Der Buick

Stephen King
Der Buick

Originaltitel: From a Buick Eight (New York : Scribner 2002)
Übersetzung: Jochen Schwarzer
Deutsche Erstausgabe (geb.): März 2002 (Ullstein Verlag)
495 S.
ISBN-10: 3-550-08353-X
Neuausgabe: August 2003 (Ullstein Verlag/TB Nr. 25702)
511 S.
ISBN-10: 3-548-25702-X
Neuausgabe: Juli 2013 (Heyne Verlag/Heyne TB Nr. 43743)
511 S.
ISBN-13: 978-3-453-43743-2
eBook: Juli 2013 (Heyne Verlag)
788 KB
ISBN-13: 978-3-641-10527-3

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Das geschieht:

Über Statler, einer kleinen Stadt im Westen des US-Staates Pennsylvania, wachen die Männer und Frauen der State Police. Die kleine Polizeikaserne ist für Troop D nicht nur Dienstort, sondern eine zweite Heimat. Man hält zusammen und regelt die Dinge notfalls unter sich und ohne Einmischung von offizieller Seite.

Im Schuppen B hinter der Kaserne steht deshalb seit vielen Jahren sorgfältig versteckt ein fabelhaft erhaltener Oldtimer der Marke Buick Roadmaster, eigentlich gebaut im Jahre 1958. Dieser „Buick Eight“ ist allerdings kein Auto, sondern eine Attrappe in Pkw-Gestalt – das rätselhafte Artefakt einer Intelligenz, die ganz sicher nicht von dieser Welt stammt. Obwohl der Buick über keinen Antrieb verfügt, öffnet er das Tor in eine andere, überaus gefährliche Dimension. Durch dieses Portal verschwand der ahnungslose Trooper Ennis Rafferty 1979 auf Nimmerwiedersehen. Seine entsetzten Kollegen vertuschten die Tragödie und wurden zu Hütern des Buick.

Seit beinahe dreißig Jahren versuchen die Männer, das Rätsel des Vehikels zu lüften. Doch es bleibt ein Mysterium; ein hochgradig gefährliches dazu, denn als Transporter funktioniert der Buick in beide Richtungen. Mehrfach sind ‚Besucher‘ aus der „Twilight Zone“ in Schuppen B aufgetaucht – unendlich fremde, grässlich anzusehende Kreaturen, die in der für sie giftigen Erdluft rasch zugrunde gingen, aber manchmal lange genug lebten, um Angst, Schrecken und Tod zu verbreiten.

Der junge Ned Wilcox will Gewissheit erzwingen, wo der gesamte Troop D scheiterte. Ganz bewusst öffnet er weit die Schleuse zu jener anderen Welt. Darauf hat der Buick nur gewartet, zum ersten Mal spielt er sein Kraftpotenzial voll aus. Die Folgen sind buchstäblich unglaublich …

Poliertes Ding aus einer anderen Welt

Schon mit „Duddits – Dreamcatcher“ hatte es sich 2001 angekündigt: Nach seinem schweren Unfall 1999, vor allem aber nach Meisterung seiner langen Alkohol- und Drogenabhängigkeit fand der Schriftsteller Stephen King zu einer Form zurück, die man ihm nach mehreren eher enttäuschenden Werken nicht mehr zugetraut hatte. Dieses Hoch blieb zwar fragil; im 21. Jahrhundert gehört King nicht mehr zu den Garanten wirkungskräftigen Grusels. Für eine angenehme, d. h. spannend zu lesende Überraschung ist er freilich weiterhin gut.

Nach Ansicht strenger Kritiker und vieler Leser gehört „Der Buick“ von 2002 nicht auf die Liste der lobenswerten King-Werke. Das ist erstaunlich, betritt der fleißige Verfasser mit diesem Roman zumindest nach Ansicht dieses Rezensenten durchaus erfolgreich Neuland. Schon die Ausgangssituation ist ungewöhnlich: Es gibt keine stringente Handlung, und das Zentrum des Schreckens stellt ein altes Auto dar, das sich nie aus eigener Kraft nur einen Millimeter bewegt. Aus dieser Konstellation Spannung und Schrecken zu schlagen, ist definitiv ein Beleg für schriftstellerisches Talent!

