Das Haus des Schreckens

Kurt Luif (Hg.)
Das Haus des Schreckens
Horror-Stories

(sfbentry)
Originalausgabe
Übersetzung: Inge Rhee
Deutsche Erstausgabe: 1972 (Wilhelm Heyne Verlag/TB Nr. 922)
125 S.
ISBN-10: 3-453-00244-X

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Inhalt:

Acht Horrorstorys spielen in diversen Häusern, die von Geistern heimgesucht oder von Irrsinnigen, Mördern oder Psychopathen bewohnt werden:

– Bram Stoker: Das Haus des Schreckens (The Judge‘s House): Der alte Richter ließ für sein Leben gern hängen; nach seinem Tod übernimmt er den Job selbst.

– Richard Davis: Das verfluchte Zimmer (The Sick Room): Soll man ein Haus aufgeben, weil  in einem bestimmten Zimmer ständig Besucher hässlich zu Tode kommen?

– W. H. Carr: Mrs. Anstey‘s Vogelscheuche (Mrs. Anstey‘s Scarecrow): Die schöne Witwe Anstey lässt sich vom Mörder ihres Gatten nicht umgarnen, sondern schickt ihm einen gruseligen Rachegeist auf den Hals.

– Vernon Routh: Schöpfer der Finsternis (The Black Creator): Der verrückte Wissenschaftler treibt es mit seiner Leidenschaft für das Entstellte und Hässliche so lange, bis sich seine Kreaturen gegen ihn wenden.

– Philip James: Das Schädel-Glockenspiel (Carillon of Skulls): Nur noch einen Kopf benötigt der irre aber zauberkundige Künstler, um ein ausgesprochen bizarres Musikinstrument fertig zu stellen.

– Raymond Williams: Lächeln bitte …! (Smile Please): Für 6000 Pfund soll sie die nackte Eva spielen, doch in ihrer Geldgier vergisst die schöne Delorice, dass es kein Paradies ohne Schlange gibt.

– M. S. Waddell: Plötzlich – nach einem guten Abendessen (Suddenly After a Good Supper): Scheintot hat man Denis in die Familiengruft geschoben, aus der er nicht entkommen kann und zu verhungern droht, bis er sich der kürzlich verstorbenen Großmutter erinnert.

– Dulcie Gray: Das Halsband (The Necklace): Ist es nicht egal, ob man Ketten aus Perlen oder Augen anfertigt? Dies fragt sich der verrückte Bernard, der seine eigene Antwort findet.

Trash as Trash Can

Ich bin stets aufs Neue überrascht, wenn ich ein Buch finde, dessen Geschichte interessanter ist als sein Inhalt. Der ist in diesem Fall fast durchweg so offensichtlicher Horror-Trash, das ein Rezensent neugierig werden muss: Wie kann es zur Veröffentlichung einer kuriosen Sammlung wie „Das Haus des Schreckens“ kommen? Versprochen wird (von einem klugerweise anonym bleibenden Texter) auf der Rückseite dieses Taschenbüchleins nicht wenig: „Dieses Buch lehrt sie das Fürchten, verursacht Gänsehaut, lässt ihre Haare zu Berge stehen und das Blut in den Adern gefrieren.“ An die 1970er Jahre kann ich mich erinnern, auch wenn ich damals noch jung an Jahren war. Deshalb vermag ich mit Sicherheit zu sagen, dass die Menschen schon damals so hart im Nehmen waren, dass die beschriebenen Reaktionen mit Sicherheit ausblieben.

„Horror-Trash“ oder „Trash Fiktion“ ist kein unbedingt abqualifizierender Begriff. Er definiert in unserem Fall Storys, die nur der reinen Unterhaltung dienen. Sie zielen unter sorgfältiger Umgehung des Hirns auf den Bauch, beziehen gern auch tiefer gelegene Körperregionen ein und sind völlig schamlos in der Wahl der Mittel, um den Zieleffekt zu erreichen. Also baut Raymond Williams in „Lächeln bitte …!“ die ziemlich fehlplatzierte, weil detaillierte Schilderung eines Striptease in die Story ein, was um 1970 provokant oder anregend gewirkt haben mag.

Hauruck-Horror en detail

Vordergründigkeit ist Trumpf. Geradezu verzweifelt sucht man als Leser nach dem sonst üblichen Subtext, der einer Geschichte z. B. eine moralische Aussage verleiht. Doch im „Haus des Schreckens“ gibt es keine Raffinesse und keinen Schein, gespukt wird nie subtil sondern drastisch und blutig, wobei sich die Geister in der Regel einen Dreck darum scheren, ob ihre Opfer Schuld auf sich geladen haben („Mrs. Anstey‘s Vogelscheuche“) oder nur zur falschen Zeit am falschen Ort sind („Das Halsband“).

