Der brennende Engel

John Connolly
Der brennende Engel

(Charlie-Parker-Serie, Bd. 5)

Originaltitel: The Black Angel (London : Hodder & Stoughton 2005/New York : Atria Books/Simon & Schuster 2005)
Deutsche Erstveröffentlichung (geb.): März 2008 (List im Ullstein Verlag)
Übersetzung: Georg Schmidt
508 S.
ISBN-13: 978-3-471-30006-0
Neuausgabe: April 2009 (Ullstein Verlag/TB Nr. 28048)
508 S.
ISBN-13: 978-3-548-28048-6

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Das geschieht:

Seit ihn der irre „Prediger“ Aaron Faulkner zeichnete (s. „Die weiße Straße“), sind für Charlie „Bird“ Parker die Barrieren zwischen Realität und Jenseits zerbrochen. Er ‚sieht‘ die Welt jenseits der bekannten Gegenwart – und ihre schrecklichen Bewohner sehen ihn. Der Kampf gegen das Böse ist für Parker zur privaten Bewährungsprobe geworden, seit er Frau und Kind hat. Rachel, seine Gattin, weiß um seine Gabe, und sie hasst sie, weil die kleine Familie in ständiger Gefahr schwebt, von dem vernichtet zu werden, was Parker immer wieder heraufbeschwört.

Dieses Mal ist dies der abscheuliche Mr. Brightwell, einer der rebellischen Engel um Luzifer, die von Gott einst aus dem Himmel vertrieben und auf die Erde gestürzt wurden. Brightwell tritt in menschlicher Gestalt auf, um diesen Plan voranzutreiben. Ein uraltes Dokument wäre ihm und seinem teuflischen Auftraggeber von großem Nutzen. Leider wurde es vor Jahrhunderten zerteilt und über die ganze Welt verteilt. Aktuell jagt Brightwell die Prostituierten Alice und Sereta, die zufällig ein Fragment fanden, und hinterlässt dabei eine breite Blutspur.

Wie der Zufall manchmal spielt, ist Alice die verlorene Tochter von Martha Temple, die aktuell nach ihr fahnden lässt. Louis, ihr Neffe, ist nicht nur ein psychopathischer Killer mit ausgeprägtem Familiensinn sondern auch ein enger Freund von Charlie Parker, der ihm helfen wird, nach der Vermissten zu fahnden. Parker ahnt, dass Brightwell kein Mensch ist, doch auch dieser ist völlig überrascht, als er seinen Gegner trifft: Er kennt und hasst ihn aus der Zeit, als die Engel sich gegen Gott erhoben; ein Vorleben, das Parker völlig unbekannt ist. Brightwell will Parker vernichten, aber er verliert darüber nicht das eigentliche Ziel aus den Augen: die Erweckung des „Schwarzen Engels“ Immael, der seit Jahrhunderten in Gefangenschaft schmachtet und auf den Tag der Rache wartet …

Himmel & Hölle und ihr Kampf auf Erden

Die Hölle öffnet endgültig ihre Pforten, um Charlie Parker willkommen zu heißen: Mit dem fünften Teil der Serie verabschiedet sich die Handlung vom halbwegs ‚realistisch‘ geerdeten Thriller, dessen stilistische Mittel der Verfasser Connolly zwar beibehält, um sie jedoch für eine lupenreine Mystery-Story einzusetzen. Das Ergebnis ist ein weiteres Highlight der an Überraschungen ohnehin nicht armen Parker-Serie. Angesichts der Thematik ist das trotz des Talents, das der Autor einmal mehr unter Beweis stellt, keine Selbstverständlichkeit. Abgegrast ist die einst fruchtbare Weide, die Dan Brown mit „The Da Vinci Code“ (2003; dt. „Sakrileg“) zertrampelte, nachdem ihm, der selbst kein besonders raffinierter Schriftsteller vor dem Herrn ist, viel zu viele hungrige Schreib-Schafe hinterher stürmten, die nur marginal variiert widerkäuten, was ihnen der Meister als Erfolgsrezept vorgegeben hatte: Der Vatikan ist eine geheime Weltmacht, die einerseits spinnerte Häretiker-Sekten in Schach hält, während sie andererseits um der eigenen Vorherrschaft willen eigene Geheimbünde ausschickt oder den Christen dieser Welt wahre, aber der Kirche unwillkommene Botschaften der Bibel vorenthält.

Auch John Connolly hält sich in gewisser Weise an diese Vorgabe. Die „Gläubigen“ bilden eine streng geheime Gruppe, die in einem gewaltigen aber den Normalmenschen unbekannten Krieg zwischen Gut & Böse aus dem Verborgenen ihre Fäden zieht. Sie haben ihre Widersacher, zu denen in der Tat ein Rollkommando der Kirche gehört, das den „Gläubigen“ seit auf die Finger sieht und klopft.