Dazu kommt die wohltuende Kürze des Werkes. 500 Seiten sind nicht gerade wenig, doch im Vergleich zu den immer umfangreicher werdenden King-Geschichten vor allem der Jahre vor 2000 fällt das angemessene Verhältnis zwischen Story-Potenzial und Umfang angenehm auf. Es wird deutlich, was Stephen King so beliebt und berühmt gemacht hat: Hier ist ein Autor, der das Unheimliche nicht nur in einzelnen Szenen heraufzubeschwören, sondern es in eine Gesamtgeschichte zu integrieren weiß, die kundig die Spannung aufbaut, meisterhaft hält und stetig intensiviert, um in einem furiosen Finale die Fetzen fliegen zu lassen.

Blechspinne in ihrem Netz

Dabei scheint „Der Buick“ ein Roman ohne Handlung zu sein: Da sitzen einige Männer (und eine Frau) und erzählen Geschichten, die sich längst ereignet haben. Der Buick, der doch die Rolle des Monsters innehat, bleibt derweil in seinem Schuppen und fährt keinen Millimeter. Das ist von King ebenso boshaft wie klug ausgedacht. Er nimmt dadurch u. a. jenen Kritikern den Wind aus den Segeln, die sich darüber mokieren, dass King nach „Christine“ erneut ein Geisterauto ins Zentrum einer Geschichte stellt: Christine legte im Gegensatz zum Buick eine bemerkenswerte Mobilität an den Tag (und die Nacht).

King selbst richtete an Adresse besagter Kritiker die (rhetorische) Frage, welcher wirklich neue Plot denn einem Schriftsteller noch einfallen könne, der fünfzig Romane verfasst habe? (Seitdem sind bekanntlich nicht wenige Werke hinzugekommen.) In der Tat haben unzählige Buch- und TV-Autoren praktisch sämtliche Mystery-Motive ausgeschöpft. Selbst ein Profi wie King gerät deshalb zwangsläufig auf bereits beackerte Felder. Der Buick Roadmaster ist eindeutig das Transportmittel eines „Mannes in Schwarz“, die als tölpelhafte Kundschafter angeblich außerirdischer Besucher untrennbar zur UFO-Legende ab 1950 gehören.

Das Portal in eine andere, gar nicht angenehme Welt, deren Bewohner ungesunde Neugier am irdischen Diesseits entwickeln, ist ein Grusel-Topos, das vor allem durch H. P. Lovecraft (1890-1937) an Dynamik gewann. Er interpretierte „das Jenseits“ als Bereich eines Universums, das sich dem menschlichen Verständnis weitgehend entzieht, obwohl sich selbst dort, wo die Welt vertraut wirkt, unerwartete Nischen auftun können. Lovecraft mischte auf diese Weise überaus gekonnt den Horror mit der Science Fiction, und King – ohnehin ein Bewunderer Lovecrafts – bedient sich in „Der Buick“ seines Rezeptes.

Das Rätsel als Lösung

Er bringt es dabei auf Millenniums-Niveau, berücksichtigt dabei aber einen zeitlosen Kunstgriff, den Lovecraft perfekt beherrschte: Dem in die Welt gestellten Rätsel wird die Aufklärung verweigert. Lovecraft postulierte eine außerirdische Fremdheit, die der Mensch buchstäblich nicht begreifen kann. Nur Bruchstücke der anderen Welt werden sichtbar, während die meisten Autoren diese zu einem Gesamtbild zusammensetzen.

Auch in „Der Buick“ bleibt dieser Aha-Moment aus. Genau das will Ned Wilcox nicht akzeptieren. Während sein Vater irgendwann begriffen hatte, dass er das Buick-Mysterium nicht lösen konnte, ist Ned bereit, einen Schritt weiterzugehen. Er blendet aus, dass dies sein letzter sein würde. Hier entfaltet sich eine zweite Erzählebene: King erzählt in „Der Buick“ von der Kraft menschlicher Solidarität. Dies ist sein Markenzeichen, denn nie hat sich der Autor darauf beschränkt, eindimensional bösartige Monster auf Pappkameraden zu hetzen. Emotionen prägen das menschliche Zusammenleben. Was allgemein bekannt und alltäglich ist, lässt sich erstaunlicherweise nur schwer in Worte fassen, die nicht nach Phrasen oder gar lächerlich klingen. King verfügt über die seltene Gabe, das ebenso Alltägliche wie Lebenswichtige so auszudrücken, dass es sich selbstverständlich mitteilt.

