Das schleichende Chaos

lovecraft-chaos-coverHoward Phillips Lovecraft
Das schleichende Chaos

(sfbentry)
Originalzusammenstellung
Übersetzung: Andreas Diesel
Deutsche Erstausgabe: Oktober 2006 (Festa Verlag/H. P. Lovecrafts Bibliothek des Schreckens Nr. 2619)
288 S.
ISBN: 978-3-86552-056-2

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Das geschieht:

Diese Sammlung präsentiert zwölf Storys des Genre-Großmeisters H. P. Lovecraft (1890-1937).

Der Baum (“The Tree”, 1921), S. 7-12: Im klassischen Griechenland muss ein neidischer Bildhauer erleben, dass der Mord an einem Konkurrenten nicht ungesühnt bleibt, weil dieser Umgang mit den Göttern pflegte …

Hypnos (“Hypnos”, 1923), S. 13-22: Neugier kann tödlich enden, wenn jenseits von Zeit und Raum jemanden gibt, der sich nicht mehr abschütteln lässt, wird er auf dich aufmerksam …

Iranons Suche (“The Quest of Iranon”, 1935), S. 23-32: Viele Jahre verbringt ein Sänger auf der Suche nach seiner verlorenen Heimatstadt, bis ihm der Zufall eine bittere Lebenslüge offenbart …

Polaris (“Polaris”, 1920), S. 33-38: Das Licht eines Sterns führt den Träumer zurück in ein früheres Lebens, als die Menschen einer versunkenen Hochkultur Krieg gegen dämonische Gegner führten …

In der Gruft (“In the Vault”, 1920), S. 39-50: Ein hartgesottener Totengräber muss lernen, dass es Zeitgenossen gibt, die sogar nach dem Tod ihnen angetanes Unrecht rächen …

Das Bild im Haus (“The Picture in the House”, 1919), S. 51-62: Reisen bilden – oder sie führen dich in das Haus eines hungrigen Irren, der gerade nach einem neuen Opfer Ausschau hält …

Jäger der Finsternis (“The Haunter of the Dark”, 1936), S. 63-94: In der Turmspitze einer verfluchten Kirche lauert das Böse, bis ein allzu neugieriger Forscher es aus seinem Schlupfwinkel lockt …

Das Verderben, das über Sarnath kam (“The Doom that Came to Sarnath”, 1920), S. 95-104 : Menschen aus einer der Forschung unbekannten Vorzeit triumphieren nach ihrem grausamen Krieg gegen schneckenhafte Nachbarn zu früh …

Die anderen Götter (“The Other Gods”, 1933), S. 105-112: Ein kluger aber allzu eingebildeter Mann spioniert den Göttern hinterher, die diesen Frevel auf gänzlich ungeahnte Weise zu strafen wissen …

–  Die Musik des Erich Zann (“The Music of Erich Zann”, 1922), S. 113-124: Der alte Mann weiß eine Melodie zu spielen, die nicht die Toten, sondern auch Kreaturen aus einer fremden Dimension weckt und in unsere Welt bringt …

Träume im Hexenhaus (“The Dreams in the Witch House”, 1933), S. 125-174: Eine vor Jahrhunderten hingerichtete Hexe kann sich auf ihr physikalisches Wissen und teuflische Hilfe verlassen, als sie zurückkehrt und ihr grausiges Zauberwerk fortsetzt …

Der Schatten aus der Zeit (“The Shadows Out of Time”, 1936), S. 175-265: Ein Wissenschaftler wird von bizarren Visionen einer Reise in die ferne Vergangenheit der Erde geplagt, die sich als sehr real herausstellen …

– Dorothy C. Walter: Drei Stunden mit H. P. Lovecraft (S. 266-279)

– R. H. Barlow: Notizen zu Lovecraft (S. 280-285)

Einige Erläuterungen zu dieser Sammlung

Elf kurze Geschichten und eine Novelle machen die literarische Entwicklung nachvollziehbar, die Howard Phillips Lovecraft (1890-1937) zu einem der wichtigsten Autoren der modernen Phantastik werden ließ. Der Weg war lang und reich an Sackgassen, denn Lovecraft betrat die Szene nicht als Großmeister, der heute gefeiert und verehrt wird.

