Das Insekt

Graham Masterton
Das Insekt

Originaltitel: Trauma (London : Penguin/Signet 2002)
Übersetzung: Lilo Kurzmüller
Deutsche Erstveröffentlichung: Januar 2005 (Heyne Verlag/TB Nr. 43007)
255 S.
ISBN-13: 978-3-453-43007-5
Sonderausgabe: Oktober 2008 (Heyne Verlag/TB Nr. 72185)
255 S.
ISBN-13; 978-3-453-72185-2

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Das geschieht:

Bonnie Winter ist kaum über 30 und schon am Ende. In zwei Jobs gleichzeitig muss sie schuften, wobei sie mit einem in eine echte Marktlücke gestoßen ist: Bonnie reinigt Häuser, in denen sich Morde und Selbstmorde ereignet haben. Sie entfernt Blut- und Hirnflecken, Maden, Schmeißfliegen und andere unerfreuliche Zeichen zu lange übersehener Leichen.

Was sie täglich sehen muss, lässt sie trotz des professionell zur Schau gestellten Desinteresses keineswegs unberührt. Privat kann sie keine Hilfe erwarten. Duke, ihr Gatte, ist ein notorisch arbeitsloser, biersaufender Jammerlappen und Rassist, der die Schuld für das eigene Versagen diversen ethnischen Minderheiten zuschiebt. Ray, der einzige Sohn des Paars, entwickelt sich zum getreuen Ebenbild seines Vaters.

So steht Bonnie unter permanentem Druck. Nun macht sie auch noch eine merkwürdige Entdeckung: Sie findet an den Schauplätzen besonders grässlicher Morde Raupen und Puppen einer unbekannten Schmetterlingsart. Esmeralda, eine mexikanische Arbeitskollegin, gerät darüber in große Aufregung. Nach einer alten Legende treten die Dämonin Itzpapalotl und ihre grausamen Gefährtinnen tagsüber als Schmetterlinge auf, um sich des Nachts in blutrünstige Monstren zu verwandeln.

Steckt diese Höllenbrut hinter den Schreckenstaten? Bonnie wird sich dessen immer sicherer. Zu ihrem Pech scheint Itzpapalotl auf die ungebetene Zeugin aufmerksam geworden zu sein: Eines Tages tauchen die gefürchteten Raupen auch in ihrem Haus auf. Aber Bonnie weiß inzwischen was zu tun ist: Mit einem Menschenopfer lässt sich Itzpapalotl besänftigen …

Der Horror der menschlichen Psyche

Was sich liest wie die Inhaltsangabe zu einem normalen Horror-Roman, entpuppt sich bereits nach kurzer Lektüre als denkwürdiger Auftakt eines Albtraums. Was geschieht hier eigentlich? Der Originaltitel „Trauma“ deutet bereits an, dass es in dieser Geschichte keineswegs um eine Dämonenhatz geht. Tatsächlich überlässt Graham Masterton die Entscheidung voll und ganz seinen Lesern: Geht wirklich die böse Itzpapalotl um, oder spielt sich alles in Bonnies Kopf ab?

Geschickt spielt der Verfasser beide Möglichkeiten durch. Es gibt ‚Erklärungen‘ für alle Geschehnisse. Sie können greifen, müssen aber nicht. Ohnehin könnte kein Dämon die Schrecken des Alltagsinfernos übertreffen, in der Bonnie sich gefangen sieht. Niemand schafft sich seine eigene Hölle so perfekt wie der Mensch selbst. Masterton gibt kein Pardon; Bonnie muss ihren Weg gehen bis zum bitteren Ende – und noch ein ganzes Stück weiter. Wir müssen sie dabei begleiten. Eine Flucht gibt es nicht: Der Autor hält den Faden fest in der Hand. Das andere Ende ist um unseren Hals geschlungen. Ebenso fasziniert wie erschrocken harren wir aus. Ein Happy-End gibt es in dieser Geschichte ebenso wenig wie eine rationale Auflösung. Beides wäre auch außerordentlich fehl am Platze.

Das reale Grauen als Brutstätte

Die Geschichte profitiert von der fast genialen Ausgangsidee. Wer macht sich Gedanken darüber, was mit einem voll gebluteten, verdreckten Tatort geschieht? Schließlich reinigt sich dieser nicht von selbst. Die Polizei übernimmt es nicht, die normale Müllabfuhr passt ebenfalls. Also hat sich um diesen unschönen Job ein eigenes Dienstgewerbe entwickelt.

Was das im Detail bedeutet, wird vom Verfasser mit beinahe dokumentarischer (und obsessiver) Liebe zum Detail dargestellt. Es fehlen nicht einmal Listen der Putzmittel, mit denen Bonnie in den Krieg gegen Blut und Fäulnis zieht. Masterton hat in seinen zahlreichen Romanen niemals Probleme mit Splatter-Effekten gehabt. Das Besondere ist hier sein Verzicht auf die Schilderung der eigentlichen Bluttaten. Man bekommt immer ‚nur‘ das Ergebnis aus Bonnies Sicht zu ‚sehen‘. Das Grauen wird in der Rückschau, die der Leser selbst übernehmen muss, umso größer, da nichts die menschliche Vorstellungskraft toppen kann.

