neuerlichen Zücken seiner Börse zu bewegen, wurde ihm lockendes Zusatzmaterial geboten: Plötzlich gab es den “Director”s Cut”, der jene Filmminuten präsentierte, die bisher die Zensur aus dem Werk gebissen hatte. Dazu kamen “Features” – Blicke hinter die Studiokulissen, persönliche Anmerkungen des Regisseurs, der Schauspieler, des Studiomechaniker etc.: Specials, die man sogar auf eigene DVDs pressen und mit dem Film als Doppel-, Dreifach- oder Vierfach-Extra-Ausgaben verkaufen konnte.

Alter Wein in neuen Schläuchen, den man sogar für mehr Geld als das Original auf den Markt werfen kann? Kein Wunder, dass auch andere Medien unruhig und aufmerksam wurden. Wie das Literaturgeschäft reagierte, macht “Brennen muss Salem” in seiner aktuellen Inkarnation exemplarisch deutlich. Stephen King veröffentlichte sein Buch 1975. In seiner ursprünglichen Fassung verkaufte es sich drei Jahrzehnte gut. “Gut” war offenbar nicht genug, denn 2005 kam eine edle Luxusausgabe in den Handel. Der Inhalt: “Brennen muss Salem”, der Roman, den es schon lange gab, plus zwei Erzählungen, die sich um den verfluchten Ort ranken aber ebenfalls längst veröffentlicht waren. Hinzu kamen diverse Vor- und Nachworte des Verfassers, dazu jene Passagen, die King in den 1970er Jahren zwar geschrieben, aus dem fertigen Roman jedoch entfernt, doch klugerweise nicht in den Papierkorb geworfen hatte. Zum Kunstwerk adeln sollten diese Ausgabe diverse Fotografien von Jerry N. Uelsmann, die nach Auskunft von Kritikern und Experten eine unheimliche Grundstimmung verbreiten; als “normaler” Leser mag man sich dem anschließen, muss es aber nicht.

Die “Illustrated Edition” ist folglich primär ein Wunschobjekt des King-Komplettisten. Das trifft auch auf die deutschsprachige Ausgabe zu, obwohl die Veröffentlichungsgeschichte hierzulande einen etwas anderen Verlauf nahm. Als “Brennen muss Salem” 1979 erstmals im Zsolnay-Verlag erschien, war diese Fassung gekürzt. Warum dies geschah, sei hier ausgeklammert, doch Fakt ist, dass auch die ersten Taschenbuch-Auflagen im Heyne-Verlag diese Übersetzung übernahmen. 1995 brachte der Zsolnay-Verlag selbst eine neue, dieses Mal ungekürzte Fassung heraus, die von Heyne übernommen wurde. Der Leser, der heute zur preiswerten Taschenbuchausgabe greift, kommt also in den Genuss der “richtigen” Version. Auch die beiden Storys “Eins auf den Weg” und “Jerusalem’s Lot” sind längst in Deutschland bekannt, weil enthalten in der King-Sammlung “Nachtschicht”, die seit mehr als zwei Jahrzehnten kaum jemals vergriffen gewesen ist.

Bleiben also höchstens die “Gestrichenen Szenen”, die dem Fan wirklich Neues bieten können. Bei näherer Betrachtung stellt sich jedoch heraus, dass es gute Gründe gab, sie aus dem Roman zu eliminieren. Als Bereicherung kann man sie jedenfalls nicht bezeichnen. Es bleibt die Feststellung: “Salem’s Lot – The Illustrated Edition” ist in auch in seiner deutschen Inkarnation ein reines Liebhaberstück. Der hübsche Velours-Einband macht sich gut im Regal; er verleiht dem Inhalt eine repräsentative Gestalt, die der wahre Freund dieser Geschichte allerdings ignoriert: “Brennen muss Salem” braucht diesen pompösen Auftritt nicht, denn das Buch wird noch lange für sich selbst stehen!

Ein langes Buch und eine lange Rezension – sie muss nicht mehr verlängert werden durch ein Autorenporträt. Stephen King vorzustellen hieße wahrlich eine Eule nach Athen zu tragen. Der überaus erfolgreiche Schriftsteller ist im Internet umfassend vertreten. Nur zwei Websites – die eine aus den USA, die andere aus Deutschland – seien stellvertretend genannt: www.stephenking.com und www.stephen-king.de bieten reiche Informationen und viele Links.

Copyright (C) 2006 by Michael Drewniok

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