Creepers

David Morrell
Creepers

Originaltitel: Creepers (New York : CDS Books 2005)
Übersetzung: Christine Gaspard
Deutsche Erstausgabe: Dezember 2006 (Knaur Verlag/TB Nr. 63447)
429 S.
ISBN-13: 978-3-426-63447-9
Hörbuch (gekürzt): Januar 2007 (Audible)
421 min. (gelesen von Stefan Kaminski)

Titel bei Amazon.de
Titel bei Booklooker.de (Autorenname „Morrell“ eingeben)


Das geschieht:

Sie nennen sich „Creepers“: Männer und Frauen, die es lieben, sich in möglichst alte, lange verlassene Tunnel, Gebäude und andere Großbauwerke einzuschleichen, wo sie zwischen bröckelnden Mauern nach Relikten vergangener Zeiten suchen. Robert Conklin, unorthodoxer Professor für Geschichte, ist der Anführer dieser Gruppe, die aus seinen Studenten Vincent Vanelli, Cora und Rick Magill besteht.

Zu ihrer aktuellen Tour hat Conklin den Reporter Frank Balenger eingeladen, denn sie gilt einem ganz besonderen Ziel: Ashbury Park, einst eine blühende Kleinstadt im US-Staat New Jersey, ist schon lange eine Ruinenstätte, über der sich wie eine antike Maya-Pyramide das Paragon-Hotel erhebt. 1901 hat es der exzentrische Millionär Morgan Carlisle entworfen und errichten lassen. Siebzig Jahre hat er das Penthouse des Hotels nicht verlassen, bis er in der letzten Nacht seines 92-jährigen Lebens daraus geflohen ist und sich umgebracht hat.

Das Paragon übertrifft alle Erwartungen der Creepers. Carlisle hat es außen schwer gesichert und innen wie ein Museum erhalten. Doch Wind und Wetter haben dem Bau stark zugesetzt; Treppen und Böden sind durchgefault, Wände drohen einzustürzen. Mutierte Ratten und wilde Katzen haben sich eingenistet. In den Zimmern finden die Creepers beunruhigende Relikte, Gucklöcher in den Wänden und Geheimgänge.

Schlimmer noch: Die Gangster Todd, Mack und JD haben die Aktivitäten der Creepers bemerkt und sind ihnen gefolgt. Mit brutaler Gewalt nehmen sie die Gruppe gefangen. Um ihr Leben zu retten, verrät Conklin seinen eigentlichen Plan: Im Paragon liegt ein Goldmünzenschatz versteckt, den er zusammen zu heben plante. Nun wollen sich die Gangster die Taschen vollstopfen. Weit kommen sie nicht, denn in dem Hotel ist noch jemand heimisch: Der mysteriöse „Ronnie“ gedenkt nicht, seine ‚Gäste‘ entkommen zu lassen, und er hatte viel Zeit, seine grausigen Fallen aufzustellen …

Die Jagd ist das Ziel

Ein weitläufiges, heruntergekommenes, von der Außenwelt isoliertes, mit Todesfallen gespicktes und von gern aus dunklen Winkeln springenden Mordgestalten bevölkertes Areal, durch das sich eine Gruppe entschlossener Abenteurer bis zum Ausgang kämpfen muss: Schon die Unterhaltungsliteratur und der Film kennen diesen ebenso einfachen wie wirkungsvollen Plot, doch richtig zur Geltung gebracht hat ihn erst ein neues Medium: das PC-/Konsolengame, welches den Spieler in die Rolle des Jäger oder potenziellen Opfers versetzt.

Umgekehrt haben viele dieser Games den Weg zurückgefunden, wurden verfilmt und in Romane verwandelt. In der Regel offenbaren diese Franchiseprodukte vor allem die Dürftigkeit der eigentlichen Grundidee und eine daraus resultierende Handlung, die sich auf digitales Rennen, die Lösung diverser Rätsel & das Killen von Monstern, Untoten oder Außerirdischen beschränkt.