Um diese Sammlung diverser Lovecraft-Geschichten besser einordnen zu können, bedarf es einiger Hintergrundinformationen, die dieser Buchausgabe leider fehlen. Dies stört sicherlich die meisten Leser nicht, weil die präsentierten Geschichten für sich stehen und glänzend unterhalten können. Doch selbst dem Laien wird dabei auffallen, dass der Lovecraft-Horror anders ist. Dieser Mann nahm seinen Job sehr ernst, obwohl er dies stets herunterspielte. Angst war für Lovecraft ein Phänomen, das ihn Zeit seines Lebens beschäftigte. Er arbeitete hart daran sie zu beschwören bzw. in Worte zu fassen.

Dem ordnete Lovecraft die Handlung konsequent unter. Action wird mancher Leser vermissen. Sie interessierte Lovecraft ebenso wenig wie eine sorgfältige Figurenzeichnung. Seltsam unpersönlich wirken seine Protagonisten; sie können kaum Sympathien erwecken, denn sie lassen außer Neugier und Furcht keine tieferen Emotionen erkennen. So lässt ihr meist schauerliches Ende den Leser eher kalt.

Keine Konzessionen an den Massengeschmack

Die Storys des jungen Lovecraft wirken in dieser Hinsicht besonders unzugänglich. “Der Baum”, “Iranons Suche”, “Polaris”, “Das Verderben, das über Sarnath kam” sowie “Die anderen Götter” spielen in imaginären Traumwelten, die man als literarische Interpretationen historischer Realitäten bezeichnen könnte. Lovecraft sah sich als Fremdling in einer Gegenwart, deren Alltag ihn überforderte. Er träumte sich in vergangene, angeblich bessere Zeiten zurück. “Der Baum” stammt aus einer Phase, in der er das klassische Griechenland favorisierte; später dominierte seine Liebe zur neuenglischen Geschichte des 18. und 19. Jahrhunderts.

“Iranons Suche”, “Polaris” und “Das Verderben, das über Sarnath kam” und “Die anderen Götter” zeugen von Lovecrafts Drang, wie Clark Ashton Smith, Lord Dunsany, Arthur Machen und andere zeitgenössische Autoren eigene (Traum-) Welten zu erschaffen. Diese Storys stehen der Fantasy nahe, wobei sich ihre Verfasser von den Geschichten aus 1001 Nacht, den europäischen Sagen und den Legenden der Antike inspirieren ließen. Lovecraft leistet auch hier Beachtliches, doch ist ihm die Form mindestens ebenso wichtig wie der Inhalt, was seine phantastischen Kunstmärchen recht manieriert und altmodisch wirken lässt.

“Polaris”, “Das Verderben, das über Sarnath kam” und “Die anderen Götter” zeigen allerdings einen Lovecraft, der bereits über sein grandioses Konzept eines Universums nachdenkt, das zwar auf der Basis von Naturgesetzen, doch unter Beteiligung unfassbar fremder Wesenheiten – aus Menschensicht bösartiger Götter – entstand und existiert. Bis zu seinem Tod verfeinerte er seine alternative Weltchronik, die als Cthulhu-Mythos legendär wurde.

Die Schrecken werden konkreter

In “Die Musik des Erich Zann” treten diese Geschöpfe in der Gegenwart (des 20. Jahrhunderts) auf. Erst dieser Schritt lässt sie quasi real werden, denn sie wüten nun in einer Welt, die dem Leser vertraut ist. Meisterhaft setzt Lovecraft immer wieder in Szene, wie neugierige Forscher auf die rudimentären Spuren dieser Kreaturen stoßen und mehr in Erfahrung bringen, als sie verkraften können. Kommen sie mit dem Leben davon, verlieren sie im Augenblick der Wahrheit – der Begegnung mit dem “schleichenden Chaos” – Bewusstsein und Gedächtnis; oft finden sie einen grässlichen Tod, doch auf jeden Fall bleibt das Rätsel gewahrt. “Jäger der Finsternis” ist eine Story des “reifen” Lovecraft, der hier mit sämtlichen Elemente seiner Kosmologie arbeitet.