Insofern fallen zwei Geschichten aus dem Rahmen. „Das Haus des Schreckens“ ist ein echter Klassiker aus der Feder des „Dracula“-Schöpfers Bram Stoker, der freilich ebenfalls gern mit Schockeffekten arbeitete. Bei nüchterner Betrachtung stechen seine Tricks ins Auge, an die man während der Lektüre nicht zur Kenntnis nimmt, weil Stoker sein Handwerk versteht und eine wirklich gespenstische Atmosphäre kreiert.

Dies gelingt ansatzweise noch Richard Davis („Das verfluchte Zimmer“), während die übrigen Autoren uns den Horror mit dem Holzhammer eintreiben wollen. Vernon Routh schießt mit „Schöpfer der Finsternis“, einer zum Lachen reizenden Rumpelmär um einen verrückten Wissenschaftler, den Vogel ab. Den Plot klaut er aus H. G. Wells „Die Insel des Dr. Moreau“. Dass Horroreffekte getimt werden können und müssen, ist ihm sichtlich unbekannt. Immerhin weiß Routh, wohin er mit seiner Handlung will, während Philip James im „Schädel-Glockenspiel“ mit surrealen Phantastik-Elementen experimentiert – oder ist diese Interpretation nur der verzweifelte Versuch Ihres Rezensenten, dieser Story so etwas wie einen Sinn zu unterstellen? –, bis er sein Machwerk mit einem bemerkenswert überraschungsarmen Schlussgag krönt.

Dulcie Gray macht es besser. Sie erzählt in „Das Halsband“ eine ganz einfache Geschichte und setzt auf den Schock des finalen Gags, der allerdings schon zur Entstehungszeit keine Ohnmachtsanfälle verursacht haben dürfte. Das gilt auch für „Plötzlich – nach einem guten Abendessen“, wobei M. S. Waddell immerhin durch einen gesunden Sinn für makabren und politisch unkorrekten Humor gefällt.

Why Can Such Things Be?

Es ist nicht gerade einfach bzw. unmöglich, Näheres über die Verfasser der hier präsentierten Storys herauszufinden. (Bram Stoker ist natürlich die Ausnahme.) Glücklicherweise ist das auch nicht notwendig weil den Aufwand nicht wert. Interessanter ist die Entstehungsgeschichte von „Das Haus des Schreckens“. Die Sammlung wurde von Kurt Luif (geb. 1942) für den Heyne-Verlag zusammengestellt. Luif ist dem Trash-Horror-Fan wesentlich bekannter unter diversen Pseudonymen. Als „Neal Davenport“ konzipierte in den 1970er Jahren gemeinsam mit Ernst Vlcek die berühmte (oder berüchtigte) Horror-Serie „Dämonenkiller“, und als „James R. Burcette“ fabrizierte er Heftchen-Grusel für die „Vampir“-Horrorromane. Seine Werke entbehren nicht eines gewissen nostalgischen Charmes, denn sie plündern zum Zweck der Unterhaltung skrupellos die Schatzkammern des Genres und ignorieren dessen Regeln. Als Herausgeber hielt sich Luif 1972 strikt an das Erlernte.

Zudem konnte er zeitsparend auf den Spuren eines erfolgreichen Vorbilds wandeln: Herbert van Thai (1904-1983) gab zwischen 1959 und 1983 in England 24 Bände von „The Pan Book of Horror Stories“ heraus. „Das Haus des Schreckens“ beinhaltet ausschließlich Storys aus dem „Pan Book“-Thesaurus. Diese orientierten sich inhaltlich an den Pulp-Magazinen der 1920er bis 1950er Jahre, welche auch das Horror-Segment ohne Anspruch auf literarische Qualität bedienten (und dabei vielen echten Talenten als Spielwiese dienten).

Mit Billig-Horror kann man immer noch Geld machen, so lautete wohl die Idee hinter den „Pan Books“. Das Umfeld war günstig: Filme wie „The Exorcist“ oder die „Omen“-Trilogie waren in den 1970er Jahren ungemein erfolgreich. Harter Horror mit ausgeprägtem Gore-Faktor war in den Mainstream vorgestoßen. Die Nutznießer folgten umgehend: sie arbeiteten vorwiegend mit der groben Kelle und lieferten Blutspuk für die anspruchslosen Massen. Es dauerte einige Jahre, bis diese den brandigen Braten rochen. Hilfreich war ihnen dabei eine neue Generation von Schriftstellern, die literarischen Anspruch sehr wohl mit Unterhaltung zu kombinieren wussten: Stephen King, Peter Straub, Clive Barker und Ramsay Campbell bildeten nur die Spitze des Eisbergs. Ihr Siegeszug und der Tod van Thais läuteten das Ende der „Pan Books of Horror Stories“ ein.

Sie gelten einer kleinen aber entschlossenen Fangruppe heute als Kult und leben auf diese Weise weiter. „Das Haus des Horrors“ ist ein Wurzelhaar in der Geschichte des von der Kritik meist ignorierten oder verspotteten, aber von seinen Fans heiß geliebten Simpel-Horrors und wurde deshalb hier in einer Breite vorgestellt, die den ‚ernsthaften‘ Kritiker womöglich verwundert (oder entsetzt).

[md]

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