Eine solche Simpel-Story steht oder fällt mit ihrer Kulisse. David Morrell ist mit seinem Paragon-Hotel auf der sicheren Seite. Ihm gelingt es, das alte Gebäude quasi zu personifizieren, indem er ihm eine Geschichte bzw. eine Biografie auf den Stein-Leib schreibt und es wie ein schwarz beseeltes Spukhaus wirken lässt. Doch „Creepers“ ist kein Horrorroman, höchstens ein Mystery-Thriller, wobei die Geheimnisse sich letztlich als sehr diesseitig erweisen. (Dies ist kein Spoiler, sondern einfach eine Information für Leser, die sich vor der Lektüre fragen, welchem Genre sie dieses Buch zuordnen können.)

Drunter & drüber – plus Gewalt

Allerdings kommen sicherlich alle Lesergruppen auf ihre Kosten. Die gemeinsame Schnittmenge aller von Morrell zum Einsatz gebrachten Elemente bildet eine schlichte aber hoch spannende Geschichte. Wie das alte Paragon ist sie reich an Sackgassen und geheimen Gängen. Immer wieder findet Morrell einen Kniff, die Handlung auf einen neuen, unerwarteten Kurs zu bringen. Natürlich darf man nicht zuviel erwarten: „Creepers“ ist ‚nur‘ Unterhaltung und wird durch seine Kulisse sowohl belebt als auch eingeschränkt: Auch ein verwunschenes Hotel bietet nur ein beschränkte Anzahl möglicher Ereignisvarianten.

Dennoch gilt es mit eingeschaltetem Hirn zu lesen, denn der Verfasser liefert viele Informationen aus der Geschichte des Paragon nicht nur der unheimlichen Stimmung wegen. Das Gebäude gilt ihm als Kulminationszentrum einer 100-jährigen Geschichte voller Geheimnisse und Schrecken und ist nicht einfach ein Ort, an dem Menschen übernachten, sondern auch eine Sammelstätte menschlicher Schicksale, die das gesamte Spektrum menschlicher Gefühle (und Perversionen) abdecken.

Forschung als Abenteuer

„Urban Exploration“ nennt sich das merkwürdige Hobby, dem die Creepers nachgehen. Es ist authentisch; wie der Verfasser in seinem Nachwort ausführt, gehen ihm weltweit viele tausend Männer und Frauen nach. David Morrell ist selbst ein „Creeper“. Schon in seiner Kindheit zogen ihn aufgelassene Stätten, in denen einst Menschen lebten und arbeiteten, magisch an. Diese Neugier ist schwer zu deuten; es ist wohl eine Mischung aus Neugier und Voyeurismus, der die meisten Creepers umtreibt. Sie selbst machen quasi archäologischer Motive geltend, formulieren sich gar einen absurden Ehrenkodex, der ihnen nur das Schauen gestattet. Nichts darf vor Ort verändert oder gar mitgenommen werden.

Ob dies wohl der Realität entspricht? Autor Morrell thematisiert den schmalen Grad zwischen ehrlicher Neugier und echtem Diebstahl, auf dem die Creepers sich bewegen; ein bisschen Einbruch ist auch noch dabei. Professor Conklin ist abgerutscht. Der Grund ist banal: Er steckt in Geldnot. So wandelt er sich vom verehrten akademischen Paulus rasch zum diebischen, verräterischen Saulus – und er steht damit nicht allein. Auch Creeper sind halt nur Menschen.

Vince, Cora und Rick nehmen selbst nicht nur aus wissenschaftlichem Interesse an Conklins Expeditionen teil. Sie leben in einer komplizierten, nicht offen eingestandenen Dreiecksbeziehung und können nur auf neutralem Boden – hier im Paragon Hotel – zusammenkommen. Vince ist außerdem privat unzufrieden und braucht seine kleine Fluchten durch fremde Gebäude. Balenger ringt mit einem Trauma und schließt sich dem Streifzug aus finanziellen Erwägungen an.