Connolly wagt sich auf noch dünneres Eis: Er setzt eine Weltgeschichte voraus, die zumindest Fundamentalchristen und Verschwörungstheoretiker entzücken müsste: Die Bibel hat doch recht bzw. jene Teile der Bibel – die „Apokryphen“ –, die von der bösen Kirche (s. o.) unterdrückt wurden. In diesem Fall geht es um das Buch Enoch, in dem u. a. ausführlich über den Krieg der Engel gegen Gott, ihre Niederlage und ihren Sturz auf die Erde berichtet wird.

Was wurde aus Luzifers Höllenengeln?

An dieser Stelle ist es müßig, eine Diskussion über die Apokryphen zu führen; kluge Köpfe werden seit vielen Jahren über ihre Herkunft und ihre Bedeutung zerbrochen. Connelly greift Enochs Schilderung auf und arbeitet sie als ‚authentische‘ Vergangenheit in seine Geschichte ein. Dabei vereinfacht er die Vorlage, die ein Gleichnis mit vielen im Text verschlüsselten Bedeutungen ist. Connellys gestürzte Engel haben zum einen die Hölle eingerichtet und sich zum anderen unter die Menschen gemischt, die sie als von Gott ihnen vorgezogene Geschöpfe hassen und deshalb so ausgiebig piesacken wie möglich. Außerdem arbeiten sie an einer Art Masterplan, mit dem sie den Krieg gegen Gott wieder aufleben lassen und gewinnen wollen.

Liest man diese in dürre Worte skizzierte Hintergrundsituation, klingt sie ausgesprochen lächerlich. Für die Geschichte, der Connolly den Titel „Der brennende Engel“ gab, funktioniert sie freilich prächtig – als gut umgesetzte Phantastik nämlich, die keinerlei Anspruch auf Glaubhaftigkeit erhebt und mit den Fakten spielt, um sie der Handlung anzupassen.

Die schmale Kluft zwischen Schrecken & Possenspiel

Denn obwohl Connolly vor allem mit historischen ‚Fakten‘ nicht spart, sollte man ihn lieber nicht wörtlich nehmen. Besonders seine Sicht der nazideutschen Vergangenheit ist ausgesprochen angloamerikanisch und basiert auf oberflächlicher Recherche sowie Kino- und TV-Filmen. Die von ihm eingestreuten Informationen über Institution und Wesen der SS sind nicht nur auf den Effekt getrimmt, sondern zum Teil lachhaft oder schlicht falsch, und zu allem Überfluss konservieren sie das Bild vom dämonisch genialen Nazi, der doch tatsächlich ein brutal banaler Fließbandarbeiter des Todes war.

Auch die Fabulierkunst eines guten Geschichtenerzählers kann eben nicht mit der Realität Schritt halten. Auf sicherem Boden bewegt sich Connolly dort, wo er seine bösen Engel ausschwärmen lässt; über die gibt es keine gesicherten Fakten, die den Verfasser ad absurdum führen könnten. Deshalb irritiert die Frage, wieso denn so mächtige Geschöpfe sich die Erde nicht längst unterwofen haben, nur kurz: Es geht nicht, weil sie menschliche Gestalt annehmen und sich den Naturgesetzen unterwerfen müssen.

Geisterbahn-Grusel kommt ins Spiel, wenn Connolly erneut das in seinen Parker-Romanen bewährte Prinzip aufgreift, Bösewichter erstens körperlich missgestaltet und zweitens als Duo auftreten zu lassen. Hier sind es der abnorm feiste Brightwell und die sadistische Hope Zahn, die sich herrlich schurkisch aufführen. Man kann über sie lachen oder sie ernst nehmen, aber ihre völlig überzogenen Teufeleien verfolgt der Leser gern, weil Connolly bei aller Übertreibung an der Klippe über dem bodenlosen Meer der Lächerlichkeit stets das Gleichgewicht wahrt. Vor allem Brightwell ist ein Monstrum mit Persönlichkeit. Nicht ohne Grund ist er interessanter als der eigentliche Schuft, die übliche Graue Eminenz im Hintergrund, die erst im Finale die Bühne betritt.