In “Träume im Hexenhaus”, einer der besten und berühmtesten Lovecraft-Storys, scheint der Verfasser zunächst klassische Gestalten des Horrorgenres zu beleben: die böse Hexe, ihren Helfer-Dämonen, den Teufel. Doch Lovecraft geht gleich mehrere Schritte weiter. In den 1930er Jahren hat er den reinen Horror längst zu seiner ganz persönlichen Version der Science Fiction entwickelt. Der naturwissenschaftlich und astronomisch außerordentlich interessierte Schriftsteller verfolgte die zeitgenössischen Forschungen aufmerksam. Die Relativitätstheorie Einsteins – die er in “Der Schatten aus der Zeit” explizit anspricht – schien sein Bild einer Mehrdimensionalität der Welt zu stützen, in deren Falten Lovekraft das Unsagbare nistet ließ. Die Hexe Kezia Mason entfloh ihrer Zelle nicht per Zauberspruch, sondern aufgrund physikalischer Kenntnisse: Sie schuf sich ein Portal, das Lovecraft so eindeutig beschreibt, dass es der heutige Leser sofort als Wurmloch erkennt. Wer hätte das in einer simplen Gruselstory erwartet?

Erzählerische Vollendung und unerwartete Seitentriebe

Lovecraft ist jedoch selten simpel. Auch in “Der Schatten aus der Zeit” zeigt er sich auf der Höhe seines Könnens. Seinen Götter-Kosmos hat er fest im Griff, so dass er daran gehen kann, diverse Fassetten zu beleuchten. In einem seiner seltenen Kurzromane entfaltet er kein Panorama der unbekannten Erdgeschichte, sondern beschränkt sich wie üblich auf Andeutungen: Anders als viele seiner Epigonen beging Lovecraft nie den Fehler, allzu viel zu erklären, zu verraten und dadurch zu entzaubern. Freilich lüftet er den Schleier zumindest hier ein wenig höher als sonst und schwelgt in der Schilderung einer Zivilisation, die unsere Erde vor 150 Millionen Jahren bewohnte. Hier droht Lovecraft profan zu werden, denn seine Tentakelschnecken wirken trotz einer wahren Flut von Adjektiven, die ihre Fremdheit herausstellen sollen, eigentlich nicht sehr fürchterlich. Erst im zweiten Teil seiner Novelle findet Lovecraft zur alten Größe zurück, als er seinen Protagonisten nicht nur die Stadt der Urzeitwesen finden lässt, sondern ihn auch mit einem Schrecken konfrontiert, der stets schattenhaft bleibt und daher wirklich schauerlich wirkt.

Dann ist da noch “In der Gruft”, eine Geschichte, die aus dem Rahmen dessen fällt, was man von Lovecraft erwarten zu können glaubt. Hier präsentiert er einen ganz einfachen, wunderbar klar konstruierten Plot, der handfestes Grauen mit einem unerhörten Gespür für knochentrockenen, rabenschwarzen Witz verbindet. George Birch ist eine bemerkenswerte Figur, die noch heute Maßstäbe setzt in jenem Bereich der Komik, der Leichenbestatter, Pathologen oder Unfallärzte in den Mittelpunkt stellt. “In der Gruft” lässt ein wunderbares Timing erkennen. Lovecraft holt alles aus dem absurden Geschehen heraus. Es ist schade, dass er sich diesen Sinn für Humor später nicht mehr gestattet hat.

Interessantes oder überflüssiges Beiwerk?

Neben den zwölf Geschichten findet der Leser dieses Buches noch zwei biografische Skizzen zu H. P. Lovecraft. 1937 war dieser von der Literaturszene unbeachtet gestorben. Nach dem II. Weltkrieg wurde Lovecraft wiederentdeckt. Damit verbunden war die Neugier auf Fakten aus seinem Leben. Lovecraft hatte sehr zurückgezogen gelebt. Gesellschaftlichen Kontakt hielt er schriftlich; er gehört zu den fleißigsten Briefschreibern aller Zeiten. Wenige Menschen kannten ihn persönlich. Sie wurden zu begehrten Zeitzeugen, als es später darum ging Lovecrafts Leben zu rekonstruieren.

Allerdings stellt man sich die Frage, ob die hier abgedruckten Texte von Dorothy C. Walter und R. H. Barlow eine gute Wahl waren. Beide haben objektiv wenig zu sagen, liefern nur Mosaiksteine, die der Leser ohne biografisches Wissen in Sachen Lovecraft ratlos in den Händen dreht. Der Sonderling-Aspekt wird bis zur Karikatur betont, doch Lovecraft war kein Freak.