Nicht der Buick steht für die Trooper im Mittelpunkt: Dies ist es, was sie Ned eigentlich klarmachen wollen. Freundschaft, Liebe, Familie, Zusammenhalt: DAS sind die Werte, die einen Menschen leiten sollen. Der Buick symbolisiert die Sackgassen, in die er stattdessen geraten kann. Er steht für falsche Entscheidungen, Lügen, Gewalt, Sucht oder Verbrechen: Verlockungen, die sich irgendwann gegen jene wenden, die sich von ihnen haben locken lassen. Deshalb ist die Geschichte des Buicks auch die Geschichte von Troop D, die diese Lektion im Laufe eines Vierteljahrhundert begriffen haben – oder eben nicht: Das daraus erwachsende Unglück wird keineswegs immer vom Buick verursacht. Man kann und darf ihn nur bedingt verantwortlich machen, denn er ist nur ein Ding aus einer anderen Welt. Hält man sich fern, gibt es keine bösen Folgen.

Ohne erhobenen Zeigefinger

Macht man King die scheinbare Statik seiner Geschicht nicht zum Vorwurf, bietet „Der Buick“ Spannung und Grusel für viele angenehme Lektüre-Stunden. Natürlich ist dies nur bedingt der fein gesponnene, ‚psychologische‘ Horror, den die Literaturkritik ebenso wehmütig wie scheinheilig einzufordern pflegt. Dieser ist freilich nicht Kings Metier, wie er selbst nie müde wird zu erwähnen. Trotzdem lässt sein gern zitiertes Bild vom „Hamburger mit einer großen Portion Fritten“ als Pendant zum typischen King-Roman viel Koketterie erkennen: Der Meister weiß sehr gut, was er kann. Auch „Der Buick“ ist nicht einfach ‚nur‘ aufregend. Das Drumherum stimmt: Wieder hat King mit den Männern und Frauen von Troop D echte Menschen, keine Helden oder Schurken, sondern (US-amerikanische) Durchschnitts-Bürger geschaffen. Dies schließt die ‚Loser‘ – Säufer, Schläger, Dummköpfe – ausdrücklich ein: King geht seit jeher davon aus, dass die Gesellschaft sich ihre menschlichen Monster selbst erschafft.

Noch einmal zur „Buick“-Kritik: Es trifft zu, dass King zu viel des Guten tut, wenn er seinem Publikum die aus dem Kofferraum schlüpfenden Ungetüme in allen Details vor Augen führt. Lovecraft wurde derselbe Vorwurf gemacht. Seltsamerweise liest man seine Geschichten deshalb heute nicht wenig gern und oft. Es kommt auch hier darauf an, dass man es richtig macht. Der alte Mann aus Maine zieht noch manchen Trumpf aus dem Ärmel; die Episode mit dem im eigenen Saft kochenden Polizeihund Mr. Dillon ist in ihrer Mischung aus Tragödie, Grauen und rabenschwarzer Komik King at his best: Er bietet Volldampf im Kessel, wenn‘s sein muss. Deshalb zum Teufel mit den Nörglern!

Autor

Normalerweise lasse ich an dieser Stelle ein Autorenporträt folgen. Wenn ich ein Werk von Stephen King vorstelle, pflege ich dies zu unterlassen, wie man auch keine Eulen nach Athen trägt. Der überaus beliebte Schriftsteller ist im Internet umfassend vertreten. Nur zwei Websites – die eine aus den USA, die andere aus Deutschland – seien stellvertretend genannt:  Sie bieten aktuelle Informationen, viel Background und zahlreiche Links.

Copyright © 2013/2016 by Michael Drewniok (md)

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