Allerdings ist die Eindringlichkeit, mit der Connolly das Böse in den frühen Parker-Romanen in Gestalt des „Fahrenden Mannes“ als unbekannte aber manifeste Kraft darzustellen wusste, kaum mehr spürbar. Das Grauen kommt nun drastisch daher: Menschen werden gefoltert und ermordet, ihre Knochen als Rohstoff für absonderliche ‚Kunstwerke‘ missbraucht; das Blut spritzt und die Schreie gellen. Nur selten findet Connolly zur alten, leisen, wahrlich erschreckenden Form zurück, wenn er z. B. einen ‚Sammler‘ schildert, der Menschenschädel aus China bezieht: Es sind die Köpfe hingerichteter Regimegegner, die ausgeweidet und stückweise verhökert werden. Das ist echte Bosheit, die schaudern lässt!

Der „Gute“ unter den Gefallenen

Fraglich bleibt Connollys Entscheidung, Parker selbst eine prominente Stellung in seinem sich allmählich entfaltenden Kosmos zuzuweisen. Gestartet ist er als Polizist, dem ein unheimlicher Serienmörder die Familie nahm. Später wurde er Detektiv mit der Fähigkeit, buchstäblich Gespenster zu sehen. Jetzt ist er die Inkarnation eines rebellischen Engels, der zwar mit Luzifers Brut auf die Erde geschleudert wurde, aber Gottes Vergebung sucht: ein Rebell gegen die Rebellen. Das ist starker Tobak, denn wie soll ein Mensch mit solchem Wissen noch Mensch bleiben? Was bedeutet es für die Romanfigur Parker? Wie weit kann Connolly noch gehen, ohne sein Konzept von Himmel, Hölle & Erde in ein Passionsspiel auf Kasperle-Theater-Niveau zu verwandeln?

Zumal der inkarnierte Engel nach dem Willen Connollys nicht nur mit Dämonen, sondern auch mit sehr weltlichen Problemen kämpfen muss: Gattin Rachel klammert; sie will einen Mann, der einer friedlichen Tätigkeit nachgeht und abends pünktlich daheim bei Frau und Kind ist. Das klappt natürlich nicht, wenn man die Welt vor dem Erzbösen retten muss. Leider weigert sich Rachel das zu verstehen; sie besteht auf ihre kleine, heile Welt, setzt sich mit Töchterlein Sam zur Mutter ab und sorgt für viele Seiten literarischen Herzeleids, wenn sie Parkers Anrufe ungnädig zur Kenntnis nimmt. Connolly möchte mit dieser Seifenoper die Tragik betonen, zu der Parker per Schicksal verdammt wurde. Quäkende Babys und saure Mütter sind freilich ein wenig zu viel der Klischees. Ein in Silber getauchter Engel wirkt im Vergleich dazu wesentlich unterhaltsamer!

„Memento mori“ – Gedenke des Todes

Zu den Realitäten, auf die sich Connolly in „Der brennende Engel“ immer wieder stützt, gehört die Existenz der Allerheiligenkirche zu Sedlec (früher Sedletz), gelegen ca. 70 km östlich von Prag. Hier und im Beinhaus ruhen die Gebeine von 40.000 Menschen. Die eigentliche Faszination dieses Ortes beruht auf der Ausgestaltung der Kirche, die Connolly, der Sedlec besucht hat, sehr akkurat beschreibt: Hier wurden ab 1870 in jahrelanger Arbeit die Knochen von 10.000 Leichen zu aberwitzigen Ornamenten und Skulpturen zusammengefügt, die den Besucher an seine Sterblichkeit erinnern sollen.

Wer sich ein Bild von der „Knochenkirche“ und ihrer Einrichtung verschaffen möchte, sei auf folgende Website verwiesen. Man wird bei dieser digitalen Rundreise immer wieder auf Motive stoßen, die Connolly für sein Buch aufgegriffen hat.

Autor

John Connolly ist – verblüffend genug – ein waschechter Ire, der nicht nur in Dublin geboren wurde (1968), sondern dort auch aufwuchs, studierte und (nach einer langen Kette von Aushilfsjobs, zu denen standesgemäß einer als Barmann gehörte) als Journalist (für „The Irish Times“) arbeitete; letzteres macht er weiterhin, obwohl sich der Erfolg als freier Schriftsteller inzwischen eingestellt hat. Die amerikanischen Schauplätze seiner Charlie-„Bird“-Parker-Thriller kennt Connolly indes durchaus aus eigener Erfahrung; schon seit Jahren verbringt er jeweils etwa die Hälfte eines Jahres in Irland und den Vereinigten Staaten.

Verwiesen sei auf die in Form und Inhalt wirklich gute Connolly-Website, die nicht nur über Leben und Werk informiert, sondern quasi als Bonus mehrere Gruselgeschichten und Artikel präsentiert.

Copyright © 2012/2017 by Michael Drewniok (md)

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