Lovecrafts literarisches Werk wurde in Deutschland schon seit den späten 1960er Jahren und recht vollständig im Suhrkamp-Verlag herausgebracht. Die eingedeutschten Texte mögen vor allem den jüngeren Lesern geschraubt und altertümlich erscheinen, was mit ein Grund für Herausgeber Frank Festa war, Lovecrafts Erzählungen und Novellen neu übersetzen zu lassen. Sie lesen sich nun flüssiger, ohne an Wirkung verloren zu haben. Ob die Neuübersetzung notwendig war, ist eine Frage, die sich jede/r Leser/in selbst beantworten muss und kann, denn die Suhrkamp-Ausgaben sind glücklicherweise weiterhin erhältlich. Unabhängig davon gehören “Das schleichende Chaos” und die übrigen Bände der Festa-Edition in den Bücherschrank jedes Phantastik-Fans!

Autor

Howard Phillips Lovecraft wurde am 20. August 1890 in Providence, Rhode Island, geboren. Mütterlicherseits konnte er seine Familiengeschichte bis ins frühe 17. Jh. zurückverfolgen. Darauf war er überaus stolz, wozu die Gegenwart wenig Anlass bot. Lovecrafts Vater, ein Handelsvertreter, starb bereits 1898 im Wahnsinn. Die ebenfalls labile Mutter und zwei Tanten zogen Howard auf, der sich bereits als Wunderkind erwiesen hatte. Er konnte mit drei Jahren lesen und begann mit sechs zu schreiben. Die arabische Vorgeschichte, dann das griechische Altertum begeisterten ihn. Am Alltagsleben nahm Howard kaum teil, litt unter (psychosomatischen) Beschwerden, besuchte nur sporadisch die Schule. Stattdessen vergrub er sich daheim und widmete sich seinen privaten Studien, die er mit enormem Enthusiasmus betrieb. Er gab mehrere Journale heraus, die von seiner Begeisterung für Naturwissenschaft und Astronomie kündeten, und unterhielt einen enormen Briefwechsel.

Nach ersten Versuchen Anfang des Jahrhunderts begann Lovecraft 1917 phantastische Kurzgeschichten zu schreiben. Bisher hatte er Poesie und Essays den Vorzug gegeben. 1924 heiratete Lovecraft und zog mit seiner Gattin nach New York. Dort kam er in Kontakt mit den zu diesem Zeitpunkt aufstrebenden “Pulp”-Magazinen, die zwar schlecht zahlten, aber stets neues Material suchten. In New York konnte sich Lovecraft nicht einleben, die Ehe scheiterte. Schon 1926 kehrte er nach Providence zurück. In den zehn Lebensjahren, die ihm noch blieben, führte er das bescheidene Leben eines Ghostwriters und Unterhaltungsschriftstellers. Als solcher machte er beachtliche Fortschritte und schuf die Cthulhu-Saga. “The Call of Cthulhu” (1926), “At the Mountains of Madness” (1931, dt. “Berge des Grauens”) oder “The Shadow out of Time” (1934/35, dt. “Der Schatten aus der Zeit”) stellen Höhepunkte der Phantastik dar.

Freilich blieb dies lange unbemerkt. Lovecraft verfügte nie über die Energie oder das Selbstbewusstsein, aktiv an seiner Karriere zu arbeiten. Seine Werke erschienen unter Wert in billigen Magazinen, wo sie die Leser oft genug irritierten, wenn sie nicht sowieso von den Herausgebern abgelehnt wurden. Zu seinen Lebzeiten erschien überhaupt nur ein Buch – “The Shadow over Innsmouth” – in einem obskuren Kleinverlag. Am 15. März 1937 erlag H. P. Lovecraft einem Krebsleiden.

Dass er nicht in Vergessenheit geriet, verdankt er den Bemühungen zweier junger Verehrer. August Derleth und Donald Wandrei gründeten 1939 den Verlag “Arkham House”, um Lovecrafts Werk zu veröffentlichen. Nach schwierigen Anfängen traten Cthulhu & Co. einen bemerkenswerten Siegeszug an. In der phantastischen Literatur nimmt H. P. Lovecraft längst den ihm gebührenden Platz ein – zeitlich hinter, aber nicht unter Edgar Allan Poe: ein kauziger, allzu sehr in Adjektive verliebter aber origineller Mann mit großen Visionen, der den Horror mit der Science Fiction mischte, ohne dem naiven Traum von einer technisierten Zukunft hinterher zu laufen. Stattdessen schuf Lovecraft etwas Eigenständiges: ein alternatives Universum mit eigenen Naturgesetzen, so konsistent in seiner Darstellung, dass es uns, die wir um seine fiktive Gestalt wissen, eben doch möglich erscheint.

Über H. P. Lovecraft und sein Werk äußern sich unzählige Websites. Eine der schönsten ihrer Art ist diese.

[md]

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