Verlierer im endgültigen Absturz

Mit der Geschäfts- und Hausfrau Bonnie ist dem Verfasser ein denkwürdiger Charakter gelungen. Sie ist keine dieser US-amerikanischen Powerfrauen, die im Glauben auf Gott & Vaterland dem Schicksal die Stirn bieten und dafür schließlich reich belohnt mit Glück, Geld & Mr. Right werden. Der amerikanische Traum wird sich für sie niemals erfüllen, sondern sich in ein Trauma verwandeln, das ahnt sie schon. Im Verlauf der Handlung wird sie es endgültig lernen. Bonnie ist ausgebrannt von einem Leben, das nur Arbeit, Scheußlichkeiten und Ärger kennt. Da ist es verständlich, dass in ihrem Kopf allmählich etwas aushakt. Diese Achterbahnfahrt ins Nichts beginnt ganz unmerklich. Langsam nur steigt im Leser, der auf den Auftritt des im Klappentext erwähnten Monsters wartet, der Verdacht auf, dass er es hier mit einer ganz anderen Art von Spuk zu tun bekommt, der wirklich ängstigt, statt auf Achterbahn-Grusel zu setzen.

Ebenfalls viel erschreckender als jeder Dämon: Duke und Ray, Bonnies Gatte und der Sohn. Duke ist ein armes Schwein, ein Idiot und ein Dreckskerl. Wiederum gelingt es Masterton, diese gar nicht so ähnlichen Facetten in einer überzeugenden Figur zusammenzufügen. Ray orientiert sich an seinem Vorbild, die anderen Männer um Bonnie – ihr Chef, ein großer Kunde, ein Fernsehstar, ein Polizeibeamter – bedrängen sie ebenfalls. Der daraus resultierende Stress trägt zu Bonnies Trauma bei. Im Grunde fürchtet sie Itzpapalotl gar nicht, sondern sehnt sie herbei, damit sie ihr aus ihrer Misere hilft, wenn es schon sonst niemand tut. Wir Leser können es nachvollziehen, doch (faszinierend) schrecklich ist diese stetig an Tempo zunehmende Reise in den Wahnsinn trotzdem!

Wie man ein Buch aufbläst

Für die deutsche Ausgabe gilt dies nur eingeschränkt. Während die Übersetzung nicht zur Klage Anlass gibt, muss man das Druckwerk als solches mit Missfallen betrachten. Selten wurden so wenig Buchstaben auf so viele Seiten gequält. Schrift für Sehschwache, autobahnbreite Seitenränder, jedes der (kurzen) Kapitel beginnt nicht nur auf einer neuen Seite: Endet der Text auf einer ungeraden Seite (z. B. 15), so bleibt die nächste Seite grundsätzlich frei. So bläst man ein Bändchen, das vielleicht 160 ‚normal‘ bedruckte Seiten füllen würde, zu einem ‚richtigen‘ = kaufwürdigen Buch auf.

Autor

Graham Masterton, geboren am 16. Januar 1946 im schottischen Edinburgh, ist nicht nur ein sehr fleißiger, sondern auch ein recht populärer Autor moderner Horrorgeschichten. In Deutschland ist ihm der Durchbruch seltsamerweise nie wirklich gelungen. Nur ein Bruchteil seiner phantastischen Romane und Thriller, ganz zu schweigen von seinen historischen Werken, seinen Thrillern oder den berühmt berüchtigten Sex Leitfäden, haben den Weg über den Kanal gefunden.

Besagte Ratgeber erinnern an Mastertons frühe Jahre. Seine journalistische Ausbildung trug dem kaum 20 Jährigen die die Position des Redakteurs für das britische Männer Magazin „Maifair“ ein. Nachdem er sich hier bewährt hatte, wechselte er zu Penthouse und Penthouse Forum. Dank des reichlichen Quellenmaterials verfasste Masterton selbst einige hilfreiche Werke, von denen „How to Drive Your Man Wild in Bed“ immerhin eine Weltauflage von mehr als drei Millionen Exemplaren erreichte.

Ab 1976 schrieb Masterton Unterhaltungsromane. Riss er sein Debütwerk „The Manitou“ (dt. „Der Manitou“) noch binnen einer Woche herunter, gilt er heute als kompetenter Handwerker, dem manchmal Größeres gelingt, wenn sein Geist schneller arbeitet als die Schreibhand, was freilich selten vorkommt.

Wer mehr über Leben und Werk des Graham Masterton erfahren möchte, kann dies auf seiner vorbildlichen Website tun.

Copyright © 2014/2017 by Michael Drewniok (md)

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