Durch Angst vereinte Gefährten

Wenigstens ehrlich sind Todd, Mack und JD: Sie wollen das Paragon ausrauben. Diese Figuren gleiten arg ins Klischee ab; hier meinen wir die typischen Vorzeigestrolche zu sehen, die Hollywood in seinen Filmen einzusetzen pflegt. Sie reden und handeln wie kleine Tarantinos und ersetzen Intelligenz durch Gewalt. Dass sich die Creepers mit den Gangstern zusammenschließen müssen, um gemeinsam dem gruseligen Ronnie zu widerstehen, ist ebenfalls eine allzu einfache Lösung.

Wer dieser Ronnie ist, wird dem gewieften Thrillerfreund nicht wirklich lange verborgen bleiben. Morrell spielt fair; er lässt Ronnie keineswegs aus dem Nichts auftauchen, sondern bereitet sein Erscheinen logisch nachvollziehbar vor. Man muss halt darauf achten, welche Spuren der Verfasser legt. Erneut erweist sich manche scheinbare Sackgasse nachträglich als Teil der Handlung!

Unterm Strich ist „Creepers“ ein rasanter Thriller, der einfach nur unterhalten will und dafür schamlos aber intelligent bekannte Bestandteile diverser Genres – Krimi, Horror, Action- und Katastrophenthriller – zu einem eleganten Ganzen zusammenfügt, dessen Güteklasse auch durch folgende Reaktionen belegt wird: Mit Höchstgeschwindigkeit arbeitet man sich als Leser durch die Seiten, um sich an einer Handlung zu erfreuen, die – sobald das Buch gelesen ist – sogleich in Vergessenheit gerät. So sichert sich das Hirn Platz für neue, unterhaltsame Trivialitäten – beispielsweise der „Creepers“-Fortsetzung „Scavenger“ (2007; dt. „Level 9“), der jedoch allzu deutlich als Nachklapp erkannt und zumindest von der Kritik mehrheitlich verurteilt wurde. Weitere Balenger-Abenteuer hat Morrell deshalb nicht mehr geschrieben.

Autor

David Bernard Morrell wurde 1943 in Kanada geboren. 1966 emigrierte er in die Vereinigten Staaten. An der Pennsylvania State University studierte er Anglistik und schloss mit einem Magister- und einem Doktortitel ab. Einer seiner Dozenten half ihm bei ersten Gehversuchen als Schriftsteller. Morrell war ein guter Schüler: 1972 debütierte er mit „First Blood“ (dt. „Rambo“) und erzählte die Geschichte eines Vietnamveteranen, der heimkommt in ein Amerika, das er und das ihn nicht mehr versteht. Der metapherreiche Stellvertreterkrieg an der Heimatfront wurde zum Vorbild für unzählige Actionreißer, die mehr oder weniger nach demselben Muster gestrickt waren, ohne jedoch in der Regel die Qualität des Originals zu erreichen. Morrell wurde durch die erfolgreiche Verfilmung seines Buches mit Sylvester Stallone in der Titelrolle zum Bestsellerautor.

Bis 1986 lehrte Morrell als Professor für Englische Literatur an der University of Iowa, während er weitere Romane verfasste, Seither arbeitet er hauptberuflich als Schriftsteller. Sein Spektrum erschöpft sich längst nicht in spannenden Thrillern. Er legt auch literaturwissenschaftliche Essays vor oder berichtet über seine Erfahrungen als Schriftsteller. David Morrell lebt heute in Santa Fé, New Mexico. Er pflegt eine Website, die durch ihre Aktualität und ihren Informationsgehalt gefällt.

Copyright © 2014/2017 by Michael Drewniok (md)

Titel bei Amazon.de
Titel bei Booklooker.de (Autorenname „Morrell“ eingeben)

Totem

Grauer Teufel

Der schwarze Pfad

Flieh, Hexe, flieh!

sfbentry

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.